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Schon am Tag nach der Flut haben Kolleginnen gefragt: „Was können wir tun?“   

Flutkatastrophe

Wenn im Krankenhaus der Betrieb stillsteht

Gibt es so etwas überhaupt? Ja, im St.-Antonius-Hospital in Eschweiler (NRW): Fast drei Monate war es nach der Flutkatastrophe geschlossen. Pflegedirektorin Dr. Wioletta Osko erzählt, was das für die Pflegekräfte bedeutete

pflegen-online: Wie haben Sie es geschafft, dass das finanzielle Auskommen des Pflegepersonals während und nach der Extremflut in Eschweiler (siehe auch Kasten ganz unten) über viele Wochen trotzdem gesichert war?

Wioletta Osko: Die umliegenden Krankenhäuser haben direkt bei uns angefragt, ob wir sie personell mit unterstützen können. Man muss bedenken, dass unsere Patienten nach der Flutung auf die umliegenden Häuser verteilt worden sind. Der Zulauf dort war viel größer, die Belastung erheblich stärker. Wir haben zu Beginn gleich eine Anfrage gestartet, wer von den Pflegekräften denn bereit wäre, in den umliegenden Krankenhäusern auszuhelfen. Es war uns wichtig, dass die Mitarbeiter, die arbeiten wollten und darauf angewiesen waren, auch arbeiten konnten. Viele wollten gerne weiterarbeiten. So konnten wir die Häuser mit unserem Personal unterstützen.

Andererseits war es uns sehr wichtig, dass uns unsere Mitarbeiter erhalten bleiben. Voraussetzung hierfür war eine Einigung mit den anderen Kliniken bezüglich eines finanziellen Ausgleichs und der Vermeidung von Abwerbungen. Und so waren die Mitarbeiter zufrieden, unsere Kollegen im Umkreis auch. So konnten wir, glaube ich, auch einen guten Kompromiss schließen. – Das war der eine Schritt.

Und der zweite Schritt? Im zweiten Schritt war es elementar, dass unsere Mitarbeiter während der Zeit der Kurzarbeit keinen finanziellen Verlust erleiden. Wir haben es im St. Antonius-Hospital so geregelt, dass wir das Kurzarbeitergeld für unsere Mitarbeiter zusätzlich auf hundert Prozent des Nettoeinkommens (Grundgehalt) aufgestockt haben. Zusätzlich erhielten die Mitarbeiter den durchschnittlichen Nettobetrag an Leistungszulagen, die sie jeweils in den letzten drei Monate erbracht hatten (Bereitschafts- und Nachtdienste). So konnten die Mitarbeiter ganz sicher sein: Das St. Antonius-Hospital ist für uns da. Es lässt keinen im Stich.

Wie konnten Sie dieses zusätzliche Gehalt refinanzieren – durch die, viele Monate andauernde Corona-Pandemie stehen viele Kliniken finanziell nicht so gut da?

Wir standen finanziell gut da, und das hat uns eigentlich die Möglichkeit gegeben, das Kurzarbeitergeld mit Beginn so aufzustocken. Da hatten wir wirklich Glück und sind auch sehr froh, dass uns die Mitarbeiter auch alle erhalten geblieben sind. Wir hatten circa 100 Pflegekräfte in externen Häusern eingesetzt, und ich muss tatsächlich sagen, dass sie alle zurückgekommen sind.

Welche Art von Vertrag haben Sie mit den externen Kliniken geschlossen?

Das war eine Art Arbeitnehmerüberlassungsvertrag. Das externe Krankenhaus hat von uns unsere Mitarbeiter – nicht zu horrenden, sondern zu ganz normalen Konditionen – ausgeliehen. Das Gehalt entsprach dem, das unsere Mitarbeiter auch bei uns erhalten hätten, einschließlich den Sozialversicherungsleistungen.

Waren von Ihrem Pflegepersonal auch manche von der Flut doppelt, das heißt beruflich und privat, betroffen und wie haben Sie das organisiert?

Wir hatten da einige Personen im Haus. Das Gute war, durch die Kurzarbeit mussten die Mitarbeiter keine Mindeststundenzahl ableisten. Das St. Antonius-Hospital konnte keine Tätigkeit anbieten, da keine Patientenversorgung stattfand. Das heißt, theoretisch konnten sie ganz zu Hause bleiben und trotzdem das volle Gehalt beziehen, ohne in irgendeiner Form die Stunden zu verlieren.

Wir hatten circa 100 Pflegekräfte in externen Häusern eingesetzt, und ich muss tatsächlich sagen, dass sie alle zurückgekommen sind.

Die Sollarbeitsstunden sind während der Arbeitszeit dem Stellenumfang entsprechend erhalten geblieben. Das heißt, wenn jemand acht Wochen zu Hause war und nicht arbeiten konnte, dann hat er trotzdem sein volles Gehalt bekommen, die Arbeitsstunden sind nicht ins Minus gelaufen. Die Mitarbeiter hatten die Chance, sich um ihre Belange zu kümmern, wie schlimm auch immer das für uns war. Für die Mitarbeiter war das ein erheblicher Vorteil.

Und wie und wo sind Ihre Pflegekräfte eingesetzt worden?

Wir haben vor allem im Bereich der Urologie und Gynäkologie viel mit dem Bethlehem Gesundheitszentrum in Stolberg kooperiert, dort viele OPs durchgeführt. Viele Pflegekräfte arbeiteten dort, weil einige Patienten von uns dorthin verlegt wurden. Die Kardiologinnen und Kardiologen waren auch in Stolberg. Wir haben an das Rhein-Maas-Klinikum in Würselen Pflegekräfte entliehen. Dann haben im St. Marienhospital in Düren-Birkesdorf unsere plastischen Chirurgen operiert. Auch ins St. Elisabeth Krankenhaus in Jülich und ins Städtische Krankenhaus in Düren hatten wir noch Kollegen entliehen.

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Wie haben Sie die weitere Ausbildung der Schülerinnen und Schüler organisiert? Es standen ja auch Prüfungen an.

Die Pflegeschüler mussten ihre Praxisstunden ableisten. Wir konnten sie nicht in Kurzarbeit schicken. Viele waren dann am Uniklinikum Aachen eingesetzt und in anderen Häusern, insbesondere in Stolberg. Dort konnten die Schüler im dritten Lehrjahr auch ihr Examen machen. Wir haben sie als Arbeitgeber entsendet. Das Gehalt bekamen sie weiterhin von uns.

Ist das Team durch die Flutkatastrophe weiter zusammengewachsen?

Sofort am nächsten Tag nach der Flut waren Kolleginnen und Kollegen da und fragten: „Was können wir jetzt tun, wo packen wir an?“ Der Zusammenhalt ist jetzt so deutlich geworden. Es ist nicht nur so, dass wir sagen „Wir sind das Team SAH“, sondern es ist tatsächlich so. Man ist einfach so zusammengewachsen, viel stärker als es vorher schon war.

Interview: Melanie Klimmer

Wie die Flutkatastrophe den Betrieb im SAH lahmlegte

In der Nacht zum 15. Juli 2021 schwoll die Inde, ein Bach in der Nähe des SAH in Eschweiler auf einen historischen Höchststand von 3,73 Meter an. Als die beiden Untergeschosse der Klinik schließlich geflutet wurden, riss es tonnenschwere Brandschutztüren aus den Wänden. Urologie, Radiologie und Strahlentherapie, Zentrallabor, Apotheke, Medizintechnikwerkstatt, Betten- und Wäschelager wurden vollkommen zerstört. Schon am Vorabend, als bekannt wurde, dass sich die Lage zuspitzte, wurden zusätzliche Pflegekräfte und Ärzte einbestellt, um notwendige Vorkehrungen zur Sicherstellung der Patientenversorgung zu treffen und Patienten zu beruhigen. 295 Patienten mussten schließlich per Hubschrauber, Rettungswagen oder Traktor in umliegende Kliniken evakuiert werden. Auch in den Wochen danach packten alle Mitarbeiter, die helfen konnten, mit an. Seit 4. Oktober ist die Klinik offiziell wiedereröffnet.

Über Wioletta Osko

Die Pflegedirektorin arbeitete zunächst als Bürokauffrau in einer Medizinproduktefirma, bevor sie sich für eine Karriere in der Pflege entschied. In einer Klinik im Kreis Ahrweiler erlernte sie den Pflegeberuf von der Pike auf, entwickelte sich nach fünf Jahren Praxis weiter zur Pflegemanagerin MSc und promovierte als Pflegewissenschaftlerin. Seit Januar 2020 ist Dr. rer. cur. Wioletta Osko Pflegedirektorin am St. Antonius-Hospital in Eschweiler. Von der Flutkatstrophe war sie auch privat  betroffen.

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Foto: St. Antonius-Hospital/Strauch
Pflegedirektorin Wioletta Osko 

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