Coronavirus

Was Corona für Pflegekräfte bedeutet

Auch wenn Corona-Infektionen weniger werden: Pflegekräfte leben weiter mit der Angst sich zu infizieren. Was können sie tun, wenn Schutzausrüstung fehlt? Was ist aktuell der Goldstandard bei den Schutzmaßnahmen?

Inhaltsverzeichnis

Dramatisch überfüllte Intensivstationen wie in Italien, England und den USA hat es in Deutschland glücklicherweise nicht gegeben, die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Patienten mit Covid-19 ist rückläufig. Hat es am 11. Mai noch 1.586 Covid-19-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung gegeben (davon 1.053 beatmet), so sind es eine Woche später (19. Mai) fast 500 weniger, nämlich 1.100 (davon 702 beatmet). Die Zahlen finden sich im Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), dem jetzt alle Krankenhäuser mit Intensivbetten ihre Covid-Fälle und allgemeinen Kapazitäten melden müssen.

61 Mitarbeiter aus Medizin und Pflege an Covid-19 gestorben

Trotzdem, für viele Pflegekräfte bleibt die Corona-Pandemie ein Problem, das Alltag und psychische Verfassung dominiert. Schließlich arbeitern 11 Prozent aller bisher gemeldeten Infizierten laut Robert Koch-Institut in Medizin und Pflege. 61 sind (Stand: 19. Mai) gestorben. Am 5. Mai waren es noch 50 Tote, das ist eine Steigerung von 20 Prozent innerhalb von 14 Tagen. Besonders betroffen mit 42 Toten von 8.566 infizierten Mitarbeitern sind Pflegeeinrichtungen (genauer alle Einrichtungen, die unter Paragraf 36 des Infektionsschutzgesetzes fallen - IfSG). Auffallend hoch ist auch die Zahl der verstorbenen Betreuten mit 2.980. Das Robert Koch-Institut schreibt dazu: „Die hohen Fallzahlen bei Betreuten und Tätigen in diesen Einrichtungen stehen im Einklang mit der Anzahl der berichteten Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen der letzten Wochen.“

Was tun, wenn ich mich nicht gut genug geschützt fühle?

Und was unternehmen die Träger der Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen, um die Situation für Ihre Mitarbeitern (und Patienten, Bewohner, Klienten) zu verbessern? Viele haben sich in den vergangenen Wochen verstärkt um Schutzausrüstung gekümmert. Es gibt inzwischen genügend Masken, Handschuhe & Co. zu kaufen, die anfangs schwierige Lage mit Einfuhrengpässen in ganz Deutschland habe sich entspannt, so der allgemeine Tenor. Trotzdem scheinen manche Einrichtungen noch immer schlecht ausgestattet mit Masken und anderer Schutzausrüstung. Pflegekräfte (auch Leser von pflegen-online) fragen immer wieder, was sie tun können, wenn sie sich von ihrem Arbeitgeber schlecht geschützt fühlen. Zunächst, darauf weist der Pflegedirketor und Vorstand der Uniklinik Münster, immer wieder hin: „Ein Arbeitgeber darf seine Mitarbeiter nicht in eine Situation schicken, die dessen Gesundheit gefährden könnten. Er muss alles objektiv Mögliche unternehmen, um die Gefahr abzuwenden. Anderenfalls macht er sich strafbar.“

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Vorgehen in 4 Schritten

Das bedeutet: Wenn eine Pflegekraft sich nicht ausreichend geschützt fühlt, prüft sie am besten zuerst, was „objektiv möglich“ heißt, und unternimmt dann gegebenenfalls weitere Schritte. Ihr Vorgehen könnte so aussehen:

  1. Welche Schutzausrüstung und welche Schutzmaßnahmen empfiehlt das Robert Koch-Institut? Und: Hält sich mein Krankenhaus oder meine Pflegeeinrichtugn daran? Auch wenn es sich um Empfehlungen handelt: Alle Handreichungen et cetera vom RKI haben einen verbindlichen Status. Sollte es nämlich zu einem Ausbruch kommen, so werden die Gesundheitsämter prüfen, ob die Klinik oder Altenpflegeeinrichtung die RKI-Empfehlungen umgesetzt hat.
  2. Wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass die Empfehlungen nicht oder nur teilweise umgesetzt werden: Sprechen Sie mit Ihrer Vorgesetzten.
  3. Sollte Ihre Vorgesetzte die Situation nicht schnellstmöglich ändern: Schließen Sie sich mit dem Betriebsrat kurz, empfiehlt die Sprecherin vom Deutschen Berufsverband für Pflegberufe (DBfK). Oder: Lassen Sie sich vom DBfK oder der Gewerkschaft Verdi beraten, sofern Sie Mitglied sind.
  4. Wenn abzusehen ist, dass sich an Ihrem Arbeitsplatz nichts ändert und Sie weiterhin ungeschützt oder relativ ungeschützt arbeiten müssen, kann es sinnvoll sein, die Tätigkeit zu verweigern.

Möglich ist natürlich auch, dass sich Ihr Arbeitgeber an die RKI-Empfehlungen hält und Sie trotzdem den Eindruck haben, dass eigentlich mehr passieren müsste. Formal haben Sie dann wenig in der Hand, Anregungen könnten Sie Ihrem Arbeitgeber aber trotzdem geben. Denn es gibt inzwischen Einrichtungen und Kliniken, die über die RKI-Empfehlungen hinausgehen.

In einigen Heimen tragen alle Mitarbeiter FFP2-Masken

So gibt es Pflegeheime, in denen die Mitarbeiter inzwischen alle FFP2-Masken tragen - auch wenn bisher niemand infiziert (gewesen) ist. Sie machen das, um zu verhindern, dass eine Pflegekraft, infiziert ohne es zu wissen, diverse Kollegen ansteckt und am Ende die Bewohner nicht mehr versorgt werden können. Selbstverständlich schützt die Devise FFP-Masken-für-alle auch die Bewohner.

Immer mehr Kliniken screenen Patienten bei Aufnahme

Screening ist eine Handhabe, die Pflegekräfte ebenfalls wirkungsvoll schützen kann. Manche Einrichtugen wie die kommunalen Verbündde München Klinik und Vivantes (Berlin) sowie das Deutsche Herzzentrum testen jeden Patienten bei Aufnahme auf Sars-CoV-2. Das städtische Klinikum Ludwigshafen screent einmal in der Woche alle Mitarbeiter seiner beiden Altenpflegeeinrichtungen. Immer mehr Bundesländer wie Rheinland-Pfalz und Hamburg schreiben inzwischen auch Testungen aller Heimbewohner und -Mitarbeiter vor, sobald in einer Einrichtung auch nur eine einzige Infektion auftritt. „Wir überlegen, diese Routine auch für die Mitarbeiter im Klinikum einzuführen - aber noch sind wir nicht so weit“, sagt Sebastian Kevekordes, Leiter der Krankenhaushygiene im Klinikum Ludwigshafen.

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4 weitere Schutzmaßnahmen: 12-Stunden-Schicht

Im Klinikum Ludwigshafen hat der Krisenstab für Ärzte und Pflegekräfte den Dienstplan so umgestellt, dass die Kontaktdauer zwischen den einzelnen Kollegen und zwischen Mitarbeitern und Patienten verlängert wird und so die Kontakte konstanter bleiben und nicht ständig wechseln:

  1. Die Pflegekräfte arbeiten jetzt in 12-Stunden-Schichten
  2. Die Pflegekräfte bleiben in festen Teams, sprich, jeder arbeitet jeden Tag mit denselben Kollegen

Die wöchentlichen Arbeitsstunden bleiben konstant, nur der Rhythmus ändert sich. Viele Pflegekräfte arbeiten inzwischen sieben Tage 12 Stunden an einem Stück und bekommen anschließend sieben Tage frei. „Die meisten Kolleginnen und Kollegen haben besonnen und verständnisvoll auf die Umstellung reagiert, denn sie kennen ja die Gründe für diese Änderung“, sagt Pflegedirektorin Alexandra von Rex.

Auch zu Kollegen auf räumliche Distanz gehen

In einigen Krankenhäusern und Pflegeheimen haben sich bereits Kollegen untereinander angesteckt. Deshalb gilt auch im Team: so viel Distanz wie möglich. Das bedeutet im Klinikum Klinikum Ludwigshafen etwa:

  • Reduzierung der Plätze in der Kantine, nur jeder 3 Stuhl steht.
  • Übergabe nicht mehr im gesamten Team
  • keine Meetings mehr, keine Gruppenpausen - und wenn in Ausnahmefällen, dann immer nur zwei bis drei Personen mit Mindestabstand
  • nur 2 Personen in die Fahrstühle

Besuchsverbot

Mit einer einfachen und zugleich drastischen Maßnahme hat der kommunale Klinikverbund RKH in Baden-Württemberg schon sehr früh ins Schwarze getroffen: mit dem Besuchsverbot, zum Schutz der Patienten und zum Schutz der Mitarbeiter. Das Besuchsverbot hat bundesweit gegolten, inzwischen wird es gelockert.

Nur geschultes Personal für Corona-Patienten

Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) empfiehlt außerdem, mit der Versorgung von Corona-Patienten nur geschultes Personal zu betrauen und es für diese Aufgabe freizustellen. Standard sollte auch ein multidisziplinäres Corona-Team sein, besetzt mit Intensivmedizinern, Pflegekräften, Infektiologen und Krankenhaushygienikern.

Lesen Sie auch das Interview, das wir mit Prof. Johannes Knobloch, Leiter Krankenhaushygiene am UKE, zu Beginn der Corona-Krise führten:

Interview mit Krankenhaushygieniker Johannes Knobloch (Erscheinungsdatum: 28. Februar 2020)

pflegen-online: Was bedeutet es für Pflegekräfte, wenn Sie auf Station oder im Wohnbereich mit dem Corona-Virus konfrontiert werden?

Johannes Knobloch: Zunächst muss man unterscheiden zwischen irgendwelchen Verdachtsfällen, begründeten oder per Diagnostik gesicherten Fällen einer Corona-Infektion. Zurzeit sind die meisten Verdachtsfälle nicht begründet. Wenn es sich nur um einen irgendwie gearteten Verdachtsfall handelt, dann gelten für Pflegekräfte und Ärzte dieselben Schutzmaßnahmen wie bei Influenza oder einen anderen tiefen Atemwegsinfektion: Handschuhe, Schutzkittel und Mundschutz tragen und auch dem Patienten bei jedem Kontakt Mund-und-Nasenschutz reichen.

Intensivere Schutzmaßnahmen sind nötig, wenn ein Verdacht auf eine Corona-Infektion wegen ausgeprägter Symptome begründet ist, der Patient aus einer der vom Robert-Koch Institut benannten Risikogebieten kommt – etwa aus der Provinz Lodi in der Region Lombardei – und selbstverständlich, wenn er positiv getestet ist. Dann sind neben Schutzkittel und Handschuhen intensivere Schutzmaßnahmen nötig: eine FFP2-Maske, die auch sehr feine Partikel abhält und eine Schutzbrille.

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Auch sollten laborbestätigte Fälle zurzeit noch im Krankenhaus isoliert werden. Diese Maßgabe könnte sich bei einem Anstieg der Corona-Fälle allerdings ändern. Da viele der weltweit laborbestätigten Fälle einen relativ leichten Verlauf haben, würde man dann in erster Linie diejenigen Patienten im Krankenhaus isolieren und behandeln, die mit ausgeprägten Symptomen zu kämpfen haben. Die leichteren Fälle würden Zuhause isoliert werden, damit sie im Krankenhaus nicht die Zimmer für ernsthaft erkrankte Patienten blockieren. Augenblicklich ist dazu allerdings noch keine Entscheidung gefallen.

Wie soll ich mich außerhalb des Krankenhauses verhalten, wenn ich als Pflegekraft mit Corona-Infizierten Patienten zu tun habe? Die Angst, das Virus auf Familie und Freunde zu übertragen, ist dann doch durchaus berechtigt.

Wenn man selbst befürchtet, sich infiziert zu haben, ist es ratsam, im auch im häuslichen Bereich einen Mundschutz zu tragen, ebenso in der Öffentlichkeit, etwa beim Busfahren. Selbstverständlich kommt es dann erst recht darauf an, die Hygieneregeln einzuhalten und beispielsweise unter keinen Umständen in die Hände zu husten oder zu niesen. Mit der Hand verbreiten sich die Viren doch sehr stark in der Umgebung.

Ich möchte an dieser Stelle aber davor warnen, den Mundschutz aus dem Krankenhaus mit nach Hause zu nehmen: Das ist schlicht Diebstahl, gerade bei den FFP2-Masken wird das schnell justiziabel. Den Mundschutz für den Hausgebrauch muss man sich selbst kaufen. Das sollte man aber wirklich nur tun, wenn man den Verdacht hat, sich möglicherweise selbst mit dem Corona-Virus infiziert zu haben.

Viele Gesunde kaufen leider Mundschutz, um sich selbst zu schützen. Doch Mundschutz sollte nicht ohne konkrete, außergewöhnliche Gefährdung getragen werden. Der panische Mundschutz-Kauf führt bereits zu Engpassen, in vielen Apotheken ist er ausverkauft. So gibt es am Ende keinen Mundschutz mehr für Menschen, die ihn wirklich brauchen.

Sollte ich als Pflegekraft, die Umgang mit Corona-Verdachtsfällen hat, noch meine 80-Jährigen Eltern besuchen?

Sie sollten Sie auf keinen Fall besuchen, wenn Sie selbst Krankheitssymptome haben, das gilt im Übrigen auch für Influenza. Keiner macht sich augenblicklich über Influenza Gedanken, dabei erkranken ständig Mitarbeiter an Influenza, was in den meisten Fällen durch eine Impfung gut zu vermeiden wäre. Der Vergleich mit Influenza ist nicht an den Haaren herbeigezogen: Wir gehen augenblicklich davon aus, dass sich eine Corona-Infektion ganz ähnlich verhält wie andere Atemwegsinfekte.

Zur Person

Professor Johannes Knobloch ist Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Er leitet den Arbeitsbereich Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Interview: Kirsten Gaede

Das Artikelbild hat uns freundlicherweise Hille Insa Kamplade zur Verfügung gestellt. Sie ist im Sozialdienst eines psychiatrischen Krankenhaus auf den gerontopsychiatrischen Stationen beschäftigt - und eine leidenschaftliche Hobby-Malerin.

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Foto: Caren Pauli

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