Uniklinik Regensburg

Warum Pflegedirektor Stockinger mit auf Station anpackt

Pflegemanagement und Praxis driften immer weiter auseinander? Nicht an der Uniklinik Regensburg, wo der Vorstand (Pflege) regelmäßig auf Station hospitiert.

Inhaltsverzeichnis

pflegen-online: Herr Stockinger, seit zwei Jahren hospitieren Sie regelmäßig auf Station und gehen Ihren Schwestern und Pflegern zur Hand. Was hat Sie dazu bewogen?

Alfred Stockinger: Ich wollte meinen Alltag wieder interessanter gestalten (lacht). Nein, im Ernst: Ich wollte schauen, wie es in der Praxis auf Station so läuft. Wenn man nur in seinem Büro sitzt, ist die Gefahr schon groß, dass man den Abstand zur Praxis vergrößert. Man merkt, dass man im Detail oft gar nicht mehr weiß, was in der Praxis gebraucht wird und was die Bedürfnisse der Mitarbeiter sind. Das wollte ich wieder selber spüren und erleben. Außerdem mag ich als examinierter Krankenpfleger den Beruf und arbeite selbst gern als Krankenpfleger.

Arbeiten Sie auf allen Stationen?

Nein, ich bin ausschließlich auf den allgemeinpflegenden Stationen im Einsatz.

Warum?

Weil mir bewusst ist, dass besonders die Allgemeinpflege mit Problemen kämpft. Die Allgemeinpflege braucht einfach in bestimmten Bereichen mehr Personal. Das Verhältnis Patient zu Pflegekraft ist auf diesen Stationen nicht ausreichend, gerade an den Unikliniken. Deshalb bin ich gezielt auf die allgemeinpflegenden Stationen gegangen und wollte mir anschauen, wie es in der Praxis läuft, wie dort die Prozesse sind und wie gut die Arbeitsteilung funktioniert.

Wie war es denn für Sie beim ersten Mal als Helfer?

Erst einmal war es schon ein wenig merkwürdig. Eben war ich noch Pflegedirektor, nun arbeite ich plötzlich in Pflegekleidung gemeinsam mit jenen Leuten zusammen, die ich eingestellt habe und sonst vom Büro aus betreue. Mein berufliches Selbstverständnis musste sich an die plötzlich veränderte Situation erst einmal anpassen.

Machen Sie denn in der Pflege auf Station alles mit?

Grundsätzlich ja. Ich sage den Kollegen immer, gebt mir alles. Genau genommen bin ich allerdings bei meinen Hospitationen für allgemeine Pflegeaufgaben zuständig. Also ich begleite die Patienten ins Bad, wasche sie auch im Bett, beziehe Betten oder stelle die Tabletten. Wenn ich beim Spätdienst dabei bin, gehe ich auch ‚auf die Glocken' – gehe also in Krankenzimmer, wenn ein Patient klingelt. Bei schwierigen Dingen - etwa wenn ein Patient gerade eine schlimme Diagnose erfahren hat oder bei medizinisch anspruchsvollem Pflegen – halte ich mich aber zurück. Diese Patienten benötigen eine Fachpflege.

Wie haben denn Ihre Mitarbeiter reagiert, als plötzlich ihr Chef als Kollege neben ihnen stand?

Ich bereite das schon entsprechend vor. Zunächst einmal melde ich mich bei der betreffenden Pflegeleitung an und sage, ich würde gern eine Schicht mitarbeiten und eine Pflegekraft begleiten. Die Pflegeleitung wählt dann eine Kollegin aus, die meist schon länger im Job ist und die eine gewisse Souveränität mitbringt. Also die normal damit umgehen kann, dass der Pflegedirektor mit dabei ist. Nur so bringt es auch mir was. Theater brauche ich nicht.

Bemüht sich eine Schwester nicht besonders, wenn der Chef neben ihr steht? Oder anders herum: Verunsichert sie es nicht – aus Angst, vor Ihren Augen etwas falsch zu machen?

Nun, ich stelle in der Situation sicher nicht den abgehobenen Chef heraus. Die Mitarbeiter merken recht schnell, dass ich eigentlich ein ganz normaler Typ bin. Und ganz sicher bin ich auch nicht der Kontroletti auf Station. Im Gegenteil: Häufig kommt es ungezwungen zu Gesprächen über Probleme, die einem Mitarbeiter auf der Seele brennen.

Gab es eine Situation, die Ihnen besonders haften geblieben ist?

Es gibt in jedem Einsatz Momente, wo ich super stolz auf meine Mitarbeiter bin. Etwa, wie sie mit den Patienten umgehen. Ich habe Situationen erlebt, wo ein aggressiver Patient eine Pflegekraft angegangen ist und diese den Menschen mit Geduld und Können beruhigt hat. Oder wie Pflegekräfte Patienten im Gespräch betreuen und begleiten. Das ist toll zu sehen und motiviert auch mich für meine Arbeit. Und damit kein falscher Eindruck aufkommt: Das sind keine gespielten Situationen.

Haben Ihre regelmäßigen Einsätze auch ihre Einstellung zu den Problemen der Mitarbeiter verändert? Beispiel Personalknappheit ...

Mir ist jetzt schon verständlicher, warum und wann es zu schwierigen Situationen kommt, die in Überlastungsanzeigen münden. Wenn etwa in einer Schicht eine Pflegekraft ausfällt – und das verbliebene Personal angesichts der Schwere der Pflege bei einigen Patienten nicht ausreicht. Ich verstehe das jetzt eher und sehe mich daher auch mit in der Verantwortung, die Last zu reduzieren. Etwa durch den Einsatz von Poolkräften oder – wenn es gar nicht hilft –, dass der Vorstand entscheidet, für eine gewisse Zeit Betten zu reduzieren. Es ist ein Unterschied, wenn man im Vorstand aus eigenen Erfahrungen schildern kann, was passiert, wenn das Personal nicht ausreicht. Mir hat das ein Stück weit auch wieder die Augen geöffnet. Es selber zu spüren und zu erleben, hat eine andere Qualität als nur darüber zu reden. Durch meine Hospitationen ist mir zum Beispiel noch einmal besonders bewusst geworden, dass wir die Schichtbesetzungen mit zusätzlichen Kräften aufwerten und auch den Nachtdienst personell verstärken müssen.

Das klingt alles sehr positiv. Gab es denn gar keine kritischen Stimmen oder Reaktionen?

Nein, die gab es nicht. Es gibt vielmehr viele positive Rückmeldungen. Vor kurzem hat mir eine Schwester geschrieben, die mich auf Station gesehen hat. Sie selbst arbeitet jetzt nicht mehr in der Pflege, sondern im Qualitätsmanagement. Sie schrieb mir, dass sie es toll findet, wenn das Management sich kümmert und auch vor Ort geht.

Werden Sie die Hospitationen fortsetzen?

Ja, einmal im Monat werde ich es weiterhin machen.

Sollten Pflegedienstdirektoren von Kliniken so wie sie öfters mal an der Pflege auf Station teilnehmen?

Unbedingt. Ich kann das nur wärmstens empfehlen.

Zur Person

Alfred Stockinger (54) ist seit 2008 Pflegedirektor an der Uniklinik Regensburg, zuvor war er sieben Jahre lang stellvertretender Pflegedirektor am UKR. Der examinierte Krankenpfleger arbeitete drei Jahre lang als Pfleger an Kliniken in Landshut und München. Später studierte er an der Fachhochschule Osnabrück Pflegemanagement und schloss dieses erfolgreich als Diplom-Kaufmann ab.

Das Bild oben zeigt Alferd Stockinger bei einer Hospitation, wie er gemeinsam mit einer Krankenschwester ein benutztes Patientenbett abstellt. An diesem Tag war er im Einsatz auf der MKG-Station (Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie).

Interview: Guntram Doelfs

Foto: Uniklinik Regensburg

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