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Organspende

Was es heißt, einen Organspender zu pflegen

Organspenden sind selten. Trotzdem können Pflegekräfte – besonders auf Intensivstation – unvorhergesehen damit konfrontiert werden. Dann ist es gut, bereits gehört zu haben, was auf einen zukommt

Das Thema Organspende lässt selbst gestandene Pflegekräfte schlucken: Schließlich geht es darum, eine Verstorbenen zu pflegen – eine Situation, die vermutlich viele als unheimlich empfinden. Alle kurativen Anstrengungen nützen nichts mehr, der Patient ist verstorben und wird zum Organspender. Tot und warm zugleich: Ist das ein Patient oder ein Verstorbener? Eindeutig ein Verstorbener, erklärt Stefan Klinck, Koordinator bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation, der oft vor Ort ist, wenn ein Krankenhaus einen Organspender meldet. Aber: Klinck behandelt den Toten würdevoll, er spricht sogar mit ihm.

Intensivpfleger Danny Petzoldt: „Es ist eine sinnvolle Aufgabe“   

Danny Petzoldt, Intensivpfleger und Transplantationsbeauftragter an der Uniklinik Leipzig sieht in der Pflege eines Spenders sogar etwas Tröstliches: „Ein Mensch stirbt und ich pflege ihn weiter, um eventuell sieben Menschen das Leben zu retten oder deren Lebensqualität zu verbessern. So gesehen, ist die Pflege von Verstorbenen eine schöne, eine sinnvolle Aufgabe. Denn je besser ich den Spender pflege, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Empfänger ein gutes Outcome haben.“

Spende nur bei irreversiblen Hirnfunktionsausfall möglich

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Allerdings passiert es äußerst selten, dass eine Pflegefachkraft einen Verstorbene pflegt. Von allen Menschen, die in Deutschland sterben, kommen nur sehr wenige für eine Organspende infrage, ein bis zwei Prozent sind es etwa, ganz unabhängig davon, ob sie einer Spende zustimmen würden oder nicht. Warum ist das so? In Deutschland gibt es sehr strenge Kriterien: Hierzulande dürfen Organe, so steht es im Transplantationsgesetz, nur nach Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (IHA) entnommen werden, in Ländern wie Spanien, Großbritannien und den Niederlanden manchmal auch bei einem Herzkreislauftod.

Häufigste Todesursache der Spender: die interkranielle Blutung

Anders als oft vermutet, sind nicht Unfälle häufige Gründe für den endgültigen, irreversiblen Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms, sondern atraumatische Hirnschädigungen durch internistische und neurologische Erkrankungen wie Schlaganfälle. Die interkranielle Blutung war 2022 mit fast 50 Prozent die häufigste Todesursache der insgesamt 869 Spender.

Pflegefachperson prüft engmaschig Reflexe

Der Prozess der Organspende beginnt mit dem Verdacht, dass bei einem Patienten in Kürze der Hirntod einsetzen wird oder schon eingetreten ist. Für die Pflegefachperson (auf der Intensivstation) bedeutet dies, bei Risikopatienten schon früh auf bestimmte Symptome zu achten und engmaschig eine Reihe von Hirnstamm Reflexen zu prüfen, etwa:

  • die Pupillenreaktion
  • den Würgereflex beim Absaugen
  • den Hustenreflex

„Wir machen das manchmal stündlich bis zweistündlich, wenn wir wissen, dass es darauf ankommt, rechtzeitig zu reagieren“, sagt Danny Petzoldt, Intensivpfleger und Transplantationsbeauftragter an der Uniklinik Leipzig.

Abteilung informiert die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)

Sobald sicher ist, dass der irreversible Hirnfunktionsausfall eintreten wird, informiert der Transplantationsbeauftragte (oder die Ärzte der Intensivstation) die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Von da an wird immer einer der rund 80 DSO-Koordinatoren den Kontakt zum Team vor Ort halten. Die Organisationszentralen der jeweiligen Regionen der DSO sind rund um die Uhr erreichbar.

Zwei Ärzte diagnostizieren den irreversiblen Hirnfunktionsausfall (IHA)

Zwei erfahrene Intensivmediziner (einer davon Neurologe oder Neurochirurg) stellen unabhängig voneinander den irreversiblen Hirnfunktionsausfall (IHA) nach den Richtlinien der Bundesärztekammer fest. Dabei müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: So wird der Ausfall bestimmter Reflexe und der Spontanatmung (Apnoe) überprüft. Zum Irreversibilitätsnachweis wird diese klinische Untersuchung, je nach Hirnschädigung, nach mindestens 12 oder 72 Stunden wiederholt, alternativ durch eine apparative Diagnostik (etwa EEG oder CT-Angiografie). Tod und Todeszeitpunkt stellen die Ärzte nach Abschluss aller Untersuchungen fest.

Ohne Blutproben (und apparative Diagnostik) geht es nicht

Außerdem werden Blutproben genommen, um noch einmal zu überprüfen, ob die Blutgruppe des Spenders mit der des Empfängers übereinstimmt, um auf Infektionen zu testen und vieles, vieles mehr. Auf dem Programm steht auch die Bestimmung von Parametern, die etwas über die Organfunktion (Nierenwerte, Leberwerte etwa) aussagen. Denn für eine Transplantation eignen sich nur Organe mit einer guten Organfunktion.

Den Verstorbenen organprotektiv pflegen

Deshalb muss auch die Pflege organprotektiv sein (ebenso wie die Intensivmaßnahmen, so werden beispielsweise auch weiter Medikamente verabreicht). Das bedeutet für die Pflegefachkraft, den Spender weitgehend so zu pflegen wie lebende Patienten: Mundpflege, Wundpflege, die Pflege von Venen- und Blasenkathetern, Seitenlagerung etc. gehören in jedem Fall dazu.

Ärzte müssen Einverständnis abchecken

Die zweite zwingende Voraussetzung für eine Organentnahme ist das Einverständnis des potenziellen Spenders oder seiner Angehörigen. Auch dies schreibt das Transplantationsgesetz vor. Wenn der Verstorbene keinen Organspendeausweis hat (und es auch keine Zustimmung in einer Patientenverfügung gibt), bittet der Arzt die Angehörigen in einem Gespräch an einem ungestörten Ort, um eine Entscheidung nach dem zu Lebzeiten mündlich geäußerten Willen des Verstorbenen oder nach dessen mutmaßlichem Willen (die Angehörigen können allerdings auch nach eigenen Wertvorstellungen entscheiden, wenn der Wille des Verstorbenen nicht bekannt ist). Das Gespräch findet am besten statt, sobald sich der IHA andeutet. Dann bleibt den Angehörigen mehr Zeit, um zu einer Entscheidung zu kommen.

Wenn alles geklärt ist: sofort in den OP

Von der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls bis zur Organentnahme vergeht idealerweise wenig Zeit. Meistens ist es Abend, wenn der Verstorbene in den OP-Saal geschoben wird. Zur gleichen Zeit werden die Empfänger (mehrere Empfänger, weil meistens auch mehrere Organe entnommen werden) in dem einen und dem anderen der 40 Transplantationszentren in Deutschland (oder in einem Transplantationszentrum innerhalb des Eurotransplant-Verbundes) auf den Eingriff vorbereitet.

Die Zeit im Blick beim Organtransport

Der DSO-Koordinator hat die Organ-Transporte bereits in dem Augenblick organisiert, in dem feststand, wer die Empfänger sind. Die Organe werden mit einer konservierenden Flüssigkeit gespült und dann, geschützt in einem Beutel, vorsichtig in speziellen Transportkisten auf Eis gelagert. Die Art des Transports – ob mit dem (Charter-)Flugzeug, dem Auto oder in seltenen Fällen mit dem Hubschrauber – hängt vom Organ ab: Eine Niere behält bis zu 24 Stunden außerhalb des Körpers ihre Qualität, ein Herz nur vier Stunden bis maximal sechs Stunden.

Wenn die Operateure dem Spender die Organe entnommen haben, verschließen sie die Wunde wieder – ganz so wie bei jeder anderen OP auch. Der Verstorbene wird aus dem OP hinausgeschoben – sehr häufig in einen Abschiedsraum, in dem die Angehörigen würdevoll von ihrem geliebten Familienmitglied Abschied nehmen können.

Info 1: Die Rolle der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO)

Blickt man von oben auf eine Organtransplantation, gerät man leicht ins Staunen: Was muss nicht alles aus dem Stand heraus klappen, damit sie erfolgreich verläuft: Parallel zum Ablauf einer Organspende in einem der rund 1.200 Entnahmekrankenhäuser müssen innerhalb weniger Stunden die vielen Parameter des Spenders abgeglichen werden mit denen der potenziellen Empfänger auf der Warteliste. Ist der passende Empfänger gefunden, muss er im Transplantationszentrum vorbereitet werden. Und genau dorthin muss dann auch das Spenderorgan transportiert werden.

Das entscheidende Bindeglied in diesem gesamten Prozess ist die Deutsche Stiftung Organtransplantation. Sie ist nach dem Transplantationsgesetz damit beauftragt, die postmortale Organspende zu koordinieren. Ins deutsche Gesundheitssystem ist sie fest integriert: Ihre Aufgaben sind in Verträgen mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der Bundesärztekammer und dem GKV-Spitzenverband festgelegt.

DSO ist auch Schnittstelle zu Eurotransplant 

Die rund 80 Koordinatoren der DSO agieren nicht nur zwischen den Entnahmekrankenhäusern und den Transplantationszentren, sie sind auch Schnittstelle zu Eurotransplant: Dorthin übermitteln sie alle wichtigen Angaben zum Spender (unter anderem Blutgruppe, Gewebemerkmale, Ausschluss von Tumorerkrankungen, Infektionen). Eurotransplant in Leiden (Niederlande) ist die zentrale Stelle für die Vermittlung von Organen der Länder Österreich, Belgien, Kroatien, Deutschland, Ungarn, Luxemburg, Niederlande und Slowenien. Die 1969 gegründete Stiftung teilt die Organe nach rein medizinischen Kriterien zu, vor allem nach Dringlichkeit und Erfolgsaussichten. Die Richtlinien für die Vermittlung der Organe werden von der Bundesärztekammer (BÄK) erstellt.

Die DSO-Koordinatoren, alles Ärzte oder Pflegefachpersonen mit fundierter Erfahrung in der Intensivmedizin, kommen auf Wunsch auch ins Entnahmekrankenhaus, um etwa beim Angehörigengespräch zu unterstützen. Auch stellen sie bei Bedarf Kontakt her zu unabhängigen Fachärzten, die den irreversiblen Hirnfunktionsausfall nach den BÄK-Richtlinien diagnostizieren können.

Info 2: Die Rolle des Transplantationsbeauftragten

Lange Zeit haben die Transplantationsbeauftragten in den Entnahmekrankenhäusern ihre Aufgaben nebenbei ausgeführt. Doch seit 2019 werden sie abhängig von der Anzahl der Intensivbetten für einen gewissen Teil ihrer Arbeitszeit freigestellt. Dies sieht eine Änderung im Transplantationsgesetz vor, das die damalige Regierung in den Bundestag eingebracht hat, um die Zahl der Spender zu erhöhen. Auch deshalb heißt es jetzt unmissverständlich im Gesetz, den Transplantationsbeauftragten seien alle erforderlichen Informationen zur Auswertung des Spenderpotentials zur Verfügung zu stellen.

Vorbei ist außerdem das Einzelkämpfer-Dasein: Jetzt muss es für jede Intensivstation einen Transplantationsbeauftragten geben. Zu ihren Aufgaben zählt unter anderem, die Kollegen bei der Identifikation von potenziellen Organspendern (Stichwort Spendererkennung) zu unterstützen und im Falle einer konkreten Organspende den Prozess im Haus zusammen mit dem DSO-Koordinator zu steuern.

Autorin: Kirsten Gaede

Der Artikel erschien im Magazin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz (Ausgabe 35)

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