Foto: Klinik Clowns Hamburg e.V.
Clownin Birgit Musolf: „Wir gehen meistens nur wenige Minuten auf Menschen zu und lassen uns auf sie ein – das verlangt höchste Konzentration.“

Altenpflege

Wenn traurige Bewohner plötzlich über Witzchen lachen

Senioren-Clowns tragen nachweislich zur Lebensqualität bei – das belegt eine große Studie. Doch wie schaffen die Clowns das genau? Zwei Clowninnen aus dem Elim Seniorencentrum in Hamburg erzählen

In der Cafeteria sitzen sechs Senioren und Seniorinnen in sich gekehrt vor Kaffee und Kuchen und schauen durch die Fenster der alten Villa auf die kahlen Bäume im parkähnlichen Garten. Als die zwei Clowninnen Annika Corleis und Birgit Musolf sich nähern, blicken sie erstaunt auf, dann fangen sie an, sich auf die beiden einzulassen, singen mit ihnen, hören sich die kleinen Geschichten an und gehen auf Witzchen ein. 

Clowns beeinflussen die Atmung von Bettlägerigen oft positiv 

„Die Clowninnen entspannen mit ihren Auftritten die ganze Atmosphäre, das wirkt noch Tage nach“, sagt Janna Haupt, die im Elim Seniorencentrum (65 Plätze) für die soziale Betreuung zuständig ist. Es sei ein niederschwelliges Angebot, mit dem sich auch  bettlägerige Bewohner und Bewohnerinnen gut erreichen lassen. „Da sieht man leuchtende Augen, Atmung und Blicke verändern sich. Das schaffen die Clowns und das ist richtig viel wert.“

Mit roter Pappnase und im rüschigen Clownskostüm und begleitet von einer Pflegekraft ziehen die beiden Clowninnen vom Café zu den Einzelzimmern, um für zehn, fünfzehn Minuten den Bewohnerinnen „ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern“, sagt Birgit Musolf. Und heute Nachmittag scheint das bei den meisten zu gelingen.

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Manche Seniorinnen und Senioren so leicht einfangen. „Da wird unsere Frage, ob sie auf uns gewartet hätten schon mal beantwortet mit: ‚Nein, ich warte auf den Tod’“, erzählt Annika Corleis. „Damit muss man umgehen können.“

Senioren-Clown: Die Arbeit verlangt viel Konzentration  

Senioren-Clown ist kein Fulltime-Job. Und hat mit dem Zirkus-Clowns wenig gemein. „Das kann man nur ein oder zwei Mal die Woche machen“, sagt Birgit Musolf. „Wir gehen meistens nur wenige Minuten auf Menschen zu und lassen uns auf sie ein – das verlangt höchste Konzentration. Ich weiß ja nicht allzu viel über die Seniorinnen, die wir besuchen: ein bisschen Hintergrundwissen, den Lebenslauf, die Erkrankung. Da bewegt man sich emotional auf einem Trapez.“  Annika Corleis ergänzt: „Wir sind für die Senioren ein Angebot, und müssen jedes Mal Grenzen ausloten. Den Spalt dazwischen versuchen wir mit Leichtigkeit zu füllen.“

Eigentlich ist Annika Corleis Theaterpädagogin und Birgit Musolf Logopädin. Ihr Clowns-Engagement – von Job mögen die beiden nicht reden – kann da nur ein Zweit-Beruf sein. Aber ein erlernter Zweit-Beruf, denn wer als Klinik-Clown arbeiten möchte, muss eine spezielle Grundausbildung absolvieren. Zu der gehört auch eine Einführung in psychologische, medizinische und pflegerische Theorie; regelmäßiges Coaching und Training sind Pflicht.

Ethik-Kodex für Senioren- und Klinik-Clowns 

Wie positiv die Clowns auf die Psyche von Bewohnerinnen und Bewohnern wirken können, belegt eine aktuelle Studie der TH Deggendorf. Die Forscherinnen und Forscher untersuchten über einen Zeitraum von drei Jahren, wie sich die „Clowns-Interventionen“ auf das Wohlbefinden der Seniorinnen auswirkt. Fazit des Studienleiters Michael Boßle: „Besuche von professionell ausgebildeten Clowns sind eine Intervention, die nachweislich zur Lebensqualität von Bewohnerinnen und Bewohnern in Seniorenheimen beitragen.“ Die Clowns-Interventionen seien als ergänzende Maßnahme für Seniorinnen und Senioren Pflegeheimen dringend zu empfehlen, sagt der Professor für Pflegewissenschaft.

Betriebskrankenkassen fördern Senioren-Clowns und Klinik-Clowns

Das sieht man auch bei den Betriebskrankenkassen so. Schon seit 2017 fördern die BKKs neben dem Verein „Rote Nasen Deutschland“ auch den Dachverband „Clowns in Medizin und Pflege Deutschland“ als Präventionsleistung finanziell die Besuche in den Pflegeheimen. „Die Clowns sind für die Senioren eine zuverlässige Größe. Mit ihren Besuchen leisten sie einen enormen Beitrag zur Lebensqualität älterer Menschen“, so Franz Knieps, Vorstandsvorsitzender des BKK Dachverbandes.

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Senioren-Clowns müssen drei Voraussetzungen erfüllen

 Den Dachverband der Clowns gibt es schon seit 2004, auch die Klinik-Clowns Hamburg haben sich angeschlossen. Mitglied im Dachverband kann nur werden, wer bestimmte Qualitätskriterien erfüllt:

  • Die Clowns müssen regelmäßig auftreten
  • Sie sollten die Profession beherrschen und an regelmäßigen Coachings und Fortbildungen teilnehmen
  • Die Clowns müssen den Ethik-Codex des Dachverbands erfüllen, der vorgibt, dass „der Clown seine Arbeit immer mit Respekt vor der Arbeit des Klinikpersonals“ verrichtet. Und: „Seine Arbeit basiert auf dem Respekt für die Würde, die Persönlichkeit sowie die Privatsphäre der Patienten und deren Familien. Der Clown hält seine professionelle Integrität aufrecht, unabhängig von persönlichen Gefühlen, die er einer Person gegenüber haben mag.“

Respekt und Demut vor dem Alter sind auch für die beiden Hamburger Clowninnen ganz zentral. „Mit ganz einfachen Mitteln ein paar Momente lang die Senioreninnen zum Leuchten zu bringen“, sagt Annika Corleis. „Wenn ich das schaffe, dann leuchte ich selber.“ 

Autor: Hans-Georg Sausse

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Senioren-Clownin Annika Corleis: Man muss auch damit umgehen können, wenn Senioren abweisend reagieren.  
Foto: Klinik Clowns Hamburg e.V.
Senioren-Clownin Annika Corleis: Man muss auch damit umgehen können, wenn Senioren abweisend reagieren.  

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