Exit-Gespräche

Warum kündigen Sie, Frau Kollegin?

Pflegedirektor Torsten Rantzsch schwört auf Exit-Gespräche. Die offenen Worte zum Abschied geben aufschlussreiche Einblicke ins Unternehmen. Auch die künftigen Ex-Kollegen profitieren.

Der Pflegedirektor und Vorstand des Universitätsklinikums Düsseldorf (UKD) ist überzeugt, dass Exit-Gespräche für beide Seiten eine Bereicherung sind. Im Interview mit pflegen-online erklärt der Vorstandsvorsitzende des Verbands der PflegedirektorInnen der Unikliniken (VPU), warum ihm der Austausch so wichtig ist.

pflegen-online.de: Herr Rantzsch, Sie führen seit 2017 mit jedem Mitarbeiter, der kündigt, ein Exit-Gespräch. Das ist ein großer Aufwand. Warum lohnt er sich?

Torsten Rantzsch: Weil ich als Pflegedirektor selber genau wissen möchte, warum uns letztlich Pflegekräfte verlassen. Generell gilt für alle Kliniken in Deutschland, dass zahlreiche Pflegekräfte fehlen und viele Stellen vakant sind. Noch gehen Bewerbungen im UK Düsseldorf ein, doch das größte Problem derzeit ist, das Personal auch langfristig zu halten. In den Gesprächen bekomme ich viele Rückmeldungen, an die man als Vorstand sonst gar nicht denkt.

Was sind die Hauptgründe für Kündigungen?

Anders als erwartet ging es an unserem Standort im vergangenen Jahr in den meisten Fällen um private Gründe. Viele Kolleginnen haben sich beispielsweise entschieden, privat Angehörige zu pflegen, oder sie haben sich für ein Studium oder der Liebe wegen örtlich verändert. Ich selbst hatte erwartet, dass es viel öfter um das Gehalt, um Probleme mit der Führung oder Konflikte im Team gehen würde. Andererseits gab es auch konkrete Kritik an Rahmenbedingungen im Klinikum und an unseren Prozessen. Da konnte ich dann gezielt nachhaken.

Nennen Sie uns bitte ein Beispiel.

Kürzlich hat eine Kollegin sehr differenziert kritisiert, dass die Kommunikation zwischen dem pflegerischen und dem medizinischen Team nicht stimmt. Da gab es nicht genug Austausch, und das konnte sie nicht länger akzeptieren. Ich habe daraufhin das Team angehört, und es hat bestätigt, dass etwas im Argen lag. Weil alle offen waren, Hilfe anzunehmen, haben wir ein Coaching vermittelt. Ein weiterer Kritikpunkt ist zum Beispiel unsere IT-Ausstattung. Die Rückmeldungen der Kollegen waren gute Argumente, um den Masterplan-IT zu untermauern, den wir auf den Weg gebracht haben. Außerdem höre ich oft, dass insgesamt zu wenig Personal da ist, und ich gehe davon aus, dass künftig mehr Kollegen wegen der steigenden Arbeitsbelastung kündigen werden. Die Arbeit wird ja immer noch weiter verdichtet.

Warum stellen sich die Mitarbeiter vor ihrem Ausscheiden überhaupt noch diesen Gesprächen mit Ihnen?

Ich bin überzeugt, dass der Austausch für beide Seiten eine Bereicherung ist. Ich höre immer wieder, dass es sehr gut ankommt, dass sich ein Vorstand dafür Zeit nimmt. Die meisten sind dankbar dafür, weil sie das so bislang nicht kannten und es ihnen zeigt, dass sie ernst genommen und wertgeschätzt werden. Zudem zwingen wir niemanden. Mein Büro ruft jeden, der kündigt, persönlich an und bestätigt die Kündigung. Dabei wird auch das Gespräch angeboten und auf die Alternative hingewiesen, einen anonymisierten Fragebogen auszufüllen. Wer nicht reden will, muss das auch nicht. Allerdings haben bei uns bislang mehr als 90 Prozent der Betroffenen die Möglichkeit wahrgenommen.

Wie lange werden Sie die Gespräche noch anbieten?

Bei uns war das nie temporär angelegt, sondern immer als langfristiges Serviceangebot gedacht. Wir müssen uns noch mehr mit der Bindung der Mitarbeiter auseinandersetzen und Konzepte dafür erarbeiten, dass sie dauerhaft bleiben. Die Exit-Gespräche können uns dabei helfen. Ich möchte sie jedenfalls nicht mehr missen und kann auch jeder Top-Führungskraft nur dazu raten.

Sehen das Ihre Kollegen in den anderen Unikliniken auch so?

Auf jeden Fall sind die Gespräche auch in den anderen Häusern Thema und werden zunehmend eingesetzt. Teilweise liegen sie ausschließlich in den Händen der Personalabteilung, andere Kollegen führen sie wie ich selbst. Ich kann nur immer wieder betonen: Jeder Verantwortliche muss wissen, warum die Leute seinem Haus den Rücken kehren.

Haben Sie schon einmal jemanden umstimmen können?

In der Tat ist das einmal gelungen. Die Kollegin hatte gekündigt, weil sie bei einem internen Bewerbungsverfahren nicht zum Zug gekommen ist. Als ich ihr ein alternatives Angebot gemacht habe, hat sie die Kündigung direkt zurückgezogen.

Interview: Jens Kohrs

Foto: Torsten Rantzsch

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