Claus Fussek im Interview

„Wir brauchen eine Art #MeToo in der Altenpflege“

Pflegekritiker Claus Fussek nimmt auch in unserem Interview kein Blatt vor den Mund: Pflegeheime sind rechtsfreie Räume, Pflegekräfte viel zu oft opportunistisch und Kirchenvertreter unerträglich schweigsam

Inhaltsverzeichnis

pflegen-online: Was schätzen Sie: Wie viele Pflegeheime arbeiten zugewandt und bewohnerorientiert?

Claus Fussek: Diese Frage kann ich nicht zufriedenstellend beantworten. Seit vielen Jahren erhalte ich aus der gesamten Bundesrepublik trägerübergreifend beinahe täglich etliche Hilferufe von verzweifelten Pflegekräften und ohnmächtigen Angehörigen. Inzwischen sind es rund 50.000 E-Mails, Briefe und Anrufe.

Im Kontrast dazu stehen die „Leuchttürme“ – Pflegeheime, die zeigen, dass gute, vorbildliche Pflege auch unter ähnlichen, personellen und finanziellen Rahmenbedingungen machbar ist. Sie haben oft Wartelisten. Nach meiner Einschätzung ist die Situation von Wohnbereich zu Wohnbereich und von Schicht zu Schicht unterschiedlich und von den Menschen abhängig, die dort arbeiten.

Machen Sie in puncto Trägerschaft Qualitätsunterschiede aus?

Nein. Die Qualität steht und fällt mit der Haltung der Einrichtungsleitung und der Mitarbeiter. Selbst aus Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft höre ich regelmäßig von menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die „Verbraucher“ haben ohnehin keine Auswahl! Je größer die Verzweiflung der Angehörigen, desto niedriger werden ihre Ansprüche! Und man muss betonen: Auch die Bedürfnisse der meisten älteren Bewohner sind bescheiden. Sie freuen sich oft über Selbstverständlichkeiten bei rund 4.000 Euro Heimkosten im Monat.

Sie sagten, Sie erhalten viele Hilferufe auch von Mitarbeitern. Was beklagen diese am häufigsten?

Die anonymen Selbstanzeigen und Berichte sind kaum zu ertragen. Und alle bitten mich um absolute Diskretion, haben Angst vor Mobbing. Ich wünsche mir immer wieder, dass mein Telefon abgehört wird! – Ich bin fassungslos, dass so viele Menschen, die Verantwortung in der Pflegebranche tragen, Bescheid wissen, dann aber wegschauen, mitmachen, schweigen und kritische und mutige Kollegen als Nestbeschmutzer denunzieren. Wer schweigt stimmt zu! Hinter diesem Verhalten steckt nicht etwa die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren – ein sehr dreistes Argument, denn Pflegekräfte werden händeringend gesucht.

Warum halten sich dann so viele Pflegekräfte bedeckt?

Es ist Feigheit! Es fehlt Haltung. Nicht die Politiker lassen die Menschen in ihren Ausscheidungen liegen und fälschen die Dokumentation. Viele motivierte Pflegekräfte resignieren, geben ihren Beruf auf, weil der Rückhalt für gute Pflege fehlt. Ausgebeutete Auszubildende brechen enttäuscht ihre Ausbildung ab und die Lehrkräfte in den Schulen lassen ihre Schüler wohl wissend im Stich!

Ich hätte so gerne Unrecht. Diese unzähligen Beispiele habe ich mir ja nicht ausgedacht. Obwohl ich als Sozialpädagoge nicht aus der Pflege komme, werde ich seit Jahrzehnten von Pflegekräften und Angehörigen gebeten, diese Probleme öffentlich zu machen – eigentlich eine Aufgabe der Berufsverbände und Gewerkschaften.

Was empfehlen Sie Mitarbeitern, die entwürdigende Pflege an Ihrem Arbeitsplatz beobachten?

Mitarbeiter in den Pflegeeinrichtungen müssen sich entscheiden: Auf welcher Seite stehen wir? Der ICN-Ethik-Kodex gibt klare, verbindliche Vorgaben! Pflegekräfte müssen endlich alle Verantwortlichen der Politik, Funktionäre der Heimträger, der Kostenträger, Pflegewissenschaftler, Heimaufsicht, MDK ungeschönt mit der ständig beklagten Lebens- und Arbeitsrealität konfrontieren. Sie müssen sich mit den ihnen anvertrauten, schutzbedürftigen Menschen und deren Angehörigen solidarisieren und ein Frühwarnsystem etablieren.

Was müsste konkret passieren, damit entwürdigende Pflege die Ausnahme bleibt?

Sagen Sie als Pflegekraft offen und ehrlich, dass die Expertenstandards in der Pflege unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht umsetzbar sind! Sagen Sie laut, dass die "Charta der Rechte hilfe- und pflegedürftiger Menschen" mit der Lebensrealität in den meisten Pflegeheimen wenig zu tun hat. Dokumentieren Sie nur das, was Sie tatsächlich geleistet haben! Keine Ausreden mehr!

Was ist politisch zu tun?

Wir brauchen in der Pflegediskussion einen Perspektivwechsel vergleichbar der #MeToo-Debatte oder der Missbrauchsdiskussion in den Kirchen. Es kann und darf nicht sein, dass Pflegeeinrichtungen in Deutschland weitgehend rechtsfreie Räume sind, nur weil wir unangenehme, unbequeme Wahrheiten nicht wahrhaben wollen. Wir müssen uns klar machen, wer hier die eigentlichen Opfer und Täter sind, wer in den Pflegeeinrichtungen den letzten Lebensabschnitt verbringt: pflegebedürftige, besonders schutzbedürftige, wehrlose, schwerkranke, völlig ausgelieferte, sterbende Menschen! Es braucht endlich eine ethische Diskussion.

Pflegeeinrichtungen müssen Schutzräume sein! Stattdessen verdienen wir am Elend dieser Menschen – das ist pervers! Viele tausend Pflegekräfte arbeiten freiwillig bei börsennotierten Heimbetreibern. Vor allem das Schweigen der Kirchen und Menschenrechtsinitiativen ist unerträglich! Und ich betone noch einmal: Es wissen alle Bescheid. Der neue PflegeTÜV wird daran nichts ändern. Er bindet sehr viel Zeit, Personal und Geld. Profiteure dieses Qualitätssystems sind wieder nur Pflegewissenschaftler, Beratungsfirmen, Anwälte und Buchverlage und nicht die Pflegebedürftigen und Angehörigen!

Welche Rolle spielt Parteipolitik?

Bei diesem Thema kann es eigentlich keine politischen Gegner geben. Alle Politiker erklären einstimmig, dass sie für optimale Pflege, für bessere Arbeitsbedingungen, für mehr Personal und bessere Bezahlung sind. Sie loben das Personal, kritisieren die Skandalisierung durch die Medien, berichten von wunderbaren Erlebnissen in Pflegeeinrichtungen. Leider sind aber auch viele selbst in Vorständen und Aufsichtsräten von Heimträgern und auf kommunaler Ebene sogar Chef der jeweiligen Heimaufsicht!

Woran erkennt man ein gutes Heim?

Angehörigen empfehle ich, sich zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten wiederholt unangekündigt von den Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Heimen ein Bild zu machen. Fragen Sie die Heimleitung, ob es Beschwerden gibt. Verneint sie und verweist auf die Bewohnerzufriedenheit und die Bestnote, können Sie wieder gehen. Die meisten Heime sind zertifiziert, haben Bestnoten und werben mit "nordkoreanischen" Zufriedenheitswerten ihrer Bewohner! Achten Sie stattdessen auf die Atmosphäre: Sind viele Gäste, Ehrenamtliche, Angehörige im Haus, die sich kümmern? Stehen frische Blumen auf dem Tisch? Sind die Menschen bei schönem Wetter im Garten? Wie ist die ärztliche und fachärztliche Versorgung? Gibt es eine Hospizkultur? Gibt es auf Wunsch Einzelzimmer?

Sprechen spezielle Demenz-Konzepte in Pflegeeinrichtungen für ein Qualitätsmerkmal?

Angeblich – wenn man den Hochglanzprospekten, Leitbildern, Selbstverpflichtungen und MDK-Bestnoten tatsächlich glauben darf.

Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Interview: Melanie M. Klimmer

Zur Person: Claus Fussek

Seit rund 30 Jahren ist der 66-jährige Sozialpädagoge und Pflegekritiker aktiv, steht in Kontakt zu verzweifelten Pflegekräften, Angehörigen und Pflegebedürftigen und geht ihren Bobachtungen und Beschwerden nach. Der Vater zweier Kinder engagiert sich als Mitglied im Verein Pflegeethik Initiative e.V. und war (und ist) in zahlreichen Talkshows zu Gast. Seit zehn Jahren ist der Münchener selbst pflegender Angehöriger, außerdem arbeitet er hauptberuflich noch immer als Sozialpädagoge bei der Vereinigung Integrationsförderung (VIF). Wenn er abschalten möchte, besucht er am liebsten die Spiele von 1860 München.

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