Coronavirus

Was Corona für Pflegekräfte bedeutet

Jetzt werden immer mehr Corona-Patienten in die Krankenhäuser kommen. Viele Pflegekräfte fragen sich: Was kann mein Arbeitgeber, was kann ich selbst für meinen Schutz tun? Wir sprachen mit dem Klinikum Ludwigshafen, dem Klinikverbund RKH und dem Berufsverband DBfK - 27. März aktualisiert

Inhaltsverzeichnis

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Wie viele Krankenhäuser haben eigentlich schon Patienten mit Covid-19 behandelt? Und wie schwer sind die Fälle? Keine leichte Frage, es gibt keine allgemeine Erhebung über Covid-19-Fälle im Krankenhaus.

Mindestens 939 intensivmedizinisch behandelte Corona-Patienten in Deutschland

Allerdings hat die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ein Register eingerichtet für die intensivmedizinischen Betten, die für Covid-19-Patienten zur Verfügung stehen. Das Register erfasst bereits 939 Covid-19-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung (Stand 27. März), heißt es bei der DIVI. Auf die Gesamtzahl lasse sich aber nur bedingt schließen, so die Vereinigung. Es hätten noch nicht alle Krankenhäuser Daten in das Register eingegeben.

Insgesamt 20 Corona-Patienten im Klinikum Ludwigshafen

Es werden aber auch Covid-19-Patienten aufgenommen und behandelt, die keine intensivmedizinische Therapie benötigen. Die Gesamtzahl der Covid-19-Patienten in deutschen Krankenhäusern scheint augenblicklich noch relativ niedrig. Das legen die Gespräche nahe, die Redaktion und Autoren von pflegen-online täglich mit Pflegekräften und Pflegemanagern zum Thema Corona führen. So hat es im Klinikum Ludwigshafen bisher rund 20 Covid-19-Patienten gegeben, zur gleichen Zeit sind es immer unter zehn (gewesen).

Aber auch acht oder neun Patienten sind nicht wenige, wenn man bedenkt, wie leicht es ist, sich anzustecken. Und: Es werden in jedem Fall mehr, da die Gesamtzahl der Corona-Patienten zunächst weiter steigen wird - langsamer oder schneller, je nachdem, wie die Gegenmaßnahmen eingehalten und erfolgreich sein werden.

Gibt es in Ihrer Klinik besondere, innovative Corona-Schutzmaßnaßnahmen?

Die Frage nach Schutzmaßnahmen für Pflegekräfte und Ärzte wird als immer drängender. Es gibt die in Kliniken und Pflegeheimen bekannten Empfehlungen des Robert Koch-Instituts. Doch wie lassen sich diese gut umsetzen? Und: Gibt es weitere Ideen, die nachahmenswert sind? Wir haben uns umgehört, werden dies weiterhin tun - und sind dankbar für jeden Hinweis von Ihnen liebe Leser - schreiben Sie uns (gaede@schluetersche.de) oder rufen Sie an (030 208 888 256)!

1. 12-Stunden-Schicht

Im Klinikum Ludwigshafen hat der Krisenstab für Ärzte und Pflegekräfte den Dienstplan so umgestellt, dass die Kontaktdauer zwischen den einzelnen Kollegen und zwischen Mitarbeitern und Patienten verlängert wird und so die Kontakthäufigkeit verringert wird:

  1. Die Pflegekräfte arbeiten jetzt in 12-Stunden-Schichten
  2. Die Pflegekräfte bleiben in festen Teams, sprich, jeder arbeitet jeden Tag mit denselben Kollegen

Die wöchentlichen Arbeitsstunden bleiben konstant, nur der Rhythmus ändert sich. Viele Pflegekräfte arbeiten inzwischen sieben Tage 12 Stunden an einem Stück und bekommen anschließend sieben Tage frei. „Die meisten Kolleginnen und Kollegen haben besonnen und verständnisvoll auf die Umstellung reagiert, denn sie kennen ja die Gründe für dise Änderung“, sagt Pflegedirektorin Alexandra von Rex.

2. Besuchsverbot

Mit einer einfachen und zugleich drastischen Maßnahme hat der kommunale Klinikverbund RKH in Baden-Württemberg ins Schwarze getroffen: mit dem Besuchsverbot, zum Schutz der Patienten und zum Schutz der Mitarbeiter.

3. Wachdienst kontrolliert das Besuchsverbot

„Unsere Pflegekräfte und Ärzte waren dafür sehr dankbar – sie fühlten sich geradezu wertgeschätzt“, sagt Klinikensprecher Alexander Tsongas. „Zunächst hatten wir nur höflich darum gebeten, von Besuchen abzusehen, aber hat kaum jemanden interessiert. Das war für unsere Mitarbeiter nicht einfach, denn sie stehen normalerweise nicht nur zwei oder drei Besuchern gegenüber, sondern manchmal sogar Gruppen von 20 oder gar 30 Personen.“ Jetzt gibt einen Wachdienst am Eingang der verschiedenen Standorte und ein paar Ausnahmen – etwa für Besucher von Palliativpatienten oder der Wochenbettstation, Kindern oder Begleitpersonen bei Notfallpatienten oder gebrechlichen, älteren Patienten. Einige Besucher rufen nun vorher an und informieren sich bei der Station über die Ausnahmen.

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4. Patienten schon bei Aufnahme auf Corona ansprechen

Eine weitere Sicherheitsmaßnahme im RKH, wo es bisher drei Corona-Fälle gab: Jeder Patient mit einem elektiven Eingriff wird bei der Aufnahme ein paar Tage zuvor gefragt (Stand 12. März) , ob er sich in den zurückliegenden Tagen in einem der Corona-Risikogebiete aufgehalten hat. Sollte dies der Fall sein, wird er auf die Corona-Teststelle verwiesen, bei der er sich über das Gesundheitsamt einen Abstrich-Termin geben lassen kann.

5. Atembeschwerden ernst nehmen

Auch im Klinikum Ludwigshafen gehört die Frage nach dem Aufenthalt in einem Risikogebiet zur Routine. Ebenso ist die Frage nach eventuellen Atem-Beschwerden oder zurückliegenden Lungenerkrankungen jetzt für Pflegekräfte und Ärzte Standard. Gibt es auch nur diskrete Anzeichen einer Lungenentzündung werden die Patienten auf eine Spezialstation (die inzwischen eingerichtet ist) verlegt.

6. Schleusen schaffen, wo noch keine sind

Zurzeit werden die meisten Corona-Patienten auf den Infektions- oder Intensivstationen versorgt. Doch wenn die Zahl der schwerkranken Corona-Patienten steigt, werden weitere Bettenkapazitäten benötigt. „Dann stellt sich die Frage, wie man die Schutzmaßnahmen einhält“, sagt Martin Dichter, Vorstandsvorsitzender des DBfK Nordwest (Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe) und Pflegewissenschaftler. „Soll es dann vor dem Zimmer wie bei MRSA-Patienten ein Ständer mit Kittel stehen? Das kann nicht die Lösung sein. Wir brauchen hier jetzt also vorbereitende Maßnahmen, gegebenenfalls auch bauliche, um hygienischen Schutzmaßnahmen gut umzusetzen. Neben Krankenhäusern bedarf es hier sicherlich vor allem auch in Altenpflegeheimen einer entsprechenden räumlichen Aufrüstung zur Umsetzung von Isoliermaßnahmen.“

7. Arbeitgeber könnten Fahrdienste einrichten

Martin Dichter appelliert an Arbeitgeber, in den Schutz von Personal zu investieren und über das Naheliegende hinauszudenken. „Es geht doch nicht nur darum, ausreichend Schutzbekleidung zur Verfügung zu stellen. Ein Beispiel: Viele Pflegende müssen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren – damit gehen sie ein ähnliches Infektionsrisiko ein wie beim Besuch einer Großveranstaltung. Da wäre es doch eine gute Idee, wenn Krankenhäuser und auch Altenheime Fahrdienste einrichten würden.“

„Politiker entziehen Pflegekräften Schutz im Zuge der Corona-Krise“

Von politischer Seite vermisst DBfK-Mann Martin Dichter Schutzmaßnahmen für den Pflegeberuf. Oder besser: Er moniert, dass Pflegekräften bestehender Schutz im Zuge der Corona-Krise entzogen wird. „Die Aussetzung der Personaluntergrenzen bewirkt, dass für die Risikominimierung wichtige Standards vernachlässigt werden – das Risiko einer Infektion also steigt. Auch sollten die Quarantäne-Vorgaben des Robert Koch-Instituts für Klinikpersonal nicht aufgeweicht werden, wie es jetzt leider passiert ist. Das dies kein Risiko für Kollegen birgt, kann ich mir nicht vorstellen: Warum sonst legt man denn bei allen anderen Infizierten in der Bevölkerung so großen Wert darauf, dass sie sich zwei Wochen nach engem Kontakt mit einem Corona-Infizierten in Quarantäne begeben?“

8. Nur geschultes Personal für Corona-Patienten

Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) empfiehlt außerdem, mit der Versorgung von Corona-Patienten nur geschultes Personal zu betrauen und es für diese Aufgabe freizustellen. Standard sollte auch ein multidisziplinäres Corona-Team sein, besetzt mit Intensivmedizinern, Pflegekräften, Infektiologen und Krankenhaushygienikern.

Sie möchten sich über Corona informieren? Wir empfehlen den NDR-Podcast mit Christian Drosten, Virologe und Corona-Experte an der Charitè, und für eine schnelle, verlässliche Übersicht die Website des Robert Koch-Instituts mit täglich aktualisierten Zahlen der Corona-Infizierten und hilfreichen FAQ

Lesen Sie auch das Interview, das wir mit Prof. Johannes Knobloch, Leiter Krankenhaushygiene am UKE, am 28. Februar geführt haben:

Interview mit Krankenhaushygieniker Johannes Knobloch

pflegen-online: Was bedeutet es für Pflegekräfte, wenn Sie auf Station oder im Wohnbereich mit dem Corona-Virus konfrontiert werden?

Johannes Knobloch: Zunächst muss man unterscheiden zwischen irgendwelchen Verdachtsfällen, begründeten oder per Diagnostik gesicherten Fällen einer Corona-Infektion. Zurzeit sind die meisten Verdachtsfälle nicht begründet. Wenn es sich nur um einen irgendwie gearteten Verdachtsfall handelt, dann gelten für Pflegekräfte und Ärzte dieselben Schutzmaßnahmen wie bei Influenza oder einen anderen tiefen Atemwegsinfektion: Handschuhe, Schutzkittel und Mundschutz tragen und auch dem Patienten bei jedem Kontakt Mund-und-Nasenschutz reichen.

Intensivere Schutzmaßnahmen sind nötig, wenn ein Verdacht auf eine Corona-Infektion wegen ausgeprägter Symptome begründet ist, der Patient aus einer der vom Robert-Koch Institut benannten Risikogebieten kommt – etwa aus der Provinz Lodi in der Region Lombardei – und selbstverständlich, wenn er positiv getestet ist. Dann sind neben Schutzkittel und Handschuhen intensivere Schutzmaßnahmen nötig: eine FFP2-Maske, die auch sehr feine Partikel abhält und eine Schutzbrille.

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Auch sollten laborbestätigte Fälle zurzeit noch im Krankenhaus isoliert werden. Diese Maßgabe könnte sich bei einem Anstieg der Corona-Fälle allerdings ändern. Da viele der weltweit laborbestätigten Fälle einen relativ leichten Verlauf haben, würde man dann in erster Linie diejenigen Patienten im Krankenhaus isolieren und behandeln, die mit ausgeprägten Symptomen zu kämpfen haben. Die leichteren Fälle würden Zuhause isoliert werden, damit sie im Krankenhaus nicht die Zimmer für ernsthaft erkrankte Patienten blockieren. Augenblicklich ist dazu allerdings noch keine Entscheidung gefallen.

Wie soll ich mich außerhalb des Krankenhauses verhalten, wenn ich als Pflegekraft mit Corona-Infizierten Patienten zu tun habe? Die Angst, das Virus auf Familie und Freunde zu übertragen, ist dann doch durchaus berechtigt.

Wenn man selbst befürchtet, sich infiziert zu haben, ist es ratsam, im auch im häuslichen Bereich einen Mundschutz zu tragen, ebenso in der Öffentlichkeit, etwa beim Busfahren. Selbstverständlich kommt es dann erst recht darauf an, die Hygieneregeln einzuhalten und beispielsweise unter keinen Umständen in die Hände zu husten oder zu niesen. Mit der Hand verbreiten sich die Viren doch sehr stark in der Umgebung.

Ich möchte an dieser Stelle aber davor warnen, den Mundschutz aus dem Krankenhaus mit nach Hause zu nehmen: Das ist schlicht Diebstahl, gerade bei den FFP2-Masken wird das schnell justiziabel. Den Mundschutz für den Hausgebrauch muss man sich selbst kaufen. Das sollte man aber wirklich nur tun, wenn man den Verdacht hat, sich möglicherweise selbst mit dem Corona-Virus infiziert zu haben.

Viele Gesunde kaufen leider Mundschutz, um sich selbst zu schützen. Doch Mundschutz sollte nicht ohne konkrete, außergewöhnliche Gefährdung getragen werden. Der panische Mundschutz-Kauf führt bereits zu Engpassen, in vielen Apotheken ist er ausverkauft. So gibt es am Ende keinen Mundschutz mehr für Menschen, die ihn wirklich brauchen.

Sollte ich als Pflegekraft, die Umgang mit Corona-Verdachtsfällen hat, noch meine 80-Jährigen Eltern besuchen?

Sie sollten Sie auf keinen Fall besuchen, wenn Sie selbst Krankheitssymptome haben, das gilt im Übrigen auch für Influenza. Keiner macht sich augenblicklich über Influenza Gedanken, dabei erkranken ständig Mitarbeiter an Influenza, was in den meisten Fällen durch eine Impfung gut zu vermeiden wäre. Der Vergleich mit Influenza ist nicht an den Haaren herbeigezogen: Wir gehen augenblicklich davon aus, dass sich eine Corona-Infektion ganz ähnlich verhält wie andere Atemwegsinfekte.

Zur Person

Professor Johannes Knobloch ist Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Er leitet den Arbeitsbereich Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

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