Innovationsfonds-Projekt

Wo Pflegekräfte Hausarzt-Aufgaben übernehmen

Das gibt es jetzt erstmals in Deutschland: Besonders qualifizierte Pflegeexperten übernehmen in Rheinland-Pfalz (Kreis Ahrweiler) für Hausärzte Hausbesuche bei älteren, chronisch kranken Menschen

Inhaltsverzeichnis

Das Problem ist bekannt: In ländlichen Regionen gibt es immer mehr ältere Menschen mit hohem medizinischen Versorgungsbedarf. Zugleich werden Hausärzte auf dem Lande weniger. Die Wege zu den wenigen Praxen sind für ältere Menschen häufig zu weit. So sind Hausbesuche oft die einzige Option, den Kontakt zwischen Arzt und Patient sicherzustellen. Oft sind sie aber nicht medizinisch indiziert und belasten die Praxen. Überlastete Arztpraxen bedeuten wiederum unnötige Krankenhauseinweisungen.

In England und Schweden gibt es schon lange solche Pflegeexperten

Das Projekt „HandinHand“ im Kreis Ahrweiler soll dieser Entwicklung entgegenwirken. Seit März werden dort einige der Hausbesuche auf speziell fort- und akademisch ausgebildete Pflegeexperten übertragen: Sie unternehmen regelmäßige Hausbesuch, überwachen die Patienten klinisch und führen gezielte Beratungsgespräche. In England und in Skandinavien etwa sind solche Kooperationen schon seit Jahren Alltag

Das Ziel: Krankenhauseinweisungen um 15 Prozent reduzieren

Ziel ist es, die Zahl der Krankenhauseinweisungen in dieser Patientengruppe um 15 Prozent zu reduzieren. Gesundheitssituation und Sicherheit sollen sich für die Patienten durch das Projekt verbessern – ebenso wie die Zufriedenheit mit der mit der eigenen Situation durch den regelmäßigen Kontakt zu den Pflegeexperten.

Durch ihre regelmäßigen Hausbesuche können die Pflegeexperten:

  • Exazerbationen frühzeitig feststellen und behandeln
  • Drehtüreffekte nach Krankenhausaufenthalten vorbeugen – denn nach insbesondere nach größeren chirurgischen Eingriffen können sie gemeinsam mit dem Hausarzt die Nachsorge zu Hause übernehmen
  • Alltagsrisiken wie Sturzgefahr oder Mangelernährung über ein gezieltes Assessment erkennen.
  • die ärztliche Therapie durch ihren Werkzeugkasten an pflegefachlichen Interventionen ergänzen und so für Sicherheit und Stabilität sorgen.

Die Aufgaben der Pflegeexperten

Die zielgerichtete Beratung ist ein zentraler Bestandteil des Projekts. Die Pflegeexperten besprechen mit den Patienten immer wieder, wie sich deren Erkrankung am besten in den Alltag integrieren lässt. Dabei hilft es, dass einige Pflegeexperten über sehr spezifisches Wissen – etwa Wundmanagement – verfügen und die Patienten gegenüber den Pflegeexperten oft sehr offen sind. Die darüber hinausgehenden Aufgaben der Pflegeexperten:

  • sie überwachen Vitalzeichen (Blutdruck, Temperatur, Sauerstoffsättigung), die krankheitsspezifischen Parameter und Symptome
  • sie erledigen die angeordneten diagnostischen Maßnahmen wie Blutentnahmen und das Schreiben eines EKG
  • während der kurzen Beratungssituationen nutzen sie kleine Schulungsbausteine, die sie selbst entwickelt haben. Oft beziehen sie auch die Angehörigen mit ein und unterstützen diese gezielt
  • den Patienten und dessen Angehörige vernetzen sie oft auch mit weiteren Institutionen wie den ambulanten Pflegediensten, stationären Pflegeeinrichtungen, der Gemeindeschwester plus und dem Hospizdienst

Die Anforderungen an Pflegeexperten sind hoch

Pflegeexperten sind nach dem Krankenpflegegesetz ausgebildete Pflegefachpersonen, mit mindestens zwei Jahren Berufserfahrung. Begleitend zum Projekt absolvieren sie den Bachelorstudiengang Klinische Pflegeexpertise. Noch vor Projektstart haben sie eine spezifische 300-stündige Fortbildung durchlaufen, um Kompetenzen zu erwerben, die für das Projekt besonders wichtig sind. Die Module heißen:

  • Im neuen Praxisfeld professionell agieren
  • Chronisch kranke Menschen im häuslichen Umfeld begleiten
  • Chronisch kranke Menschen beraten und ihre Selbstkompetenz fördern
  • Den Versorgungsprozess steuern
  • Im Notfall sicher handeln

Dieses Fortbildungscurriculum ist neben der dreijährigen Ausbildung Grundlage der individuellen Delegationsvereinbarung zwischen den Hausärztinnen und Ärzten und den Pflegeexpertinnen und Experten. Durch diese Vereinbarung sind beide Seiten rechtlich auf der sicheren Seite.

21.000 Hausbesuche geplant

Zwölf Pflegeexperten arbeiten insgesamt in dem Projekt, sie sind Pflegeexperten-Center der Marienhaus Holding GmbH in Bad Neuenahr Ahrweiler angestellt (und nicht in den Arztpraxen). Bisher betreuen sie in Zusammenarbeit mit 18 Ärzten 156 Patienten, die sie mindestens einmal im Monat besuchen, täglich kommen circa zwei Patienten hinzu, auch das Interesse der Ärzte an dem Projekt wächst. Angestrebt sind insgesamt 21.000 Hausbesuche bei 1.500 Patienten (ab 60 Jahren) während des dreijährigen Projektes. Das Geld für das Projekt – eine Summe von insgesamt 8 Millionen Euro - kommt aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA).

Das Ganze geht nur mit Elektronischer Patientenakte (EPA)

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung begleitet das Projekt HandinHand. Es dokumentiert unter anderem die Krankenhauseinweisungen. Um die Datenanalyse der Wissenschaftler, aber auch um die tägliche Dokumentation zu erleichtern, kommt die Elektronische Patientenakte (EPA) zum Einsatz. Die EPA wird vom Rechenzentrum Volmarstein (RZV), neben dem Leibniz-Institut ein weiterer Konsortialpartner, während der Projektzeit kontinuierlich weiterentwickelt.

Sollten sich angestrebte Ziele – wie reduzierte Krankenhauseinweisungen – tatsächlich einstellen, hat das Projekt gute Chancen in die Regelversorgung überzugehen.

Was HandinHand jetzt schon bewirkt hat

Erste Erfolge zeichnen sich jetzt schon ab: So konnten die Pflegeexperten etwa in drei Fällen Herzrhythmusstörungen abfangen, weil sie mit der Frage einer Tablettenumstellung an den Hausarzt herangetreten sind.

Mehr über das Projekt HandinHand erfahren Sie im Pflegexperten-Center und auf der Homepage des G-BA.

Sie sind Pflegefachperson oder Arzt und haben Interesse mitzuwirken? Hier finden Sie alle wichtigen Ansprechpartner mit Telefonnumnern und Mailadressen.

Autorin: Silke Doppelfeld/kig

Über die Autorin Silke Doppelfeld

Die Pflegefachperson leitet das Pflegeexperten-Center. Sie hat viele Jahre als Pflegepädagogin und in der Intensivpflege gearbeitet.

Zum Foto

Zu sehen ist Lisa Liepoldt (27) Pflegeexpertin im Innovationsfonds-Projekt HandinHand.

Dieser Artikel ist zuerst in der digitalen Ausgabe des Magazins der Pflegekammer Rheinland-Pfalz erschienen.

Foto: Chiara Lindenberger

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