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Pflegekammer Nordrhein-Westfalen

„Wir tauschen uns offiziell mit Kammergegnern aus“

In Nordrhein-Westfalen bringt sich die größte Pflegekammer Deutschlands in Startposition. Die Vorsitzende des Errichtungsausschusses Sandra Postel erzählt, was sie aus dem Scheitern anderer Kammern gelernt hat 

pflegen-online.de: Immer mehr Pflegefachpersonen wollen wegen der Corona-Pandemie ihrem Beruf den Rücken kehren oder haben dies bereits getan. Der International Council of Nurses (ICN) nennt extreme Arbeitsbelastung, mangelnde Ressourcen, Burn-Out und Stress in der Pandemie als Hauptgründe für diesen Exodus. Wird sich dieser Zustand verstärken, wenn die Belastung nicht reduziert wird?

Sandra Postel: Definitiv. Wir sind gerade an einer weiteren Eskalations-Stufe angelangt, wo sich dieser Umstand klar abzeichnet. Beispielsweise haben mir Kolleginnen aus der Altenhilfe berichtet, dass sich der Pflegezustand, mit dem Bewohner nach einem Aufenthalt im Krankenhaus in die stationäre oder ambulante Pflege zurückkehren, massiv verschlechtert hat. Und zwar nicht als Einzelfall, sondern systemisch über alle Kliniken hinweg, mit denen sie zusammenarbeiten. Mittlerweile werden auch massiv elektive Eingriffe, die keine postoperative Intensivpflicht nach sich ziehen, abgesagt, da dringend anästhesiologisches pflegerisches Fachpersonal auf neueingerichteten Corona-Intensivstationen eingesetzt werden muss.

Aktuell spüren wir, dass sich in der Pflegequalität Einiges zum Schlechteren bewegt, weil die Pflege schlicht nicht mehr die pflegerische Leistung erbringen kann, für die sie eigentlich stehen will. Das hat sicherlich mit der Belastung zu tun. Und das wirkt sich selbstverständlich auf die Berufszufriedenheit aus, wenn ich meine Patienten und Bewohner nicht mehr so pflegen kann, wie es erforderlich wäre. 

Das ist eine Entwicklung, die wir seit etwa zehn bis 15 Jahren auf uns zurollen sehen. In der anhaltenden Pandemie-Phase verstärkt sich dieser Aspekt nochmals. Gleichsam stagniert die dringend erforderliche Umsetzung von entlastenden Neuerungen, weil wir ausgelaugt sind. Ich denke da an den Bereich der Digitalisierung. Wir sind als Berufsgruppe Pflege auf einem sehr niedrigen Niveau angelangt. Das muss sich dringend ändern: Die Pflege muss gepflegt werden!

„Mehr Geld“ kommt ja beinahe schon reflexartig als Antwort, wenn nach Möglichkeiten gesucht wird, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Reicht mehr Geld allein aus, Frau Postel?

Sicherlich nicht, aber ich halte das Gehalt dennoch für einen sehr wichtigen Aspekt. Es ist erforderlich, dass wir auf die vielfach geforderten 4.000 Euro Einstiegsgehalt kommen. Für Menschen, die mit weniger Arbeitszeit zurechtkommen wollen, müssen Arbeitszeitverkürzungen möglich sein. Aber auch dafür braucht es ein höheres Grundgehalt. 

Die Pflege braucht außerdem gute Demografie-Ansätze, damit ältere Kolleginnen und Kollegen entlastet werden, beispielsweise beim Schichtdienst. Ausgleichen können solche Maßnahmen aber nur zusätzliche Pflegefachpersonen.

Wir müssen den Beruf attraktiver machen, ja. Ich setze den Fokus dabei aber ganz deutlich auf eine bessere Vergütung. Keine Pflegefachperson hat sich entschieden, wegen des Geldes in den Beruf zu gehen, aber wir brauchen eine deutlich bessere Bezahlung, um ihn langfristig attraktiv zu halten.

Bisher ist es noch recht ruhig um die Pflegekammer in NRW. Trügt der Schein? Wie weit ist der Errichtungsausschuss?

Jetzt am Anfang steht der reibungslose Aufbau der Pflegekammer im Mittelpunkt, damit wir durch die Registrierung der rund 200.000 Pflegefachpersonen über tatsächliche und damit aussagekräftige Zahlen, Daten und Fakten verfügen können. Bisher gibt es nur Schätzungen, wie viele Pflegefachpersonen in NRW in welchem Setting arbeiten. Mit validem Datenmaterial können wir deutlich darauf hinweisen, wo wir etwa in der Fachkräftesteuerung auf regionaler Ebene in die Diskussion einsteigen müssen. Das steht im Vordergrund.

Wir haben aber auch gleich zu Beginn des Errichtungsausschusses eine Arbeitsgruppe “Politische Agenda” gebildet, weil uns bewusst ist, dass wir sofort politische Impulse setzen müssen. Die politische Arbeitsgruppe hat eine Prioritätenliste erstellt, und da steht Refinanzierung, die es ja für eine Anhebung der Gehälter braucht, momentan ganz oben. Wir haben also bereits mit der politischen Arbeit begonnen, in dem wir an aktuellen Themen, Aufgaben und Sachständen umfänglich arbeiten und sie miteinander diskutieren, um uns als Errichtungsausschuss eine übereinstimmende Meinung zu bilden.

Dieser Umstand ermöglicht es uns bereits jetzt, in einen intensiven Austausch mit dem Gesundheitsministerium NRW und dem NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann einzusteigen. Wir haben als Errichtungsausschuss bereits drei aktuelle Stellungnahmen abgegeben. Da ging es natürlich um Corona-Themen wie Teststrategien und Impfungen. Wir haben aber auch von Anfang klar gemacht, dass Pflege mit an die Krisentische muss. Ferner sind wir mit der Kassenärztlichen Vereinigung im Austausch, damit wir sichtbar für die Pflege agieren können. Da wir als Errichtungsausschuss aber noch nicht demokratisch mandatiert sind, gibt es weder Pressemitteilungen noch öffentliche Verlautbarungen. Wir arbeiten nach innen. Und das sehr intensiv.

Wann wird die Pflegekammer nach außen sichtbar, wann wird man die neue Stimme der Pflege in Nordrhein-Westfalen nicht mehr ignorieren können?

Das geschieht in verschiedenen Phasen. Richtig sichtbar werden wir, wenn die Pflegekammer demokratisch legitimiert ist. Das wird im März 2022 der Fall sein. Bis dahin gibt es unterschiedliche Phasen des Aufbaus. Die Registrierungsphase der Mitglieder hat bereits begonnen. Dafür haben wir in dem für den Registrierungsprozess üblichen Verfahren jetzt die rund 13.000 Arbeitgeber in NRW angeschrieben, zusätzlich mit einem Magazin informiert und sie gebeten, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die erforderlichen Meldungen zu registrieren.

Schritt für Schritt gehen wir jetzt auch an die Öffentlichkeit, da nun auch unser Kommunikationskonzept steht. Wir starten mit einer Kampagne am 12.Mai!

Als Vorsitzende des Errichtungsausschusses besteht für Sie die Chance, Impulse zu setzen. Ihre Erfahrungen als Vizepräsidentin der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz helfen Ihnen dabei sicher. Was machen Sie anders, wie gehen Sie mit Kammergegnern um?

Es gibt drei große Bereiche, die wir für unsere Arbeit im Errichtungsausschuss identifiziert haben: Was brauchen wir an politischem Rückhalt? Was brauchen wir an besserer Struktur und Prozessen? Wie müssen wir auf unsere Kollegen zugehen?

Mit den Kammergegnern zu sprechen, ist selbstverständlich. Aber wir wollen mehr. Wir wollen eine Plattform für alle Pflegefachpersonen in Nordrhein-Westfalen bilden, viel stärker sichtbar sein und uns der Diskussion stellen.

Das tun wir aktuell mit dem ‚Kammerdialog‘, der bereits dreimal durchgeführt wurde. Dieses Format ist ein Paradigmenwechsel, denn wir organisieren diesen Austausch mit den Kammergegnern gemeinsam. ‚Zuhören, Verstehen, Akzeptieren‘ sind die Leitlinien, die wir uns dafür selbst gegeben haben. Die Kammerskeptiker sind Teil der Organisationsgruppe. Wir treffen uns einmal wöchentlich, um die öffentlichen Kammerdialoge gemeinsam vorzubereiten. Bei diesen Treffen vertreten beide Seiten sachlich, aber teilweise auch sehr deutlich, ihre Standpunkte. Aber auch hier gilt für uns: Zuhören, Verstehen, Akzeptieren. Wir pflegen einen sehr wertschätzenden Umgang miteinander, denn auch die Kammergegner investieren ja ihre freie Zeit, um diese Veranstaltungen mit vorzubereiten. Davor habe ich großen Respekt.

Schon jetzt ist klar, dass wir aus den Themen lernen, die uns die Kammerkritiker mitgegeben haben. So besteht beispielsweise bei den Pflegefachpersonen die Sorge, dass es zu einer Zusatz- und Doppelbelastung kommt im Bereich der Fortbildung. Auch wird die Berufsordnung als Reglementierung im negativen Sinne wahrgenommen. Dieses Wissen ist hilfreich, um besser zu kommunizieren.

In Schleswig-Holstein haben die Mitglieder jüngst für die Auflösung der Heilberufekammer gestimmt. Hat das Auswirkungen auf Nordrhein-Westfalen? 

Ja, das Votum in Schleswig-Holstein und auch die Auflösung der Kammer in Niedersachsen  sind ein herber Rückschlag für die Kammerbewegung. Es wäre eine vertane Chance, wenn wir nicht auf das Ergebnis in Schleswig-Holstein reagieren würden. Ich werde bei uns im Land mit unseren Mitgliedern diskutieren, was wir anders machen müssen, damit es eine hohe Akzeptanz der Kammer gibt. Wir sind gefühlt zehn Jahre zu spät mit der ganzen Kammeridee. Wenn die Politik die Selbstverwaltung in eine Berufsgruppe geben will, und man wartet so lange bis die Berufsgruppe quasi selbst auf „Intensiv“ liegt, dann vertraut diese Berufsgruppe noch nicht einmal mehr sich selbst, ob sie dieser Aufgabe gewachsen ist.   

Natürlich müssen wir in Nordrhein-Westfalen auch über Finanzierungsmodelle sprechen. Was will die Pflege in ihrer Selbstverwaltung als Interessenvertretung selbst finanziert sehen? Wo gibt es Aufgaben, die wir für die Gesellschaft tun? Das ist eine Diskussion, der müssen wir uns, der muss ich mich stellen hier in Nordrhein-Westfalen.

Allerdings gibt es in NRW durch eine repräsentative Umfrage ein sehr klares Votum der Pflegefachpersonen, dass sie eine Interessenvertretung wollen. Ich vermute, wenn in Schleswig-Holstein die Frage nach einer Interessenvertretung statt nach einer Pflegekammer gestellt worden wäre, wäre das Ergebnis anders ausgefallen.   

Darüber hinaus ist es ja gut und schön von der Politik, die Berufsgruppe zu fragen, ‚Wollt ihr das machen oder nicht?‘ Aber ich hätte auch gern die gesellschaftliche und politische Übereinkunft, dass Pflege so wichtig ist, dass man sie aus diesem Grund selbstbestimmt einbinden möchte. Aus meiner Sicht muss die Frage mit einer Bitte einhergehen. Nämlich: ‚Wir wollen, dass die Pflege über sich selbst bestimmen kann und damit unsere Versorgungssicherheit sicherstellt‘. Dieses Signal haben wir in NRW stark, in Niedersachsen habe ich es klar vermisst und in Schleswig-Holstein scheint es ebenfalls nicht sonderlich ausgeprägt gewesen zu sein.

Worauf dürfen sich die Mitglieder der größten Pflegekammer Deutschlands freuen?

Mit rund 200.000 Mitgliedern wird die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen die größte Heilberufskammer Deutschlands sein. Jede Pflegefachperson, die in NRW lebt und eine Berufserlaubnis trägt, ist per se Pflichtmitglied und darf sich auf eine starke Interessenvertretung freuen, die von der Politik gehört wird.

Die Mitglieder dürfen sich auch freuen auf kontroverse Diskussionen, die wir als ‚Runde Tische’ organisieren werden, beispielsweise mit Kostenträgern und mit Arbeitgebern.

In erster Linie dürfen sich die Mitglieder freuen, dass die Pflegekammer in Nordrhein-Westfalen eine sehr, sehr starke Stimme für die Pflege sein wird. 

Über Sandra Postel

Die Vorsitzende des Errichtungsausschusses der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen war von 2016 bis 2020 Vizepräsidentin der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz. In der Marienhaus Holding GmbH (Waldbreitbach in Rheinland-Pfalz) leitet Sandra Postel den Geschäftsbereich der Bildungseinrichtungen und der Stabsstelle Pflege. Die 46-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin hat Pflegepädagogik und Pflegewissenschaften studiert.

Interview: Kerstin Werner

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Foto: Jan Antonin-Kolar/Unsplash 

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