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Beruf und Karriere

Wo Pflegekräfte zu Beratern werden 

Warum weiterbilden? Marcel Müller und Betti Löchteken wissen sehr genau, warum sie die Weiterbildung Onkologische Pflege absolviert haben: Sie agieren eigenständiger und sind viel näher dran an ihren Patienten 

Einmal in der Woche ist Marcel Müller nur Berater. Mit Zeit und Ruhe. In einem Extra-Raum, ohne die üblichen Geräusche der onkologischen Tagesklinik des Universitätsklinikums Frankfurt (KGU). Es ist ein geschützter Rahmen für die Patienten, in dem sie und ihre Angehörigen im Mittelpunkt stehen. In dem es um ihre Therapien geht, um Nebenwirkungen und wichtige Tipps für zuhause.

Täglich von 9 Uhr bis 12.30 Uhr bieten Müller und vier Kolleginnen diese spezielle onkologische Pflegeberatung an. Das KGU hat dafür eine halbe Beratungsstelle geschaffen. Müller ist dabei, weil er sich mit der zweijährigen Fachweiterbildung Onkologische Pflege dafür qualifiziert hat. 

„Bei einer Krebserkrankung ist Beratung enorm wichtig“

In einer Ausnahmesituation wie einer Krebserkrankung ist Beratung immens wichtig – für Patienten und für ihre Angehörigen ebenso. „Wer so schwer erkrankt, muss viel sprechen und verstehen“, sagt Kerstin Paradies, Vorstandssprecherin der Konferenz der Onkologischen Kranken- und Kinderkrankenpflege (KOK) der Deutschen Krebsgesellschaft. Doch im Klinikalltag kommt genau das allzu oft zu kurz. Im normalen Schichtdienst haben Pflegekräfte häufig kaum Zeit für eine intensive Beratung. Immer wieder unterbricht die Klingel aus einem anderen Patientenzimmer einen längeren Austausch.

Im UK Frankfurt werden Pflegekräfte für Beratung freigestellt 

Fachkräfte wie Marcel Müller haben die Zeit. Sie sind durch ihre Fachweiterbildung für schwierige Situationen geschult und werden im Tagesdienst für individuelle Beratungen freigestellt. Der 29-Jährige mag es, mit Menschen zu arbeiten. „Das ist schön und lebendig“, sagt Müller. Die Tagesklinik des KGU ist von 8 bis 17 Uhr geöffnet und nie länger als drei Tage geschlossen. Pro Tag kommen mehr als 100 Patienten, für Therapien, die zwischen 30 Minuten und bis zu sechs Stunden dauern.

„Bei einigen Patienten bin ich richtig nah dran“, sagt Müller. Manche kennt er schon jahrelang und hat mit ihnen hochemotionale Ausnahmephasen erlebt – wie etwa mit dem Patienten, den er seit 2013 immer wieder trifft. Gefühle lässt Müller dabei bewusst zu: „Ich freue mich mit und trauere auch mit, wenn es jemandem schlecht geht – es wäre schlimm, das zu unterdrücken.“ Dass es in der Onkologie täglich um elementare Fragen gehe, erde ihn ganz gut, betont Müller.

Betti Löchteken plant Patientenschulungen für Krebspatienten

Auch Betti Löchteken gefällt der persönliche Kontakt. „Ich kenne meine Patienten wirklich gut und bekomme private und intime Einblicke“, sagt sie, „teilweise mehr als bei Freunden.“ Die 31-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet seit April 2016 in der Hämatologie und Onkologie des Universitätsklinikums Frankfurt und wollte irgendwann mehr erfahren: „Therapien verändern sich, und es ist schwer, sich das im Krankenhausbetrieb selbst zu erarbeiten“, sagt sie.

Deshalb hat sich Löchteken wie Müller für die Fachweiterbildung entschieden. Mittlerweile ist sie im zweiten Jahr, im Juli 2022 steht die Prüfung an.

Pflegefachkräfte mit Weiterbildung legen Chemotherapien an  

Mit dem Abschluss ist Löchteken bereit für Neues. So plant ihre Stationsleitung derzeit einige Änderungen, unter anderem sollen die Patienten strukturierter beraten werden. „An bestimmten Tage könnten dafür freigestellte Fachpflegekräfte zum Beispiel individuelle Patientenschulungen anbieten“, sagt Löchteken. Sie selbst wäre dann gerne dabei. „Natürlich gibt es diese Pflegeberatung schon jetzt, nur ist es schwierig, sie in den hektischen Alltag einzubauen.“

Für Löchteken wäre die Beratung wie bei Marcel Müller eine zusätzliche Aufgabe neben ihrer normalen Pflegearbeit, genau wie zum Beispiel selbstständig bestimmte Chemotherapien anzulegen, wozu sie nach bestandener Weiterbildung ebenfalls qualifiziert ist.

„Mit Weiterbildung kann ich Anordnungen jetzt besser verstehen“

Der wachsenden Verantwortung ist sie sich bewusst – „das traue ich mir schon zu“. Für Löchteken war das ohnehin ein Grund, die Weiterbildung zu machen: „Ich kann Anordnungen jetzt besser verstehen und selbst eher einschätzen, was eine Nebenwirkung ist. In einem onkologischen Notfall kann ich auch ohne ärztliche Anordnung beginnen, Notfallmedikamente zu verabreichen.“ Und sie kann sich gut vorstellen, später Kolleginnen zu schulen. Gefragt sei ihr neues Wissen schon jetzt. „Viele erkundigen sich bereits bei mir, und ich merke, dass die Weiterbildung sinnvoll ist“, sagt die 31-Jährige, die nach Einsätzen in verschiedenen Bereichen gerade auf ihrer eigenen Station tätig ist.

„Wir sind für Krebspatienten die ersten Ansprechpartner“

Viele der Patienten dort kommen über Jahre immer wieder, zur Überwachung oder wenn neue Behandlungszyklen anstehen. Dann wird schon jetzt viel geredet, über Probleme mit dem eigenen Körperbild, Schwierigkeiten in der Beziehung, über gute und schlechte Phasen. „In der Pflege sind wir die ersten Ansprechpartner, denn durch den Schichtbetrieb sind wir rund um die Uhr auf der Station“, sagt Löchteken.

Manchmal begleitet sie das Erlebte auch nach Hause – wie der Fall eines 18-Jährigen, bei dem keine Therapie anschlug. „Das war sehr schwer“, sagt Löchteken. Da helfe ein starkes Team, „in dem wir darüber reden können“ – und die Patienten, die auch Jahre nach ihrer Behandlung den Kontakt halten und jedes Jahr Weihnachtsgrüße schicken.

Marcel Müller: „Sich zu spezialisieren ist sinnvoll“

Für Marcel Müller, der seine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger 2012 abgeschlossen hat, war schon damals klar, dass er sich weiterbilden will. „Es gibt immer viel Neues, und sich zu spezialisieren ist sinnvoll“, sagt der 29-Jährige, dem die Onkologie schon während der Ausbildung am besten gefiel. Er hat sich bewusst für den Bereich entschieden und ist ihm seitdem treu geblieben. „Die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht, doch ich habe auch gemerkt, dass ich vieles nicht weiß, es aber lernen möchte“, erinnert sich Müller. Zu Kollegen, die die Onkologische Fachweiterbildung absolviert hatten, habe er immer aufgeschaut – „die hatten den Überblick, der mir fehlte“.

Den Grundstein für seine jetzigen Aufgaben hat Müller schon im Vorstellungsgespräch gelegt. „Ich habe gleich erfragt, ob mir die Weiterbildung später einmal ermöglicht werden kann, und die Leitung hat mich unterstützt“, betont er. Nach drei Jahren auf Station hat er zunächst die Weiterbildung Palliativ Care gemacht und dann von 2016 bis 2018 die Fachweiterbildung Onkologische Pflege.

In der Tagesklinik lässt sich das Erlernte schnell umsetzen

Die Zeit hat nicht nur ihn verändert, sondern auch seine Arbeit. Noch während der Weiterbildung ist er in die Tagesklinik des Universitätsklinikums Frankfurt gewechselt. Die Kollegen dort haben ihn beim Praxiseinsatz angesprochen, und Müller hat die Möglichkeit gereizt, das Erlernte schnell umsetzen zu können – vor allem in der täglichen Pflegeberatung. „Die Weiterbildung eröffnet berufliche Chancen – das muss man nutzen“, betont Müller, der mit seiner ehemaligen Stationsleitung vereinbart hat, auch dort noch regelmäßig auszuhelfen. Bei der Arbeit im Therapieraum fühle er sich heute sicherer, sagt er: „Ich weiß deutlich mehr über die Therapien und kann die Leitlinien besser umsetzen.“ Hinzu kommen die Kommunikations- und Beratungskenntnisse und -techniken, die er erlernt hat.

Mittlerweile kann sich Müller auch vorstellen, noch ein Studium zu beginnen. Die Fachweiterbildung gelte als Meisterqualifikation und eröffne ihm auch diesen Weg – „da bin ich sehr froh“, sagt der 29-Jährige: „Wer weiß, was noch alles geht...“

Autor: Jens Kohrs

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