Hygienefachkraft

Weiterbildung mit Prestige und freiem Wochenende

Hygienefachkräfte verdienen sich in der Corona-Pandemie viel Respekt. Das dürfte bald auch ihr Gehalt beeinflussen. Lesen Sie alles über die Weiterbildung und ihre Perspektiven

Inhaltsverzeichnis

Diese Monate sind ihr persönlicher Härtetest. Als Hygienefachkraft im Gesundheitsamt der Stadt Köln ist Maria Canosa Cabaleiro (Foto ganz unten) seit Ende Februar nahezu durchgehend im Dauerstress: Zehn- bis 14-Stunden-Tage, durchgearbeitete Wochenenden, kaum freie Tage und die Familie nur selten gesehen – so geht es gerade vielen Hygienefachkräften (HFK). Das Coronavirus hat einen Beruf in den Fokus gerückt, der bislang nur wenig Beachtung fand. In Pandemie-Zeiten sind Experten wie Canosa Cabaleiro wichtige Berater, ihr Wissen ist rund um die Uhr gefragt. Gleichzeitig wird vielerorts deutlich: Es gibt zu wenige HFKs in deutschen Krankenhäusern, Pflegeheimen und Gesundheitsämtern.

Jedes Pflegeheim, jedes Krankenhaus braucht eine Hygienefachkraft

Laut Infektionsschutzgesetz müssen alle Einrichtungen des Gesundheitswesens ein Hygienemanagement haben und dafür auch die nötigen Planstellen schaffen. Details regelt eine Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI). Sie schreibt unter anderem vor, dass Krankenhäuser entsprechend ausgebildetes Personal anstellen oder sich dafür externe Beratung sichern müssen. Die Zahl der Stellen hängt von der Klinikgröße und dem auf übertragbare Erkrankungen und Infektionen bezogenen Risikoprofil ab.

Neben Hygienikern kommen für die Aufgaben Fachkräfte wie Maria Canosa Cabaleiro infrage, die in einer zweijährigen berufsbegleitenden Weiterbildung darauf vorbereitet werden. Hinzu kommen Hygienebeauftragte in der Pflege, die eine mehrwöchige Fortbildung absolvieren. Für Senioreneinrichtungen und ambulante Pflegedienste sind die Anforderungen nicht konkret definiert, doch pocht der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) auch hier auf entsprechendes Know-how – schließlich gehen ihre Teams ebenfalls mit infektiösen Patienten um.

In der Corona-Pandemie Hygiene-Schulungen für Pflegeheime entwickeln

Angesichts der Corona-Pandemie war der Beratungsbedarf immens. Maria Canosa Cabaleiro und ihre Kollegen haben in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Ärzten unter anderem Schulungen für jede Einrichtung entwickelt.

Der PDL helfen, wenn es plötzlich Covid-19-Fälle gibt

Zudem haben sie Häuser, in denen es Corona-Fälle gab, persönlich besucht und beraten und dabei eng mit den Leitungen zusammengearbeitet, wie Canosa Cabaleiro betont: Wie wird die Isolation der Betroffenen organisiert? Wie arbeitet das Team mit Schutzausrüstung? Was muss das Personal beachten? Es gab viele Fragen. „Die Einrichtungen sind froh, wenn wir Input geben“, sagt Canosa Cabaleiro. Im Zeichen des Virus ist die Wertschätzung für ihre Arbeit deutlich gestiegen.

Im Kölner Gesundheitsamt kümmert sich Maria Canosa Cabaleiro normalerweise mit einer weiteren Kollegin um den Bereich. Planstellen gibt es mehr, doch das nötige Fachpersonal ist schwer zu finden. Durch die Pandemie ist das Team deutlich gewachsen. Zunächst wurden die beiden Hygienefachkräfte durch zwei studentische Hilfskräfte verstärkt. In der bisherigen Hochphase schließlich waren rund 100 Leute in der Unter-Arbeitsgruppe des Krisenstabs der Stadt Köln beschäftigt, in dem auch die Feuerwehr und die Heimaufsicht vertreten sind.

Alle Bewohner in einem Pflegeheim testen

Mit dabei waren neben vielen Freiwilligen, Studenten und Feuerwehrleuten auch Ärzte und Kollegen aus der Stadtverwaltung. Trotzdem könnte sie sich oft vielteilen. Oft sind sie rausgefahren und haben selbst Abstriche genommen. Teilweise mussten die Bewohner ganzer Häuser getestet werden, und später galt es, ihnen die Ergebnisse mitzuteilen. „Der Aufwand ist gewaltig“, sagt Canosa Cabaleiro.

Frage 1: Welche Aufgaben hat eine Hygienefachkraft?

Beratung steht auch oben auf der Aufgabenliste, wenn nicht das Coronavirus alles beherrscht. Experten wie Maria Canosa Cabaleiro sind wichtige Ansprechpartner zum Beispiel für Seniorenheime, wenn dort etwa die Krätze oder das Norovirus ausbrechen. Zudem kontrollieren sie vorgeschriebene Hygienepläne, Reinigungspläne und Desinfektionspläne, begutachten und prüfen Bauanträge nach hygienischen Kriterien oder gehen Beschwerden nach, etwa wenn Bewohner oder Angehörige Ungeziefer in einer Einrichtung melden. „Wir sind die überwachende Behörde“, betont Canosa Cabaleiro, „aber wir setzen auf das Miteinander.“ Vertrauensvoll solle es sein, „die Verantwortlichen in den Heimen sollen uns bei Problemen gerne fragen“.

Hygienefachkraft-Weiterbildungsstätten gibt es reichlich: 650 insgesamt!

Hygienefachkräfte in Krankenhäusern sind für all das ebenfalls zuständig. Sie erstellen Hygienepläne, beraten und schulen Kollegen, nehmen an Arbeitskreisen teil und setzen hygienische Vorgaben um. „Die Verantwortung ist groß, und das Themenfeld ist unglaublich spannend und vielseitig“, betont Karl-Heinz Stegemann, Vorsitzender der Vereinigung der Hygienefachkräfte der Bundesrepublik Deutschland (VHD). Trotzdem gebe es nicht genug Bewerber für die zweijährige Weiterbildung. Stegemann weiß von Bildungsträgern, die Kurse deshalb ausfallen lassen müssen. Seine Vereinigung VHD, in der mehr als 650 Hygienefachkräfte organisiert sind, listet auf ihrer Homepage bundesweit insgesamt 29 staatlich anerkannte Weiterbildungsstätten auf – sortiert nach Bundesländern.

Frage 2: Was verdienen Hygienefachkräfte?

In der Regel bekommen HFKs (auch Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Hygiene und Infektionsprävention genannt) ein Fachkrankenschwestern-Gehalt und verdienen in etwa zwischen 2.400 und 3.400 Euro brutto monatlich. Tariflich geregelt sei das allerdings nicht, kritisiert Stegemann: „Das ist Verhandlungssache, und viele trauen sich das nicht zu oder können es auch gar nicht.“ Dabei ist die Position der Spezialisten in der Regel gut. Wer konsequent bleibt, kann sich Zulagen sichern.

Leider bieten Arbeitgeber die HFK-Weiterbildung oft als Ruhekissen an

Trotzdem halte die Bezahlung viele von einem Wechsel in die Hygiene ab, ist der VHD-Vorsitzende überzeugt. Obendrein sei der Berufszweig für viele Kollegen schlicht nicht interessant. Und noch immer würden Arbeitgeber gerne gerade ältere Kollegen mit gesundheitlichen Problemen für die Aufgabe bestimmen: „Sie sind dann nicht mit ganzem Herzen dabei.“ Hinzu kommen ganz unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern, nicht jeder Abschluss wird bundesweit anerkannt. „Es fehlen einheitliche Strukturen“, kritisiert Stegemann, der den Gesetzgeber zudem auffordert, „klare tarifliche Lösungen zu definieren“.

Frage 3: Können Hygienefachkräfte auch freiberuflich arbeiten?

Warum sich Maria Canosa Cabaleiro vor knapp zwei Jahren für die Hygiene und den Seitenwechsel ins Gesundheitsamt entschieden hat? „Nach 20 Jahren im Schichtdienst im Krankenhaus wollte ich nicht mehr ewig auf Station arbeiten und immer wieder Patienten reanimieren müssen oder ständig die Diskussion führen, dass wir keine Dienstmädchen sind“, sagt die Hygienefachkraft. Das hat Kraft geraubt, zudem habe sich ihr Job sehr zum Nachteil verändert, sagt die 43-Jährige.

Weniger Geld, dafür endlich freie Wochenenden

Statt eine Leitungsfunktion anzustreben, habe sie zunächst eine Fortbildung zum Hygienebeauftragten und dann die HFK-Weiterbildung gemacht. Jetzt erlebe sie zwar „andere Belastungen“ und müsse ohne die Schichtzulagen auskommen. Dafür genieße sie – außer in Corona-Zeiten – „den Luxus freier Wochenenden“ und nicht mehr ständig einspringen zu müssen. „Mehr Freizeit und geregelte Arbeitszeiten sind für mich echte Vorteile.“

Oft arbeiten Hygienefachkräfte wie Maria Canosa Cabaleiro zudem freiberuflich. „Viele sind zu 50 Prozent im Krankenhaus beschäftigt und den Rest selbstständig“, sagt sie: „Der Markt ist groß, und der Bedarf ist hoch.“ Bezahlt werden die freiberuflichen Einsätze entweder stundenweise oder pauschal wie bei Canosa Cabaleiro, die langfristige Verträge mit mehreren Einrichtungen hat - und sselbstverständlich eine eigene Homepage.

Frage 4: Passt die Aufgabe Hygienefachkraft zu jedem?

Warum das nicht mehrere so machen? Vielen Kollegen sei gar nicht bewusst, dass es diese Möglichkeiten überhaupt gebe, vermutet Canosa Cabaleiro. Zudem biete sich der Beruf auch nicht für jeden an: „Man ist nicht Everybodys Darling, sondern muss auch unbequem sein und den Finger in Wunden legen können.“ Dem Chef gegenüberzutreten und zum Beispiel bei Hygienebegehungen klar und deutlich die Wahrheit zu sagen, sei nicht jedermanns Sache. Auch im übrigen Team habe die Tätigkeit nicht unbedingt ein positives Image – „viele sehen uns Hygienefachkräfte als diejenigen, die nur Arbeit bereiten“. Das sei „ein breites Spannungsfeld“, bestätigt Karl-Heinz Stegemann von der VHD.

Frage 5: Wie läuft die Weiterbildung zur Hygienefachkraft?

Voraussetzung für die Weiterbildung ist die staatliche Anerkennung zum Gesundheits- und Krankenpfleger mit mindestens dreijähriger Berufserfahrung. Die zweijährige berufsbegleitende HFK-Weiterbildung umfasst je nach Bundesland mindestens 750 Stunden und 30 Wochen Praktika. Für den Abschluss müssen die Kandidaten also viel investieren – nicht nur mit Blick auf den Lernaufwand, sondern auch finanziell. „Den Arbeitsausfall durch den Blockunterricht eingerechnet, können schnell mehrere Zehntausend Euro zusammenkommen“, sagt Maria Canosa Cabaleiro, „das geht nicht ohne einen Sponsor.“

Frage 6: Und die Kosten? Es gibt ein großzügiges Förderprogramm

In der Regel übernehmen Krankenhäuser die Kosten der Fortbildung und sichern sich im Gegenzug für mindestens drei Jahre die Arbeit der qualifizierten Hygienefachkräfte. Über ein Förderprogramm des Bundes können sich die Klinikträger zudem bis zu 90 Prozent der Kosten erstatten lassen. Bei Umschulungen können Gelder der Deutschen Rentenversicherung oder der Jobcenter fließen.

Frage 7: Wo arbeitet man als Hygienefachkraft?

Zum Einsatz kommen die Absolventen in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens:

  • vorrangig in Krankenhäusern
  • in Arztpraxen
  • in Reha-Einrichtungen
  • in stationären und ambulanten Pflege- und Behinderteneinrichtungen
  • in Schulen für Pflegeberufe
  • bei Rettungsdiensten
  • bei der Berufsfeuerwehr
  • in Gesundheitsämtern

Trend zur universitären HFK-Ausbildung

Künftig dürfte sich die Akademisierung auch bei den Hygienefachkräften stärker bemerkbar machen. Die FOM Hochschule Essen beispielsweise bietet im Rahmen eines Bachelorstudiums seit einigen Jahren die Vertiefung Hygienemanagement an. Für Karl-Heinz Stegemann von der VHD ist das der richtige Weg: „In einigen Jahren werden wir statt der Weiterbildung wahrscheinlich nur noch die universitäre Ausbildung haben.“

Corona-Pandemie hat Hygienefachkräften mehr Ansehen gebracht

Grundsätzlich, ist er überzeugt, habe das Coronavirus seinem Fachgebiet „einen großen Schub nach vorne gegeben“. Das merkt auch Maria Canosa Cabaleiro in Köln. Insgesamt jedoch werde ihr Arbeitsbereich noch immer „sehr unterschätzt“: „Wir machen hauptsächlich Präventionsarbeit, und wie viele Probleme und mögliche Ausbrüche von Infektionen wir verhindert haben, lässt sich kaufmännisch eben nur schwer darstellen.“

Autor: Jens Kohrs

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