Interview

Warum machen so wenige Pflegekräfte Supervision?

Klar: Sie wird selten angeboten. Aber es gibt auch Vorbehalte: Viele möchten auf der Arbeit nicht allzu persönlich werden. Wir sprachen mit dem Psychologen Markus Schmitt über leicht zugängliche Alternativen

Inhaltsverzeichnis

Wenn Pflegekräften die Lust an der Arbeit vergeht, kann vieles dahinter stecken: ständiges Einspringen aus dem Frei, ignorante Vorgesetzte, Schulden, Eheprobleme, Ärger mit Kollegen – manchmal auch Depression oder Burnout. Eine unkomplizierte Beratung wäre ideal. Doch wo gibt es die?

Was bei der Feuerwehr gang und gäbe ist

Selbst wenn Fürchterliches direkt während der Arbeit passiert – etwa der unerwartete Tod eines Patienten während der OP – können Pflegekräfte kaum auf psychologischen Beistand zählen. Ganz anders als Feuerwehrleute, Rettungsassistenten oder die Kollegen in der Psychiatrie oder Onkologie. Sicherlich, hier und da wird Supervision angeboten. Doch die kommt bei Pflegekräften oft nicht gut an – sie bedeutet, extra Zeit auf der Arbeit zu verbringen und in der Supervisionsgruppe mit Kollegen über Gefühle und Persönliches zu reden. Das geht manchen zu weit.

Extra für Pflegekräfte: Supervision übers Telefon

Jetzt hat erstmals eine Krankenkasse auf auf die verbreitete Skepsis reagiert. Die IKK Südwest bietet Krankenhäusern, Pflegeheimen und Pflegediensten eine persönliche telefonische Supervision an – und zwar als Teil des Betrieblichen Gesundheitsförderung, die Krankenkassen finanziell fördern können.

Die Gespräche führen die Pflegekräfte nicht mit Mitarbeitern der Krankenkasse, sondern mit Experten des kooperierenden Eichenberg-Instituts, das auf Coaching und psychologische Beratung spezialisiert ist. Doch worum geht es genau in den Gesprächen? Wie laufen Sie ab? Wir sprachen mit dem Psychologen Markus Schmitt (Foto ganz unten), der im Institut den Bereich Betriebliches Gesundheitsmanagement leitet.

pflegen-online: Herr Schmitt, wie kann ich mir das vorstellen: Mein Arbeitgeber gibt mir die Nummer Ihres Instituts und sagt: „Wenn du Probleme hast, ruf gern dort an“? Kann ich denn sicher sein, dass mein Anliegen diskret behandelt wird?

Markus Schmitt: Selbstverständlich unterliegen wir der Schweigepflicht und nach außen hin anonymisieren wir die Anliegen der Anrufer. Die Arbeitgeber entscheiden sich ja gerade deshalb für externe Anbieter wie uns, weil sie wissen, dass ihre Mitarbeiter bei internen Angeboten skeptisch sind.

Der Ablauf sieht folgendermaßen aus: Man ruft bei uns in der Hotline an und schildert kurz sein Problem. Unser Koordinierungsbüro sucht dann die passenden Fachberater, denn wir brauchen ganz unterschiedliche Expertisen, je nach dem, ob es sich bei dem Problem beispielsweise um Schwierigkeiten mit dem Schichtdienst oder um nicht berufliche Sorgen wie Schulden oder Trauer handelt. Anschließend wird der erste Telefontermin vereinbart. Maximal können Mitarbeiter pro Thema zehn Termine in Anspruch nehmen – alles was darüber liegt, fällt dann schon in den Bereich der Psychotherapie.

Thema kann übrigens alles sein, was die Leistungsfähigkeit einschränkt – sprich, es sollte einen Bezug zur Betrieblichen Gesundheitsförderung haben.

Ärger mit Kollegen oder dem Vorgesetzten wären dann auch Probleme, die man mit Ihnen besprechen kann. Wie gehen Sie dabei vor?

Hier bietet sich manchmal eine Mediation, am besten eine Live-Mediation im Rahmen eines persönliches Treffens an.

Wir bekommen aber auch relativ viele Anfragen von Vorgesetzten zu Führungsfragen – manche Stationsleitung lässt sich von uns richtiggehend coachen, weil sie ihre Abteilung besser führen möchte. Dabei geht es manchmal auch um ganz konkrete Situationen: Was soll ich tun, wenn eine Mitarbeiterin seit sechs Wochen krank ist? Rufe ich sie als Stationsleitung an, mag sie erwidern, man gestatte ihr noch nicht einmal, krank zu sein. Ruft man nicht an, entsteht bei ihr vielleicht das Gefühl, niemand kümmere sich um sie, niemand sei an ihr interessiert. Es geht beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement natürlich auch darum, gesund zu führen – aber was das im Einzelfall bedeutet, ist gar nicht immer eindeutig.

Coaching für Führungskräfte ist eine Sache – aber kann eine Pflegekraft auf schnelle Unterstützung von Ihnen zählen, wenn Sie etwa miterlebt hat, wie eine Mutter unter der Geburt gestorben ist? Diese Softhilfe ist bei der Feuerwehr Standard, in der Pflege aber die Ausnahme.

Ja, auch in solchen Fällen können wir unterstützen. Wir würden dann versuchen, der Erschütterung auf den Grund zu gehen. Wie äußert sie sich? Kann sie nicht mehr schlafen? Grübelt sie und macht sich Vorwürfe? Machen Angehörige oder Kollegen ihr Vorwürfe? Dann geht es eher um Schuldgefühle und es gilt zu klären, wie die Situation genau abgelaufen ist, und ob alles richtig gemacht wurde.

Wenn die Betroffene nicht mehr schlafen kann und dazu mehrmals täglich wegen des Vorfalls weint, geht es eher Richtung Posttraumatisches Belastungssyndrom, dann geht es darum, die Erschütterung früh abzufangen, weil der Zustand schnell chronisch werden und zu einem hohen Verlust an Lebensqualität führen kann.

Sie kooperieren speziell zum Thema Pflege seit einem Jahr mit der IKK Südwest. Wie ist die Resonanz, wie reagieren Pflegekräfte auf das Angebot?

Zurzeit erlebe ich noch Zurückhaltung im Vorfeld des Angebots. Aber alle diejenigen, die das Angebot beginnen zu nutzen sind begeistert und profitieren gerne im weiteren Verlauf. Schnell melden einige Pflegekräfte, dass sie sich entlastet und unterstützt fühlen.

In der Tendenz sind wir in Deutschland skeptisch gegenüber psychologischer Unterstützung, sie wird eher als Prothese gesehen. In den USA ist das ganz anders, da gilt psychologische Unterstützung als hilfreiches Werkzeug. Man hält es für intelligent, wenn ein Mensch Hilfe annimmt – und das ist es auch, denn in der Supervision erfahre ich auch, wie ich vermutlich auf andere wirke – auf mich allein gestellt, könnte ich das nicht herausfinden. Es ist schon schade, dass man hier in Deutschland mit psychologischer Beratung eher einen Autonomie-Verlust verbindet.

Erklärt das auch, weshalb Supervision im Krankenhaus so oft scheitert?

Tatsächlich passiert es oft, dass Supervisionsteams – wenn sie dann endlich zusammengekommen sind – schnell wieder zusammenbrechen. Viele Mitarbeiter machen am Ende doch einen Rückzieher. Manchmal heißt es auch, es fehle ein akutes Thema. Doch das ist gar nicht nötig. Die Supervision ist ein Moment des Austausches, ein aktueller Anlass ist nicht zwingend nötig. Man kann sich überraschen lassen, was dabei herum kommt.

In jedem Fall lernt man immer auch etwas über sich selbst. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, denn ich habe regelmäßig Supervision. Ich würde mir das Leben doch unnötig schwer machen, wenn ich auf Supervision verzichte – wo sonst bekomme ich so viel Feedback auf mein Verhalten, meine Einstellungen und meine Entscheidungen? Natürlich ist das nicht immer angenehm, aber letztlich ziehe ich daraus großen Nutzen, sehe zum Beispiel vieles klarer und fühle mich viel mehr in der Lage, auf Probleme angemessen zu reagieren.

Es lohnt sich in jedem Fall immer mal wieder im Krankenhaus einen Versuch zu starten – Bereiche wie die Psychiatrie machen ja durchaus gute Erfahrungen, vielleicht kann man mit den Kollegen aus anderen Fachgebieten in Kontakt treten und fragen, wie sie es angehen und welchen Nutzen sie daraus ziehen.

Supervision klappt manchmal auch im Krankenhaus: Lesen Sie, wie es im Evangelische Krankenhausgemeinschaft Herne – Castrop-Rauxel funktioniert!

Was würden Sie einer Pflegekraft raten, die an Supervision interessiert ist? Wie kann sie es angehen?

Zunächst ist da in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland die IKK Südwest mit ihrem Angebot. Wenn ein Haus sich dafür entscheiden sollte, profitieren übrigens alle Mitarbeiter, auch diejenigen, die bei anderen Krankenkassen versichert sind.

Wessen Arbeitgeber nicht in einem dieser drei Bundesländer liegt , dem empfehle ich, die Stationsleitung oder Pflegedienstleitung anzusprechen. Die könnten die Supervision durchaus mit einer Krankenkasse organisieren. Diese sind immerhin angehalten, in Programme zur Unterstützung der psychischen Gesundheit zu investieren. Der Gesetzgeber erwartet das - schon lange übrigens – nämlich seit 2015, als wesentliche Teile des Präventionsgesetzes in Kraft getreten sind.

Wem das alles zu lange dauert, der kann auf eigene Faust eine Einzel-Supervision buchen, manchmal gibt es diese auch schon für 60 Euro.

Für sinnvoller halte ich es aber, sich bei seinem Arbeitgeber dafür einzusetzen. Und wenn man ein wenig darum kämpfen muss – warum nicht? Mir fällt immer wieder auf, dass viele Pflegekräfte zu bescheiden sind. Was sie leisten und was sie bekommen, steht in einem Missverhältnis. Damit sich das ändert, müssen sie mehr einfordern, mehr Selbstwertgefühl entwickeln. Wer überzeugt ist, dass er gute Arbeit leistet, der fordert auch Hilfe – um weiterhin gute Arbeit leisten zu können.

Interview: Kirsten Gaede

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