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Burnout-Prophylaxe

Warum Lesen so extrem erholsam ist      

Muss man unbedingt verreisen, um sich zu erholen? Nein, Reisen bietet zwar Abenteuer und neue Eindrücke, aber Erholung klappt oft auch gut zu Hause – mit einigen einfachen Regeln     

Als Trost für alle, die in diesem Sommer auf Reisen verzichten müssen (oder wollen): Der Erholungseffekt eines Urlaubs verpufft in der Regel ohnehin schon nach kurzer Zeit. So hätten 70 Prozent der deutschen Arbeitnehmer die im Urlaub frisch aufgetankten Kräfte bereits nach ein bis zwei Wochen wieder aufgebraucht, ergab vor zwei Jahren eine mit 1.008 Arbeitnehmern durchgeführte Studie der mhplus Krankenkasse.

Studie: Jüngere sind schnell wieder urlaubsreif

Und: jüngere Arbeitnehmer fühlten sich sogar früher wieder urlaubsreif als ihre älteren Kollegen. Schon nach ein bis zwei Wochen hatte laut der Studie 83 Prozent der unter 35-Jährigen der Arbeitsstress wieder eingeholt.  In dieser Altersgruppe räumte fast jeder Zweite ein, aufgrund von Smartphone und Tablet sowie dem allseits verfügbaren Wlan in Hotels und Ferienwohnungen nicht mehr richtig abschalten zu können.

Weg mit Wlan und Smartphone!

Seitens der Krankenkasse spricht man von einem „deutlichen Trend“: Urlaub bedeute inzwischen zwar physisch an einen anderen Ort zu reisen, die beruflichen und privaten Themen aber immer im elektronischen Handgepäck dabei zu haben. Eine intensive und vor allem nachhaltige Erholung werde dadurch immer schwieriger. Abschalten heißt also das Zauberwort, und das gelingt vor allem dann, wenn man seine mobilen Endgeräte ausstellt – auch in den eigenen vier Wänden. Denn die ständige Erreichbarkeit und die Versuchung, alles sofort nachschauen und wissen zu wollen, führt zu einer permanenten inneren Unruhe und behindert den Erholungsprozess.

[Sie finden es schwierig, richtig abzuschalten? In unserem Artikel 7 Tipps, die Sie vor dem Burnout bewahren finden Sie Anregungen, wie Ihnen das gelingen kann.] 

Psychologin: Erholung auch zu Hause möglich

„Insgesamt ist es übrigens so“, sagt Carmen Binnewies, die am Institut für Psychologie der Universität Münster die Arbeitseinheit Arbeitspsychologie leitet, „dass es keinen Unterschied im Erholungseffekt gibt, ob man wegfährt oder zu Hause bleibt. Einzig das Abschalten von der Arbeit ist bei einem Urlaub zu Hause nicht so gut möglich.“ Aber bei einem Urlaub daheim sollte man dann auch möglichst ein paar Urlaubsaktivitäten einplanen.

Strandurlaub im Wohnzimmer? Einen Versuch ist es wert  

Die Psychologin rät: „Ich könnte ja überlegen, was mir am Urlaub in der Ferne gut gefällt und wie ich das teilweise zu Hause erreichen kann. Wenn ich etwa am Meer liegen und Muscheln sammeln toll finde, das dieses Jahr aber nicht möglich ist, kann ich überlegen, wie ich zu Hause einen Strandtag oder Ähnliches gestalten könnte. Es muss sich natürlich für mich gut und richtig anfühlen, aber vielleicht ist es sogar auch ganz lustig und eine neue Erfahrung, mit Strandtüchern im Garten oder Wohnzimmer zu liegen und dabei einen selbst kreierten Kokosnussdrink zu schlürfen.“ Wichtig sei, die Situation „aktiv zum Positiven zu gestalten“.

„Ruhemomente schon im Alltag lernen“

Erholung finde aber nicht nur im Urlaub statt, sondern müsse schon im Alltag erlernt werden, ist die selbstständige Psychologin Ilona Bürgel überzeugt. Sie wirbt deshalb für den wichtigen und richtigen Umgang mit „Ruhemomenten“: Da sollte nicht gleich wieder der Fernseher eingeschaltet werden, „man muss lernen, die Ruhe auszuhalten“. Einsamkeit sei wichtig, der Umgang damit falle aber vielen schwer. „Wir lassen uns gern ablenken.“ 

[Hier erfahren Sie, was es heißt, fokussiert zu sein]

„Lesen ist noch erholsamer als Spazierengehen“

Bürgel verweist auf Untersuchungen des Neuropsychologen David Lewis, wonach schon sechs Minuten Lesen eines Buchs das Stresslevel um 68 Prozent senkt. Das Gehirn ist fokussiert, die Muskeln sind entspannt. Am besten funktioniere dies in Ruhe. So wirken andere Beschäftigungen:

  • Musikhören wirken immerhin zu 61 Prozent
  •  Tee trinken zu 54 Prozent
  • Spazierengehen zu 42 Prozent

„Der Dreh- und Angelpunkt ist, dass wir unsere Gedanken beim Lesen auf den Text konzentrieren, während diese bei anderen Tätigkeiten statistisch gesehen in der Hälfte der Zeit abschweifen – und das macht unglücklich“, betont die Psychologin.

Etwas zu lernen, macht besonders glücklich

Kurzfristiges Glück entsteht etwa durch Essen, einen guten Wein, einen Film. „Wenn wir dagegen etwas lernen, uns weiterbilden und entwickeln, entsteht langfristiges Glück. Beim Lesen erleben wir beide Glücksformen. Das sofortige während des Lesens selbst, und das langfristige, wenn wir eine Botschaft oder Erkenntnis für uns mitnehmen“, sagt Ilona Bürgel. Insofern wäre das Lesen von interessanten Büchern – vielleicht solchen, die wir uns immer schon mal vorgenommen, aber zeitlich bislang nicht realisieren konnten – oder auch das Erlernen einer fremden oder Vertiefen einer bekannten Sprache eine Wohltat für die Seele.

Massagen? Auch keine schlechte Idee  

Wichtig sei auch die „Priorisierung von Positivem“, betont Bürgel. Bei all den schlechten Nachrichten, die uns gegenwärtig fluten, sei es wichtig, den Fokus auf Positives zu legen. Entspannung spiele dabei eine große Rolle. Eine Massage sei dafür gut geeignet. Die könne man sogar selbst durchführen, sagt die Psychologin, indem man etwa die Hand aufs Herz lege oder sich selbst die Füße mit einem duftenden und pflegenden Öl massiere.

Die Zeit ist ideal, um vernachlässigte Hobbys wieder aufzugreifen  

Zum „inneren Tapetenwechsel“ rät mhplus-Gesundheitsexpertin Mariana Naumann. Genau wie für eine Ferienreise solle man auch beim Urlaub zu Hause Pläne schmieden und so „dem Trott der Arbeitstage und alltäglichen Verpflichtungen wirklich die kalte Schulter zeigen“. Ein ausgedehntes Frühstück könne ebenso auf der Like-Liste stehen wie das (Wieder-) Einsteigen in persönliche Hobbys, etwa Handarbeiten, Handwerken, Kochen, Basteln, Spazierengehen, Radfahren, Lesen, kleine Ausflüge planen oder mal wieder musizieren. Auch fürs Seele-baumeln-lassen sollte natürlich Platz sein, rät die Expertin. So könne es schon helfen, in den Urlaubstagen mal nicht die Post zu öffnen und vor allem – siehe oben – die elektronischen Medien zu ignorieren.

Autorin: Birgitta vom Lehn

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