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Fachkräftemangel

Zeitarbeit-Boom in der Pflege – nur ein Gerücht? 

Immer mehr festangestellte Pflegekräfte wechseln in die Zeitarbeit, der Markt boomt: So der Tenor vieler Medienberichte. Doch stimmt das? 5 Fragen und Antworten, die zur Klärung beitragen 

„Pflege: Leiharbeit boomt“ titelte Anfang des Jahres das evangelische Sonntagsblatt. Bei dem Online-Magazin „Zeitarbeit heute“ hieß es ähnlich: „Besonders in der Pflege boomt in Zeiten der Corona-Pandemie die Zeitarbeit“. Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi stellt fest, dass „Leiharbeit in der Pflege eine wachsende Rolle“ spielt. Bei der „WAZ“ mag man sich nicht soweit aus dem Fenster lehnen, sieht zwar eine wachsende Bedeutung der „Zeitarbeit in der Pflege“, aber von einem Boom zu sprechen, gehe wohl zu weit.

Und was sagen die Zeitarbeitsfirmen? Pflegen-online fragte bei rund einem Dutzend auf Pflegevermittlung spezialisierten Firmen nach. Drei Zeitarbeitsfirmen antworteten. Susanne Grube, Vertriebsleiterin Pflege bei doctari, bestätigt, dass Pflegefachkräfte „gelegentlich“ von der Fest- in die Zeitarbeit wechseln. Ähnlich Daniel Renck von CareFlex, dem Personaldienstleister der Evangelischen Stiftung Alsterdorf (Hamburg) : Zwar gebe es einen längerfristigen Trend zur Zeitarbeit, der seit zwei Jahren auch durch Corona leicht verstärkt wird, aber einen „Boom“ erkenne er nicht.

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1. Frage: Wie viele Pflegekräfte arbeiten in der Zeitarbeit?

Die belastbaren Zahlen lassen auch keinen Boom der Zeitarbeit in der Pflege erkennen. Zwar steigt seit Jahren die Anzahl der Pflegekräfte, die sich für die Zeitarbeit entscheiden, an: 2014 waren rund 12.000 Zeitarbeitspflegekräfte registriert, 2018 schon 22.000. Seitdem allerdings hat sich zahlenmäßig nur wenig getan. Ende Februar meldete das statistische Bundesamt zum Stichtag 31. Dezember 2020 insgesamt rund 23.400 Beschäftigte in der Zeitarbeit im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Rettungsdienste und Geburtshilfe. Mit einer Anzahl von 5.566 waren in NRW die meisten Zeitarbeitskräfte tätig, die wenigsten im einwohnerarmen Mecklenburg-Vorpommern.

Somit arbeiten nur rund zwei Prozent aller Pflegekräfte in der Zeitarbeit, weit weniger als in der Gesamtwirtschaft – da sind fast drei Prozent auf Leihbasis beschäftigt.

2. Frage: Warum wechseln Pflegekräfte in die Zeitarbeit?

Dem Südwest-Rundfunk (SWR) schilderte Ende Januar ein Pfleger, der zu einer Zeitarbeitsfirma gewechselt war, die Vorteile. So habe er zuvor bei einer 40-Stunden-Woche knapp 1.700 Euro netto verdient – nach dem Wechsel war es deutlich mehr: „Eine Festanstellung lohnt sich einfach nicht mehr, wenn man ein normales Leben haben will“. Und: Sei in einer Schicht der Pflegeaufwand höher als sonst, bedeute das Überstunden. „Damit muss man als Festangestellter rechnen“, so der Pfleger gegenüber den SWR. Doch als Zeitarbeitskraft könne er trotzdem pünktlich Feierabend machen. Dass in der Zeitarbeit das Geld lockt, ist sicherlich nicht untypisch, wenn in diesem Fall das ursprüngliche Gehalt des Pflegers von 1.700 Euro netto ungewöhnlich niedrig scheint: In Krankenhäusern, in denen nach TVöD oder einem vergleichbaren Tarifen gezahlt wird, müsste sich mehr verdienen lassen, wie auch eine Recherche von pflegen-online zeigt.      

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die der Leiharbeit in der Pflege ansonsten kritisch gegenüber steht, muss konstatieren: „Pflegekräfte wechseln in Leiharbeit, weil sie dort vor allem besser planbare Arbeitszeiten geboten bekommen und insbesondere in der Altenpflege auf den ersten Blick auch eine bessere Bezahlung als die Stammbelegschaft. Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter in der Pflege können sich ihre Schichten besser aussuchen und geben das als großen Vorteil an. Beschäftigte der Stammbelegschaft müssen regelmäßig kurzfristig einspringen, wenn bei einer viel zu dünnen Personaldecke auch noch Kolleg*innen krank werden.“

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Susanne Grube von Doctari erkennt noch weitere Gründe: „Ich erfahre oft in Gesprächen, dass es den meisten um Wertschätzung geht. Ein anderes häufiges Motiv ist die Abwechslung: Unsere Pflegefachkräfte schätzen und mögen es, bei unterschiedlichen Arbeitgebern dazu lernen zu können. Das macht ihnen Spaß und ist interessant!“ Daniel Renck von Careflex sieht auch einen neuen Trend: „Viele junge Pflegekräfte gehen direkt aus der Ausbildung in die Zeitarbeit. Da spielt die Frage der Unabhängigkeit, das Ausprobieren eine große Rolle.“

Bei uns sind viele der Teilzeit arbeitenden Pflegekräfte zu 100 Prozent festangestellt. Da geht es meist darum, mit einem 450-Euro-Job zu den Brötchen noch die Croissants zu verdienen.

3. Frage: Ist Teil-Zeitarbeit für festangestellte Pflegekräfte attraktiv?

„Ja“, sagt Andreas Worch, Geschäftsführer der Berliner Zeitarbeitsfirma Anbosa Personaldienstleistungen: „Tatsächlich arbeiten mehr Pflegekräfte zusätzlich im Nebenjob und reduzieren ihre Arbeitszeit im Hauptjob. Bei uns sind sie überwiegend auf Minijob-Basis tätig.“ Daniel Renck stimmt zu: „Bei uns sind viele der Teilzeit arbeitenden Pflegekräfte zu 100 Prozent festangestellt. Da geht es meist darum, mit einem 450-Euro-Job zu den Brötchen noch die Croissants zu verdienen. Also mit ein paar Wochenend-Schichten zum Beispiel den Urlaub zu finanzieren.“ Dagegen mag Susanne Grob von Doctari keinen Trend zur Teilzeit-Pflegearbeit erkennen. Man habe zwar „Teilzeitlerinnen und Teilzeitarbeiter mit wenigen Tagen im Monat bis zur Vollzeit. Es ist alles dabei. Bei Doctari gibt es so viele unterschiedliche, individuelle Arbeitsmodelle“, aber das bewege sich in einem überschaubaren Rahmen.

4. Frage: Wie beurteilen die Klinik- und Pflegeheimbetreiber die Zeitarbeit ?

Kritisch. Die häufigsten Kritikpunkte der Betreiber: Zeitarbeitskräfte müssen eingearbeitet werden, bleiben dann aber nur wenige Wochen bis Monate vor Ort. Das Arbeitsklima leidet unter der Fluktuation. Fest angestellte Kolleginnen oder Kollegen haben weniger Gehalt auf ihrem Konto, leisten aber Überstunden und arbeiten zu unbeliebten Zeiten. Das schafft Unmut.

Ganz anders die Erfahrungen von Doctari-Vertriebsleiterin Susanne Grube: „Die positiven Reaktionen auf die Unterstützung durch unsere Doctari-Kräfte ist auf jeden Fall sehr hoch. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen ja oft in ein Team, in dem ein Engpass herrscht und dann sind eigentlich alle froh über die Entlastung. Wir bitten unsere Mitarbeiterinnen Mitarbeiter aber auch, möglichst flexibel auf die jeweilige Dienstplangestaltung zu reagieren, um die Festangestellten explizit zu unterstützen. Und das ist mir auch wichtig: Viele Pflegefachkräfte arbeiten ja mitunter lange an einem Arbeitsplatz und in einem Team – und dann gibt es Freundschaften, genauso wie anderswo auch. Und Tränen, wenn jemand geht.“

Auch Daniel Renck sieht keine Probleme. Und wenn es sie gibt, werden sie bei CareFlex schnell entschärft. „Wir wollen langfristige Kundenbeziehungen aufbauen, da muss alles stimmen. Übrigens auch faire Preise – wir wollen unsere Kunden ja nicht in den Ruin treiben.“

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5. Frage: Gibt es also einen Boom der Zeitarbeit durch Omikron?

Ja. Aber nicht auf der Pflegeseite, sondern auf der Nachfrageseite durch die Betreiber von Kliniken, Pflegeheimen und ambulanten Diensten . Denn zu den knapp 40.000 fehlenden Pflegefachkräften (57.000 Pflegekräfte insgesamt) kommen jetzt noch die Ausfälle an Corona erkrankten Kräften. So wurden der BGW bis Ende Februar des Jahres 56.711 Corona-Erkrankungen gemeldet, von denen 36.101 als Berufskrankheit anerkannt wurden. Dazu befinden sich derzeit 822 Pflegekräfte mit Long-Covid in der Reha.

Und dann sind da noch die Pflegekräfte, die sich nicht impfen lassen wollen und daher zum Teil aus dem Beruf ausscheiden. Careflex- Standortleiter Daniel Renck präzisiert die aktuelle Situation: „Durch Omikron gibt es bei vielen Betreibern massive Ausfälle. Dadurch ist die Nachfrage nach unseren Pflegekräften in den letzten Wochen stark gestiegen.“

Autor: Hans-Georg Sausse

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