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Kommunikation

Warum „Sie“ in der Altenpflege besser ist als „Du“

Pflegekräfte und Bewohner kennen sich oft gut, sehen sich täglich – da liegt es nahe, sich zu duzen. Doch es gibt gute Gründe, dies nicht zu tun und am „Sie“ festzuhalten (auch gegenüber Angehörigen), meint der Psychiater Peter Tonn, der Pflegeheime berät

Ein Gastbeitrag von Peter Tonn, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Er berät mit dem Team seines Neuropsychiatrischen Zentrums (NPZ) in Hamburg unter anderem mehrere Hamburger Pflegeheime. 

Diese Besonderheit der deutschen Sprache hat schon zu vielen Missverständnisse und unangenehmen Situationen geführt. Besonders in sensiblen Bereichen, wie in der Pflege, kann eine zu vertraute Anrede übergriffig erscheinen. Andersherum kann ein distanziertes Siezen häufig einem vertrauensvollen Verhältnis im Weg stehen. Gerade, wenn ein längeres oder gar dauerhaftes Verweilen der Bewohner üblich ist, wie in Pflegeheimen oder in Betreuungen für behinderte Menschen, bürgert sich relativ schnell das „Du“ ein. Doch sollte man es kritisch hinterfragen.

Im deutschen Sprachgebrauch gilt seit Jahrhunderten die Regel, in einer privaten Beziehung das „Du“ als Zeichen der Vertrautheit einzusetzen. Mittlerweile ist es auch im Berufsleben über alle Hierarchien hinweg sehr verbreitet. Dabei ist das „Du“ als Ausdruck einer freiwilligen Entscheidung beider Beteiligten in einer gleichberechtigten Verbindung zu sehen. Daneben gibt es aber noch die einseitige Ansprache mit „Du“. Dann dient es dazu, eine gewisse Überlegenheit zu demonstrieren. So duzen Erwachsene beispielsweise Kinder, die andererseits die Erwachsenen aber siezen sollen. Früher war es weit verbreitet, dass der Vorgesetzte den untergebenen Mitarbeiter geduzt hat, aber im Gegenzug gesiezt wurde.

Distanz zwischen Pflegekraft und Bewohner oft gering 

Doch wie sieht es heutzutage in der Pflege aus? Von erwachsenen Menschen erwartet unsere Gesellschaft, dass sie sich um sich selbst kümmern können. Tätigkeiten wie Waschen, Ankleiden und sich mit Nahrung versorgen gehört dazu. Kommt es zu einer Erkrankung oder ist die Fähigkeit zur Selbstversorgung eingeschränkt, dann bedarf es Unterstützung. Pflegekräfte leisten diese in pflegerischer oder gesundheitlicher Hinsicht. Sie übernehmen auf Zeit oder sogar dauerhaft Aufgaben im Alltag des Bewohners oder Patienten, die dieser nicht mehr allein ausführen kann. Oftmals erfordert das die Überwindung der sonst zwischen Erwachsenen üblichen Distanz – am deutlichsten vielleicht dann erkennbar, wenn es um die Sicherstellung der körperlichen Hygiene geht.

„Das ist kein Verhältnis auf Augenhöhe“

Die Säuberung im Intimbereich ist beispielsweise eine Hilfestellung, die die meisten Erwachsenen nicht einmal vom Partner in Anspruch nehmen würden. Hier kommt ein fremder Mensch, um dies zu tun. Viele andere Aufgaben sind vielleicht weniger schambesetzt oder distanzverletzend, aber nicht weniger „nah“. Doch bei aller Hilfsbedürftigkeit darf die Menschenwürde nicht übersehen werden. Und wie könnte man diese besser bewahren als durch einen respektvollen sprachlichen Umgang? Denn eines ist klar: Das Verhältnis zwischen Pflegendem und Bewohner oder Patienten bewegt sich nicht auf Augenhöhe. Die „Macht“ liegt eindeutig bei der Pflegefachkraft. Schließlich wird die Bewohnerin oder der Bewohner diese wohl nie nackt sehen oder ihr das Essen reichen müssen. Zudem ist der Pflegebedürftige in vielen alltäglichen Bedürfnissen auf den guten Willen der Fachkraft angewiesen. Theoretisch könnte sie ihm die Hilfe auch verwehren. Menschliche Würde erhält der Prozess des Pflegens einerseits natürlich durch die professionelle Ausführung, andererseits durch die Bewusstmachung des Abstands zwischen der Pflegekraft und dem zu Pflegenden.

Mit dem „Sie“ kommt Respekt in die Beziehung 

Das Ungleichgewicht in der Beziehung wird durch das „Du“ nur verstärkt, durch das „Sie“ hingegen wird der Respekt betont. Der Pflegeprozess fordert in der Kommunikation Klarheit in allen Ebenen, das kann durch den Gebrauch des distanzierteren „Sie“ unterstrichen werden.

Das funktioniert auch in der umgekehrten Richtung. Pflegekräfte fühlen sich von ihren Patienten sowie den Angehörigen häufig nicht wertgeschätzt. Die Beziehungsebene zwischen den Menschen in der Pflege und denjenigen, die diese Dienstleistung in Anspruch nehmen, ist oft genug von dem Gefühl der Respektlosigkeit und einer gewissen Anspruchshaltung geprägt. Wertschätzung gegenüber den Pflegekräften ist ein Mangel, der immer wieder so deutlich zu sehen ist, dass man es mit den Händen greifen könnte. Dabei macht es schon einen Unterschied, wie akut der Pflegebedarf ist. Ist es eine wirklich dringende Situation, kommt es durchaus zu respektvollem Umgang – weil schnell eine professionelle Unterstützung nötig ist. Im weiteren Verlauf, schleift sich oft jedoch rasch eine Haltung ein, die sich vor allem in Forderungen zur Individualversorgung äußert. Dann werden Erwartungen laut, die genau die mit dem „Du“ verbundene Vertrautheit als Grundlage haben – etwa zur Zubereitung des Lieblingsessens, zu biografischen Details oder zu seiner Einstellung zu diesem oder jenem.

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„Sie“ gegenüber Angehörigen schützt vor Frechheiten

Diese Distanzlosigkeit kann es bei Pflegebedürftigen, etwa Menschen mit demenziellen Entwicklungen, Verhaltensauffälligkeiten verstärken, die bis hin zu körperlichen Attacken führen können. Angehörige reagieren nicht selten mit erhobener Stimme, aggressiven Forderungen und herablassender Kommunikation. Respekt und Anerkennung lassen sich jedoch am einfachsten durch Sprache erreichen. Höfliches Sprechen macht es möglich, Wünsche und Hoffnungen zu äußern. Eine höflich vorgetragene Aggression ist da schon deutlich schwieriger zu formulieren. 

Es gibt also gute Gründe, warum das „Du“ im beruflichen Alltag im Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen hervorragend funktioniert, jedoch in der Kommunikation mit Bewohnern und Angehörigen ein „Sie“ viele Vorteile hat. Eine mögliche Kompromissformel kann übrigens das „Hamburger Sie“ sein, bei dem der Vorname mit einem „Sie“ kombiniert wird. Hier wird durch den Vornamen zumindest eine gewisse Beziehung aufgebaut, gleichwohl bleibt durch das „Sie“ die Distanz erhalten.

Der Psychiater Peter Tonn ist Geschäftsführer des Neuropsychiatrischen Zentrums (NPZ) in Hamburg.  
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Der Psychiater Peter Tonn ist Geschäftsführer des Neuropsychiatrischen Zentrums (NPZ) in Hamburg.  

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