Fachkräftemangel

„Wir sind auf Ausländer angewiesen"

Überall fehlen Pflegekräfte. Ugur Cetinkaya (Foto) von SenVital hat für ein Pflegeheim im Bayrischen Ruhpolding eine ganz eigene Lösung gefunden.

Inhaltsverzeichnis

Als Ugur Cetinkaya vor etwa zweieinhalb Jahren nach Ruhpolding kam, war die Lage ziemlich ernst. Die MDK-Noten des SenVital Senioren- und Pflegezentrums, das der 30-Jährige als Residenzleiter übernahm, waren schlecht, neben einer einzigen eigenen Pflegekraft betreuten fast nur Leiharbeitnehmer die Bewohner. „Das hat monatlich rund 100.000 Euro gekostet“, sagt Cetinkaya: „Das Haus stand kurz vor der Schließung.“ Doch der Pflegemanager hat ein neues Führungsteam gebildet und das Blatt gewendet – mit einer Doppelstrategie.

Größter Ausbilder in Ruhpolding

Seit seinem Start in dem Heim am Rathausplatz setzt Cetinkaya konsequent auf Ausbildung. Lernten dort 2014 noch zwei Pflegefachkräfte, sind es heute zehn. „In diesem Jahr haben wieder vier neue Auszubildende begonnen, damit sind wir der größte Ausbilder in der Gemeinde Ruhpolding“, betont der Heimleiter. Das Besondere: Acht der jungen Leuten kommen aus dem Ausland – genau wie die meisten Pflegekräfte, die heute in Ruhpolding arbeiten. Sie wurden gezielt angeworben – das ist Teil zwei der Strategie.

Rund-um-Service für die Neuen aus Osteuropa

Mittlerweile zählt das 140-Betten-Haus 90 Mitarbeiter, und 80 Prozent von ihnen sind Ausländer, sagt Cetinkaya, der selbst türkische Wurzeln hat. Sie kommen aus Polen und Serbien, Rumänien, Ungarn und Bosnien. Um sie zum Wechsel in den 7000 Einwohner zählenden Kurort am Fuße der Chiemgauer Alpen zu bewegen, schnürt Cetinkaya ihnen ein All-Inklusive-Paket und baut dabei auf sein örtliches Netzwerk. Das Unternehmen kümmert sich um eine Wohnung, die es mietet oder vermittelt, und hilft bei allen Behördengängen, vom Landratsamt über Krankenkasse und Bank bis hin zum Finanzamt. Dafür hat der Heimleiter extra einen Mitarbeiter abgestellt, und das zahlt sich offenbar aus. Selbst von der Konkurrenz seien drei ausländische Kollegen nach Ruhpolding gewechselt, sagt Cetinkaya: „Weil wir uns um alles kümmern.“

Deutsch wird im Goethe-Institut gelernt

Dazu gehören auch Deutschkurse, die zunächst direkt im Haus liefen und mittlerweile am Goethe-Institut stattfinden. Das Unternehmen trägt die Kosten und garantiert, dass der Dienstplan immer Zeit für die Teilnahme lässt. Darüber hinaus gilt es, „eine Brücke zwischen den Pflegekulturen zu bauen“, beschreibt der Heimleiter. Die Kollegen, die kommen, haben meist fünf Jahre studiert, „aber eine grundpflegerische Ausbildung haben sie nicht“, sagt Cetinkaya, „praktisch mussten und müssen sie sehr viel lernen“.

Das alles sei „mega-aufwendig“, betont der 30-Jährige, „aber es würde das Haus nicht mehr geben, wenn wir das nicht gemacht hätten“. Zwar dauere es bis zum Return-on-Investment mindestens zwei Jahre, doch „um dem Unternehmen das Überleben zu sichern, sind wir auf Ausländer angewiesen, und wir müssen investieren“, ist Cetinkaya überzeugt.

Victor's Unternehmensgruppe investiert

Für das Heim war die Doppelstrategie ein Glücksfall – allerdings nur möglich, weil der Heimleiter auf die Ressourcen der Victor’s Unternehmensgruppe (Umsatz: 600 Millionen Euro) bauen konnte. Zu der gehören sein Zentrum und die übrigen sieben SenVital-Einrichtungen seit 2014, und deren Abteilung Human Resources International (HRI) zog alle Fäden und übernahm die Formalitäten. Das HRI-Team arbeitet für alle bundesweit 120 Pflege- und Wohneinrichtungen (rund 19.000 Plätze). Neben den SenVital-Häusern zählen auch die Pro Seniore Residenzen dazu sowie ambulante Dienste, 13 Hotels und weitere Dienstleister.

Stichwort Erwartungsmanagement

2014 gegründet, ist die HRI-Abteilung mittlerweile auf fünf Mitarbeiter gewachsen, die im Ausland mit großem Aufwand Beschäftigte und Auszubildende gewinnen und betreuen. „Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf dem Gesundheitsbereich“, sagt Linda Ostermann, die das HRI-Team des Familienunternehmens leitet. Ihr Schwiegervater Hartmut Ostermann hat die Gruppe vor 40 Jahren gegründet, Ehemann Falk gehört zur SenVital-Geschäftsführung. Um passende Bewerber zu finden, gelte es neben den Fachkenntnissen auch andere Faktoren zu berücksichtigen, sagt Ostermann – etwa ob es jemanden in eine Stadt ziehe oder der Bewerber mit Familie nach Deutschland wechselt. Hinzu komme „ein gutes Erwartungsmanagement“. Wenn sich jemand etwa wegen des vergleichsweise hohen Gehalts für Deutschland interessiere, müsse er auch wissen, „dass die Mieten hier deutlich höher sind. Grundsätzlich bereiten wir die Kandidaten schon früh darauf vor, wie es hier eigentlich ist.“

Immer mehr Anfragen von den Phillipinen

Passt alles, sorgt ihr Team dafür, dass die zukünftigen Fachkräfte möglichst schon in ihren Herkunftsländern sprachlich und fachlich qualifiziert werden, kümmert sich um die Anerkennungsverfahren, unterstützt im Umgang mit Behörden und hilft bei den Visa-Anträgen. Denn zunehmend kommen die Bewerber „nicht mehr nur aus der Europäischen Union, sondern aus aller Welt“, erklärt Ostermann. Viele Kandidaten findet sie in Bosnien, Serbien und der Ukraine, aber auch von den Philippinen erreichen sie zahlreiche Anfragen. „In einigen Ländern ist das schon fast ein Selbstläufer, unser Angebot spricht sich rum “, sagt die HRI-Leiterin.

Victor's beschäftigt Integrationsbeauftragte

Im laufenden Jahr liege die Zahl der allein von ihrer Abteilung betreuten neuen Mitarbeiter im dreistelligen Bereich, sagt Ostermann, „und 2018 werden wir das voraussichtlich verdreifachen“. Damit sich der Aufwand langfristig lohnt, hört ihre Arbeit nicht auf, wenn die neuen Kollegen in Deutschland sind. „Wir sorgen für eine umfassende Begleitung der Mitarbeiter und beraten und unterstützen auch unserer Führungskräfte in den Residenzen“, betont Ostermann. Schließlich sollen die Fachkräfte an ihren Einsatzorten zufrieden sein. „Das Beste ist, von sich selbst auszugehen und sich zu fragen: ‚Was würde ich mir wünschen, wenn ich im Ausland neu starten würde’“, sagt Ostermann. In einigen Bundesländern helfen spezielle Integrationsbeauftragte, wenn es etwa um die Wohnungssituation, Behördengänge oder eine Nach-Qualifizierung geht. Zukünftig will Ostermann dieses Angebot auch auf weitere Bundesländer ausweiten.

„Deutschland blockiert sich teilweise selbst"

Auch wenn die HRI-Kollegen passende Mitarbeiter gefunden haben: Heimleiter wie Ugur Cetinkaya müssen oft lange warten, bis die dringend erwarteten Kollegen antreten dürfen. „In einigen Ländern haben die deutschen Botschaften einfach keine Termine, bei denen die Kandidaten für ihr Visum vorsprechen müssen“, klagt Linda Ostermann. Das sei die größte Herausforderung – „teilweise verstreichen deshalb Monate“. Zudem sei mitunter nicht nachvollziehbar, warum Visa trotz vollständiger Unterlagen und der Zusage eines Arbeitsplatzes abgelehnt würden, und hinzu komme die schlechte Erreichbarkeit einiger Ausländerbehörden in Deutschland. „Wir arbeiten gemeinsam an Lösungen“, sagt Ostermann, „aber man muss sich schon fragen, warum sich Deutschland da teilweise selbst blockiert.“

Fachschule für internationalen Pflegenachwuchs

Parallel zu ihren Auslandsprojekten hat die Victor’s Unternehmensgruppe die Ausbildung forciert. Das Familienunternehmen betreibt die Pro Seniore Fachschule für Altenpflege in Friedenweiler in Baden-Württemberg und hat 2016 zudem die Europäische Fachschule für Altenpflege (EFSA) im saarländischen Quierschied gegründet. Die EFSA richtet sich speziell an den internationalen Pflegenachwuchs und bekommt zunehmend Initiativ-Bewerbungen, wie Linda Ostermann versichert. Abbrecher gebe es bislang keine.

„Alle ausländischen Kollegen sind noch bei uns"

Auch Ugur Cetinkaya betont: „Alle ausländischen Kollegen sind noch bei uns. Nur eine Pflegerin ist innerhalb der Gruppe gewechselt, um näher bei ihrer Familie zu sein.“ Sein Credo für Wertschätzung sieht er bestätigt – genau wie sein Engagement, wenn es um Teambuilding in Ruhpolding geht. „Ehrliche Loyalität kann man sich nicht kaufen“, ist der Pflegemanager überzeugt. Zwar bekommen alle Kollegen das gleiche Gehalt, versichert er, doch liege der Lohn unter dem, was die tarifgebundene Konkurrenz zahle.

Den Einsatz von Zeitarbeitnehmern jedenfalls hat Cetinkaya auf ein Minimum reduziert. Und er will weitere ausländische Mitarbeiter engagieren. „Ich könnte auf einen Schlag sechs neue Kollegen einstellen.“

Autor: Jens Kohrs

Foto: privat

Pflege und Management

Bewegung beim Gehalt: Erhalten Sie auch mehr Geld?

Bei der Bezahlung und den Tarifverträgen für Pflegekräfte bewegt sich was. Die Diakonie zahlt jetzt bundesweit 2,7 Prozent mehr, das Gehalt in der Uni-Klinik Leipzig steigt um7,3 Prozent, der Pflegemindestlohn wird 2018 auf 10,55 Euro im Westen und 10,05 Euro im Osten angehoben. Und Bremen wertet die Altenpflege mit einem trägerübergreifenden Tarifvertrag auf.

Pflegefachkraft

Was Pflegekräfte in Deutschland verdienen

Noch immer wird in Westdeutschland deutlich mehr gezahlt als in den neuen Bundesländern – und die Altenpflege hinkt der Krankenpflege bei den Löhnen weiter hinterher. Das geht aus dem Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit hervor.

Pflege und Praxis

Interdisziplinäres Teamwork macht's möglich

Die Hamburger Bloggerin Kati Borngräber begleitet Fachkräfte auf die internationale Studienreise „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus“ nach Norwegen. Ihren täglichen Berichte gibt es hier auf pflegen-online.de. Heute: Erkenntnisse am Ende der Reise.

Serie Soft-Skills

Tipp 23: Arztbesuch im Heim - 6 Regeln für die Vorbereitung

Lassen Sie sich vom Arzt nicht einschüchtern. Aber: Nehmen Sie den Arztbesuch auch nicht zu locker. Je besser Sie sich vorbereiten, desto reibungsloser wird es laufen.