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Pflege als Beruf

Warum Elona Schneider gern als Dauernachtwache arbeitet 

Im Interview erzählt die Altenpflegefachkraft, was die Nachtarbeit für sie so besonders macht und warum sie sich an freien Tagen sogar besser erholt als früher

Seit 2010 arbeitet Elona Schneider (32) als Pflegefachkraft im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Offenburg (Baden-Württemberg). Vor sechs Jahren hat sie die Dauernachtwache in Vollzeit übernommen. Die vollstationäre Pflegeeinrichtung verfügt über Einzelzimmer für 90 Bewohner, aufgeteilt in sechs Wohngruppen.

pflegen-online: Frau Schneider, Sie sind Dauernachtwache im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, einer vollstationären Pflegeeinrichtung in Offenburg. Warum haben Sie sich für diesen Job entschieden?

Elona Schneider: Das hat sich 2016 ergeben. Ich habe zwei Kinder, und damals konnte sich meine Großmutter nach einem Sturz tagsüber nicht mehr um sie kümmern. Ich musste also eine andere Lösung finden. Zur selben Zeit wurde bei uns der Nachtdienst frei, da eine Kollegin in Rente ging. Mir wurde die Dauernachtwache angeboten – und ich bin seitdem dabei geblieben.

Arbeiten Sie denn gern als Dauernachtwache?

Ja. Einerseits habe ich Zeit für meine Familie, bin vor allem da, wenn meine Kinder morgens zur Schule gehen und mittags wieder nach Hause kommen. Andererseits habe ich als Nachtwache auch einen engeren Bezug zu jedem einzelnen Bewohner als früher im Tagdienst. Auf meinen Runden im Haus ergeben sich viele persönliche Gespräche, meine Kollegen und ich erfahren die unterschiedlichsten biografischen Details. Daher fragt das Team aus der Tagschicht auch häufig bei uns nach, was wir über die Bewohner wissen.

Für wie viele Bewohner sind Sie zuständig?

Zusammen mit einer weiteren Pflegefachkraft kümmere ich mich in der Nacht um 90 Bewohner, verteilt auf sechs Wohngruppen. Wir übernehmen jeweils eine Etage, die dritte teilen wir uns. Und bei Notfällen unterstützen wir uns natürlich gegenseitig. Aus meiner Sicht ist das ein weiterer Vorteil der Dauernachtwache: Wir arbeiten eigenverantwortlich, entscheiden selbst, wie wir die Arbeit organisieren und was wir als Nächstes tun.

Wie sieht Ihre Arbeit in der Nacht konkret aus: Wann fangen Sie an und wie strukturieren Sie die Schicht?

 Der Dienst beginnt um 19.45 Uhr und geht bis 6.15 Uhr. Als Erstes richte ich die Medikamente, dann kommt schon die Übergabe und wir besprechen, auf welche Bewohner ich besonders einen Blick haben sollte. Danach gehe ich in die Zimmer und schaue, ob alles in Ordnung ist. Wir haben ausschließlich Einzelzimmer, auf meiner Runde frage ich bei jedem Bewohner nach, wie es ihm geht und was er braucht. Die nächsten kompletten Rundgänge mache ich um Mitternacht und um 3 Uhr. Dienstags, donnerstags und samstags übernehmen wir zudem um 5 Uhr die Pflege unserer Dialysepatienten.

Gibt es besondere Situationen, mit denen Sie außerhalb dieser Routine gerade in der Nacht rechnen müssen?

 Man muss damit umgehen können, dass Bewohner sterben. Das passiert häufiger in der Nacht als am Tag. Zudem treten beispielsweise epileptische Anfälle nachts öfter auf, die Sturzgefahr ist höher, Weglauftendenzen können sich verstärken. Auch Suizidversuche kommen eher in der Nacht vor. Viele Kollegen möchten aus diesem Grund nicht als Nachtwache arbeiten. Da gibt es schon große Ängste: Wie reagiere ich, wenn etwas passiert? Hinzu kommt, dass insbesondere Neuzugänge einfach auch sehr oft klingeln, allein schon, weil ihnen ja noch die Orientierung fehlt.

Nachts mit sterbenden Bewohnern allein zu sein, bedeutet eine enorme Verantwortung.

Ich habe eine Weiterbildung in Palliative Care absolviert, und das kann ich allen Pflegenden nur empfehlen. Die Weiterbildung gibt wirklich Sicherheit für das eigene Handeln, für den Umgang mit dem Sterbeprozess und mit den Symptomen.

Zum einen sehe ich natürlich regelmäßig nach dem Bewohner – mache die Mundpflege, führe Positionswechsel durch, kontrolliere die Atmung, schaue, ob Schmerzen da sind, ob er vielleicht Morphin braucht. Zum anderen ist aber wichtig, dass wir dabei immer die Menschenwürde an erster Stelle halten – und damit das, was der Sterbende selbst wünscht. Wir hatten einen jüngeren Mann bei uns, der sagte: Ich möchte so gern noch einmal eine Pizza essen. Und klar – die habe ich in derselben Nacht noch für ihn bestellt. Es kann um solche kleinen Dinge gehen oder auch um große – wie den Wunsch, sich mit seinen Angehörigen auszusöhnen. Auch da habe ich schon vermittelt.

Sie weisen die Angehörigen nachts nicht ab?

Wir hatten den Fall gerade erst, dass die Tochter einer älteren Dame in zwei anderen Pflegeheimen nicht eingelassen wurde. Sie war froh, dass ihre Mutter zum Schluss bei uns war. Ich teste die Angehörigen und lasse sie bei einem negativen Ergebnis mit Maske ins Zimmer. Das muss auch so sein, für beide Seiten, man muss in Würde Abschied nehmen können. Angehörige tragen das sonst ihr Leben lang mit sich. Sie bedanken sich oft bei uns, dass sie nachts kommen dürfen.

Wie gehen Sie selbst mit diesen Belastungen, auch dem verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus um?

Anfangs war es schon anstrengend. In den ersten Wochen habe ich gerade die körperliche Belastung durchaus gespürt und hatte auch Schlafstörungen. Inzwischen bin ich aber daran gewöhnt und habe meinen eigenen Rhythmus gefunden. Ich bin schon auch eine Perfektionistin, ich möchte selbst alles ordentlich erledigt haben und überlasse nichts der folgenden Schicht. Aus diesem Grund hätten die Kollegen aus dem Tagdienst mich gern wieder in ihrem Team; umgekehrt wollen aber tatsächlich die wenigsten dauerhaft in der Nacht arbeiten.

Weil vielen Pflegekräften die Schicht auch zu lang ist und sie eben Folgen wie Schlafstörungen und chronische Müdigkeit befürchten?

Solche Argumente höre ich oft. Doch als ich selbst noch im Tagdienst war, habe ich sieben Tage in Folge gearbeitet und hatte dann einen Tag frei. Damals konnte ich mich körperlich nie vollständig regenerieren – der Akku lädt sich in diesem Wechsel nie ganz auf. Früher übernahm ich auch geteilte Dienste, wenn Kollegen krank waren und ausfielen. Das hieß, morgens von sechs bis elf zu arbeiten und dann wieder von 15 bis 20 Uhr. Da blieb nichts vom Tag übrig. Heute arbeite ich fünf Nächte hintereinander und habe dann genauso lang am Stück frei. Mir fällt es jetzt leichter, mich an den freien Tagen richtig zu erholen.

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Nun erleben Sie die Bewohner allerdings nie tagsüber und sehen auch die meisten Kollegen nur noch bei der Übergabe. Manche Einrichtungen wollen eine solche Trennung vermeiden und bevorzugen daher den Wechseldienst. Ist dieser Einwand aus Ihrer Sicht berechtigt?

Das ist schon ein Thema. Wir haben aber Kollegen, die von sich aus sagen: Ich möchte die Bewohner auch einmal in der Nacht erleben. Dann planen wir das ein und sie können jederzeit eine Schicht übernehmen. Genauso bin ich schon einige Male wieder in den Tagdienst gegangen, um dort die Abläufe zu sehen. Ich halte das für eine gute Idee, gerade als Dauernachtwache ab und zu den Dienst zu tauschen. So bekommt man gegenseitig wirklich mit, was der jeweils andere macht, wie er bestimmte Dinge handhabt, und man kann sich untereinander besser austauschen.

Interview: lin

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