Corona-Pandemie

Wie Corona die Arbeit im Pflegeheim verändert

Über 7-Tage-Wochen, 12-Stunden-Schichten, Übernachtungen im Hotel und Diskussionen mit uneinsichtigen Angehörigen - und Spekulationen, ob bald auch die Verwaltung in der Pflege mit anpacken muss

Inhaltsverzeichnis

Corona-Infektionen in Pflegeheimen nehmen zu, über 500 Bewohner sind bislang deutschlandweit an Covid-19 gestorben. Heime, die noch nicht betroffen sind, fürchten, früher oder später ebenfalls mit Infektionen konfrontiert zu werden. Und sie fragen sich: Was kommt auf uns zu? Wie können wir uns vobereiten? Wir versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden - und Beispiele, die Mut machen.

Wenn die Infektion im Haus ist: So kann die Organisation laufen

So schildert etwa der Caritasverband für die Diözese Münster in einer Pressemitteilung den Umgang mit Corona im Heim St. Benedikt in Recke. In der Einrichtung haben derzeit elf Bewohner geringe oder nur leichte Corona-Symptome, zwei werden wegen weiterer Erkrankungen in Kliniken behandelt. Dennoch sei die Stimmung unter den Mitarbeitern und Bewohnern „sehr gut“, versichert Heimleiter Andrea Plietker. Alle Beteiligten zeigten viel Verständnis für die Einschränkungen. So seien die infizierten Bewohner streng voneinander getrennt. 30 Pflegekräfte sind im Tag- und Nachtdienst in die Quarantäne gegangen, sie leben jetzt im Hotel. Jeder Wohnbereich verfügt über ein Team von vier Pflegekräften, die jeweils um eine Betreuungsmitarbeiterin und eine Hauswirtschaftsmitarbeiterin verstärkt sind.

7 Tage lang 12-Stunden-Schichten

Der Tagdienst arbeitet zwölf Stunden und wird vom Nachtdienst abgelöst. Die Teams arbeiten jeweils sieben Tage und sind getrennt voneinander in Hotels untergebracht, zu denen sie mit dafür reservierten Wagen pendeln, erklärt Plietker. Die erkrankten Bewohner sind alle in einen isolierten Bereich umgezogen und werden von einem festen Team betreut, das ebenfalls in einem eigenen Hotel untergebracht ist.

Mitarbeiter übernachten im Hotel

Der Heimleiter ist froh, schon vor dem Infektionsausbruch bei der Gemeinde darauf gedrungen zu haben, nach externen Unterkünften zu suchen. In den Hotels werden die Mitarbeiter – wiederum getrennt nach Teams – versorgt und bewohnen Einzelzimmer. Auch bei der Dienstkleidung wird streng auf eine Trennung geachtet. Sie wird täglich in den Altenhilfe-Einrichtung gewaschen. Die Wege zu den Umkleide- und Wohnbereichen sind festgelegt, um Begegnungen zu vermeiden. Die Küche arbeitet ebenfalls in getrennten Teams.

Plietker (Caritas): Gut, dass Heimbewohner vor Rückkehr aus Klinik getestet werden

Inzwischen haben sich die Abläufe eingespielt, versichert Plietker. Wie lange die Notmaßnahmen anhalten werden, kann er nicht sagen. Geplant wird konkret für die nächsten zwei Wochen. Die Chancen, die Infektion in den Griff zu bekommen, schätzt er „verhalten positiv“ ein. Für gut befindet er die Regelung der Landesregierung, wonach aus Krankenhäusern zurückkehrende Bewohner zuvor getestet werden und anschließend noch in Quarantäne bleiben müssen. Es gebe zwar keinen Beweis, aber doch Indizien dafür, dass das Virus den Weg von einer Klinik ins Haus St. Benedikt gefunden habe, bevor diese Regelung verpflichtend geworden sei, so Plietker.

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Umgang mit Besuchsverbot (Artikel vom 13. März)

„Vorübergehend geschlossen“ hieß es für das „Westend-Café“ bis Freitag (13. März) im Aachener Caritas-Altenheim St. Elisabeth. Normalerweise nehmen dort auch etliche auswärtige Gäste ihr Mittagessen ein. Damit ist es vorerst vorbei. Die Cafeteria ist bis auf weiteres mittags nur noch für die Heimbewohner geöffnet. „Der Nachmittagskaffee findet hier im Moment auch nicht mehr statt, den gibt es für die Bewohner zurzeit nur noch im Wohnbereich“, erklärt die Angestellte am Empfang.

Keine Besuche zum Schutz der Bewohner

Mit 70 bestätigten Corona-Fällen, Stand 12. März 11 Uhr, ist die Städteregion Aachen deutschlandweit mit am stärksten betroffen. Anfangs hat das Aachener Gesundheitsamt noch gewarnt: „Für die Alten-, Wohn- und Pflegeeinrichtungen wird dringend empfohlen, zum Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner von Besuchen abzusehen.“ Am Freitag (13. März) hat das Sozialministerium Nordrhein-Westfalen - ähnlich wie zuvor Bayern - aus der Empfehlung einen Erlass gemacht. In diesem heißt es, dass

  • „Reiserückkehrer aus Risikogebieten sowie Personen, bei denen ein Infektionsverdacht nach den Kategorisierungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) besteht, die Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe, in den besonders schutzbedürftige Menschen leben, nicht mehr besuchen dürfen."
  • „Darüber hinaus werden Besuche auf maximal eine Stunde pro Tag und eine Person je Bewohnerin bzw. Bewohner beschränkt. Veranstaltungen mit Externen sind zu unterlassen.“

Brüsseler Heim unter Quarantäne

In Brüssel wurde am 12. März bereits ein Altenheim mit 34 Corona-Infizierten unter Quarantäne gestellt. 19 Erkrankte mussten ins Krankenhaus, andere Bewohner wurden in ihren Zimmern isoliert. Zuvor hatten die belgischen Behörden bereits jegliche Besuche in belgischen Seniorenheimen untersagt, um die alten Menschen zu schützen. Auch hierzulande mahnt die Bundesregierung, dass vor allem Pflegebedürftige und Senioren auf sich achten und Abstand zu anderen Menschen halten sollten.

Manche Pflegeheim-Besucher sind unbelehrbar

Das Aachener Heim St. Elisabeth weist jeden Besucher am Eingang und im Internet schriftlich auf die notwendigen Hygieneregeln hin. Zusätzlich wird jeder einzelne Besucher persönlich angesprochen und darauf hingewiesen, dass Besuche von außen wegen des Corona-Virus ein potenzielles Risiko für die Heimbewohner darstellen. „Die Reaktionen der Besucher sind total unterschiedlich: Manche nehmen die Warnung ernst und kehren sofort wieder um. Andere wiederum interessiert das nicht, sie machen ihre Besuche im Heim trotzdem“, berichtet die Angestellte an der Pforte.

Viele Bewohner wollen die Gefahr nicht wahrhaben

Aber auch die Bewohner selbst reagieren völlig unterschiedlich. „Es ist eben doch etwas anderes, ob man die Sache nur im Fernsehen erlebt oder in der Realität. Die Gefahr durch das Virus wollen viele Bewohner gar nicht wahrhaben, sie sind völlig uneinsichtig und verstehen folglich auch nicht die damit verbundenen notwendigen Einschränkungen“, erzählt die Angestellte. Zurzeit müsse man deshalb „sehr viel mit den Menschen diskutieren“.

„Keine Panik verbreiten“

Ähnliches berichtet Oxana Fichtner, PDL im Aachener Altenzentrum Papst-Johannes-Stift. „Wir haben allen gesagt, die von außen ins Heim kommen, dass sie aufpassen sollen. Manche Therapeuten kommen jetzt aber lieber nicht ins Haus. Wir haben auch öffentlich via Tageszeitung und direkter Anschreiben klar gemacht, dass Besuche im Heim möglichst abzustellen sind. Wir appellieren einfach an den gesunden Menschenverstand und versuchen, ruhig zu bleiben.“ Kleine hausinterne Veranstaltungen wie Gymnastik, Tanz, Kochclub und Leserunde finden nach wie vor statt. Größere und insbesondere öffentliche Veranstaltungen fallen - so wie in der gesamten Republik - aus. Doch man wolle „Ruhe bewahren und keine Panik verbreiten“, sagt Fichtner.

Betreuungskräfte meckern

Auf Kritik stoßen die Beschränkungen von Seniorenbesuchen vor allem bei einer Personengruppe, hat Fichtner beobachtet: den Betreuungskräften. „Sie bekommen für ihre Dienste wie Einkäufe, Spielen, Vorlesen oder Spazierengehen mit den Bewohnern ja Geld, das ihnen nun fehlt.“ Ansonsten sorgt die PDL sich höchstens um fehlendes Pflegematerial wie Masken und Hygieneartikel. „Noch habe ich davon zwar genug vorrätig, aber wer weiß, wie lange die Krise noch anhält.“

Auch Verwaltung und Hauswirtschaft werden anpacken müssen

Im Evangelischen Altenheim Bethesda in Essen signalisiert Geschäftsführer Bernd Hoffmann, dass vermutlich eintretende Personalausfälle und -engpässe künftig auch ausnahmsweise durch Mitarbeiter anderer Aufgabengebiete, etwa aus Verwaltung, Hauswirtschaft und – im Rahmen der gesetzlich zulässigen – Betreuung kompensiert werden müssten. Der Einrichtungsleiter beruft sich auf sein „Direktionsrecht“ und betont: „Besondere Situationen werden hier besondere Maßnahmen erfordern.“ Es gehe in einem „worst case“ Szenario gemäß Pandemieplan erst einmal darum, die Grundversorgung und das physiologische Wohl der Bewohner zu sichern. „Die Betreuung muss hier meines Erachtens nachrangig betrachtet werden.“

Einzelbetreuung statt Gruppe

Gleichwohl müsse man natürlich – gerade, wenn das Corona-Virus sich über mehrere Jahre ausbreiten sollte – lernen, mit dem Umstand zurecht zu kommen. Betreuungsleistungen würden bei bestehender Isolation nach Hoffmanns Einschätzung künftig ausschließlich von den Alltagsbegleitern und Mitarbeitern des Sozialen Dienstes erbracht werden. Vorerst seien noch Kleingruppenangebote denkbar – voraussichtlich, mit Zunahme des Geschehens, dann aber eher nur noch Einzelbetreuung zwecks Vermeidung von Gruppeninfektionen.

Virtuelle Betreuung für Senioren?

„Die Einzelbetreuung muss und sollte sich an den Interessen der Bewohner orientieren“, sagt Hoffmann. „Mein Tipp: Anzuraten wäre eventuell noch der Erwerb eines ‚Betreuertablets‘ etwa von Media4Care. Damit könnte man ohne große Vorbereitungszeit recht flexibel auf unterschiedliche Wünsche der Bewohner agieren.“ Auf dem Tablet sind lustige und anregende Programme seniorenfreundlich installiert, etwa Quizspiele wie „Richtig oder falsch“ und „Dalli Klick“, daneben aber auch informative Programme wie Tagesschau, Wikipedia und Youtube.

Für Pflegekräfte wird die Arbeit im Heim noch anstrengender

Insgesamt prophezeit Hoffmann: Pflegekräfte werden derart viel zu tun bekommen, dass die Betreuung nicht noch zusätzlich von ihnen geleistet werden kann. „Gerade angesichts begrenzter Personalschlüssel und etwaiger krankheitsbedingter Ausfälle im Zuge der fortschreitenden Epidemie.“

Autorin: Birgitta vom Lehn

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