Burnout, Depressionen & Co.

Warum Hygge Pflegekräften gut tut

Schon gute Vorsätze für das neue Jahr gefasst? Versuchen Sie es doch mal mit Hygge – für bessere Stimmung im Arbeitsalltag

Inhaltsverzeichnis

Dänemark liegt im jährlich erscheinenden World Happiness Report der Vereinten Nationen stets auf einem der vorderen Plätze, Deutschland belegt aktuell Rang 17 von insgesamt 155. Das Geheimnis der Dänen? Hygge! Eine Lebensphilosophie, die laut Autorin und Beraterin Andrea Fischer (Foto unten) auch im Job zufriedener macht. Sie hat das Buch „Hygge in der Pflege. Die dänische Glücksformel für Gesundheitsfachberufe“ (Springer) geschrieben und Hygge-Akademie gegründet. Im Interview erklärt sie, was das Konzept ausmacht.

pflegen-online: Frau Fischer, als Trendthema weckt Hygge bei uns meist Assoziationen an eine heimelige Atmosphäre mit loderndem Kaminfeuer, heißer Schokolade und warmen Wollsocken. Doch welche Grundidee steht eigentlich dahinter?

Andrea Fischer: Hygge ist das skandinavische Wort für eine Stimmung von Gemütlichkeit mit Gefühlen von Wohlbefinden und Zufriedenheit. Die Dänen gehören seit Jahren zu den glücklichsten Menschen der Welt. Der Grund für dieses Glück ist eine tiefe Zufriedenheit, die in der Philosophie von Hygge verankert ist und sich auf alle Bereiche auswirkt.

Bei Hygge geht es nicht nur darum, es sich gemütlich zu machen und ein paar Kerzen anzuzünden. Dieses Lebensgefühl betrifft das Privat- und das Berufsleben gleichermaßen. Hygge ist eine Mentalität und innere Haltung, es geht um bestimmte Werte, die glücklicher und zufriedener machen – auch im Beruf. Es geht darum, das Beste aus dem Moment zu machen und das große Glück in den kleinen Dingen zu erleben.

Nun boomen Themen wie Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit bei uns schon seit einigen Jahren. Was unterscheidet den Hygge-Hype hiervon?

Die dänische Glücksformel Hygge ist eine aktiv gelebte Philosophie, viele Länder sehen die Dänen inzwischen als gelebtes Vorbild. Das kann uns inspirieren, genauer hinzuschauen, wie und was genau sie denn eigentlich anders machen. Gerade in Deutschland begegnen wir ja oftmals eher einer Opfermentalität, der Einzelne fühlt sich den Umständen ausgeliefert. Diesen Punkt trifft das Konzept: zu sagen, ich habe mein Leben in der Hand und kann es aktiv gestalten.

Sie haben die Hygge-Philosophie auf den Arbeitsalltag in der Pflege übertragen. Wie funktioniert das?

In Seminaren sehe ich bei Pflege-Mitarbeitern oft die Tendenz, sich für andere aufzugeben und für andere so da zu sein, dass sie sich selbst kaum mehr wahrnehmen. Hygge lädt ein zu fragen: Was brauche ich eigentlich, was kann ich mir – im Rahmen aller Vorschriften – Gutes tun, wie kann ich meinen Arbeitsalltag angenehm gestalten? Und das ist kein Egoismus, im Gegenteil: Diese Haltung macht es leichter, sich um die Patienten oder Heimbewohner zu kümmern, und es belastet weniger, als wenn man nur im Funktionsmodus ist. Hygge ist nicht die Lösung für strukturelle, politische Probleme in unserem Gesundheitswesen, aber ein Weg, die eigene Sichtweise auf die Dinge zu ändern.

Und wie gelingt es, Hygge in den Arbeitsalltag zu bringen?

Wir sollten vor allem einen Gedanken zulassen: dass Arbeit auch Spaß machen kann. Das Wohlfühlen am Arbeitsplatz weckt bei uns ja vielfach noch Skepsis – wohlfühlen sollte sich doch lieber jeder zuhause, mit Wolldecke, Kerzen und Zimtschnecke. Diese Trennung ist per se total unnatürlich. Und mit einer anderen Einstellung kann ich mich bei meiner Arbeit tatsächlich so einrichten, dass ich ihr mit Freude nachgehe. Das hat auch mit einer inneren Erlaubnis zu tun: Darf ich das leben – und darf ich das auch äußern?

Stehen die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Pflege in Deutschland und Dänemark hierbei nicht im Weg?

Dänemark ist zwar ein Wohlfahrtsstaat mit ganz anderen finanziellen Absicherungen im Alter, bei der Rente und im Gesundheitswesen. Das können wir natürlich nicht eins zu eins übertragen. Aber Hygge kann uns helfen zu erkennen, was wir in unserem Gesundheitssystem stärker präventiv statt reaktiv tun können. Das fängt bei der inneren Haltung an, geht über die Arbeitsplatzgestaltung bis zum täglichen Miteinander. Dazu brauchen wir keine bestimmte Staatsform, das können wir überall leben.

Die Hygge-Philosophie ist keine strikte Anleitung zum Glücklichsein. Es gibt kein allgemein gültiges Rezept oder einen 10-Punkte-Plan für Hygge, es wird auch immer Faktoren geben, die wir nicht beeinflussen können. Aber ob man mit Freude oder Anspannung in eine Situation hineingeht, entscheidet man immer selbst.

Wie können erste Schritte hin zu mehr Hygge konkret aussehen?

Den Fokus auf das legen, was ich beeinflussbaren kann. Mit welcher Haltung starte ich in den Tag? Freue ich mich auf die schönen Dinge oder geht mir nur durch den Kopf, was stressig werden könnte? Stimme ich mich schon morgens positiv ein und mache mir vielleicht selbst erst einmal eine kleine Freude? Dazu gehört also auch, das eigene Denken zu beobachten und zu steuern.

Was ist zum Beispiel der erste Gedanke, wenn ich aufwache? Unsere Gedanken beeinflussen unmittelbar, wie wir uns fühlen – warum sie also nicht gleich auf etwas Angenehmes lenken? Genauso wichtig ist die Frage, worüber ich eigentlich spreche. Sind das nur die negativen Situationen, steht im Mittelpunkt alles, was nicht läuft, oder sind das auch die guten Momente?

Wenn ich meine Haltung ändern möchte, kann ich zudem Kollegen bitten, mir ein Feedback zu geben. Oftmals ist dem Einzelnen gar nicht klar, wie oft er im Pflegealltag beispielsweise ‚du musst …‘ sagt. Da kann es schon manches Aha-Erlebnis zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung geben.

Praktisch gibt es diverse Möglichkeiten - mir fallen auf Anhieb für einen ganz normalen Tag fast ein Dutzend ein.

Leitungskräfte können beispielweise auch die Walk-and-Talk-Methode für Meetings nutzen. Das heißt, die Besprechung einfach mal nicht in einem Raum abzuhalten, sondern miteinander eine halbe Stunde lang spazieren zu gehen – zu viert oder fünft kann man ein Thema wunderbar draußen besprechen. Die physische Bewegung bringt ja auch Bewegung in die Gedanken. Und man hat nicht einen, der vorne steht, während die anderen sitzen, sondern ein Miteinander.

Neben der inneren Haltung spielen äußere Gestaltungsfaktoren wie Farbe, Licht, Düfte und die Haptik von Materialien bei Hygge eine große Rolle. Wie lässt sich das auf einer Station umsetzen?

Das ist natürlich oft eine Budgetfrage. Vielleicht lässt sich nicht gleich die ganze Station hyggeliger einrichten, aber im ersten Schritt könnte man für das Stationszimmer Ideen sammeln und umsetzen. Dort eine Wand zu streichen, kostet zum Beispiel so gut wie nichts.

Eine sofort umsetzbare Idee wäre auch, eine Glückstafel aufzuhängen, an der die Kollegen jeden Tag etwas Neues anbringen können, etwa einen Spruch aus der Zeitung oder ein schönes Bild – also alles, was zu einer Wohlfühlatmosphäre beiträgt. Und jeder kann seinen Kollegen täglich noch ein anderes Geschenk machen: Wenn ich Seminarteilnehmer frage, wer sich Anerkennung wünscht, gehen immer alle Hände hoch. Wenn ich dann frage, wer Anerkennung gibt, bleiben allenfalls 20 Prozent der Hände oben. Hier gibt es also reichlich Hygge-Potenzial.

Zur Person

Andrea Fischer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Beraterin und Coach in der Mitarbeiter- und Unternehmensentwicklung. Ihre Akademie im Gesundheitswesen (www.akademie-gesundheitswesen.de) ist spezialisiert auf Schulungen für Krankenhäuser, Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen. Im Sommer dieses Jahres hat sie zudem die Hygge-Akademie (www.hygge-akademie.de) gegründet.

Interview: lin

Foto (Porträt): privat

Foto: Maya Kruchancova - stock.adobe.com

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Foto: © Schlütersche - Andrea Wiedermann

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Tipp 36: Halten Sie es mit Udo Jürgens

„Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen" - so heißt es in einer Schlagerzeile von 1982. Sie gilt auch für Pflegekräfte. Denken Sie in Ruhe nach: Was wollen Sie wirklich?

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