Burnout, Depressionen & Co.

Warum Hygge für Pflegekräfte jetzt genau das Richtige ist

Hygge macht glücklich – auch und gerade in ungemütlichen Zeiten. Wie die Glücksformel der Dänen funktioniert, erklärt Autorin Andrea Fischer

Inhaltsverzeichnis

Dieser Artikel erschien zuerst im Dezember 2019 und wurde am 08. Februar 2021 aktualisiert.

„Hygge“ stammt aus dem Skandinavischen und steht für eine Stimmung von Gemütlichkeit, für ein Gefühl tiefen Wohlbefindens – einen Zustand, der in der aktuellen Pandemie gerade Pflegekräften eher utopisch erscheinen mag. Doch auch angesichts der Corona-Krise könne die Lebensphilosophie der Dänen weiterhelfen, sagt Andrea Fischer, Beraterin und Autorin des Buches „Hygge in der Pflege. Die dänische Glücksformel für Gesundheitsfachberufe“ (Springer). Im Interview erläutert die Gründerin der Hygge-Akademie, was das Konzept ausmacht und wie es Pflegekräften neue Kraft geben kann.

pflegen-online: Frau Fischer, welche Idee steht hinter Hygge?

Andrea Fischer: Bei Hygge geht es um die innere Haltung zur Welt und um Werte, die glücklicher und zufriedener machen – auch im Beruf. Seit Jahren landen die Dänen in Umfragen zum Thema Glück und im World Happiness Report der Vereinten Nationen regelmäßig auf den vorderen Plätzen. Der Grund für dieses Glück ist eine tiefe Zufriedenheit, die in der Philosophie von Hygge verankert ist und sich auf alle Lebensbereiche auswirkt. Hygge hilft, das Beste aus dem Moment hervorzuholen und das große Glück in den kleinen Dingen zu erleben, im „Wir“ zu leben, auf das Menschliche zu fokussieren und auch unperfekt sein und handeln zu dürfen.

Was machen die Dänen denn anders als beispielsweise die Deutschen, die im aktuellen World Happiness Report auf Rang 17 liegen? Und kann Hygge auch in einer Ausnahmesituation wie der derzeitigen Pandemie hilfreich sein?

Aufgrund der Corona-Pandemie befinden wir uns derzeit ja weltweit in einem Ausnahmezustand. Doch auch in normalen Zeiten begegnen wir in Deutschland oftmals eher eine Opfermentalität; der Einzelne fühlt sich den Umständen ausgeliefert.

Diesen Punkt trifft das Hygge-Konzept: stattdessen zu sagen, ich habe mein Leben in der Hand und kann es aktiv gestalten. Außerdem geht es um den dankbaren Blick auf das Positive, auf das, was ist – und nicht auf alles, was gerade nicht ist bzw. problematisch verläuft.

Wir alle sind in den vergangenen Monaten ungewohnten, unschönen bis hin zu dramatischen Geschehnissen ausgesetzt, und trotzdem können wir auf das Gute, das es gerade auch gibt, fokussieren. Allein durch diesen positiven Blick und das Fokussieren auf Lösungen fühlen wir uns schon wieder mehr in unserer Kraft, weil wir selbst handeln und entscheiden.

Was bedeutet das für die Arbeit von Pflegekräften?

Schon vor der Corona-Krise habe ich in Seminaren bei Pflege-Mitarbeitern oft die Tendenz gesehen, sich für andere aufzugeben und so für sie da zu sein, dass sie sich selbst kaum mehr wahrnehmen. Hygge aber lädt ein zu fragen: Was brauche ich eigentlich, was kann ich mir – im Rahmen aller Vorschriften – in meinem Arbeitsalltag Gutes tun? Und das ist kein Egoismus, im Gegenteil: Diese Haltung macht es leichter, sich um die Patienten oder Heimbewohner zu kümmern, und es belastet weniger, als wenn man nur im Funktionsmodus ist.

Hygge ist nicht die Lösung für die Pandemie oder strukturelle, politische Probleme in unserem Gesundheitswesen, aber ein Weg, die eigene Sichtweise auf die Dinge zu ändern und als Allererstes gut für sich selbst zu sorgen. Viele Menschen haben verlernt, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

Und wie kann es gelingen, Hygge in den angesichts der Pandemie noch einmal angespannteren Arbeitsalltag von Pflegekräften zu bringen?

Ganz grundsätzlich sollten wir vor allem einen Gedanken zulassen: dass Arbeit auch Spaß machen kann. Denn das Wohlfühlen am Arbeitsplatz weckt bei uns ja vielfach noch Skepsis – wohlfühlen sollte sich doch lieber jeder zuhause, mit Wolldecke, Kerzen und Zimtschnecke. Diese Trennung ist per se total unnatürlich.

Das ist wichtig zu verstehen – zum einen für die Zeit nach der Pandemie, aber vielleicht auch gerade jetzt. Denn mit einer anderen Einstellung kann ich mich bei meiner Arbeit tatsächlich so einrichten, dass ich ihr mit Freude nachgehe. Das hat mit einer inneren Erlaubnis genauso wie mit einem wertschätzenden Miteinander zu tun, also auch mit den Arbeitsplatz- und Arbeitszeitmodellen.

Stehen hierbei auch abseits der Pandemie die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Pflege in Deutschland und Dänemark nicht im Weg?

Die Hygge-Philosophie ist ja keine strikte Anleitung zum Glücklichsein. Es gibt kein allgemein gültiges Rezept oder einen 10-Punkte-Plan für Hygge, zumal es immer auch Faktoren wie das Corona-Virus geben wird, die wir nicht beeinflussen können. Aber mit welcher Haltung man in eine Situation hineingeht, entscheidet man immer selbst.

Dänemark ist zwar ein Wohlfahrtsstaat mit ganz anderen finanziellen Absicherungen im Alter, bei der Rente und im Gesundheitswesen. Das können wir natürlich nicht eins zu eins übertragen. Aber Hygge kann uns helfen zu erkennen, was wir in unserem Gesundheitssystem stärker präventiv statt reaktiv tun können. Das fängt bei der inneren Haltung an, geht über die Arbeitsplatzgestaltung bis zum täglichen Miteinander. Dazu brauchen wir keine bestimmte Staatsform und auch keine Arbeitsanweisung, das können wir überall leben.

Wie können erste Schritte hin zu mehr Hygge konkret aussehen?

Den Fokus auf das legen, was ich beeinflussbaren kann – selbst in dieser Zeit mit all ihren Herausforderungen und Einschränkungen. Auch jetzt kann jeder selbst entscheiden, mit welcher Einstellung er in den Tag startet. Das heißt, freue ich mich auf schöne Dinge oder geht mir nur durch den Kopf, was stressig werden könnte? Stimme ich mich schon morgens positiv ein und mache ich mir vielleicht selbst erst einmal eine kleine Freude? Dazu gehört also auch, das eigene Denken zu beobachten und zu steuern. Was ist zum Beispiel der erste Gedanke, wenn ich aufwache?

Unsere Gedanken beeinflussen unmittelbar, wie wir uns fühlen – es lohnt sich also, sie gleich auf etwas Angenehmes zu lenken. Gedankenhygiene ist mindestens so wichtig wie Handhygiene, denn auch sie hält uns gesund und zudem frohen Mutes.

Ein weiterer Tipp?

Genauso wichtig ist die Frage, worüber ich eigentlich spreche. Sind das nur die negativen Situationen, steht im Mittelpunkt alles, was nicht läuft, oder sind das vielmehr die guten Momente? Wenn ich meine Haltung ändern möchte, kann ich auch Kollegen bitten, mir ein Feedback zu geben. Oftmals ist dem Einzelnen gar nicht klar, wie häufig er im Pflegealltag beispielsweise ‚du musst …‘ sagt. Da kann es schon manches Aha-Erlebnis zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung geben.

Und worauf sollten Leitungskräfte in der derzeitigen Ausnahmesituation besonders achten?

Für die Pflegemitarbeiter ist es aktuell besonders wichtig, dass sie mit allem, was sie sind und was sie beschäftigt, gesehen werden. Mehr als ohnehin schon sind die Leitungskräfte eingeladen, sich um ihre Mitarbeiter zu kümmern; also menschlich einfach mal zu fragen, wie es denn geht, wie es mit den Kindern läuft, wie es den Eltern geht etc..

Das heißt, nicht nur auf die fachliche Leistung zu schauen, sondern den ganzen Menschen dahinter zu sehen. Dann fühlen sich die Mitarbeiter gleich viel wohler, weil sie wissen, dass sie auch im Arbeitsumfeld mit dem, was sie fühlen, Raum finden, und dass sie nicht nur funktionieren müssen.

Neben der inneren Haltung spielen äußere Gestaltungsfaktoren wie Farbe, Licht, Düfte und die Haptik von Materialien bei Hygge eine große Rolle. Wie lässt sich das auf einer Station umsetzen?

Das ist natürlich oft eine Budgetfrage. Vielleicht lässt sich nicht gleich die ganze Station hyggeliger einrichten, aber im ersten Schritt könnte man für das Stationszimmer Ideen sammeln und umsetzen. Dort eine Wand zu streichen, kostet zum Beispiel so gut wie nichts. Eine sofort umsetzbare Idee wäre auch, eine Glückstafel aufzuhängen, an der die Kollegen jeden Tag etwas Neues anbringen können, etwa ein hoffnungsvolles Motto oder ein schönes Bild – also alles, was zu einer Wohlfühlatmosphäre beiträgt und vielleicht besonders jetzt auch an die Dinge erinnert, die nach Corona wieder möglich sein werden.

Und noch ein Tipp für alle, die nun gerade in dieser kräftezehrenden Zeit vielleicht morgen schon mehr Hygge auf ihre Station bringen möchten?

Jeder kann seinen Kollegen täglich ein Geschenk machen, das in der Pandemie wertvoller denn je erscheint: Wenn ich Seminarteilnehmer frage, wer sich Anerkennung wünscht, gehen immer alle Hände hoch. Wenn ich dann aber frage, wer Anerkennung gibt, bleiben allenfalls 20 Prozent der Hände oben. Hier gibt es also reichlich Hygge-Potenzial, sich liebevoll um sich und andere zu kümmern.

Zur Person

Andrea Fischer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Beraterin und Coach in der Mitarbeiter- und Unternehmensentwicklung. Ihre Akademie im Gesundheitswesen (www.akademie-gesundheitswesen.de) ist spezialisiert auf Schulungen für Krankenhäuser, Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen. Im Sommer 2019 hat sie zudem die Hygge-Akademie (www.hygge-akademie.de) gegründet.

Interview: lin

Foto (Porträt): privat

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