Foto: privat/Canva

Chefin

Warum jede Führungskraft ein Coaching machen sollte

Klar, eine kleine Auszeit und ein bisschen Selbstreflektion können nicht schaden … nein, es geht beim Coaching um viel mehr, meint die Krankenschwester und Hebamme Kathrin Neumann (Foto), die selbst einen Business Retreat besucht hat    

Interview mit Kathrin Neumann (46), die eine geburtshilfliche Abteilung leitet und 2019 an einem dreitägigen Retreat in Brandenburg teilgenommen hat.

pflegen-online: Frau Neumann, was hat Sie denn zur Teilnahme an diesem Retreat bewogen?

Ich befand mich zu dieser Zeit in einer sehr schwierigen Lebensphase - beruflich wie auch privat. In meiner privaten Situation war ich völlig am Limit. Und beruflich fühlte ich mich down und total ausgehebelt, obwohl ich ein eigentlich starker Charakter bin. Ich hatte Dr. Stefan Drauschke mit Pia Drauschke, Coaches im Business-Retreat und Gründer der Next Health GmbH, während meines Stations- und Funktionsleiterkurses der Weiterbildungsuniversität der TU Dresden kennengelernt. Ein Gespräch mit Stefan Drauschke über meine Situation gab mir den nötigen Impuls für die Teilnahme. Ich wusste, ich muss etwas für mich tun, um wieder Klarheit, Kraft und Balance zu gewinnen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mich selbst nicht mehr zu kennen und in meinem stressigen Alltag den Fokus verloren zu haben.

Können Sie den Impuls genauer benennen?

Ich war mental, psychisch und physisch vollkommen ausgepowert durch die Überlastung im Job –  Schichtdienst, viele Überstunden, die große Verantwortung in meiner Funktion als Teamleiterin in einer geburtshilflichen Abteilung, die Unzufriedenheit der Mitarbeiter und der hohe Personalmangel - und das alles verbunden mit meiner privaten Situation mit zwei kleinen Kindern. Deswegen kam dieses Retreat genau zur richtigen Zeit – ein Geschenk des Himmels.

Dort hatte ich drei Tage die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen, mich zu besinnen und in mich zu gehen, vor allem aber meine Gedanken neu zu sortieren. Das Wichtigste am Ende des Tages: Ich konnte mit der liebevollen Unterstützung der Coaches herausfinden, was ich im Leben eigentlich wollte und was nicht. Nach eigenen Aussagen von Next Health: Ich habe meine (Selbst-)Führungskompetenzen verbessert. Eine aufregende Reise, würde ich sagen.

Was waren Ihre ersten Eindrücke?

Zunächst einmal ist das Seminarhaus Himmelpfort an einem See ein traumhafter Ort, um auf genau diese Reise zu gehen. Die Kombination aus Natur, Ruhe und dem sehr achtsamen Umgang der Coaches und Teilnehmer miteinander wirkt wie Balsam auf der Seele. Es gibt genug Raum für jeden und jedes Anliegen in wirklich tollem Ambiente mit leckerem Essen. Wo kann man besser wieder in Balance finden als an einem solchen Ort? Ich bin außerdem ein sehr aufgeschlossener Mensch und fand es spannend, auf andere Menschen zu treffen, die vielleicht ähnliche Anliegen hatten wie ich selbst.

Wie setzt sich denn Teilnehmergruppen eines solchen Retreats zusammen, wie kann man sich das vorstellen?

Zum einen fand ich die Gruppengröße sehr angenehm, die Teilnehmerzahl ist auf zehn bis zwölf begrenzt. Das empfand ich als einen sehr geschützten Rahmen. Zum anderen war für mich persönlich bereichernd, dass Teilnehmer aus den unterschiedlichsten beruflichen Bereichen und mit unterschiedlichen Anliegen zusammenkamen. Dennoch war das Anliegen der meisten: Schwierigkeiten im Job. Im Endeffekt war das eigentlich Interessante an der Sache für mich, dass sich im Laufe des Retreats zeigte, dass bei einigen nicht nur der Job für die Probleme verantwortlich war. Auch im Privaten lief es bei vielen nicht rund. Wie bei mir selbst ja auch.

Meiner Meinung nach lässt sich das sowieso nicht voneinander trennen: Wer private Probleme hat, kann auch im Job nicht gut performen. Und wenn es im Job schlecht läuft, fehlt die Kraft für die Familie. Mir persönlich hat es sehr geholfen, das für mich selber zu reflektieren und auch die Erkenntnisse der anderen Teilnehmer für mich persönlich zu nutzen.

Wie kann man sich den Ablauf vorstellen?

Das Retreat bietet ganz unterschiedliche Spektren. Neben Sporteinheiten und körperlichen Betätigungen wie Wandern oder Yoga gibt es Zeit für Gespräche in der Gruppe oder auch zu zweit mit einem Coach. Darüber hinaus finden Übungen in der Klein-Gruppe statt, zum Beispiel vertrauensbildende Maßnahmen oder auch körperlich erfahrbare Teambildungsübungen.

Besonders viel gebracht haben mir persönlich die Einzelgespräche, die ich mit meinem Coach auf gemeinsamen Spaziergängen führen konnte. Da kann der Geist am besten fließen. Bei Bewegung in der Natur entstehen die besten Gedanken und Impulse. Das hat mir sehr dabei geholfen, Abstand zu gewinnen. Vor allem, weil ich auch gemerkt habe, wie in dieser Ruhe aller Ballast von mir abgefallen ist. Erst so bemerkte ich, wie sehr ich in den Monaten davor überhaupt unter Druck gestanden habe.

Was hat Ihnen denn das Retreat für Ihre Arbeit gebracht?

Neben der Klarheit hat es mir neue Energie und Selbstvertrauen für meine Rolle als Teamleiterin gegeben. Gerade als Führungskraft sitzt man gefühlt immer zwischen allen Stühlen. Von allen Seiten wird an einem gezogen und ich musste ständig versuchen, allem und allen gerecht zu werden. Auf dem Retreat habe ich gelernt, das erst einmal von einer gelasseneren Perspektive aus zu betrachten, nicht sofort impulsiv zu reagieren und so auch in schwierigen Situationen besser in Balance zu bleiben.

Mit das Wichtigste aber war, dass ich nach und nach herausfinden konnte, was mir im Job und Zuhause wirklich wichtig ist und was ich getrost von meiner Liste streichen kann. Ich habe viele Anregungen in Bezug auf Kommunikations- und Gesprächsführung mit meinen Mitarbeitern bekommen und verstanden, was ich an welcher Stelle verändern muss. Sehr unterstützend in diesem Prozess empfand ich die Körperübungen, die den Teamgedanken stärken sollten. Und zu erkennen – egal ob Führungsebene oder nicht - wir sitzen alle im selben Boot.

Wie würden Sie persönlich das Retreat beschreiben?

Ich würde es so sagen: Das, was dort in drei Tagen passiert, läuft unter der Überschrift "Körper, Geist und Seele". Und das soll jetzt überhaupt nicht esoterisch klingen. Alles ist unglaublich ausbalanciert. Die Menschen gehen unglaublich achtsam, respektvoll und wertschätzend miteinander um. Ein weiterer positiver Aspekt für mich war auch der persönliche Kontakt zu den Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen, obwohl sie alle aus so unterschiedlichen Bereichen kommen. Es war absolut spannend und berührend, die verschiedenen Lebensgeschichten zu erfahren, sich auszutauschen, sich gegenseitig zu motivieren, sich Halt zu geben und auch voneinander zu lernen. Auch das gibt einem wiederum Impulse für sich selber  – denn im Grunde genommen ähneln sich die Geschichten ja dann doch immer. Letztlich treffen sich dort Menschen, die das gleiche Ziel haben. Nämlich: zur Ruhe kommen, sich besser kennenzulernen mit all seinen Stärken und Schwächen, sich neu zu fokussieren und Probleme welcher Art auch immer anzugehen.

Was hat es Ihnen persönlich gebracht? Und wie lange hat es gedauert, bis sich Veränderungen eingestellt haben?

Wie schon gesagt, mein Leben war zu dieser Zeit eine echte Herausforderung und zwar an allen Fronten. Das hatte zwar einerseits auch seine guten Seiten … dachte ich zumindest. Aber vieles davon war gar nicht mehr mein Leben. Diese Erkenntnis kam allerdings erst später. Ich habe irre viele Eindrücke von diesem Retreat mit genommen. Manche habe ich aber erst so nach und nach verinnerlicht und in mein Leben integriert. Das passiert ja selten von heute auf morgen. Wenn es heute mal wieder nicht so rund läuft oder eine Entscheidung ansteht, helfen mir die wertvollen Worte und Sätze aus dem Coaching, die ich immer noch im Ohr habe. Oder ich erinnere mich an Übungen, die wir gemacht haben, zum Beispiel in schwierigen Situation Emotionen erst mal vorbeiziehen zu lassen und zu schauen, was jetzt in dieser Situation wirklich nötig und angemessen ist.

Ihr Fazit?

Ich finde es gut zu wissen, dass es solche Programme zur Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentfaltung gibt. Ich halte es für absolut sinnvoll, dass nicht nur Menschen in Leitungspositionen, sich coachen lassen. Im Privaten wie im Beruflichen. Ich würde sogar gerne noch einen Schritt weitergehen: Für jeden, der Personalverantwortung hat, egal in welchem Bereich, sollten derartige Retreats eine absolute Pflichtveranstaltung sein. Mit dem Ziel sich selber besser kennenzulernen und sein Handeln anzupassen.

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Führungspositionen haben ja auch immer etwas mit Macht und Machtmissbrauch zu tun. Wenn ich mit vielen Menschen zusammenarbeite – besonders in der Pflege, wo der Druck so hoch ist –, dann muss ich doch als Führungsperson Stabilität besitzen. Ich muss mich unter Kontrolle haben und mich meinen Mitarbeitern gegenüber respekt- und würdevoll verhalten. Das geht aber leider im Alltag mit Druck und Überbelastung zu oft unter. Und gerade in der momentanen Phase, in der so ein unglaublicher Zeitenwandel stattfindet, müsste eigentlich jeder schauen, wie er sich wieder in Balance bringt, damit die Menschen nicht anfangen, sich zu hassen, sondern, im Gegenteil, üben, sich gegenseitig zu respektieren.

Und etwas, das ich auch gelernt habe und was ich jedem gerne ans Herz legen würde: Denke jeden Abend auch an die Dinge, die dir gut und glücklich von der Hand gegangen sind und für die du dankbar sein kannst. Bei mir hat das viel in Bewegung gebracht.

Interview:  Nina Sickinger

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