pflegen-online: Auf der Website des Frauennetzwerks „Top-Management Pflege“ und auf pflegen-online ist kürzlich ein Porträt über Sie erschienen, in dem sie zitiert werden mit den Worten: „Es ist wahnsinnig schwer, hier an die richtigen Stellen zu kommen, in Spitzenpositionen also, wo man wirklich etwas gestalten kann. Zumindest, wenn man sich nicht anbiedern möchte.“ Das hat mich sehr überrascht, ich hätte gedacht, dass es kaum mehr eine Rolle spielt, ob jemand aus so dem Osten oder aus dem Westen kommt.
Lissy Nitsche-Neumann: Es ändert sich gerade, ich habe den Eindruck, dass sich doch mehr und mehr Ostfrauen Führungspositionen weiter oben erobern. Aber das ist wirklich noch relativ neu. In den Neunzigerjahren war schlichtweg alles, was aus dem Osten kam, stigmatisiert und verpönt. Hohe Leitungspositionen im Osten wurden fast immer von Westdeutschen besetzt.
Als ich 2001 mit dem Studium fertig war, war es schwierig für mich in Schlüsselstellen zu kommen. Diese Situation beginnt sich wirklich jetzt erst zu ändern. Dass es so lange gedauert hat, hat natürlich auch mit unserer Ost-Mentalität zu tun. Wir haben nicht diesen unbedingten Aufstiegswillen und die Ellbogenmentalität, wir sehen auch immer die Menschen auf der anderen Seite, die vielleicht auch vorankommen möchten beziehungsweise über die man nicht einfach hinweg gehen möchte.
Gegenüber dem Frauennetzwerk sagen sie: „Wir fragen eher dreimal, und zwar unabhängig vom Geschlecht: Oh, traue ich mir den Posten wirklich zu?“ Aber gerade in der Pflege haben Sie den Kolleginnen und Kollegen im Westen doch etwas voraus. Im Osten war und ist es meistens immer noch selbstverständlich, dass dreijährig ausgebildete Pflegekräfte viel mehr medizinnahe Tätigkeiten ausführen wie Blut abnehmen und intravenös spritzen ….
… ja, wir durften deutlich mehr, das gehörte zu unserem Selbstverständnis. Auch bei intravenösen Gaben über den Port oder das Anhängen einer Chemotherapie gab und gibt es keine Diskussionen. Die Zusammenarbeit mit den Ärzten funktionierte ebenfalls gut, wenn vielleicht auch nicht überall. Ich habe auf einer Krebsstation gearbeitet, da wurde durchaus auf Augenhöhe zusammengearbeitet. Pflegefachkräfte können auch heute sehr viel, dürfen aber wenig.
Ich bin übrigens auch überzeugt, dass es für den Pflegeberuf ein richtiger Weg ist, sich der Medizin gegenüber nicht zu verschließen. Es steigert die Attraktivität für den Nachwuchs, wenn Pflegfachkräfte neben rein pflegerischen Tätigkeiten auch medizinnahe Tätigkeiten ausführen können. Als junge Pflegefachkraft macht man Dinge wie Fäden ziehen und das Assistieren bei kleinen Eingriffen doch gern. Der Wert der pflegerischen Beziehung wird einem oft erst später bewusst.
Aber ehrlich gesagt, halten wir meines Erachtens auch international nicht mit, wenn wir zwischen Pflege und Medizin so strenge Grenzen ziehen. Die medizinnahen Tätigkeiten sind ein Thema, das wir unbedingt klären müssen, egal, ob nun über Delegation oder Substitution. Letzteres wäre mir natürlich lieber.
An der pflegerischen Kompetenz liegt es also keinesfalls, dass Pflegekräfte aus dem Osten eher zurückhaltend auftreten. Die Stigmatisierung aus Neunzigerjahren, die sie angesprochen haben, dürfte sich doch inzwischen verflüchtigt haben. Tritt die Generation, die Mitte und Ende der Achtziger gerade geboren wurde, nicht schon ganz anders auf?
Sicherlich, die heute 30- bis 35-Jährigen haben ein ganz anderes Selbstbewusstsein als ich, die 1974 geboren wurde und sich unter kritischen Blicken beweisen musste. Sie schlüpfen nicht mehr in die Aufopferungsrolle und können deutlich besser reflektieren – sie fragen sich: Was will ich? Und: Wie komme ich dahin? Aber sie tun das noch nicht mit diesem Selbstbewusstsein vieler Westdeutscher. Sie haben die DDR zwar nicht mehr erlebt, sie sind aber in einer Atmosphäre aufgewachsen, in die die Ost-Mentalität noch hineinstrahlte. Anders ist es bei den ganz Jungen, die Anfang 20 sind. Die treten bisweilen sehr selbstsicher auf und äußern ihre Wünsche – flexible Arbeitszeiten, Einsatzbereich etc. – klar und deutlich.
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Was würden Sie weniger jugendlichen Pflegekräften raten, die nicht von Natur aus selbstbewusst sind?
Ich würde ihnen raten, ihre Situation und ihr Karrierestreben zunächst gut zu prüfen und abzuwägen. Das klingt vielleicht wieder ein wenig nach Ost-Mentalität, aber die ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Es bringt doch nichts, gegen seine Natur zu handeln und wild vorzupreschen. Man muss sich wohlfühlen mit dem eigenen Vorgehen und bei sich bleiben. Das heißt nicht, dass man kein Selbstbewusstsein hat. Aber man kann Dinge abstecken, ohne die Ellenbogen auszufahren. Ich habe bei der AWO zum Beispiel erstmals mein Gehalt verhandelt, indem ich eine höhere Einstufung aufgrund meiner Qualifikationen und Berufserfahrung ins Spiel brachte. Die Eingruppierung ist nach Tarif festgelegt.
Ein Angebot im Sozialministerium zu arbeiten, habe ich 2020 abgelehnt, weil ich als Sachbearbeiterin eingestuft worden wäre. Nur weil ich keinen universitären Hochschulabschluss habe. Ist denn mein FH-Abschluss in Pflegewissenschaften und -management mit diesen Berufserfahrungen und Kompetenzen weniger wert und soll Sachen bearbeiten? Nein! Diese Art Selbstbewusstsein meine ich, wir sollten uns noch mehr trauen und auch mal Risiken eingehen.
Natürlich ist gerade bei uns Ostfrauen das Sicherheitsbedürfnis sehr ausgeprägt, weil viele der Elterngeneration der Siebzigerjahre ihre nackte Existenz nach der Wende auf den Kopf gestellt sahen. Schließlich ist der Sinn ihrer Arbeit über Nacht weggebrochen, ihre Werte, ihre Strukturen. Das prägt. Aber gerade wir Pflegefachkräfte können jetzt selbstbewusst auftreten: Wir haben keine wirtschaftlichen Unsicherheiten mehr zu befürchten: Wir sind begehrt und finden immer Arbeit – die meiste Zeit sogar in den Bereichen, die uns am besten gefallen.
Interview: Kirsten Gaede