Corona-Pandemie

„Wir brauchen regelmäßige Tests für Klinik-Personal!“

Im Interview mit pflegen-online erklärt Hedwig François-Kettner, ehemalige Charité-Pflegedirektorin und Expertin für Patientensicherheit, was in Zeiten von Corona dringend zu tun ist

Inhaltsverzeichnis

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Frau François-Kettner, warum ist das Corona-Virus plötzlich so viel brisanter für die Arbeit von Pflegekräften? War man im Umgang mit nosokomialen Infektionen und scheinbar harmloseren Infektionskrankheiten mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für besonders schutzbedürftige Patienten und Bewohner nicht schon früher nachlässig? So heißt es in einer Pressemitteilung des Robert Koch-Instituts vom 15. November 2019, dass sich schätzungsweise bis zu 600.000 Patienten jedes Jahr während eines Krankenhausaufenthaltes infizieren und 20.000 davon sterben.

Hedwig François-Kettner: Durch das Coronavirus erlebt man eine Dimension der Ansteckungsgeschwindigkeit, für die es weltweit keinen Vergleich gibt. Jeder Einzelne ist plötzlich gefordert, den Alltag komplett neu zu überdenken und zu organisieren. Jetzt wird spürbar, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden und die Verantwortlichen zu wenig dafür getan haben, auch die allgemeine Bevölkerung von der Bedeutung genereller Hygieneschutzmaßnahmen zu überzeugen und entsprechende Regeln einzuhalten.

Dafür braucht es eine breite, fachgerechte und verständliche Aufklärung der Bevölkerung und sinnvolle und einfache Handlungsempfehlungen für den Alltag. Bundesweit sind Programme für ein anderes Hygieneverständnis – auch in Familie, Kitas, Schulen – längst überfällig, um Ansteckungsrisiken zu reduzieren. Wir werben im Aktionsbündnis Patientensicherheit zum Beispiel seit Gründung im Jahre 2005 um gründlichere Händehygiene. Vielleicht öffnet diese Krise jetzt doch mehr Menschen die Augen!

pflegen-online: Durch Personalmangel und hohe Arbeitsauslastung haben wir im Gesundheitswesen einen hohen Grad an Präsentismus – Pflegekräfte gehen auch dann arbeiten, wenn die Gefahr einer Ansteckung für besonders Schutzbedürftige besteht. Birgt das Coronavirus hier nicht besondere Gefahren?

Mehr denn je gilt heute, sich in der Anwendung von Hygienemaßnahmen professionell zu verhalten und Übertragungsrisiken zu minimieren, das heißt: Wenn man selbst krank ist oder entsprechende Anzeichen hat, sollte man ganz klar zuhause bleiben, sich und andere – auch Kolleginnen und Kollegen – damit unbedingt schützen.

Und umgekehrt: Jede Fachkraft, die in einem Gesundheitsberuf arbeitet, weiß um eigene Infektionsrisiken in diesem beruflichen Umfeld und hat trotzdem diesen Beruf gewählt – ein Glück, dass es diese Menschen gibt! Wenn es also immer wieder heißt, dass es keinen ausreichenden Nachschub bei Mundschutz oder zu wenig Infektionsschutzmittel in Einrichtungen des Gesundheitswesens gibt, ist das nicht zu tolerieren!

Welche konkreten Maßnahmen empfehlen Sie jetzt, um vermeidbare Übertragungen des Coronavirus im Gesundheitswesen zu stoppen?

Meines Erachtens wären regelmäßige Tests bei Personal und Patienten erforderlich.

In der Charité haben wir zum Beispiel gute Erfahrungen damit gemacht, in Intensivbereichen jeden Patienten generell wie einen infektiösen Patienten zu behandeln: Damit steigt das Risikobewusstsein, und Personal, Patienten und Besucher verhalten sich problembewusster. Ich bin davon überzeugt, dass unnötige Ansteckungen dadurch vermieden werden können. Doch ist ein solches Vorgehen auch nur dann möglich, wenn alle Gesundheitseinrichtungen tatsächlich dafür notwendigen Mittel umfassend und ohne personelle, bürokratische und instrumentelle Engpässe zur Verfügung stellen. Hier ist auch die Politik gefragt, die entsprechende Infrastruktur sicherzustellen.

Wie stehen Sie zur Lockerung der Quarantäne-Vorgaben für Pflegekräfte und anderes Gesundheitspersonal, wie dies einige Kliniken, zum Beispiel die Universitätsklinik in Aachen für ihre Neugeborenen-Station, bereits tun?

Unter der Voraussetzung einer unbedingten Verfügbarkeit von Materialien zum eigenen und zum Fremdschutz finde ich dieses Vorgehen angemessen. Denn wenn alle Fachkräfte, die in Kontakt mit infektiösen Patienten gekommen sind, sich in Quarantäne begeben – wer wäre dann noch da? Der Personalmangel würde verschärft und die Patientenversorgung hochgradig gefährdet. Wir brauchen also unbedingt diese professionellen Schutzmaßnahmen.

Und ganz wichtig, wie gesagt: Wir brauchen außerdem einen unkomplizierten Zugang zu Testmöglichkeiten – auch für das Personal und seine Kinder.

Entsprechende Materialien, wie Mundschutz und Infektionsschutzmittel, müssen gut verfügbar sein, die Handhabungen dazu selbsterklärend einfach ausgeführt werden können. Inwieweit sich mit den strengen Quarantänevorgaben die Pandemie wirklich eindämmen lässt, wenn man sonst „ungeschützt“ in einem Lebensmittelladen herumspaziert scheint mir jedoch fraglich.

Welche Grundausstattung sollte im Umgang mit dem Coronavirus und generell im Umgang mit nosokomialen Infektionen und anderen infektiösen Erkrankungen in Kliniken und Senioreneinrichtungen grundsätzlich vorgehalten werden?

Das Allerwichtigste ist zuerst einmal – und spätestens jetzt – ausreichend Personal im Versorgungsalltag vorzuhalten. Notfalls muss auch auf Reserven zurückgegriffen werden: auf vorgezogene Praxiseinsätze von Schülern, Einsatz von Pflegepädagogen, Qualitätsmanagern und Praxisanleitern, die ansonsten überwiegend theoretisch arbeiten.

Es muss unbedingt genügend Zeit zur Verfügung stehen, damit alle Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen – zum Fremd- und Eigenschutz – problemlos und professionell durchgeführt werden können.

Halten Sie es für ratsam, Familienmitglieder und Freunde von Patienten und Bewohnern in stationären Einrichtungen zu bitten, von nicht notwendigen Besuchen abzusehen, wie dies vielerorts inzwischen praktiziert wird?

Es gibt Patienten und alte Menschen, die unsere unmittelbare Präsenz und Unterstützung dringend benötigen. Daher schätze ich generelle Besucher-Stopps als bedenklich ein. Es drohen Vernachlässigung und unverständliches Fernbleiben bisher naher Bezugspersonen. Es müssen andere Maßnahmen greifen – immer unter Vorgabe und Umsetzung höchstmöglicher Schutzmaßnahmen.

Braucht es jetzt nicht eine Wende in der Daseinsfürsorge generell?

Regierungsseitig wünsche ich mir wohldurchdachte Maßnahmen. Der Föderalismus ist in der derzeitigen Lage meines Erachtens nicht angemessen, wenngleich bestimmte Regionen unterschiedliche Anforderungen haben können. Außerdem ist die Sicht auf Maßnahmen der allgemeinen Daseinsfürsorge prinzipiell neu zu denken. Unser Leben muss wieder mehr von Werten wie Nachhaltigkeit, Respekt vor dem Leben und der Gesundheit bestimmt werden. Die Orientierung an reiner Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen ist schlicht falsch und muss zwingend korrigiert werden.

Pflegekräfte in allen Bereichen sind nun sehr gefordert. Welche ausgleichenden Maßnahmen sollten denn in dieser herausforderungsvollen Zeit ergriffen werden?

Einrichtungen sollten noch mehr als bisher auf Regelmäßigkeit in Dienstplänen und ausreichenden Freizeitausgleich achten. Eine bestmögliche Unterstützung im Alltag kann außerdem in wertschätzenden Kurzbesuchen des Managements, administrativen Erleichterungen und gesunden Ernährungsangeboten bestehen.

Für die Mitarbeiter selbst gilt noch mehr als bisher, im Freizeitverhalten auf die elementaren Dinge zu achten, wie genügend Schlaf, gesunde Ernährung und ausreichend Flüssigkeit.

Interview: Melanie Klimmer

Hedwig François-Kettner

Die ehemalige Pflegedirektorin der Charité ist für Krankenhäuser und Pflegeheime eine begehrte Ansprechpartnerin, vor allem, wenn immer es um Fragen der Patientensicherheit geht. Schließlich war die heutige Beraterin bis vor kurzem viele Jahre Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Außerdem gehörte Hedwig François-Kettner dem Präsidium des Deutschen Pflegerates an.

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