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Burnout, Depression

Was tun, wenn Pflegeschüler psychisch auffällig sind?

Wir fragten einen der es wissen muss: Klemens Hundelshausen, einst Krankenpfleger,  der Seminare zu psychischen Auffälligkeiten bei Auszubildenden anbietet. Zurzeit erlebt er eine so hohe Nachfrage wie nie zuvor

pflegen-online: Herr Hundelshausen, die Abbrecherquote bei Auszubildenden in der Pflege schätzt der deutsche Pflegerat auf 28 Prozent. Spielen die psychischen Belastungen während der Ausbildung für dieses Problem eine Rolle?

Klemens Hundelshausen: Ja. Die Gründe sind allerdings vielfältig.

Können Sie das etwas genauer entfalten?

Dass die Abbrecherquote aktuell so hoch ist, liegt sicher zum einen daran, dass die Ausbildung viele mit völlig ungewohnten Realitäten konfrontiert. Außerdem haben die Pflegeschüler es mit ebenfalls gerade besonders intensiv arbeitenden Kolleginnen und Kollegen zu tun. Das Stressniveau ist allgemein sehr hoch und das wirkt sich natürlich auf die Motivation beim Nachwuchs aus.

Dazu kommt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Auszubildenden bereits mit persönlichen Belastungsfaktoren in die Ausbildung einsteigt. Zum Beispiel junge Menschen, die einen Fluchthintergrund haben und Traumatisierungen mitbringen, und die dann unter dem Stress der neuen Arbeits- und Lebenssituation besonders herausgefordert sind.

Als dritten Punkt würde ich noch die zeitgleich mit der Corona-Epidemie eingeführte generalistische Ausbildung nennen. Auch die hat für alle Beteiligten zusätzlichen Stress mit sich gebracht, zumal unter Corona-Bedingungen. Man hat mehr Prüfungen als vorher, lernt sich wegen der Epidemie aber in der Ausbildungsgruppe nicht so leicht persönlich kennen. Da kam einfach in den letzten Jahren einiges an Belastungsfaktoren zusammen.

Ihr Seminarangebot mit dem Titel „Alles in Ordnung?“ wendet sich an die pflegepädagogischen Fachkräfte und die Praxisanleiterinnen. Worauf kommt es denen besonders an?

Sie möchten vor allem Ideen austauschen und Möglichkeiten kennenlernen, wie sie die Pflegeschülerinnen in der Ausbildungspraxis besser unterstützen können. Wir schauen uns dazu gemeinsam an, was es bei manchen Trägern schon gibt. Zum Beispiel Mentoren-Programme oder Trainings, mit denen die Beratungskompetenz gezielt ausgebaut wird. Ein weiteres wichtiges Thema ist außerdem die bessere Vernetzung innerhalb der Häuser.

Was heißt das?

Gerade in Bezug auf psychische Belastungen von Pflegeschülern müsste der Kontakt zwischen Pflegeschule und Praxisanleitern noch erheblich intensiviert werden. Da wird viel zu wenig miteinander geredet.

Welcher Punkt wäre bei diesem kommunikativen Austausch zwischen Pflegeschule und Praxisanleitung besonders wichtig?

Es ist wichtig, dass man sich schon im Vorfeld über die Auszubildenden unterhält und alle Beteiligten wissen: Wer kommt da jetzt in den praktischen Teil der Ausbildung? Was haben die Personen für einen Hintergrund? Worauf sollte man achten, um zeitnah reagieren zu können, wenn jemand dann tatsächlich auffällig wird. So kann man das Thema bereits angehen, bevor jemand schon mehrfach wegen einer Depression krankgeschrieben wurde. Deswegen ist es so wichtig, abgestimmt aufeinander zuzugehen, sich intensiv auszutauschen und die Auszubildenden gemeinsam zu führen.

Welche psychischen Auffälligkeiten werden besonders oft beobachtet?

Depressionen sind ein großes Thema, psycho-somatische Beschwerden verschiedenster Art, die wiederum eine Ausprägung der Depression sein können, Angststörungen, emotionale Instabilität, Rückzug oder auch aggressives Auftreten, oft aus einer Hilflosigkeit und Überforderung heraus. Außerdem Traumata, besonders bei den Auszubildenden mit Fluchthintergrund.

Dass die psychische Belastung insgesamt besonders hoch ist bei den Pflegeschülern, sieht man ja zum Beispiel auch beim Rauchen. Pflegeschüler sind doppelt so oft starke Raucher wie ihre Altersgenossen in der restlichen Bevölkerung.

Welche ersten Schritte empfehlen Sie, wenn Pflegepädagoginnen und Praxisanleiter Auffälligkeiten beobachten?

Mit der Person zu sprechen und ihr vor allem zuhören. Je nach Tiefe des Problems kann es sinnvoll sein, weitere Gesprächspartner hinzuziehen. Es gibt sehr gute Angebote von der Berufsgenossenschaft, die viele noch nicht kennen. Dort kann man innerhalb weniger Tage Beratungsangebote und Therapien für die Betroffenen erhalten. Wichtig sind auch kurze Wege zu Beratungsstellen, zu den Psychologen im Haus oder dem Sozialdienst vor Ort. Oft hat man im eigenen Haus erheblich mehr Ressourcen, als man zunächst denkt. Vernetzung ist hier ein wichtiges Thema.

Ein Gespräch über psychische Probleme ist für die Ausbildenden auch keine kleine Herausforderung.

Das stimmt. Deshalb üben wir das auch in den Seminaren. Wir schauen uns an: Wie führe ich solche Gespräche? Welche Methoden funktionieren auch im noch mal schwierigeren Online-Format? Wie bereitet man die Auszubildenden realistisch auf den Beruf vor und holt sie im direkten Kontakt gut ab? Wichtig ist dabei vor allem eine dialogische Gesprächshaltung. Nicht einfach Ratschläge zu geben, sondern sich auszutauschen und sich die Zeit zu nehmen, jemandem ausführlich zuzuhören. Das zahlt sich langfristig für alle aus.

Stichwort Prävention. Wie kann aus ihrer Sicht die Ausbildung und der Arbeitsbereich Pflege so gestaltet werden, dass die Angestellten psychisch gesund bleiben?

Wirklich alle sollten Stresspräventionsprogramme lernen und nutzen! Und zwar praxistaugliche Stresspräventionsprogramme, die mir zeigen, wie ich mitten im Berufsalltag in kleinen und kleinsten Einheiten etwas für mich tun kann, wie ich mich emotional stärken kann. Solche Programme gibt es bereits für Menschen in der Notfallmedizin. Sie sollten generell für alle Menschen in Pflegeberufen eingeführt werden.

Was muss Ihrer Meinung nach in Zukunft geschehen, um die psychische Belastung in der Pflegeausbildung zu reduzieren?

Sinnvoll wäre es auf jeden Fall, ein Programm aufzulegen, das zum einen die Beratungskompetenz bei den Ausbildern in Schule und Berufspraxis steigert. Und parallel dazu ein Programm für Pflegeschüler, so dass die passenden Präventionsmethoden frühzeitig in die Ausbildung integriert sind. Der Stress im Pflegeberuf wird ja bleiben und vielleicht sogar noch steigen. Gut mit Stress umgehen zu können, sollte daher ein zentraler Inhalt der Pflegeausbildung sein. Damit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen langfristig in diesem sehr schönen Beruf tätig sind.

Interview: Kirsten Wenzel

Über Klemens Hundelshausen

Der examinierte Krankenpfleger hat in leitender Position gearbeitet, bevor er Personalentwickler und selbstständiger Seminaranbieter und Berater wurde. Stressprävention und Kompetenztraining sind seine Schwerpunkte.    

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