Fachkräftemangel

Warum Pflegekräfte bald deutlich mehr verdienen könnten

Boris Augurzky, Gesundheitsökonom und Autor des Krankenhaus Rating Reports, im Interview auf pflegen-online: über teure Ärzte und ungenutzte Potenziale in der Pflege.

Inhaltsverzeichnis

Der Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am RWI in Essen schaut vor allem auf die Zahlen und ist, wie viele Ökonomen, kein großer Freund staatlicher Reglements. Dennoch sieht Professor Boris Augurzky die Pflege nicht – wie so mancher Klinikmanager – als reinen Kostenfaktor. Im Interview mit pflegen-online erklärt er, wie die künftige Position der Pflege im Krankenhaus aussehen könnte.

pflegen-online: In der Presse, im Rundfunk – überall ist zurzeit zu hören, der Pfle-geberuf sei so schlecht bezahlt. Wie sehen Sie das als Gesundheitsökonom?

Boris Augurzky: Es gibt in der Pflege eine große Bandbreite an Gehältern. Man kann gut verdienen, aber dann wohl eher im Krankenhaus. Bei einer Stationsleitung mit Verantwortung sind inzwischen durchaus schon einmal 6.000 Euro brutto pro Monat möglich, was ja relativ viel ist. Umgekehrt gibt es in der Altenpflege gerade in den östlichen Bundesländern brutto oft nur knapp über 2.000 Euro. Ich glaube, um es kurz zu machen, dass die Vergütung der examinierten Pflegekräfte im Krankenhaus gar nicht so schlecht und durchaus vergleichbar ist mit anderen Berufsgruppen, die ähnliche Voraussetzungen mitbringen und eine ähnlich anspruchsvolle Ausbildung absolvieren müssen.

Gibt es denn eine auffällige Steigerung bei Pflegekräften im Krankenhaus? Ist hier schon der klassische Schweinezyklus zu beobachten: Je knapper das Angebot, desto höher der Preis?

Nun die Frage ist tatsächlich nicht, ob die Gehälter gestiegen sind. Das ist jedes Jahr der Fall, sie steigen zum Beispiel durch Tarifabschlüsse. Die Frage, die wir uns am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung stellen, lautet: Steigen die Gehälter stärker als früher? Das ist der entscheidende Punkt. Dies wäre auch meine These: dass sie jetzt stärker steigen müssten. Das müssen wir überprüfen.

Sie würden eine stärkere Steigerung für die Krankenpflege und die Altenpflege vermuten?

Ja, für beide Bereiche. Aber ich habe keine Zahlen. Das ist das Problem. Die Bundesagentur für Arbeit ist leider auch keine verlässliche Quelle, sie vermischt die Pflege mit so vielen anderen Berufen, die uns hier nicht interessieren. Was aber bereits zu beobachten ist, sind stärker steigende Gehälter im Gesundheitswesen im Vergleich zur restlichen Wirtschaft.

Für die Krankenhäuser haben wir zumindest ein paar Tendenzen beobachtet. Dadurch dass wir als aktuellstes Jahr als Datengrundlage die Bilanzen der Krankenhäuser 2016 haben, aber natürlich auch gern etwas über 2017 und 2018 sagen wollen, versuchen wir immer, die Kosten und Erlöse hochzurechnen. Dafür nutzen wir die Tarifabschlüsse, die uns vorliegen. Und hier lässt sich feststellen: Der Tarifb-schluss für Pflege war aktuell besser als der für Ärzte. Der Unterschied ist nicht besonders groß, aber es gibt ihn. Und das ist bemerkenswert, nachdem die Kranken-hausärzte im vergangenen Jahrzehnt ja enorme Steigerungen heraushandeln konnten.

Ich habe etwas ganz Interessantes gehört – vielleicht mögen Sie etwas dazu sagen. Im Klinikum Braunschweig, übernehmen Pflegekräfte manchmal ärztliche, genauer assistenzärztliche Tätigkeiten wie Haken halten et cetera. Dafür erhalten sie dann auch mehr Geld, einen Zuschlag von 48 Euro am Tag. Könnte dieses Beispiel Schule machen?

Unbedingt. Das ist auch unsere Forderung: Die Pflege muss von den Aufgaben, die sie wahrnimmt, aufgewertet werden. Ein Beispiel ist die Clinical Nurse, die in vielen Ländern, etwa England, eigentlich gang und gäbe ist. Die Clinical Nurse übernimmt viele ärztliche Tätigkeiten: Sie verfolgt eigenständig den Heilungsverlauf, öffnet die Naht einer Wunde oder setzt bei Bluthochdruck eine medikamentöse Therapie an. Es liegt in ihrer Verantwortung, Patienten fürs Röntgen oder ein MRT anzumelden.

Wenn wir ausländische Pflegekräfte in Deutschland einsetzen wollen, beobachten wir, dass die sich irgendwie herabgesetzt vorkommen, weil sie gar nicht mehr viele anspruchsvollere Aufgaben ausführen dürfen, während sie in ihrer Heimat viel mehr Verantwortung im gesamten medizinischen Behandlungsprozess übernommen haben. Da stellt sich schon die Frage, warum wir dieses Potenzial eigentlich nicht nutzen. Es geht nicht darum, jede Pflegekraft dafür zu gewinnen. Es geht darum, dass manche Pflegekräfte, die den Wunsch und auch die Fähigkeiten dazu haben, sich mehr zu engagieren, mehr verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen können.

Würde sich das auch in der Vergütung widerspiegeln?

Idealerweise korrespondiert die größere Verantwortung dann auch mit einem höheren Gehalt. Diese ambitionierten Pflegekräfte könnten auf der Karriereleiter aufsteigen, ohne Stationsleitung werden zu müssen. Manche möchten lieber fachlich arbeiten, aber trotzdem vorankommen, andere wollen Personalverantwortung übernehmen, eine Leitungsfunktionen besetzen und über diesen Weg vorankommen. Im Moment gibt es halt nur diesen einen Weg. Wir sollten aber mehr Möglichkeiten in den ärztlichen Tätigkeitsbereich hinein eröffnen. Und dafür brauchen wir im Umkehrschluss vielleicht weniger Ärzte. Denn das muss sich am Ende auch rechnen. Es darf nicht passieren, dass Pflegekräfte teurer werden und alles bleibt, wie es ist. Auf der anderen Seite muss ich dann natürlich bei den Ärzten einsparen, was aber sehr hilfreich wäre, weil wir dort auch auf einen wachsenden Fachkräftemangel zulaufen.

Pflegeverbände sehen das teilweise kritisch – sie möchten die Pflegefachleute nicht in die medizinische Rolle gedrängt sehen und schon gar nicht als Arzt-Assistenz …

Nun, die Pflegekräfte müssen es natürlich auch wollen und ein entsprechendes Selbstbewusstsein entwickeln. Wenn sie es nicht möchten, sollten sie auch ihre Forderungen etwas zurückstecken. Man kann nicht nur fordern, der Beruf müsse attraktiver werden. Man muss auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht sind die Grenzen teilweise auch zu künstlich: Wenn ich einen Patienten ganzheitlich versorge, ist es doch nur im Sinne des Patienten und seiner Sicherheit, auch anstehende Infusionen und i.v.-Medikamente gleich zu verabreichen – als sie aufzuziehen, im Dienstzimmer neben anderen abzulegen und darauf zu warten, dass der Arzt sich ihrer annimmt.

In jedem Fall würde durch das erweiterte Tätigkeitsspektrum die Pflege für junge Leute interessanter. Das ist doch genau das, was wir erreichen müssen. Der Pflegeberuf darf karrieremäßig keine Sackgasse sein. Er muss so attraktiv sein, dass eine Krankenpflegerin Lust hat, nach einer Pause, beispielsweise einer Mutter-schaftspause, wieder zurückzukehren und vielleicht nicht nur in eine 40-Prozent-Stelle, sondern in eine 80-Prozent-Stelle. Denn da ist das große Potenzial: Die Teilzeitquote zu erhöhen, ausgestiegene Pflegekräfte wieder zurückzuholen, junge Menschen für den Beruf zu gewinnen, ausländische Pflegekräfte zu gewinnen.

Sicherlich trägt ein anspruchsvolles Aufgabengebiet zur Attraktivität bei. Aber wie beurteilen Sie den Faktor Arbeitsbedingungen? Sind die Krankenhäuser in Vorteil, die ihren Pflegekräften die Möglichkeit geben, sorgfältig zu pflegen und geduldig auf Patienten einzugehen?

Ja, so wird es sein und so ist es zum Teil auch schon. Aber die Frage ist heutzutage nicht, ob die Krankenhäuser zu wenige Pflegekräfte einstellen, während draußen auf der Straße Fachkräfte arbeitslos sind. Die Frage ist vielmehr: Wie kommen sie an mehr Pflegekräfte? Wir haben festgestellt, dass sich zum Beispiel die Vakanz-Zeit, also, die Zeit die vergeht, bis eine offene Stelle wieder besetzt ist, bei Gesundheitsberufen viel höher ist als bei anderen Berufen und dass sie sich über alle Branchen hinweg seit 2008 verdoppelt hat. In der ambulanten und stationären Altenpflege müssen heute schon Pflegebedürftige abgewiesen werden, mangels Personal.

Das zeigt, dass man händeringend Fachkräfte sucht und gerne mehr einstellen möchte. Ob man noch mehr bräuchte ... Klar, das Krankenhaus möchte nur so viele einstellen, wie nötig, damit der Betrieb funktioniert. Die Politik sagt vielleicht: Das ist uns immer noch zu wenig und kommt mit Personalmindestvorgaben. Aber der erste Schritt wäre ja überhaupt erst mal, die bestehende Lücke zu schließen.

Sie sind kein Freund von Personalmindestvorgaben?

Nein, ich halte regulatorische Eingriffe grundsätzlich für kritisch. Letztendlich muss das Krankenhaus – und ganz allgemein jedes Unternehmen – wissen, wie viele Leute es braucht, um seine Arbeit zu erfüllen und am Ende etwas anzubieten, was jemand – ein Patient, ein Kunde – auch in Anspruch nehmen möchte.

Wir sollten viel stärker die Qualität messen und transparent machen, statt auf Personalmindestvorgaben zu setzen. Und zwar nicht nur die medizinische Qualität, wie Mortalitäts- und Komplikationsraten, sondern eben auch die Pflegequalität. Um sie gut zu messen, brauchen wir Experten, die passende Maße ausarbeiten. Das würde sich mehr lohnen, als Experten Mindestvorgaben ausarbeiten zu lassen oder mit großem Aufwand die Pflegekosten von der DRGs zu trennen. Der über die Transparenz erzeugte Druck auf die Krankenhäuser muss so groß sein, dass es sich für sie lohnt, in Pflege zu investieren.

Professor Boris Augurzky

Der Gesundheitsökonom leitet seit 2003 den Kompetenzbereich Gesundheit am RWI – Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Außerdem ist Boris Augurzky (45) außerplanmäßiger Professor an die Universität Duisburg-Essen, Geschäftsführer der Institute for Health Care Business (hcb) GmbH und Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Stiftung Münch, die vom Gründer des Rhön-Klinikums Eugen Münch ins Leben gerufen wurde. Er sitzt im Fachausschuss „Versorgungsmaßnahmen und -forschung“ der Deutschen Krebshilfe, im Ausschuss für Gesundheitsökonomie des Vereins für Socialpolitik und im Editorial-Board des Krankenhaus-Reports des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

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