Kommentar

Zeitarbeiter - resigniert und gehetzt

Auf den ersten Blick hat Zeitarbeit viele Vorteile. Auf den zweiten Blick tun sich Abgründe auf, meint die Krankenschwester und Pflegepädagogin Silke Doppelfeld.

Inhaltsverzeichnis

Pflegefachkräfte diskutieren zurzeit viel über die Vorteile von Zeitarbeit. Das Gehalt liege deutlich über dem Tariflohn, Mitbestimmung beim Dienstplan sei eher möglich als in einer Festanstellung und vor allem das ewige „Einspringen müssen“ kein Thema mehr.

Doch wie ist der Bedarf an Zeitarbeit in der Pflege entstanden? Der Dreh und Angelpunkt ist tatsächlich das Einspringen – nur aus der Perspektive der Personalverantwortlichen in Krankenhäuser und Pflegeheimen! Fachkräftemangel und hohe Krankenstände reißen Lücken, die dringend geschlossen werden müssen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt gelingt dies den Institutionen nicht mehr aus eigener Kraft. Sei es, dass qualifizierte Fachkräfte etwa in der Anästhesie- und Intensivpflege dauerhaft fehlen oder schlicht und einfach vom Stammpersonal niemand mehr einspringen kann.

Geschmack von Söldnertum

Zeitarbeit heißt also „professionell einspringen“. Das Ganze ist arbeitsrechtlich korrekt geplant, es gibt attraktive Gehälter. Zeitlich begrenzt an einem Einsatzort zu arbeiten, birgt auch einen Reiz: Wenn die Bedingungen dort schlecht sind, muss dies nicht auf Dauer ertragen werden. Innere Distanz fällt damit leichter.

Die Gesundheitswirtschaft hat sich in den letzten Jahren zunehmend marktwirtschaftlich ausgestaltet. So erscheint es auf den ersten Blick logisch und legitim, seine Arbeitskraft so teuer wie möglich zu verkaufen und nach den angenehmsten Arbeitsbedingungen zu suchen. Doch wie zufrieden macht das Modell Zeitarbeit wirklich? Hat es nicht auch etwas von Söldnertum?

Zeitarbeiter landen oft in problematischen Häusern

Fachkräfte fehlen überall, aber manche Kliniken und Heime sind besonders betroffen. Es könnte sich um diejenigen mit hoher Personalfluktuation handeln – um Einrichtungen, die wegen des Arbeitsklimas, der Arbeitsverdichtung und des hohen Pegels an moralischem Stress nicht beliebt in der Region ist. Eine Personalbindung gelingt in der heutigen Zeit nur noch, wenn Mitarbeiter sich wohl fühlen. Wie die Zeitarbeiter diese Einsatzorte erleben, ist noch nicht erforscht, aber einige Dinge liegen auf der Hand.

Lonesome Cowboy

Zeitarbeiter springen oft dort ein, wo der Personalmangel am höchsten ist. Sie bleiben Außenseiter und gehören weder zum Team noch zum Gesamtbetrieb. Damit umgehen sie ein Stück weit Konflikte, andererseits entgehen ihnen Ressourcen, die sich zur Stressbewältigung nutzen lassen, etwa Bindungen zu Kollegen, Gefühle von Solidarität.

Zeitarbeit macht das Leben hektischer

Auch die direkte Arbeitsumgebung ist immer wieder fremd. Lagerorte, Abläufe, interne Regeln und Absprachen – auf alles dies müssen sich Zeitarbeiter immer wieder neu einstellen. Das ist anstrengend. Unter Umständen ist es bei bestimmten Einsätzen auch notwendig, auswärts zu übernachten. Darunter leiden leicht soziale und vor allem familiäre Kontakte, auch wenn die Freizeit zu Hause auf den ersten Blick geregelter erscheint. Zu Hause bleibt wenig Zeit für Muße, weil Erledigungen sich in der Zeit ballen, in der die Zeitarbeitnehmer an ihrem Wohnort verweilen. Das Leben folgt bei der Zeitarbeit einem zeitlichen und räumlichen Rhythmus, der der bisherigen beruflichen Sozialisation von Pflegenden nicht entspricht. Der ständige Ortswechsel wirkt sich auch auf die Berufsethik aus.

Flucht in die Bindungslosigkeit

Krankenschwestern, Pfleger, Altenpflegerinnen – sie alle klagen zunehmend über moralischen Stress. Zeitarbeit scheint manchen eine Coping-Strategie, um diesen zu umschiffen. Wenn der eigene Arbeitsplatz nicht mehr ertragen wird, bietet sich der ständige Arbeitsplatzwechsel als Lösung an. Zumal Manager von Zeitarbeitsfirmen Pflegekräfte zu guten Konditionen vermarkten; arbeitsrechtliche und tarifliche Zufriedenheit scheinen garantiert. Krankenhäuser und Abteilungen mit hohem moralischem Stresslevel sind die Orte mit hoher Personalfluktuation. Diese Institutionen sind somit auch potenzielle Kunden der Zeitarbeitsfirmen. Die Vermutung liegt nahe, dass Pflegende in Zeitarbeitsfirmen sicherlich häufiger dort tätig werden müssen, wo andere Pflegende auf Grund von schlechten Arbeitsbedingungen gekündigt haben.

Verantwortungsgefühl nimmt ab

Die Zeitarbeitnehmer hingegen sind durch vermeintlich übertarifliche Löhne und einen geregelten Dienstplan offenbar zufrieden gestellt und stellen darüber hinaus keine Ansprüche mehr an den Arbeitsplatz, weil es nicht mehr „ihr“ Arbeitsplatz ist. Der Level an moralischem Stress dürfte geringer sein, weil sie auch den unbeliebtesten Arbeitsplatz nach kurzer Zeit wieder verlassen können. Da es nicht mehr die eigene Station, das eigene Krankenhaus oder auch die eigenen Patienten sind, lassen sich die Missstände sicherlich leichter tolerieren und das persönliche Verantwortungsgefühl eher auf die lange Bank schieben. Der Betrieb muss laufen und das ohne Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Patienten oder Bewohner.

Ständig müssen sich die "Gastarbeitenden" neu einfinden

Doch Pflegekräfte wollen gut pflegen und nicht abfertigen. Sie möchten gestalten und nicht nur den Geschäftsprozessen einer Klinik dienen. Durch kurze Einsätze kann kaum Bezug zum Patienten oder Bewohner entstehen, zumal den „Gastarbeitenden“ die Zeit fehlt wahrzunehmen was, an ihren Einsatzorten tatsächlich passiert. Vermutlich haben die Zeitarbeiter so viel damit zu tun, sich immer wieder neu zu orientieren und einzufinden, dass schlechte Arbeitsbedingungen oder critical Incidents in den Hintergrund der Wahrnehmung treten. Ohne betriebliche Identität oder Zugehörigkeitsgefühl zu einem Team, lebt es sich offensichtlich leichter nach dem Motto „Augen zu und durch, das Geld stimmt und ich bin bald wieder weg hier“.

Zeitarbeiter kritisieren nicht

Zeitarbeiter dürften also angenehme Mitarbeiter sein, denn sie kritisieren nicht und schlucken manche Kröte. An wen sollten sie sich auch mit Kritik, Beschwerden, Überlastungsanzeigen wenden? An ihren eigenen Arbeitgeber, der schließlich auch nur Dienstleister ist für einen Kunden, nämlich die personell unterbesetzte Klinik, oder an die verantwortlichen Personen an ihrem Einsatzort? Eine spannende Frage und eigentlich nur ein neuer Ausdruck des Dilemmas. Wenn alles dem Markt überlassen bleibt, müssen wir uns nicht wundern. Zeitarbeit hält ein marodes System am Leben und irgendwie bleibt ein Beigeschmack von Söldnertum.

Was ist moralischer Stress?

Wegen der strukturellen Rahmenbedingungen bleibt Pflegekräften wenig Zeit für ihre Arbeit. Die Folge: Sie fühlen sich dauerhaft gehetzt und leiden unter Erschöpfung, das hohe Arbeitspensum macht ihnen zu schaffen. Doch daneben rückt noch ein Grund für die Erschöpfung zunehmend in den Mittelpunkt: der moralische Stress. Es handelt sich um einen emotionalen Belastungsindikator, der entsteht, wenn Pflegekräften kognitiv und emotional klar ist, was es bedeutet, das „Gute und Richtige“ zu tun, es jedoch aufgrund von realen oder vermeintlichen Hindernissen nicht umsetzen können.

Moralischer Stress ist im Kern gekennzeichnet durch ein rollenspezifisches Ohnmachtserleben der Pflegefachkraft, weil diese in einem marktwirtschaftlich orientierten Gesundheitssystem nicht so agieren kann, wie es den eigenen Werten oder den Werten der Berufsgruppe entspricht. Pflegekräfte erleben ihren Berufsalltag im Krankenhaus nicht mehr Patienten- sondern Ablauforientiert. Dies entspricht keineswegs ihrer ursprünglichen Motivation für ihre Berufswahl. Moralischer Stress ist ein psychischer Belastungsindikator der schließlich zum Ausbrennen führt. Zum Schutz der eigenen Gesundheit und der eigenen Integrität scheiden viele Pflegende aus dem Beruf aus, wechseln den Arbeitgeber oder zu einer Zeitarbeitsfirma.

Silke Doppelfeld

Die Krankenschwester und Pflegepädagogin arbeitet zurzeit in Teilzeit (60 Prozent) auf der interdisziplinären Intensivstation des Marienhaus Klinikums im Kreis Ahrweiler. Daneben hst Silke Doppelfeld (47, Foto) einen Lehrauftrag an der Philosophisch-Theologischen Hochschule (PTHV) in Vallendar in den Studiengängen Lehrer für Pflege- und Gesundheit sowie Pflegeexpertise/Bsc.. Außerdem begleitet sie die Expertengruppen der Pflegekammer Rheinland-Pfalz bei der Entwicklung der Curricula nach der neuen Weiterbildungsordnung. Silke Doppelfeld plant eine Promotion zum Thema „Herzensbildung in den Pflegeberufen“ an der PTHV in Vallendar.

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