Kommunikation

Warum Gehörlose oft besonders gute Pflegekräfte sind

Gehörlose sind gefragte Mitarbeiter – und auf dem Pflegetag sehr willkommen: Es gab zur Eröffnung erstmals einen Gebärdendolmetscher.

Inhaltsverzeichnis

Warum ist Hörlosigkeit (anderes als Blindheit) eigentlich so lange kein Thema gewesen? Eine Erklärung ist sicherlich, dass es früher nur wenige Menschen mit Hörlosigkeit gegeben hat. Aus einem schrecklichen, traurigen Grunde: Die Nazis hatten hörgeschädigte Kinder im Rahmen ihrer Rassen-Ideologie töten lassen. So gab es jahrzehntelang praktisch gar keine gehörlosen Erwachsenen und später dann ältere Menschen in der Bevölkerung. Das hat sich inzwischen geändert.

Altenheime für Gehörlose

Für gehörlose Senioren gibt es heute spezielle Altenheime, etwa in Hamburg-Volksdorf das Altenheim für Gehörlose im Herbert Feuchte Stiftungsverbund mit insgesamt 34 Plätzen. Oder Haus Schäpenkamp, ein evangelisches Seniorenzentrum in Essen-Steele, das 16 von 58 Plätzen für Gehörlose bereitstellt.

Gehörlose Pflegekräfte leisten aber nicht nur hier, sondern auch in der Pflege hörender Menschen sehr gute Arbeit. Allerdings wollen und müssen sie auch verstanden werden, weshalb Altenpflegekräfte im Gehörlosen-Umfeld idealerweise ihre Sprache sprechen: die Gebärdensprache.

Gehörlose sind Experten für Kommunikation

Die Gebärdensprache ist eine ganz besondere Form der Kommunikation: Die Gesprächspartner müssen sich gegenseitig anschauen und genau darauf achten, ob das, was sie kommunizieren auch verstanden wird (und verstehen, was kommuniziert wird). Das macht sie zu modernen Kommunikationsexperten, meint Paul Heeg, Schulleiter von der Gehörlosenfachschule in Rendsburg (Diakonie), Deutschlands einziger Ausbildungsstätte für schwer hörgeschädigte oder gehörlose Pflegeschüler. „Den gehörlosen Pflegekräften kommt bei der Arbeit die mittlerweile doch oft vorhandene interkulturelle Kompetenz zugute. Da geht es dann ja auch um Sprachprobleme, man sucht nach neuen Verständigungsformen und setzt nicht mehr voraus, dass jeder jeden automatisch versteht.“

Gehörlose beobachten Mimik aufmerksamer

Der Schulleiter verweist auf eine „gute Verweildauer“ seiner ehemaligen Schüler in ihrem späteren Beruf. „Diejenigen, die sich für den Pflegeberuf entschieden haben, machen ihn wirklich gern. Und auch sehr gut, denn ihre Augen sind super geschult von Kindheit an. Sie bemerken sehr schnell, wenn es Patienten nicht gut geht, und können reagieren. An der Mimik erkennen sie etwa, ob die Bewohner plötzlich mehr oder weniger Schmerzen haben. Gehörlose sind einfühlsamer und konzentrierter als Hörende.“

Deutschlandweit eine einzige Altenpflegeschule für Gehörlose

Der Unterricht in der vor 17 Jahren gegründeten Schule findet in kleinen Klassen mit bis zu zwölf Schülern statt. Derzeit kommt jedes Jahr eine Klasse zustande. In diesem Jahr lernen dort sechs Schülerinnen und Schüler. Die Praktika absolvieren sie meist in der Nähe ihres Wohnortes. Die Ausbildung ist staatlich anerkannt und in allen Bundesländern gültig. Finanziert wird die Ausbildung Altenpflege oder Altenpflegehilfe unter anderem von der Agentur für Arbeit. Die nächsten Kurse starten am 1. Oktober.

Hemmungen bei den Hörenden

Viele Hörende hätten noch nie mit einer gehörlosen Pflegekraft zusammengearbeitet. „Deshalb können sie sich nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Dadurch gibt es am Anfang bei der Arbeitsanstellung oft eine Hemmschwelle und man traut es der gehörlosen Pflegekraft auch nicht zu.“ Es brauche viel Zeit, so Lohse, damit sich alle Beteiligten an die neue Situation gewöhnen, von der am Ende aber alle profitieren – besonders die gehörlosen Bewohnerinnen und Bewohner.

11 Tipps für den Umgang mit Gehörlosen

Für den Umgang mit gehörlosen Kollegen, Patienten oder Bewohnern hat Britta Lohse, Dozentin für Altenpflege an der Rendsburger Gehörlosenschule und selbst hörgeschädigt, folgende Tipps parat:

  • für gute Lichtverhältnisse sorgen. Schatten erschwert das Ablesen vom Mund.

  • deutlich und nicht zu schnell sprechen

  • anschauen, beim Sprechen nicht wegdrehen

  • nicht anschreien, das erschwert das Ablesen

  • Themenwechsel deutlich machen. Schnelle Themenwechsel vermeiden, das verwirrt!

  • einfache Wörter benutzen, komplizierte Wörter vermeiden

  • vergewissern, ob das Mitgeteilte richtig verstanden wurde

  • gegebenenfalls aufschreiben, wenn es schwierig wird

  • Hand nicht vor dem Mund. Man kann dann nicht vom Mund ablesen

  • bedenken, dass viele Wörter beim Absehen ein gleiches Mundbild haben

  • mit Mimik arbeiten – zeigen, was gemeint ist

Steiniger Weg für gehörlose Pflegeschüler

Die größten Probleme für gehörlose Pflegekräfte bestehen nach Angaben von Britta Lohse darin, dass Hilfsmittel – etwa bestimmte Software - oft erst nach Ablauf der Probezeit gestellt werden oder noch später. „Hier besteht dann die Gefahr, dass die Gehörlosen bei der Übergabe nichts oder nur teilweise etwas mitbekommen und sehr dem Stress ausgesetzt sind. Um eine gute Pflege durchführen zu können, muss es aber möglich sein, bei der Übergabe alle Informationen mitzubekommen. Zum Beispiel durch Dolmetscher oder durch Tess.“ Tess ist ein PC-gestütztes Dolmetscherprogramm speziell für Gehörlose. „Wichtig wäre auch eine Klingelanlage, die sich durch Vibrieren bemerkbar macht“, sagt Lohse.

... und noch ein paar Fakten: Zahlen zu Gehörlosen

In Deutschland leben nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bunds rund 80.000 Gehörlose und nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbunds rund 16 Millionen Schwerhörige. 140.000 davon sind auf Gebärden-Dolmetscher angewiesen, weil sie einen Grad der Behinderung von mehr als 70 Prozent haben.

Ursache von Gehörlosigkeit

Die Hörlosigkeit ist nur zu 15 Prozent ererbt, in den meisten Fällen ist sie erworben: etwa durch Virusinfektionen des Fötus im Mutterleib (Röteln) oder Schädigung desselben durch Medikamente, durch Sauerstoffmangel bei der Geburt, spätere Masern- oder Mumps-Erkrankungen, Hirnhautentzündung, ständige Mittelohrentzündungen oder Schädelbasisbruch.

Autorin: Birgitta vom Lehn

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