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Arloff, Stadtteil von Bad Münstereifel in Kreis Euskirchen (Nordrhein-Westfalen)

Interview

Was die Flutkatastrophe für die Pflege bedeutet

Wir sprachen mit drei Pflegekräften (Pflegeexpertinnen) aus dem Kreis Ahrweiler über die gesundheitlichen Folgen, die sie jetzt bereits in Orten wie Ahrweiler, Insul und Arloff beobachten      

Im Kreis Ahrweiler gibt es das deutschlandweit einmalige Projekt HandinHand, in dem qualifizierte Pflegeexperten für Hausärzte Hausbesuche bei alten, chronisch kranken Patienten übernehmen. 540 Patienten betreuen die zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflegeexperten-Center der Marienhaus Holding GmbH. Wie geht es den Patienten jetzt? Wie geht es den Pflegeexperten? Wir fragten Adrienne Breuer, Silke Doppelfeld und Stefanie Klein, wie ihre Arbeitstage jetzt aussehen. Silke Doppelfeld ist Leiterin des Pflegeexperten-Centers, Stefanie Klein ihre Stellvertreterin, beide betreuen aber auch Patienten.

pflegen-online: Frau Doppelfeld, das Pflegeexperten-Center mit seinen Büros liegt mitten in Bad Neuenahr-Ahrweiler, in einem der Ort, wo die Flut am stärksten wütete – waren sie inzwischen schon wieder dort?

Silke Doppelfeld: Nein, ich komme noch gar nicht rein in den Ort, die Flut hat alle Brücken weggerissen. Die Zufahrtswege aus dem Kreis Euskirchen sind nicht passierbar. Wir haben von zu Hause versucht, zu allen Patienten Kontakt aufzunehmen – jede von uns zu ihrer Zeit, denn nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten in den ersten Tagen Empfang, Kabel waren herausgerissen, überschwemmt, Mobilfunknetze funktionierten nicht. Wir bekommen jetzt zu immer mehr wieder Kontakt, von einigen wissen wir, dass ihr Zuhause evakuiert wurde. Viele Mitarbeiter haben ihre Kontaktdaten in Hausarztpraxen, Krankenhäusern und Altenheimen Hilfe angeboten und ihre Nummern hinterlassen.

Adrienne Breuer: Die Situation im Kreis war sehr, sehr chaotisch und ist es immer noch. Wir hatten kein Schema F nach dem wir vorgehen konnten. Es gab keinen Plan, wir hatten kein Netz und viele haben noch immer keinen Strom. Jede von uns war auf sich allein gestellt. Inzwischen hatten wir eine Notfall-Telefonkonferenz mit dem Team und geregelt, wo und wie wir helfen können. Die Patienten, die versorgt werden können, besuchen wir seit einigen Tagen schon wieder – auch um ihnen Stabilität in dieser furchteinflößenden Situation zu vermitteln. Aber es gibt auch Patienten, die wir nicht anfahren können, weil die Straßen verwüstet sind oder Brücken fehlen. Es gibt hier und da schon Ersatzbrücken, aber die sind für die Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerks gemacht, nicht für Pkw. Ich habe mit einer Patientin aus Bad Neuenahr telefoniert, die Hochwasser vor ihrem Haus hatte. Sie weinte und ich konnte ihr nur raten, mit einem der Notfallseelsorger zu sprechen, die dort in den Straßen unterwegs waren.

Ich muss auch sagen: Da wo das Wasser hochsteht, bin ich fehl am Platz. Es gibt hier auf den wenigen Straßen, die noch befahrbar sind wie die A 61 Richtung Koblenz, einen Riesenverkehr. Sämtliche Einsatzkräfte kommen über die Strecke. Es passieren viele Unfälle, weil die Leute mit den Nerven runter sind. Auf einem einspurigen Autobahnzubringer habe ich ein Auto auf dem Dach liegen sehen. Das steckten dann alle Hilfskonvois erst mal fest. Anderseits hatte der Autofahrer natürlich Glück im Unglück: Er war umgeben von Helfern.

Wie sehen jetzt Ihre Arbeitstage aus?

Silke Doppelfeld: Ich habe die ersten Tage Nachbarn geholfen - beim Schippen im Keller zum Beispiel, mein Haus in Lommersum im Kreis Euskirchen ist zum Glück trocken geblieben, bei uns stand nur der Garten unter Wasser. Stefanie Klein und ich haben vor allem dem am Projekt teilnehmenden Hausarzt in Arloff geholfen, weil medizinisches Know-how gefragt war: Wir haben Wunden versorgt, Blutdruck gemessen und so weiter. Die medizinische Versorgung musste sich an jeden Ort irgendwie organisieren. Aber wir haben auch erlebt, dass der Hausarzt, als wir einkaufen fuhren und fragten, ob wir etwas mitbringen könnten: „Besorgt mir Treibstoff, 120 Liter!“ Den brauchen viele Patienten für die Generatoren in ihren Häusern, um überhaupt ein wenig Licht machen zu können und vor allem um die Pumpen laufen zu lassen. Man merkt jetzt so richtig, wie abhängig man vom Strom ist.

Stefanie Klein: Wir müssen auch auf einige alte Leute in den Ortschaften ringsum ein Auge halten. Die laufen in den nicht mehr vorhandenen Straßen umher. Sie können nicht mehr in ihrem Haus wohnen, die Katastrophe hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Aber es ist manchmal völlig unklar, wo sie jetzt unterkommen können. Die Polizei nimmt alte, verwirrte Leute nicht mit – und wohin sollte sie sie auch bringen? In den Evakuierungszentren gibt es auch keine Möglichkeit. Viele von ihnen haben Angehörigen, aber die müssen auch erst mal informiert werden und hierherkommen. Das haben wir dann mit organisiert. Manche werden natürlich auch von den Nachbarn versorgt. Nur haben die meistens gar nicht so viel Zeit, weil es jetzt enorm viel zu organisieren gibt.

Adrienne Breuer: Ja, das Leben ist für viele sehr kompliziert geworden. Man nimmt das ja alles so hin, dass man von der Arbeit kommt, kurz im Supermarkt einkauft, etwas kocht und den Fernseher einschaltet. Adenau, wo ich lebe, liegt weiter oben, wir haben jetzt gelegentlich Stromausfall und müssen wie alle in der Region Wasser abkochen. Die Sirenen, die Hubschrauber, die Feuerwehr und die THW-Fahrzeuge erinnern uns aber daran, dass es anderswo in der Region viel, viel schlimmer aussieht. Ich habe natürlich die Fernsehbilder gesehen, aber was ich dann in Insul vor Ort sah – den Eindruck kann ich mit Worten nicht beschreiben. Die Sachen, die man liebgewonnen hat, sind einfach weg! Am Dienstag vor der Flut war dort noch bei einer guten Freundin im Garten – wir sind mit ihrem Kind auf den Spielplatz gegangen. Nun gibt es den Spielplatz nicht mehr, die wunderschöne Hecke im Garten nicht und nicht das Spielzeug und Kindersachen von ihrer Schwester und andere Dinge, mit denen sie viele Erinnerungen verbindet. In Insul gab es einen malerischen Biergarten, der endlich wieder geöffnet war, ich mochte ihn sehr - nun, er ist jetzt auch von Schlamm bedeckt.

Silke Doppelfeld: Der Schlamm macht die Aufräumarbeiten extrem schwer. Wenn es nur Wasser wäre – aber man braucht sechs bis zehn Leute, um einen Keller zu entschlammen. Man muss sich durch eine zehn bis 15 Zentimeter dicke Schicht voll Schlamm schaufeln bis man auf das Wasser trifft. Diesen Schlammgeruch bekommt man gar nicht aus der Nase – er riecht wie angetrockneter Hühnerkot. Aber vom Gestank lässt sich niemand abhalten, die Leute versuchen mit aller Kraft ihr Zuhause wieder bewohnbar zu machen. Doch da bahnt sich, so glaube ich, ein ordentliches Problem an, denn der Schlamm ist hochkontaminiert und viele haben sich in der Flut verletzt. Wir haben heute zum Beispiel einer Frau das Bein verbunden, die sich die Wunde zugezogen hat, als sie auf ihrem alten Hof im Moment der Flutwelle gerade draußen auf dem Weg in den Keller war. Sie hielt sich am Geländer fest und ihr Mann konnte sie mit einem Traktor retten. Auch von Diabetiker, die sich etwas in die Füße getreten haben, ist immer wieder zu hören. Es gibt tausende Geschichten über Verletzungen.

Stefanie Klein: Da sieht man auch Leute schippen mit merkwürdig abstehendem Finger, spricht man sie drauf an, sind sie ganz verwundert – sie haben in der Katastrophe gar nicht bemerkt, dass sie sich den Finger gebrochen haben. Gerade Leute, die unter Arthrose in den Fingern leiden, merken solche Brüche oft nicht, wenn sie unter Spannung viel Adrenalin ausstoßen.

Bei manchen Leuten entsteht jetzt auch erst die Arthrose: Nachdem sie vier Tage im Schlamm geschaufelt haben, werden ihre Handgelenke dick. Und sie arbeiten in Crocs und Gummistiefeln – da entzünden sich die Wunden, die sie sich in der Flut zugezogen haben leicht.

Ich würde sagen, es besteht wirklich Seuchengefahr. Man sollte deshalb aufpassen und sich mit Leitungswasser auch nicht die Zähne zu putzen. Dort, wo es überhaupt kein fließendes Wasser gibt, wurden in den Seitenstraßen– neben Wassertankduschen - Dixi-Klos aufgestellt. Das ist der Hygiene auch nicht zuträglich.

Dann noch die Mega-Müllberge, die überall vor den Häusern liegen. 50 bis 60 Lkw-Ladungen in vielen Dörfern. Die Straßen sind dadurch total eng, so dass vor dem Dorf parken muss.

In welcher psychischen Verfassung sind die Leute, die Sie treffen?

Adrienne Breuer: Die Nerven liegen blank. Jeder hat Verständnis, wenn jemand die Fassung verliert und etwa brüllt. Viele stürzen sich in Arbeit, die es ja zuhauf gibt. Das hilft sicherlich. Auch ist die Hilfsbereitschaft enorm. Wir haben Freitag bei Freunden geräumt: Da stand dann plötzlich irgendwer vor uns und hat den Schutt schon auf seinen Hänger geladen. Es kommen auch viele Landwirte, die den Müll wegfahren helfen. Da entsteht schon eine große Verbundenheit.

Und als wir am Sonntag in Insul ins Gemeindehaus kamen, um unseren Wasserkanister zu füllen, sahen wir einen Raum voller Lebensmittel. Da mussten wir weinen. Auch Gummistiefel standen da, die wir uns einfach nehmen konnten.

Silke Doppelfeld: Ich befürchte, die Katastrophe wird tiefe Spuren hinterlassen, nicht nur bei denen, die geliebte Familienmitglieder oder Freunde in den Fluten verloren haben. Das lässt sich jetzt noch gar nicht abschätzen.

Stefanie Klein: Man denke auch nur an die Demenzkranken, die bisher in ihrer eigenen Häuslichkeit mit einer gewissen Unterstützung ganz gut zurechtgekommen sind: Die Katastrophe hat sie nun komplett aus dem Gleichgewicht gebracht, viele von ihnen werden ihr altes, ohnehin fragiles Gleichgewicht nicht mehr zurück erlagen. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben! Protokoll: Kirsten Gaede

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Foto: Pflegeexperten Center (Marienhaus Holding GmbH) Pflegeexpertin Adrienne Breuer
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Foto: Pflegeexperten Center (Marienhaus Holding GmbH) Stefanie Klein (l.) und Silke Doppelfeld  

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt HandinHand 

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