Management by Walking Around ist fast überall möglich: Im Treppenhaus, vor dem Fahrstuhl, an der Rezeption, bei einer Tasse Kaffee, im Wohnbereich – es kommt für die  Leitung nur darauf an, sich offen gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu zeigen.      
Foto: Stefan Treddel/Jens Schünemann
Management by Walking Around ist fast überall möglich: Im Treppenhaus, vor dem Fahrstuhl, an der Rezeption, bei einer Tasse Kaffee, im Wohnbereich – es kommt für die  Leitung in jedem Fall darauf an, sich offen gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu zeigen.      

Managerin

Warum Pflegeleitungen mehr herumlaufen sollten

In Fachbüchern taucht das Management-by-Walking-Around selten auf. Erstaunlich – bedenkt man, wie vorteilhaft es ist, wenn Pflegedienstleitungen und Pflegedirektoren den informellen Kontakt zu Mitarbeitern suchen 

Als vor einigen Jahren auf pflegen-online der Artikel „Warum Pflegedirektor Stockinger auf Station mit anpackt“ erschien, klickten Hunderte von Lesern den Like-Button auf Facebook. Stockingers Beispiel mag eine Extrem-Form von Management-by-Walking-Around sein, doch es hat in jedem Fall Vorteile, wenn die Führungskraft regelmäßig, auch ohne konkreten Anlass auf Station oder im Wohnbereich erscheint, um mit dem Team ins Gespräch zu kommen. Beim Klinik-Konzern Helios schwören immer wieder Geschäftsführungen auf diesen Führungsstil, auch die ehemalige Pflegedirektorin der Charité Hedwig François-Kettner hat ihre (unangekündigten) Stationsbesuche schon zu Jahresbeginn eingeplant.

Aber wie genau funktioniert dieser Führungsstil? Welche Vorteile hat er genau? Es kann für die Führungskraft nicht allein darum gehen, sich nahbar zu zeigen und Sympathiepunkte zu sammeln – das Ziel sind  Mitarbeiterzufriedenheit und der Unternehmenserfolg. Die frühere Heimleiterin Borghild Wicke-Schuldt, Autorin des Buches „Systemisch leiten im Seniorenheim“ hält Management-by-Walking-Around für ein zentrales Führungsinstrument. Wir haben sie um einen Gastbeitrag gebeten.

Der Rückzug der Leitung an den Schreibtisch ist in der Pflege weit verbreitet. Äußere Faktoren spielen sicherlich eine Rolle: ständiger Personalmangel und täglich neue Aufgaben und Projekte, die auf die Leitungskräfte einstürmen. Aber es ist auch eine Frage der Haltung: Viele Pflegedienstleitungen wollen sich lieber am Schreibtisch mit Planung und Verwaltung beschäftigen. Sie glauben, das sei ihre wichtigste Aufgabe. Sie sehen sich auf einer höheren Ebene, auf der sie sich von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – darunter oft auch ehemalige Kollegen – abheben und schützen können. Sie scheuen den Kontakt zu Mitarbeitern und möchten von deren Problemen und Konflikten nichts wissen.

Kein Wunder also, dass der Rückzug der Führungskraft ins Büro von den Mitarbeitenden als Desinteresse gedeutet wird. Das demotiviert sie, innere Kündigung ist eine häufige Folge. Doch es ist eine grundlegende Führungsaufgabe, die Mitarbeiter zu motivieren, anzuleiten,  zu kontrollieren (in angemessenem Rahmen) und deren Arbeit zu organisieren und mit ihnen  gemeinsam weiterzuentwickeln. 

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Management-by-Walking-Around selten in der Altenpflege

Nach meiner Beobachtung praktizieren in der Altenpflege vielleicht nur etwa zehn bis 15 Prozent aller Hausleitungen Management-by-Walking-Around. Bezeichnenderweise sind das die Heime, über die sich meine Seminarteilnehmer positiv äußern und in denen ein gutes Betriebsklima herrscht.

Führen-durch-Herumlaufen ist die ursprünglichste Art und Weise, Mitarbeiter zu motivieren. Es ist keine besondere Technik, sondern Folge einer Einstellung: Die Führungskraft nimmt die Mitarbeiter wichtig, sie ist sich bewusst, dass sie so die Motivation fördert und die Voraussetzung für gute Arbeitsergebnisse schafft. Schreibtisch und Büro zu verlassen durch den Betrieb zu laufen, um mit Mitarbeitern und Bewohnern zu reden und sich ein Bild von der aktuellen Situation zu machen, ist für gute Führungskräfte eine Selbstverständlichkeit.

Führen bedeutet, den Energiefluss im Unternehmen zu fördern 

Führen bedeutet, Störungen und Demotivation aufzuspüren. Das können Probleme bei den Arbeitsabläufen sein,  fachliche Fragen, zwischenmenschliche Unstimmigkeiten. Wie kann man diese erkennen und lösen? Man muss beobachten, was im Unternehmen vorgeht, Muster und Strukturen identifizieren, Stimmungen und Arbeitsunzufriedenheit spüren, Probleme und Konflikte ansprechen und aufdecken. Viele Fragen stellen, am besten vor Ort. Die freigesetzten Energien erleichtern es dann auch den Mitarbeitern  besser zusammen zu arbeiten und sich kreativ weiterzuentwickeln.

Management-by-Walking-Around hat für das Unternehmen viele Vorteile:

  • Der direkte Kontakt zwischen dem Management und den Mitarbeitern sorgt für kürzere Kontaktwege und für eine lockere Gesprächsatmosphäre. Dialoge vor Ort im Arbeitsraum des Mitarbeiters haben einen offenen und eher vertraulichen Charakter, anders als in formellen Meetings. 
  • Durch den Gedankenaustausch profitieren Pflegedienstleitung und Mitarbeiter – das kann für die Unternehmensziele äußerst nützlich sein.
  • In einem Unternehmen, dessen Kultur von einem engen Austausch zwischen Leitung und Mitarbeitern geprägt ist, herrscht ein angenehmeres Arbeitsklima. Das fördert die Mitarbeitermotivation und damit die auch die Produktivität.
  • Die Leitung erfährt durch den informellen Austausch (und die offene Bürotür) mehr über den Mitarbeiter und umgekehrt. 
  • Die Kommunikationswege sind kürzer, Unstimmigkeiten werden früher angesprochen. So spitzen sich Konflikte weniger leicht zu. Alle können sich eher auf das Unternehmensziel konzentrieren.
  • Management-by-Walking-Around ist auch die beste Prävention gegen Mobbing, in das leitende Mitarbeiter oft einbezogen werden, ohne es zu erkennen.

Wo Management-by-Walking-Around stattfindet

Austausch und neue Ideen entstehen zum Beispiel bei einer Tasse Kaffee, in der gemeinsamen Pause, oder in einem kurzen Gespräch vor dem Aufzug oder bei einer Begegnung im Treppenhaus. Die Kommunikationsdichte erhöht sich deutlich, wenn die Leitungskraft mit offenen Augen und Ohren durch das Haus läuft und sich auf kurze Begegnungen einlässt.

Wenn ich mein Büro verlasse, etwa meine Post an die Rezeption bringe, bin ich ansprechbar und spreche an. Ich verlasse mein Büro, wenn ich das für notwendig halte. Ich zeige mich ansprechbar, und wenn ich gebeten werde, mir ein Problem vor Ort anzusehen (Essenqualität, Wasserschaden, die Situation in einem Bewohnerzimmer etc.) folge ich dem Wunsch der Mitarbeiter gleich oder später, jedoch meistens noch am selben Tag.

Gelegenheiten bei Schopfe packen

Natürlich muss ich immer noch Prioritäten setzen, man muss natürlich auch die Arbeiten im Büro im Blick haben und darf sich nicht verzetteln. Ein gutes Zeitmanagement mit festen Strukturen und Zeitkorridoren bleibt wichtig, damit die alltäglichen Geschäfte nicht liegen bleiben. 

Aber: Ich plane keine ziellosen Rundgänge. Sondern ich nutze die Gelegenheiten, wenn etwa Mitarbeiter mich bitten, ihre problembehaftete oder erfolgreiche Arbeit anzuschauen. Gelegenheiten für die informelle Kommunikation ergeben sich beispielsweise, wenn ich zur Pflegestation gehe, um über etwas zu informieren oder mich selbst zu informieren, oder wenn ich eine Bewohnerin besuche, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren.

Die zwanglose Kommunikation lässt sich nicht delegieren!

Ich wechsle auch im Flur, im Aufzug, im Treppenhaus ein paar Worte mit Mitarbeiterinnen und Bewohnern, die mir zufällig begegnen, ohne mich lange aufzuhalten. Dabei kann ich durchaus einiges in Erfahrung bringen, Dinge regeln oder Missverständnisse klären. Merke ich, dass es Diskussionsbedarf gibt oder ein Gespräch länger dauern wird, verabrede einen Termin oder verweise auf eine gemeinsame Besprechung im Team. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht im Haus unterwegs bin.

Viele Verwaltungsaufgaben lassen sich delegieren, aber nicht der persönliche Kontakt mit den Menschen im Betrieb. Die zwanglose Kommunikation mit den Mitarbeitern ist eine wichtige Führungsaufgabe, die man nicht delegieren kann! Die Pflege guter Beziehungen ist die Aufgabe der Leitung, denn das ist die Voraussetzung für ein gutes Betriebsklima.

Management-by-Walking-Around bedeutet nicht: alles lässig, alles locker

Doch zwanglose Kommunikation im alltäglichen Ablauf und ein gutes Verhältnis zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern reichen nicht aus. Ohne feste organisatorische Strukturen gelingt es nicht, die Belegschaft für die gemeinsame Arbeit zu motivieren. Als Leitung muss man die Transparenz unter den Mitarbeitern organisieren.

Ein wichtiges Führungsinstrument sind neben den Abteilungsbesprechungen auch regelmäßige Teambesprechungen mit Vertretern aus allen Berufsgruppen der Einrichtung. Durch sorgfältige geschriebene Protokolle können dann alle Mitarbeiter informiert und einbezogen werden.

Autorin: Borghild Wicke-Schuldt

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Foto: Tredition

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