Thesenpapier Gesundheitsexperten

Wird Corona zur typischen Krankenhausinfektion?

Ja, sagen sechs Experten aus Pflege, Medizin und Wissenschaft und fordern unter anderem eine besondere Task-Force für Pflegeheime in Not

Inhaltsverzeichnis

Corona entwickelt sich mehr und mehr zu einer nosokomialen Infektion - deshalb sollten Risikogruppen in Kliniken und Heimen ganz gezielt geschützt werden. So ließen sich sogar die Einschränkungen für die gesamte Bevölkerung zurückfahren. Das ist eine der Kernaussagen des Thesenpapiers „Datenbasis verbessern, Prävention gezielt weiterentwickeln, Bürgerrechte wahren“, mit dem sechs Experten jetzt Furore machen. Dazu gehören auch Hedwig François-Kettner, ehemalige Pflegedirektorin der Charité und Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, sowie der Gesundheitsforscher Gerd Glaeske von der Universität Bremen, der vielen auch durch seinen Arzneimittelreport für die Barmer Ersatzkasse (bis 2015) bekannt ist.

Hohes Risiko für Patienten und Pflegekräfte

Als zentral bewerten die Autoren, dass das Virus inzwischen verstärkt in Kliniken und Heimen übertragen wird. Dies sei inzwischen sogar der dominierende Verbreitungsmodus. „Aber es fehlt die letztlich definitive Aussage, dass es sich bei dieser Pandemie um eine zumindest in Teilen nosokomiale Infektion handelt, bei der den Institutionen des Gesundheits- und Pflegesystems eine zentrale Bedeutung in Ausbreitung und Dynamik zukommt.“ Pflegekräfte und Ärzte könnten die „adäquate Sorgfalt“ nicht mehr gewährleisten, weil Schutzausrüstung fehle, zu wenig getestet werde - und weil nicht genug Personal vor Ort sei.

Risikogruppen besser schützen: Kliniken und Heime haben Schlüsselfunktion

Zugleich sehen die Autoren aber Kliniken, Heime und den ambulanten Pflegedienst als Schlüsselstellen, um Risikogruppen gezielter zu schützen und im Gegenzug die Einschränkungen für Jüngere und Gesunde zu lockern. Dazu müssten zunächst die Risikogruppen genauer definiert werden. Die Autoren ziehen dafür vier Kriterien heran:

  • hohes Alter
  • Vorerkrankungen
  • nosokomialer Kontakt - sprich: Hält die Person sich in einer Institution auf (Heim oder Klinik), in der es bereits Infektionen gibt
  • Kontakt zu Infektionsclustern, sprich: lebt die Person in einer Region, in der es viele Corona-Infektionen (lokale Herde) gibt (Beispiel: Heinsberg oder Wolfsburg)

Dringend nötig: Corona-Screening von Mitarbeitern

Um die Ansteckung auf diese Gruppen zu minimieren, ließen sich Kenntnisse und Strategien aus dem Bereich Infektionskontrolle auf Corona übertragen. Dazu gehören:

  • Richtlinien für Mindeststandards beim Vorgehen (etwa bei Aufnahme testen)
  • Schutzmaßnahmen für Mitarbeiter
  • Vorgehen bei Infektion von Mitarbeitern
  • gepooltes Testen
  • vorausgreifende Einrichtung von getrennten Versorgungsbereichen

Die Berliner Charité geht voran und testet gerade alle Mitarbeiter, um unerkannte Infektionen zu erkennen.

Schnelle Eingreiftruppe bei Infektionsclustern

Auch mit diesen Strategien werden sich lokale Infektionscluster auch in Zukunft nicht ganz vermeiden lassen, wie sie derzeit in mehreren Seniorenheimen zu beobachten sind. Diese Einrichtungen sollten dann schnell Hilfe durch eine Hochrisiko-Task- Force bekommen, empfehlen die Autoren. Die Experten müssten dann aber auch etwas zu sagen haben: „Diese Einsätze müssen durch gesetzliche Maßnahmen legitimiert sein und dürfen nicht durch Kompetenzüberschneidungen gehemmt werden.“

Pflegekräfte sollten bei Präventionsstrategie mitentscheiden

Pflegekräfte müssten bei der Entwicklung dieser spezifischen Präventionsstrategien besonders beteiligt werden, denn sie arbeiten an und mit den Patienten. „Ihr Aktionsradius ist maßgeblich abhängig von geschaffenen und zur Verfügung stehenden Rahmenbedingungen“, betonen die Autoren. Man könnte auch sagen: Die Pflegekräfte müssen es letztlich ausbaden – deshalb müssen sie auch mit entscheiden.

Zwei Drittel der Infizierten ohne Symptome

Darüber hinaus kritisieren die Autoren, dass sich die augenblickliche Corona-Strategie zu sehr an den gemeldeten Fallzahlen orientiert: Weil schätzungsweise zwei Drittel der Infizierten keine Symptome zeigen und auch nicht getestet werden, liege die offizielle Zahl höchstwahrscheinlich viel zu niedrig, meinen sie. Zudem dauerten Testung und Übermittlung mehrere Tage, so dass die Zahlen bei Veröffentlichung eigentlich schon veraltet sind. „Unter Berücksichtigung dieser anlassbezogenen Teststrategie ist es nicht sinnvoll, von einer sogenannten Verdopplungszeit zu sprechen und von dieser Maßzahl politische Entscheidungen abhängig zu machen.“

Wichtig: große Bevölkerungsgruppe testen

Notwendig sei daher, eine große Gruppe der Bevölkerung zu testen, mindestens 10.000, quasi als Momentaufnahme. Ähnlich wurde bei HIV in den 80er Jahren verfahren. Dann wüsste man auch genauer, wie viele Menschen vielleicht schon immun sind. „Es darf nicht vergessen werden: Die erschreckenden Zahlen zum Anstieg der Infizierten werden deutlich relativiert, wenn man die Zahl der Patienten beziehungsweise Personen abrechnet, die die Infektion ohne oder mit beherrschbaren Krankheitszeichen überstanden haben.“

Hier geht's Thesenpapier

Die sechs Autoren

Prof. Dr. med. Matthias Schrappe Universität Köln, ehem. Stellv. Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit

Hedwig François-Kettner Pflegemanagerin und Beraterin, ehem. Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit, Berlin

Dr. med. Matthias Gruhl Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen Hamburg/Bremen

Franz Knieps Jurist und Vorstand des Dachverbands der Betriebskrankenkassen, Berlin

Prof. Dr. phil. Holger Pfaff Universität Köln, Zentrum für Versorgungsforschung, ehem. Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsfonds

Prof. Dr. rer.nat. Gerd Glaeske Universität Bremen, SOCIUM Public Health, ehem. Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit

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