Interview

Wie ist es, Corona-Patienten zu pflegen?

Infiziert man sich leicht? Worauf muss man bei Lagerung et cetera achten? Wie kommuniziert man mit Schutzausrüstung? Wir sprachen mit Hong Thuong Brinkmann vom Klinikum am Gesundbrunnen

Inhaltsverzeichnis

Hong Thuong Brinkmann arbeitet als pflegerische Bereichsleitung der internistischen Abteilung HI4 im Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn (SLK-Kliniken). Die Krankenschwester ist außerdem Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen, Wundexpertin und Sicherheitsbeauftragte.

pflegen-online: Sie waren als Sicherheitsbeauftragte und pflegerische Bereichsleitung bei der Umstellung auf die Versorgung von COVID-19-Patienten von Anfang an dabei. Wie klappte die Umsetzung?

Hong Thuong Brinkmann: Wir hatten im Leitungsteam mehrere Sitzungen, in denen wir von Anfang an alle notwendigen Informationen erhielten und das Vorgehen zusammen planten. Ab dem Moment, als wir entschieden haben, dass wir COVID-Patienten versorgen, haben wir unsere bisherigen Patienten nach und nach auf andere Stationen verlegt und räumten so in einem Trakt der Klinikgebäude, im sogenannten Altbau, mehrere Ebenen leer. Wir richteten dort einen großen Bereich ein, um uns ganz auf COVID-Patienten einzustellen. Wir sind dabei stufenweise vorgegangen: Am Anfang kamen nur Verdachtsfälle zu uns. Als wir den ersten COVID-Fall hatten, haben wir die Räumlichkeiten Ebene für Ebene vorbereitet, um positiv getestete Patienten und solche mit Verdacht getrennt versorgen zu können.

pflegen-online: Haben Sie die vorbereiteten Betten alle gebraucht?

Um Ostern hatten wir sehr viele Patienten gleichzeitig. Dennoch haben wir bisher nicht alle Betten gebraucht.

Wie haben Ihre Freunde und Familienmitglieder darauf reagiert, dass Sie auf einer Station mit hochinfektiösen Patienten arbeiten? Haben Sie Distanzierung oder Verehrung geerntet?

Hong Thuong Brinkmann: Ängste sind definitiv da. Wie mir meine Mitarbeiter berichteten, haben viele Angehörige und Freunde große Angst, sich anzustecken. Sie wollen es nicht so gerne, dass ihre Angehörigen auf einer Covid-Station arbeiten. Vor allem Ehemänner haben diese Angst geäußert. Manche Mitarbeiter haben kleine Kinder zu Hause – da gibt es schon sehr starke Bedenken. Deswegen hatten meine Mitarbeiter von Anfang an ein sehr gemischtes Gefühl. Einerseits fühlen sie sich geehrt, für diese Herausforderung ausgewählt worden zu sein, andererseits ist da die Angst und Unsicherheit wegen der hohen Ansteckungsgefahr. Nun haben wir knapp drei Monate mit Covid-19-Patienten zu tun und kein einziger Mitarbeiter wurde auf meiner Covid-19-Station infiziert.

pflegen-online: Wie haben Sie das geschafft?

Hong Thuong Brinkmann: Wir haben in unserem Team von Anfang an gut miteinander kommuniziert und sehr auf die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen geachtet, viele Schulungen durchgeführt. Ich habe meine Mitarbeiter aufgeklärt, dass wir bei der Arbeit in kompletter Schutzausrüstung am sichersten sind und dass wir auf der Covid-Station bei der Schutzausrüstung immer Vorrang haben, egal wie die Lieferengpässe sein würden. Das hat uns die Geschäftsführung zugesichert. Das gibt meinen Mitarbeitern ein Sicherheitsgefühl und bestätigt sich jetzt auch dadurch, dass wir keine Infizierte haben.

pflegen-online: Sind die Bedenken bei den Angehörigen dadurch zurückgegangen?

Hong Thuong Brinkmann: Definitiv, definitiv.

pflegen-online: Arbeiten bei Ihnen auch ältere Mitarbeiter?

Hong Thuong Brinkmann: Ja, wir haben ein paar Mitarbeiter über 60. Sie wollen alle hier bleiben, obwohl sie die Möglichkeit hätten, auf einer anderen Station zu arbeiten. Das Team ist komplett zusammengeblieben. Wir ziehen das bis heute gemeinsam durch. Keiner ist an Covid-19 erkrankt.

pflegen-online: Sind Ihre Mitarbeiter regelmäßig auf Covid-19 getestet worden?

Nicht routinemäßig. Nur bei Verdacht. Wenn irgendwelche Symptome aufgetreten sind, wurde man als BG-Fall aufgenommen und getestet. Es sind schon einige im Team getestet worden. Aber keiner von uns musste bisher in Quarantäne. Es gab keinen einzigen Infizierten.

pflegen-online: Welche Schutzausrüstung tragen Sie?

Hong Thuong Brinkmann: Sobald wir in die Patientenzimmer gehen und Patientenkontakt haben, ziehen wir unsere komplette Schutzausrüstung an: Virenschutzkittel, FFP2-Maske, Schutzbrille mit Visier, Kopfhaube, Handschuhe.

pflegen-online: Wechseln Sie die Schutzausrüstung vor jedem Zimmer?

Bei den Verdachtspatienten ja. Der Flur fungiert als Schleuse. Vor den Patientenzimmern ziehen wir uns an und aus. Bei den Covid-positiv-Patienten können wir die Schutzausrüstung anbehalten und von Zimmer zu Zimmer gehen. Wenn wir direkt am Patienten etwas machen müssen, ziehen wir dann zusätzlich noch einen Plastikschutzkittel über. Diese Plastikschürze reißen wir ab, wenn wir das Zimmer verlassen und werfen sie weg.

pflegen-online: Was tragen Sie im Stationszimmer?

Hong Thuong Brinkmann: Bevor wir das Stationszimmer betreten, ziehen wir die Schutzausrüstung komplett aus, desinfizieren die Hände und ziehen einen normalen OP-Mundnasenschutz an. Den tragen wir auch für Erledigungen auf dem Flur.

pflegen-online: Man hört immer wieder, dass hauptsächlich Ältere und Menschen mit Grunderkrankungen an COVID-19 erkranken. Gab es auch jüngere Patienten?

Hong Thuong Brinkmann: Auf unserer Normalstation mit Covid-19-Patienten, hatten wir etwa vier Patienten unter 50 Jahren.

pflegen-online: Die Pflege von Menschen hat viel mit Beziehungsaufbau und Vertrauensbildung zu tun. War es eine große Umstellung für Sie, durch eine volle Schutzausrüstung hindurch eine Beziehung zu den Patienten aufzubauen?

Hong Thuong Brinkmann: Wir können die Patienten genauso versorgen wie normal. Aber es ist schon ein Hindernis für uns, in voller Schutzausrüstung zu arbeiten. Der enge Kontakt zu den Patienten, wie wir ihn sonst immer gehabt haben, ist durch die strengen Hygienemaßnahmen, diese Distanz, nicht mehr so gewährleistet, nicht mehr so persönlich. Die Patienten, die auf die COVID-Station kommen, sind darauf eingestellt, dass wir in voller Schutzausrüstung arbeiten. Sie akzeptieren sie. Das ist für uns ein großer Vorteil, weil wir dann nicht viel erklären müssen. Aber es befremdet sie schon. Wir tun unser Bestes, um den Patienten trotzdem ein Sicherheitsgefühl zu geben, dass wir jeder Zeit für sie da sind.

pflegen-online: Wie ist die Kommunikation mit Schutzmaske?

Hong Thuong Brinkmann: Wir müssen durch die Schutzmaske deutlicher und auch deutlich lauter sprechen.

pflegen-online: Es ist mittlerweile eine ganze Bandbreite an Symptomen bekannt, die stationär behandelt werden müssen. – Auf welche speziellen Symptome und Komplikationen müssen Sie besonders vorbereitet sein?

Hong Thuong Brinkmann: Atemnot ist tatsächlich ein sehr großes Problem für Covid-Patienten. Die Patienten haben das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen – die Sauerstoffsättigung ist trotz Sauerstoffgabe immer niedrig. Deshalb sind Sauerstoffgabe, regelmäßige Inhalation und die Lagerung sehr wichtig. Damit die Patienten genug Luft bekommen, müssen sie gut sitzen können.

Wir haben ein Schema, wie ein Covid-Patient behandelt wird. Unsere Oberärzte und Stationsärzte haben gleich zu Beginn einen Standard für die Versorgung der Covid-19-Patienten entwickelt. Unsere Ärzte reagieren sehr schnell, wenn wir feststellen, dass der SpO₂-Wert (Sauerstoffsättigung) sehr niedrig – bei 80 – trotz sechs Liter Sauerstoff ist. Dann werden diese Patienten sehr schnell auf die Intensivstation verlegt.

Wenn die Patienten zu uns auf Station kommen, klären die Ärzte schon sehr früh, ob Intensivmedizin oder eine Reanimation gewünscht sind oder nicht. Dann können wir uns darauf einstellen, um sofort reagieren, wenn ein Notfall kommt.

pflegen-online: Zur Atemunterstützung kann man mit A-Lagerung und T-Lagerungen oder mit dem Kutschersitz arbeiten. In der Intensivstation wird auch eine spezielle Bauchlagerung angewendet, bei der der Brustkorb freiliegt und eine zusätzliche Pneumonie verhindert wird. Welche atemunterstützenden Techniken werden von Ihnen angewendet?

Hong Thuong Brinkmann: Bei uns auf der normalen COVID-Station wird der Patient – wir haben elektrische Betten – in eine bequeme Sitzposition gebracht und der Oberkörper hochgelagert. Die Beine kann man etwas höher stellen, so dass der Patient stabil sitzen kann und gut Luft bekommt. Die Patienten atmen auf der Covid-Normalstation alleine und mit unterstützender Sauerstoffgabe. Wir verwenden Sauerstoffmasken mit Reservoir bei Bedarf. Unsere Physiotherapeuten führen mit den Patienten Atemtrainings und Übungen durch.

pflegen-online: Gibt es auch COVID-Patienten, bei denen Atemnot nicht im Vordergrund steht?

Hong Thuong Brinkmann: In letzter Zeit hatten wir zunehmend auch Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden, wie Durchfall und Bauchschmerzen. Weitere Symptome sind Schlappheit, selten auch Geschmacksverlust. Neulich hatten wir einen Patienten, der nur mit Magen-Darm-Symptomen kam. Der Hausarzt hatte festgestellt, dass er Covid-positiv war. – Nach und nach erfahren wir, welche Symptome noch bei Covid-19 dazugehören können. Am Anfang waren es nur Atemnot, Husten und Fieber, dann kam der Geschmacksverlust hinzu, jetzt die Magen-Darm-Beschwerden.

Inzwischen wissen wir, dass es ein erhöhtes Risiko für Thrombose gibt und Covid-19 auch akute und chronische Schäden am Herz-Kreislauf-System verursachen kann. Ich denke, da braucht es noch ein bisschen mehr Zeit, um diese neue Krankheit zu erforschen und mehr herauszufinden.

Interview. Melanie M. Klimmer

Wenn Covid-19-Patienten sterben ...

Auch darüber sprachen wir mit Hong Thuong Brinkmann - lesen Sie hier den 2. Teil des Interviews

Die Situation in Baden-Württemberg und in den SLK-Kliniken

Baden-Württemberg gehört zu einem der stärksten betroffenen Bundesländer. Rund 1.824 Menschen im Alter zwischen 18 und 106 Jahren sind an COVID-19 gestorben. (Stand 19. Juni 2020). Bereits Ende Februar gab es in Heilbronn, Region Heilbronn-Franken, die ersten stationären Behandlungen von COVID-19-Patienten.

Zu Beginn wurden die ersten Corona-Patienten in der Lungenklinik Löwenstein aufgenommen. Gleichzeitig wurde im Klinikum am Gesundbrunnen im rund 16 Kilometer entfernten Heilbronn die Versorgung einer größeren Zahl von Covid-19-Patienten vorbereitet. Von Anfang an dabei war die Pflegebereichsleitung Hong Thuong Brinkmann. Beide Krankenhäuser gehören zu den SLK-Kliniken Heilbronn. In dem kommunalen Klinik-Verbund wurden bis Ende Mai über 350 COVID-Patienten behandelt, etwa 61 davon sind gestorben.

Zum SLK-Verbund gehören die Akuthäuser Klinikum am Gesundbrunnen (Heilbronn). Klinikum an Plattenwald (Bad Friedrichshall) – beides akademische Lehrkrankenhäuser der Universität Heidelberg – sowie die geriatrische Rehabilitationsklinik Brackenheim und als Tochtergesellschaft die Lungenklinik Löwenstein.

Foto: Martins Cardoso - Unsplash

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