pflegen-online: Frau Stapel, wie sehr hat die Zeitarbeit in den letzten Jahren zugenommen?
Pia Stapel: Von den 1,7 Millionen Menschen, die bundesweit in der Pflege arbeiten, sind etwa drei Prozent bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Das klingt jetzt zwar erst einmal wenig, ist aber in den Auswirkungen erheblich. Von den Personaldienstleistern selbst gab es die Aussage, dass Ende 2021 rund 31.000 Pflegekräfte bei ihnen beschäftigt waren. Und die Tendenz ist steigend.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Leiharbeit ist ja grundsätzlich ein Instrument, um Belastungsspitzen abzufangen, etwa bei einem hohen Krankenstand des Stammpersonals. In dieser Form hat sie eine gewisse Berechtigung. Aber die Entwicklung geht zurzeit dahin, dass die Zeitarbeitsfirmen den Fachkräften so attraktive Rahmenbedingungen bieten, dass diese das Angebot kaum mehr ausschlagen können. Dinge wie Wunschdienstzeiten, Dienstwagen, übertarifliche Gehälter und Prämien können die Einrichtungen ihren Angestellten nicht offerieren. Aber: Deshalb kosten die Leiharbeiter die Einrichtungen auch so viel, teilweise doppelt so viel wie ein regulärer Angestellter. Und es wird nicht refinanziert von den Kranken- und Pflegekassen.
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Warum machen die Einrichtungen das mit?
Weil die Alternative in vielen Fällen nur der Abbau der Pflegeplätze wäre. Denn der Personalmangel ist so groß, dass in vielen Einrichtungen die Versorgung der Patienten nur durch Unterstützung von Leiharbeitern aufrechterhalten werden kann. Aber wirtschaftlich ist das nicht mehr lange machbar.
Was halten Sie vom Vorschlag, der seit einigen Jahren kursiert, die Zeitarbeit zu verbieten?
Wir vertreten eher den Standpunkt, dass es eine Reglementierung geben sollte. Denn an gewissen Stellen kann die Leiharbeit ja im Notfall durchaus sinnvoll sein. Zudem wäre ein komplettes Verbot wahrscheinlich schwer durchzusetzen.
Welche Reglementierung schwebt Ihnen vor?
Zunächst mal ist eine Deckelung der Bezahlung wichtig, beispielsweise das Eineinhalbfache des regulären Gehaltes. In den Fällen, wo der Einsatz einer Leiharbeitskraft sinnvoll ist, sollten die Kranken- und Pflegekassen aber dann die Kosten an die Einrichtungen und Träger erstatten. Auch die Vermittlungsprämien sollte man nochmal prüfen.
Ihr Vorschlag ist, dass die Zeitarbeitsfirmen sich an den Ausbildungskosten beteiligen.
Laut einigen Pflegeschulen entscheiden sich teilweise ganze Klassen dafür, nach dem Abschluss gar nicht mehr regulär in den Beruf einzusteigen, sondern gleich zur Leiharbeit zu gehen. Das heißt, die Träger und Einrichtungen bilden drei Jahre lang die Pflegekräfte aus, was ja auch viel Geld und Engagement erfordert. Und dann sind sie nach der Ausbildung einfach weg. Die Zeitarbeitsfirmen bekommen so fertig ausgebildete Pflegekräfte, die sie sofort weitervermitteln können. Und investieren kaum selbst in Ausbildung oder auch Weiterqualifikation.
Wie könnte die Kostenbeteiligung aussehen?
Zum Beispiel in Form einer Abgabe, die die Leiharbeitsfirmen leisten müssen. Diese könnte über gewisse Verteilungsschlüssel den Pflegeschulen zugutekommen.
Denken Sie, die Zeitarbeitsfirmen würden sich darauf einlassen?
Freiwillig bestimmt nicht, das müsste dann durch eine gesetzliche Regelung erfolgen. Momentan sind ja viele Stellen an der Diskussion beteiligt, sowohl vonseiten der Politik auf Bundesebene als auch wir in der Freien Wohlfahrt. Einen konkreten Entwurf gibt es allerdings noch nicht. Da muss man erst einmal die rechtliche Seite klären.
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Wie erleben Sie persönlich die Zusammenarbeit mit den Leiharbeitsfirmen?
Manchmal befremdet mich schon das Gebaren, zum Beispiel wenn sie bei einer Einrichtung auf dem Parkplatz stehen und die Mitarbeiter abfangen. Auch das Versprechen von Prämien für die Fachkraft und den Abwerber sehe ich kritisch. Es ist einfach insgesamt kein faires Miteinander.
Über Pia Stapel
Die 41-Jährige Kulturwissenschaftlerin ist die erste weibliche Vorsitzende der Caritas im Bistum Münster. Sie war bereits Vorstandsassistentin im Diözesancaritasverband Hildesheim. Dort hat sie auch seit 2011 die Stiftung Katholische Behindertenhilfe mit sechs Einrichtungen aufgebaut und geleitet.
Interview: Melanie Thalheim