Corona-Krise

Wo Freiwillige am dringendsten gebraucht werden

In der Corona-Krise melden sich Tausende Freiwillige - von Pflegekräften (Stille Reserve) bis zu Rentnern und Studenten. Aber es ist nicht leicht, sie zu koordinieren - auch wegen falscher Erwartungen. Interview mit Pflegeexpertin Vera Lux

Inhaltsverzeichnis

Um die Folgen der Corona-Pandemie zu meistern, können Freiwillige eine wichtige Unterstützung sein. Diverse Initiativen und Einrichtungen werben inzwischen um sie. So auch das Gesundheitsamt der Stadt Köln. Vera Lux, bis 2019 Pflegedirektorin und Vorstand der Uniklinik Köln, engagiert sich dort zurzeit ehrenamtlich. Zusammen mit drei studentischen Hilfskräften unterstützt sie die Abteilung Infektions- und Umwelthygiene bei der Koordination von freiwilligen Helfern, die nicht nur in der Rheinmetropole gefragt sind. Die Stadt hat Ende März einen Aufruf gestartet und Freiwillige gebeten, sich per E-Mail (pflegepersonal@stadt-koeln.de) zu melden. Gesucht wird Unterstützung für Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste, für Krankenhäuser und für das Corona-Behandlungszentrum, das auf dem Kölner Messegelände als taktische Reserve geplant wird.

pflegen-online.de: Frau Lux, wie hilfsbereit ist die „Stille Reserve“?

Vera Lux: Innerhalb von drei Wochen haben wir aus Köln und der Umgebung 92 Bewerbungen erhalten. Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich mir eine größere Resonanz erhofft – gerade von ausgebildeten Pflegefachkräften. Denn wir brauchen dringend Unterstützung, vor allem für Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste.

Wer meldet sich bei Ihnen?

Das ist ganz unterschiedlich. Neben Altenpflegern und Gesundheits- und Krankenpflegern sind es auch Pflegehilfskräfte sowie Ärzte und Physiotherapeuten, aber auch Ruheständler und Studierende, die vorher eine Pflegeausbildung absolviert haben. Viele Bewerber sind momentan in Elternzeit oder arbeiten in Teilzeit und sind bereit, mehr zu tun.

Entspricht das dem Bedarf?

Der Bedarf ist viel größer – sowohl von der Menge als auch von der Qualifikation. Das betrifft insbesondere Pflegeeinrichtungen, bei denen Bewohner und Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert sind. Sie müssen deshalb getrennte Bereiche einrichten und brauchen dafür jetzt deutlich mehr Pflegefachkräfte und auch Pflegehilfskräfte. Außerdem müssen sie den Ausfall kranker Kollegen, beziehungsweise von Kollegen, die in Quarantäne müssen, kompensieren.

Wie bringen Sie Bewerber und Einrichtungen zusammen?

Wir sind mit unserer Arbeitsgruppe dem Einsatzabschnitt Risikogruppen der Feuerwehr-Einsatzleitung unterstellt. Das Team, das für Tests und Abstriche zuständig ist, meldet sich bei uns, wenn in Einrichtungen Isolations- und Quarantänemaßnahmen nötig werden. Dann bieten wir unsere Hilfe an. Wir kennen die Qualifikation und Vorerfahrungen der Freiwilligen, wissen was sie wollen, und können passgenau vermitteln. Außerdem sorgen wir dafür, dass die Kandidaten alle nötigen Unterlagen vorbereiten – wie etwa ein kurzes Anschreiben, ihren Lebenslauf und Qualifikationsnachweise. Alle Fragen zum Vertrag und zur Vergütung regeln die Einrichtungen dann selbst mit den Bewerbern.

Was erschwert Ihnen die Arbeit?

Vor allem die Formalitäten. Ein normales Verfahren dauert in der Regel mehrere Wochen, was gerade jetzt natürlich viel zu lang ist. Wir versuchen alles, um das zu beschleunigen, und werben etwa für Übergangslösungen oder dafür, dass Einrichtungen Kandidaten unter Vorbehalt einstellen, bis alle formalen Unterlagen vorhanden sind. Es ist gar nicht so einfach, wenn man so schnell agieren muss – wir können ja die Regeln auch in dieser Notsituation nicht außer Kraft setzen.

Und die Bewerber? Wissen die eigentlich, worauf sie sich einlassen?

Die meisten schon. Die fragen dann auch gezielt nach. Viele kommen mit ganz klaren Vorstellungen – und gehen auch nicht überall hin. Gerade der Wunsch, direkt in der Pflege zu arbeiten, ist nicht so stark ausgeprägt. Viele wollen auf keinen Fall im infektiösen Bereich eingesetzt werden, andere können nur an zwei Tagen oder nur ein paar Stunden am Wochenende. Oft ist der Anfahrtsweg zu lang, und einige lehnen es auch ab, in bestimmten Einrichtungen zu arbeiten. Andere wiederum sind derzeit in Kurzarbeit und wollen helfen – zum Beispiel zahlreiche Flugbegleiter, die früher in der Pflege tätig waren. Mit ihnen können wir aber nicht langfristig planen, weil sie sofort aufhören müssen, wenn ihre Kurzarbeit endet. Hinzu kommen Bewerber, die selbst zur Risikogruppe gehören oder Vorerkrankungen haben. Das alles macht es wirklich schwierig, die passenden Helfer zu vermitteln.

Was genau motiviert die Hilfswilligen?

Die allermeisten wollen in erster Linie helfen und in dieser schwierigen Situation einfach etwas tun. Hinzu kommen viele, die einen Job verloren haben und jetzt nach einer anderen Verdienstquelle suchen. Das betrifft etwa Minijobber oder Studierende. Darüber hinaus gibt es aber auch Anfragen von einigen Zeitarbeitsfirmen, die jetzt freie Ressourcen haben.

Was wünschen Sie sich von den Bewerbern?

Jeder, der sich freiwillig meldet, sollte sich vorher genau und ganz in Ruhe klar machen, wozu er wirklich bereit ist – und ob das zu seiner aktuellen Lebens- und Familiensituation passt. Wir haben nun einmal eine Notlage. Und wir können nicht garantieren, dass bei einem Einsatz in einem Pflegeheim kein Infektionsrisiko besteht. Natürlich werden alle Schutz- und Hygienemaßnahmen beachtet, aber 100-prozentig sicher kann niemand sein. Wer also keinesfalls in einer Pflegeeinrichtung arbeiten möchte, braucht sich unter Umständen gar nicht zu melden – oder er sagt von vornherein ganz klar, was er will und was er nicht will. Das erspart uns aufwendige und zeitraubende Telefonate, um genau das abzuklären. Der Wille alleine ist es nicht, dahinter sollte ein reifer Klärungsprozess stehen.

Was treibt Sie selbst täglich aufs Neue an?

Ich bin begeistert, wie erstaunlich schnell hier alle so gut in dieser Einsatzorganisation zusammenarbeiten. Es sind ganz viele Personen, Ämter und Fachabteilungen, die vorher wenig bis nichts miteinander zu tun hatten. Diese neue Situation ist anstrengend, und sie kostet Zeit und Nerven, aber es läuft. Das ist eine schöne Erfahrung. Außerdem motivieren mich Beispiele wie die einer Pflegekraft, die wir vor zwei Wochen in eine Einrichtung vermittelt haben. Sie hat sich bei uns gemeldet, von ihrem Einsatz berichtet – und direkt nach dem nächsten gefragt…

Interview: Jens Kohrs

Illustration: Peter Funken

Zur Person

Vera Lux arbeitet als selbstständige Managementberaterin für Pflege und Health Care in Köln und ist stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung (GQGM).Bis Juni 2019 war sie neun Jahre lang Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Uniklinik Köln.

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