Zeitarbeitsfirmen in der Pflege

Zeitarbeiter bitte sparsam dosieren!

Den meisten Heimbetreibern sind sie ein notwendiges Übel: Zeitarbeitsfirmen. Teuer sind sie und die Einsätze wollen gut vorbereitet sein. Die wichtigsten Tipps von Experten.

Inhaltsverzeichnis

Für die Personalplaner in deutschen Pflegeheimen sind Zeitarbeitnehmer oft die letzte Chance, Lücken im Dienstplan zu füllen. Doch die Problemlöser sind gleichzeitig Sorgenkinder. Bei jedem Einsatz müssen die Verantwortlichen auch ihre Stammbelegschaft im Blick haben, denn gerade die Pflege lebt von der Teamarbeit. Wo häufig Zeitarbeiter beschäftigt werden, wachse kein Team, warnen Kritiker. Hinzu komme, dass Zeitarbeitnehmer den jeweiligen Betrieb und seine besonderen Abläufe in der Regel nicht kennen, sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK): „Sie wissen nicht, wo das Material liegt, und sie kennen auch die Biografien und die sich daraus ergebenden Vorlieben der Bewohner nicht.“

„Zeitarbeiter verbreiten oft schlechte Stimmung“

Das senke nicht nur die Qualität der Pflege, sondern belaste auch das Team, ist Ugur Cetinkaya überzeugt: „In den meisten Fällen, in denen ich Zeitarbeitnehmer kennengelernt habe, waren die andauernd wechselnden Personen schwer zu integrieren und haben außerdem schlechte Stimmung verbreitet“, sagt der Pflegemanager, der das SenVital Senioren- und Pflegezentrum in Ruhpolding leitet. Denn wenn die Kollegen auf Zeit bereitwillig erzählen, dass sie ihr Arbeitsleben als Angestellte eines Personaldienstleisters deutlich freier und flexibler regeln können und obendrein mehr verdienen, ist es um das Teambuilding geschehen.

Kritik an Söldnermentalität

Ein Zeitarbeitnehmer werde sich zudem niemals intensiv mit dem jeweiligen Haus identifizieren, sagt Cetinkaya. Das originäre Interesse liege auf dem Geldverdienen. Der Pflegemanager kritisiert gar „die Söldnermentalität“ der Zeitarbeitnehmer: „Wer sich für diese Form der Beschäftigung entscheidet, hat akzeptiert, jemanden nur noch kurzfristig zu versorgen.“ Zeitarbeitnehmer könnten am Bett niemals dieselbe Pflege erbringen wie Festangestellte, „die alle Macken und Ressourcen jedes Bewohners kennen“. Zudem seien ungenügende Betriebs- und Organisationskenntnisse eine automatische Fehlerquelle.

Heimbetreiber, regelt Arbeitsstandards vertraglich!

Auch deshalb sieht es der Hamburger Personaldienstleister Sebastian Lazay als eines seiner Hauptziele, seine Pflegekräfte möglichst oft in Häuser zu vermitteln, in denen sie bereits tätig waren. „Das liegt im Interesse unserer Kunden und ihrer Mitarbeiter, gewährleistet die Qualität und fördert das Team-Gefühl“, sagt der Geschäftsführer der Extra-Personalservice GmbH. Für Heimbetreiber sei es wichtig, die Bedingungen der Zusammenarbeit eindeutig festzulegen. Das Qualitätsmanagement etwa, die Hygienevorschriften und wie in einem Haus dokumentiert werde, gelte es in Rahmenverträgen schriftlich zu regeln.

Lassen Sie sich Referenzen geben

„Wir müssen die Strukturen unserer Kunden genau kennen, um unsere Mitarbeiter im Vorfeld vorbereiten zu können“, betont Lazay, der auch als Präsident des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister (BAP) fungiert: „Wer schnell hochwertige Dienste leisten soll, muss gut vorbereitet sein.“ Heimbetreibern empfiehlt er, sich die Dienstleister mit Bedacht auszuwählen, sich Referenzen geben zu lassen und auch darauf zu achten, „dass die Chemie stimmt“. Außerdem sollten sie mit drei bis fünf verschiedenen Anbietern zusammenarbeiten, „denn ein einziger wird nicht immer liefern können“.

Vermeiden Sie Rosinenpicken beim Dienstplan

In der Stammbelegschaft würden die Kollegen auf Zeit häufig mit zwiespältigen Gefühlen aufgenommen, sagt DBfK-Sprecherin Johanna Knüppel: „Einerseits ist dann überhaupt jemand da, der Aufgaben übernimmt und für Entlastung sorgt.“ Andererseits liege es in der Natur der Sache, dass Zeitarbeitskräfte „ihre Arbeit machen, aber eben auch nicht mehr“. Zusätzliche Aufgaben wie beispielsweise die Medikamentenbestellung oder der regelmäßige Check des Notfallwagens blieben an den Festangestellten hängen, „was diese dann häufig nach Feierabend erledigen müssen“. Zudem landeten auch die eher unbeliebten Dienste meist beim Stammpersonal, weil sich Zeitarbeitnehmer häufig zusagen lassen, nur bestimmte Dienste übernehmen zu müssen, sagt Knüppel: „Den Festangestellten bürden die Arbeitgeber dadurch deutlich mehr auf.“

Aufpassen, dass es nicht zu viele werden

Auch wirtschaftlich sei der Einsatz der Zeitarbeitnehmer Gift für die meisten Häuser, ist Ugur Cetinkaya überzeugt. „Jedes zehnte der stationären Pflegeheime in Deutschland beschäftigt dauerhaft ein bis zehn Zeitarbeitskräfte“, hat der Pflegemanager für seine Masterthesis „Das Pflegeberufegesetz in der stationären Altenpflege – Drei Szenarien“ an der Hamburger Fern-Hochschule ermittelt. Dabei sei ein hoher Anteil von Leasingpersonal „ein Indikator, dass es schlecht läuft“ im Haus.

Perfekt, um Personal zu rekrutieren

Angesichts der zwei- bis dreimal so hohen Kosten für Zeitarbeiter könne ein Heim dann nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden, rechnet Cetinkaya in seinem Video-Blog auf Facebook vor. Den Einsatz der Kollegen auf Zeit mag er nur als rettenden Anker in Notsituationen akzeptieren – wenn die Fachkraftquote nicht erfüllt werden kann oder weil zeitgleich viele Mitarbeiter ausfallen. Gerade dann allerdings müssten auch die Dienstleister häufig passen, sagt Cetinkaya: „Versuchen Sie mal, bei einem Zeitarbeitsunternehmen kurzfristig Personal zu bekommen – häufig gibt es mindestens sechs Wochen Vorlaufzeit.“

Zeitarbeit als Buchungstrick

Für Heime und Pflegedienste könne die Zusammenarbeit mit Personaldienstleistern aber auch ein Instrument sein, neue Mitarbeiter zu suchen, erklärt DBfK-Sprecherin Knüppel. Bewähren sich Pflegekräfte, ist eine anschließende Festanstellung nicht ausgeschlossen, und die Arbeitgeber sparen sich die zeit- und kostenintensive Personalsuche sowie aufwändige Bewerbungsgespräche. Manche Einrichtung nutze die Zeitarbeit darüber hinaus für einen Buchungstrick, der ihr Personalbudget entlastet, sagt Knüppel: „Ausgaben für Zeitarbeitnehmer zählen nicht zu den Personal-, sondern zu den Sachkosten.“

Autor: Jens Kohrs

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