Christina Gruhl fühlt von der Geschäftsführung ihrer Zeitarbeitsfirma mehr wertgeschätzt als in ihren Jobs zuvor von Pflegedienst- und Klinikleitungen.      
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Christina Gruhl fühlt von der Geschäftsführung ihrer Zeitarbeitsfirma mehr wertgeschätzt als in ihren Jobs zuvor von Pflegedienst- und Klinikleitungen.      

Beruf und Karriere

Was Kliniken von Zeitarbeitsfirmen lernen können

Pflegekraft Christina Gruhl arbeitet für eine Zeitarbeitsfirma. Nie wieder würde sie sich von einer Klinik und einem Pflegeheim anstellen lassen – dabei geht es ihr um mehr als Gehalt und Flexibilität

Christina Gruhl hat im Jahr 2000 die Ausbildung zur Krankenpflegerin an der Uniklinik Gießen abgeschlossen. Anschließend war sie bis 2011 auf der chirurgischen und kardiovaskulären Intensivstation des Klinikums tätig, danach bei Agaplesion Evangelisches Krankenhaus Gießen auf der interdisziplinären Intensivstation sowie längere Zeit als Palliativschwester. Ein Umzug zu ihrer Familie brachte sie in ihre letzte Festanstellung bei einer Reha-Einrichtung für neurologische und neurochirurgische beatmete Patienten in Pulsnitz/Sachsen. Als die Reha-Klinik die Behandlung strategisch neu ausgerichtete und ihre Abteilung umwandelte, beschloss sie im April 2023 ganz in die Zeitarbeit zu wechseln.

Hier berichtet die 44-Jährige, was zu ihrer Entscheidung geführt hat, was sie von dem diskutierten Verbot der Zeitarbeit hält und was Pflegekräfte wissen sollten, die auch mit dem Gedanken spielen, in die Zeitarbeit zu wechseln.

Ich habe inzwischen über 23 Jahre Berufserfahrung. Und ich muss sagen: Für mich persönlich kommt etwas anderes überhaupt nicht mehr in Frage. Wenn das Verbot der Zeitarbeit tatsächlich käme, würde ich auf jeden Fall nicht zurück in die Festanstellung in die Klinik gehen, sondern lieber in den Homecare-Bereich – oder einen ganz anderen Job suchen. Das liegt an den katastrophalen Arbeitsverhältnissen in den Krankenhäusern und teilweise auch in den Pflegeeinrichtungen, die ich hier in Brandenburg und teilweise in Sachsen erlebe, aber die vermutlich generell im ganzen Land so vorzufinden sind.

Ich habe bereits einige Jahre auf Minijobbasis für meine Vermittlung gearbeitet und bin seit 2023 als Teilzeitkraft in der Zeitarbeit. Den Schritt habe ich mir sehr gut überlegt. Denn dazu gehört die Bereitschaft, in vielen unterschiedlichen Pflegeheimen und Kliniken eingesetzt zu werden, die oft mehr als 60 Kilometer von meiner Wohnung entfernt liegen. Zum Teil muss ich mehr als eine Stunde zu meinem Einsatzort anreisen. Das ist sicher nicht für jeden das Richtige. Doch für mich überwiegen die Vorteile eindeutig.

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Die wichtigsten Gründe für Zeitarbeit sind für mich:

1. Vorteil: Flexibler Dienstplan, kein Einspringen aus dem Frei

Ich kann meinen Dienstplan mitgestalten und meinen Urlaub frei planen. Ich muss mich nicht mit meinen anderen Kollegen absprechen, jederzeit einspringen und meine Vorgesetzten machen mir kein schlechtes Gewissen, dass ich doch „gar nicht so viele“ Überstunden habe.

2. Vorteil: Auf Wunsch Wechsel des Einsatzortes

Ich kann mitentscheiden, wo und wie ich eingesetzt werden möchte. Theoretisch ist es bei uns so geplant, dass man drei Monate fest an einem Ort ist. Aber wenn ich merke, dass ich mich zum Beispiel in einem bestimmten Pflegeheim nicht wohl fühle, kann ich auch nach einem Monat sagen: Ich möchte etwas Neues. Die Aufgabe meines Arbeitgebers ist dann, dafür eine gute Lösung zu finden. Und das schaffen sie erstaunlich gut.

3. Vorteil: Mehr Wertschätzung und Entgegenkommen

Dieser Punkt ist für mich der Wichtigste von allen. Die mangelnde Wertschätzung und Dankbarkeit sind sehr oft der Grund, warum sich Pflegekräfte von ihrem festen Arbeitsgeber abwenden. Viel zu oft wird nur Druck aufgebaut und nicht auch mal was zurückgegeben. Wenn ich daran denke, wie sehr ich früher dafür kämpfen musste, überhaupt mal eine Fortbildung vollständig bezahlt zu bekommen. Meine Zeitarbeitsvermittlung unterstützt uns bei diesem Thema großzügig. Wenn ich ins Büro gehe und sage, ich interessiere mich für das Gipsen, weil ich das für den Einsatz brauche, dann bezahlen sie den Gipskurs. Punkt.

4. Vorteil: Das Gefühl, mehr als ein Rad im Getriebe zu sein 

Ich habe mich auch noch nie so persönlich gesehen gefühlt wie als Zeitarbeitskraft. Ich habe sicher auch besonderes Glück mit meinem Arbeitgeber. Die Vermittlung wird von echten Praktikern geführt, zwei Pflegefachkräften, die bis heute auch selbst im Krankenhaus arbeiten. Unsere Chefinnen wissen genau, was wir brauchen. Bei der Weihnachtsfeier wird jeder persönlich eingeladen, es wird viel miteinander gesprochen, sie versuchen bei der Planung, immer individuell auf dich einzugehen. Natürlich gibt es regelmäßige Mitarbeitergespräche, das kenne ich von meinen früheren Arbeitgebern gar nicht. Und wenn du mal krank bist, fragen sie freundlich nach, ob es etwas gibt, was sie für dich tun können.

5. Vorteil: Bessere finanzielle Leistungen

Ein wichtiger Aspekt, warum ich mich mehr wertgeschätzt fühle, liegt natürlich auch in den besseren finanziellen Bedingungen. Ich habe das Glück, dass ich trotz Zeitarbeit in einer Arbeitnehmerbeziehung stehe und mich darauf verlassen kann, dass ich mein Geld bekomme, auch wenn aus irgendeinem Grund ein Dienst ausfällt. Das ist längst nicht bei jeder Firma so.

Das Grundgehalt unterscheidet sich dabei gar nicht so sehr von dem, was ich bei meiner letzten Anstellung in der Klinik erhalten habe. Aber es wird einfach weniger geknausert. Das beginnt bei den 44 Euro netto Freibetrag, die jeder Arbeitgeber geben könnte, und bei der Übernahme der Spritkosten, es geht weiter über die Fortbildungskosten und dann zu den Zuschlägen für Spät- und Wochenendschichten. Die sind in der Zeitarbeit wesentlich höher als in der Klinik selbst.

Ich muss sagen, ich finde es richtig, dass man dafür belohnt wird, wenn man nachts oder an Feiertagen arbeitet. Dafür habe ich früher gerade mal ein paar Cent mehr Lohn erhalten. Hier sollten die Kliniken nicht über die Zeitarbeitsfirmen schimpfen, sondern von ihnen lernen. Warum schaffen sie nicht auch ein gerechteres Vergütungssystem, dass Leute belohnt, die sich die Wochenenden und Feiertage um die Ohren schlagen?

6. Vorteil: Die Wertschätzung auf Station

Am Anfang habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie die festangestellten Kollegen auf mich als Zeitarbeitskraft reagieren. Aber mögliche Neid-Themen wie Dienstplan oder unterschiedliche Bezahlung spielen im Arbeitsalltag überhaupt keine Rolle. Ich erlebe stattdessen ganz viel Dankbarkeit, wenn ich ankomme und bereits nach einer kurzen Einweisung viel Arbeit übernehmen kann. Denn wir werden ja nur geholt, wenn dringender Bedarf besteht, alle überlastet sind und es an vielem fehlt. Da wird man mit offenen Armen empfangen. Oft sind es auch wir Zeitarbeitskräfte, die auf einer chronisch überlasteten Station wieder für positive Energie sorgen können. Wir kommen ja frisch dazu, sind unverbraucht, weniger frustriert und haben einen anderen Blick auf die Dinge. Das wirkt sich spürbar auf die Stimmung aus, von der letztlich auch die Patienten profitieren.

Beim Gehalt hinken Kliniken und Heime im Osten hinterher

Zeitarbeit verbieten ist meiner Meinung nach der völlig falsche Ansatz, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Insgesamt gibt es nur wenige Pflegekräfte in der Zeitarbeit, aber dieser Druck würde nur dazu führen, dass noch mehr gelernte Pflegekräfte ganz aus dem Beruf heraus wechseln und sich der Fachkräftemangel verschärft. Helfen würden vor allem vernünftige Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten. Hier hinken die Kliniken und Heime in Ostdeutschland noch sehr hinterher – und es wird eher ein gefühlter Mindestlohn als ein Gehalt gezahlt. Manchmal habe ich den Eindruck, viele Arbeitgeber haben noch gar nicht verstanden, dass inzwischen nicht mehr 20 Bewerber für eine Stelle bereitstehen.

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Besser nicht gleich nach dem Examen in die Zeitarbeit wechseln

Empfehlen kann ich den Wechsel in die Zeitarbeit allerdings nur für Pflegekräfte, die über genügend berufliche Erfahrung verfügen. Viele denken, man könne einfach ins kalte Wasser springen, einige Zeitarbeitsfirmen sagen auch gern: Wir versuchen das mal. Da wäre ich sehr vorsichtig. Zumindest in einem Fachgebiet sollte man schon sehr routiniert sein und sich auch nur entsprechend einsetzen lassen. Denn im Ernstfall kann es schnell passieren, dass man auf sich allein gestellt ist. Am besten hat man als Zeitarbeitskraft schon reichlich Berufserfahrung gesammelt und verfügt über einen gewissen Rundumblick auf das Thema Pflege. Dann kann man sich vielfältig einsetzen lassen – und profitiert so von dem Abwechslungsreichtum, den diese Art zu Arbeiten bietet.

Protokoll: Kirsten Wenzel 

https://www.pflegen-online.de/bin-ich-der-typ-fuer-zeitarbeit

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