Seit Jahrzehnten streiten Ärzte- und Pflegeverbände über Delegation und Substitution. Jetzt scheint eine Einigung in Sicht.  
Foto: ajr_images – stock.adobe.com
Seit Jahrzehnten streiten Ärzte- und Pflegeverbände über Delegation und Substitution. Jetzt scheint eine Einigung in Sicht.  

Pflege und Politik

Was das Pflegekompetenzgesetz für Pflegekräfte bedeutet

Besonders für Pflegekräfte in den ambulanten Pflegediensten könnten sich radikale Verbesserungen ergeben – aber auch für Pflegekräfte mit spezieller Expertise in Wundversorgung, Demenz und Diabetes

Wer nur einen kurzen Blick in die Eckpunkte für das Pflegekompetenzgesetz wirft, merkt schnell: Hier geht es nicht, wie so oft zuvor, um Modellprojekte und längst nicht nur um akademisierte Pflegekräfte. Im Mittelpunkt stehen dieses Mal ganz deutlich auch die examinierten Pflegekräfte mit dreijähriger Ausbildung – sprich, die große Mehrheit der Pflegekräfte.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat die Eckpunkte erstmals in einem Fachgespräch mit  dem Deutschen Pflegerat, der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, der Bundesärztekammer und Kassenvertretern am 19. Dezember vorgestellt. In einem Video macht er einen der zentralen Aspekte des Pflegekompetenzgesetzes  an einem Beispiel anschaulich. Eine examinierte Pflegekraft mit einer Diabetes-Zusatzqualifikation dürfte nach dem Eckpunktepapier:

  • bestimmte pflegerische Leistungen verschreiben
  • Budgetverantwortung übernehmen
  • Hilfsmittel verschreiben
  • die Pflege durchführen.

Gerade in der ambulanten Pflege würden Pflegekräfte von dem Gesetz profitieren, denn die Leistungen, die ihre Berufsgruppe voraussichtlich verordnen darf sind vielfältig: Wundversorgung, Salben und Katheter zählen dazu.

Jobportal pflegen-online.de empfiehlt:

Lauterbachs Plan, Pflegekräfte in die Feststellung der Pflegebedürftigkeit einzubeziehen, wird besonders Pflegenden in Heimen entgegenkommen. Der Arbeitgeberverband Pflege (AVG) stört sich allerdings an dem vagen Wörtchen „einbeziehen“. Die Verantwortung und Entscheidungshoheit solle komplett auf die Pflege übertragen werden, fordert der AVG. Pflegefachkräfte könnten durch den regelmäßigen Kontakt die Entwicklung der Pflegebedürftigen am besten beurteilen. „Die Kompetenzerweiterung bietet insbesondere älteren Pflegefachpersonen die Chance, länger im Beruf zu verbleiben.“

Was das geplante Pflegekompetenzgesetz außerdem vorsieht

Weitere  Punkte des des geplanten Pflegekompetenzgesetzes sind unter anderem:

  • Etablierung des neuen Berufsbilds Advanced Practice Nurse (Master-Studium) unter anderem mit der Kompetenz, eigenverantwortlich häusliche Krankenpflege zu verordnen, Hilfsmittel und eventuell auch bestimmte Arzneimittel
  • Im Krankenhaus möglicherweise bestimmte eigenständige klinische Entscheidung von Interventionen. „Wir gehen daher insbesondere auf die DKG (Deutsche Krankenhausgesellschaft, Anm. d. Red.) und die Krankenhäuser zu, um zu klären, wie wir die Krankenhäuser in diesem Prozess weiter unterstützen können.“
  • eine zentrale berufsständische Vertretung der Profession Pflege auf Bundesebene, die das Ministerium mit „Befugnissen zur Weiterentwicklung des Berufsverständnisses und der Berufsrollen mit Empfehlungscharakter (z. B. Muster-Berufsordnung, Muster-Scope of Practice, Muster-Weiterbildungsordnung)“ ausstatten möchte. Obwohl in den Eckpunkten das Wort „Bundespflegekammer“ nicht fällt, geht die Vizepräsidentin der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz ganz fraglos davon aus, dass diese gemeint ist: „Die Bundepflegekammer, die ausschließlich die Belange der Pflegefachpersonen in Deutschland vertritt, wird nun auf Augenhöhe mit allen anderen Heilberufen arbeiten können“, sagt Andrea Bergsträßer.  
  • Möglicherweise gibt es auch Beteiligungsrechte bei berufsständischen und pflegerischen Fachfragen auf Bundesebene – wie pflegerische und interprofessionelle Leitlinien und Versorgungspfade sowie strukturierte Behandlungsprotokolle.
  • eine Verankerung der Pflege in den Katastrophenschutz. Ein Vorschlag, den in Rheinland-Pfalz von der Landespflegekammer im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe im Ahrtal schon häufig vorgebracht hat.

Die Liste ist nicht vollständig, es gibt noch eine Reihe weiterer Punkte, die sich vor allem auf die möglichen Aufgaben von Pflegekräften mit Master-Studium beziehen.

Eine ausführliche Darstellung aller Punkte des BMG finden Sie hier.

Fast alle Verbände freuen sich über das Pflegekompetenzgesetz 

Die Reaktionen der Verbände waren grundsätzlich positiv, oft sogar euphorisch. So spricht der Katholische Krankenhausverband Deutschland von einem „Meilenstein der Pflegepolitik“. Der Gründungsausschuss Baden-Württemberg  (der Gründungsausschuss ist die Vorstufe der Pflegekammer  „Die Eckpunkte sind wegweisend und wir finden, dass die vom Bundesgesundheitsminister vorgeschlagenen Maßnahmen in die richtige Richtung gehen. Mit diesem Gesetz kann die Pflege aufgewertet und ein wichtiger Schritt in Richtung Anerkennung als eigenständige Profession gegangen werden“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Peter Bechtel.

Der Bochumer Bund, meint Karl Lauterbach zeige absolut in die richtige Richtung. „Es ist längst überfällig, dass Pflegefachpersonen entscheiden können, welche Hilfsmittel zur Pflege notwendig sind, Maßnahmen der häuslichen Krankenpflege verordnen und auch den Grad der Pflegebedürftigkeit selbst feststellen dürfen“, heißt es bei der Pflege-Spartengewerkschaft.

„Ein Schritt der überfällig war und der einzige richtige Weg ist“, sagt Andrea Bergsträßer, Teilnehmerin des Gesprächs und Vizepräsidentin der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz das neue Gesetz. „Es ist sehr begrüßenswert, dass zukünftig Pflegefachpersonen beispielsweise eigenverantwortlich Wundversorgung planen können oder aktiv die Therapiegestaltung von Demenzpatienten vornehmen.“

„Das ist ein großer Sprung, der uns zuversichtlich für das kommende Jahr stimmt“, sagt Bernadette Klapper, Bundesgeschäftsführerin des DBfK. Bahnbrechend findet auch  Deutscher Pflegerat: „Eckpunkte sind wegweisend für die Zukunft der Pflege“

Der Präsident der Bundesärztekammer Reinhardt, der selbst am Gespräch zum Eckpunkte teilgenommen hatte, sagte anschließend: „Klar ist, dass angesichts der demografischen Entwicklung in Zukunft weniger Ärztinnen und Ärzte eine größere Zahl von Menschen behandeln müssen. Deshalb sind wir uns einig, dass die Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen und Ärzten und dem Pflegepersonal auf ein neues Niveau gehoben werden muss. Wir werden diese Zusammenarbeit von Medizin und Pflege nun genau definiert."

Nur einzelne Ärzteverbände sind gewohnt kritisch gegenüber selbstständigeren und souveränen Pflegekräften – so wie der Deutsche Hausärzteverband: „Unsere große Sorge ist jedoch, dass durch das geplante Reformvorhaben die Versorgung der einzelnen Patientin oder des Patienten noch unübersichtlicher wird als ohnehin schon, denn neben Hausärzten, Fachärzten, Krankenhäusern usw. werden dann auch Pflegekräfte mit erweiterten Kompetenzen die Patientinnen und Patienten eigenständig versorgen. Wenn die eine Hand nicht weiß was die andere macht, dann ist das eine echte Gefahr für die Patientinnen und Patienten. Daher plädieren wir dafür, den Pflegekräften und anderen Gesundheitsfachkräften mehr Kompetenzen zu übertragen, die Verantwortung aber unter dem Dach der Hausarztpraxis zu bündeln. So wäre sichergestellt, dass die Versorgung nicht noch weiter zersplittert wird. Anderenfalls leistet man der Qualität der Versorgung einen Bärendienst.“ 

Text: kig 

Wir haben noch mehr für Sie!

Antworten und Impulse für die Pflegeprofession gibt es auch direkt ins Postfach: praxisnah, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für den pflegebrief an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.

Personalbemessung

PPR 2.0 bedeutet 25 Prozent mehr Personal!

... oder sogar bis zu 30 Prozent mehr Personalbedarf. So zumindest die Schätzungen von Josef Hug (Foto l.) vom Klinikum Karlsruhe, das den PPR 2.0-Testlauf mitgemacht hat

    • Personalbemessung, Fachkräftemangel
Arloff_21-07-21.jpeg

Interview

Was die Flutkatastrophe für die Pflege bedeutet

Wir sprachen mit drei Pflegekräften (Pflegeexpertinnen) aus dem Kreis Ahrweiler über die gesundheitlichen Folgen, die sie jetzt bereits in Orten wie Ahrweiler, Insul und Arloff beobachten      

    • Hygiene, Nordrhein-Westfalen, Pflege als Beruf, Rheinland-Pfalz

Wundmanagement

Chronische Wunden oft falsch behandelt  

In Deutschland erhalten nur 20 Prozent aller Patienten mit chronischen Wunden die richtige Behandlung. Und das, obwohl es einen Expertenstandard und ärztliche Leitlinien gibt. Wie lässt sich die Situation verbessern?

    • Krankenpflege, Pflege als Beruf, Pflegefachkraft, Pflege und Praxis, Ambulante Pflege, Chronische Wunden, Wundmanagement

Krankenpflege

Was die Groko für die Pflege in Kliniken plant

Worauf hat sich die Große Koalition genau geeinigt? Wir stellen Ihnen die wichtigsten Punkte vor und ordnen sie ein.

    • Krankenpflege, Personalbemessung, Pflege und Politik