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Mobbing

Wie wehre ich mich gegen Mobbing?

Mobbing kann jeden treffen – doch niemand muss es hinnehmen. Die wichtigste Regel lautet: Wer gemobbt wird, sollte die Angriffe auf seine Person unbedingt in einem Mobbing-Tagebuch dokumentieren

Wer systematisch schikaniert wird, glaubt sich früher oder später allein in hoffnungsloser Lage. Umso wichtiger ist es zu wissen, dass Mobbing gerade unter schwierigen Arbeitsbedingungen jeden treffen kann. So berichtet Margit Böhme, Fachanwältin für Arbeitsrecht, dass ein nennenswerter Anteil ihrer Mandanten aus Kliniken und Einrichtungen der Altenpflege komme. Dort ließe sich teilweise ein erschreckender (auch berufsübergreifender) Machtmissbrauch feststellen. Die Juristin glaubt, dass diese Verhältnisse im Pflegeberuf zum großen Teil mit der Arbeitsverdichtung zusammenhängen.

[Warum gedeiht Mobbing eigentlich gerade in der Pflege so gut? Ist es wirklich nur die Arbeitsbelastung? Hier lesen Sie mehr dazu!] 

Doch bei der Suche nach einem Ausweg ist glücklicherweise niemand auf sich selbst gestellt ist. Unterstützung finden Betroffene bei Hausärzten und Psychotherapeuten, die ihnen helfen, mit der psychischen Belastung umzugehen. Auf der praktischen Ebene können Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Anwälte konkrete Lösungen erarbeiten.

Zuerst die Mobbing-Situation analysieren

„Entscheidend ist der folgende Leitsatz: Raus aus der reinen Reaktion, rein in die Aktion – und Handlungsgewalt gewinnen“, sagt Lothar Drat, Leiter des Vereins gegen psychosozialen Stress und Mobbing (VPSM). „Dazu braucht es zunächst eine sorgfältige Analyse der Situation, der beteiligten Personen, der Ursachen und bereits eingetretenen Folgen. Vor diesem Hintergrund kann dann eine Strategie entwickelt werden, die vorhandene Handlungsspielräume nutzt und der Zielsetzung des Betroffenen gerecht wird.

Warum Betroffene unter anderem für eine solche Analyse unbedingt ein Mobbingtagebuch führen sollten und wie zwischen Mobbing von Vorgesetzten- und von Kollegenseite juristisch unterschieden wird, erklärt im Folgenden Dr. Margit Böhme, Fachanwältin für Arbeitsrecht:

Mit dem Mobbing-Tagebuch lässt sich Systematik erkennen  

Mithilfe des Mobbing-Tagebuchs können sowohl der Betroffene selbst als auch Außenstehende beurteilen, ob tatsächlich systematische Schikane vorliegt – oder ob der vermeintliche Täter vielleicht doch nur ein schwieriger Mensch ist, der schlecht gelaunt auf seine Mitmenschen schaut. Es stellt daher einen zentralen Punkt bei der Bewältigung von Mobbing-Situationen dar.

Jede Mobbing-Handlung festhalten

Im Mobbingtagebuch sollten Betroffene so ausführlich wie möglich zu jedem Vorfall folgende Punkte dokumentieren:

  • Datum
  • Uhrzeit
  • Ort
  • Zeugen
  • eine präzise Situationsbeschreibung. Dazu gehört auch festzuhalten, welches Verhalten der Betroffene in der jeweiligen Situation eigentlich erwartet hätte – etwa: Ein Kollege zeigt (wiederholt) dem Mobbing-Opfer gegenüber eine solch aggressive Haltung oder Reaktion wie er sie gegenüber anderen im Team noch nie an den Tag gelegt hat. 

Drei typische Beispiele für Mobbing von Vorgesetzten

Es empfiehlt sich auch, das Verhalten des Vorgesetzten genau zu beobachten und zu dokumentieren. Denn mit bestimmten Verhaltenseisen verstößt der Arbeitgeber klar gegen den Arbeitsvertrag. In diesen Fällen kann der Betroffene problemlos Klage erheben. Um eine typische Mobbing-Situation handelt es sich, wenn der Mitarbeiter: 

  • mit unsinnigen Aufgaben betraut wird , solchen etwa, die längst erledigt sind oder die am Ende nur im Papierkorb landen
  • arbeitsrelevante Informationen zu spät beziehungsweise gar nicht erhält
  • nicht zu für die Aufgabenerfüllung notwendigen Teambesprechungen eingeladen wird.

Drei typische Beispiele für Mobbing von Kollegen

Rechtlich sieht es anders aus, wenn das Mobbing von Kollegen ausgeht, zum Beispiel:

  • Gerüchte verbreitet werden
  • Gespräche verstummen, sobald das Mobbingopfer hinzukommt
  • der Betroffene im Team isoliert wird.

Da zwischen Kollegen keine Rechtsbeziehung besteht, wäre der einzelne Täter aus einem Team vor Gericht kaum zu belangen.

Warum es so wichtig ist, den Arbeitgeber zu informieren

Juristisch verantwortlich bleibt auch hier der Arbeitgeber, denn er hat eine Fürsorgepflicht. Sie besteht darin, dass der Arbeitnehmer solchen Anfeindungen nicht ausgesetzt sein darf. In dem Moment, in dem der Arbeitgeber informiert ist, muss er das Mobbing unterbinden. So kann er im ersten Schritt zum Beispiel eine interne Schlichtung, Gespräche und Coachings im Team veranlassen. Aufgrund seines Direktionsrechts könnte er dem Täter oder auch dem Opfer darüber hinaus einen anderen Arbeitsplatz zuweisen.

[Was Stationsleitungen bei Mobbing unternehmen sollten, lesen Sie hier.] 

Mobbing-Tagebuch verbessert Chancen vor Gericht 

Auch im Fall, dass Betroffene am Ende gegen den Arbeitgeber klagen, ist ein Mobbing-Tagebuch zumeist das stärkste Beweismittel. Allen Beteiligten eines Gerichtsprozesses ist klar, dass sich das Mobbing-Opfer naturgemäß in Beweisschwierigkeiten befindet, und Arbeitsrichter werten ein Mobbing-Tagebuch daher entsprechend.

Zur Person

Dr. Margit Böhme ist Fachanwältin für Arbeitsrecht mit eigener Kanzlei in Esslingen und Lehrbeauftragte an der Universität Hohenheim. Sie hat das Buch „Mobbing. So wehren Sie sich gegen Anfeindungen im Job“ (C. H. Beck) geschrieben.

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Foto: Dorothee Lee

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