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Richard Albrecht, Luane Kertzendorff,  Manuel Rehak, Wolfgang Eisenhauer (v..l.) 

Berufsumsteiger erzählen

Warum eine Pfarrerin lieber als Pflegekraft arbeitet 

Immer ist nur von Pflexit die Rede! Es gibt auch den umgekehrten Weg: Leute, die aus eigentlich attraktiven Jobs in die Pflege wechseln. 5 Umsteiger erzählen      

Anstrengend. Schlecht bezahlt. Fürchterliche Arbeitszeiten. Pflegekräfte wollen nur noch weg. Das sagen die  Berufsverbände, das berichten Zeitungen und Fernsehen. Doch stimmt das wirklich? Wir stellen fünf Frauen und Männer vor, die in recht attraktiven Jobs arbeiteten und trotzdem in die Pflege (und in den OTA-Beruf)   gewechselt sind                 

Richard Albrecht (39), gelernter Friseur: „Im OP kommt meine kommunikative Art zum Tragen“

Ich bin ein kommunikativer Typ. Ich unterhalte mich gerne mit Menschen. Das hatte mich auch dazu bewogen, eine Ausbildung zum Friseur zu machen. Wahrscheinlich wäre ich das heute immer noch, wenn ich nicht ein Jahr Zivildienst hätte leisten müssen. 2001 verbrachte ich ein Jahr im OP eines kleineren Rotkreuz-Krankenhauses in Berlin. Ich war sofort sehr angetan, ich wusste, dass ich im OP bleiben will. Seit 14 Jahren bin ich jetzt operationstechnischer Assistent in der Berliner Vivantes-Klinik. Ich finde es zutiefst befriedigend, wenn nach einer Operation das Bein wieder durchblutet, oder der Arm nach einem Bruch wieder intakt ist. Mir liegt, anders als bei vielen Kollegen, die Arbeit auf der Station nicht so sehr. Auf einer Palliativ-Station zum Beispiel zu arbeiten, würde mich psychisch zu sehr belasten. Als ich im OP anfing, merkte ich erst, dass mich die Gespräche im Friseursalon ziemlich angestrengt hatten. Meine kommunikative und soziale Einstellung kommt eher innerhalb des OP-Teams zum Tragen.

Luane Ketzendorff (33), ehemals Pfarrerin: „Die Beziehungen sind intensiver”

Den ersten Kontakt zum Pflegeberuf hatte ich schon während meines Theologiestudiums. Für ein Jahr verließ ich meine brasilianische Heimat und absolvierte ein Praktikum in einem deutschen Altenpflegeheim – für mich eine ganz neue Erfahrung, die mir aber so gut gefiel, dass ich nach dem Praktikum schon Urlaubsvertretungen machte. Zurück in Brasilien beendete ich mein Studium und arbeitete danach als Pfarrerin. Ein Jahr lang betreute ich Menschen in von Gewalt und Armut geprägten Gegenden. Der Liebe wegen ging ich dann nach Deutschland. Für die Ausübung meines Berufs hätte ich hier einige Studieninhalte nachholen müssen. Daher entschied ich mich, an meine schönen Erinnerungen in dem Altenpflegeheim anzuknüpfen und machte eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Bei beiden Berufen gefällt mir die Nähe, die man zu Menschen aufbaut. Als Pfarrerin und Seelsorgerin sind es mehr die Gespräche im Wohnzimmer bei einer Tasse Kaffee. Als Altenpflegerin sind die Beziehungen deutlich intensiver. Am Anfang meiner Arbeit im Altenpflegeheim musste ich mich in einigen Situationen schon überwinden, zum Beispiel, was die Körperpflege anbelangt. Auch jetzt noch gibt es Momente, in denen ich mich zusammenreißen muss. Aber dann sage ich mir: Diese Person ist auf deine Hilfe angewiesen. Wenn Du ihr nicht hilfst, macht das die ganze Situation nur noch schlimmer. Viel Unterstützung bekomme ich von erfahrenen Kollegen, die mir am Mittagstisch wertvolle Tipps im Umgang mit den Bewohnern geben. Auch mein Glaube gibt mir die Kraft, Krisensituationen zu meistern. Und meine seelsorgerischen Erfahrungen als Pfarrerin helfen mir wiederum, den Pflegebedürftigen spirituell beizustehen.

Manu Rehak (28), gelernter Grafiker und Illustrator: „Die Altenpflege gibt Erfolgserlebnisse“

Eigentlich bin ich gelernter Grafiker und Illustrator. Ich habe freiberuflich für verschiedene Kunden Flyer oder Poster gestaltet. Der Job hat mir Spaß gemacht – nur das viele Rumsitzen am Computer hat mich irgendwann genervt. Ich habe gemerkt: Ich will mit Menschen arbeiten! Ich habe dann erst mal ein freiwilliges soziales Jahr an einer Münchner Waldorfschule als Betreuer absolviert. Diese Zeit hat mir unheimlich viel gegeben. Von da an wusste ich, dass ich im sozialen Bereich arbeiten möchte. Seit neun Monaten bin ich nun Pflegehelfer bei der Münchner Pfennigparade, einem Wohnheim für behinderte Menschen. Als ich dort anfing, haben mir die Pfleger prophezeit, dass ich eine Woche brauchen werde, um die ersten Eindrücke und Erfahrungen zu verarbeiten. Und so kam es dann auch. Nach dem ersten Tag war ich ziemlich deprimiert. Zu sehen, wie die Bewohner mit simplen Alltagsdingen zu kämpfen haben, war zunächst schwer zu verkraften. Einer der Bewohner hatte nach einem Fahrradunfall schwere Hirnschädigungen erlitten. Seitdem muss er zum Beispiel Gehen und Sprechen ganz neu lernen. Auf seinem Nachttisch stehen Bilder aus seiner Zeit vor dem Unfall. Ein junger sportlicher Typ lächelt in die Kamera. Und einen Tag später ist dieses Leben ein komplett anderes. Das hat mich demütig gemacht. Was sind schon meine Sorgen im Vergleich zu den behinderten Bewohnern? Aus dem anfänglichen Mitleid wurde dann positive Energie, so wie es die Pfleger vorausgesagt hatten. Ich versuche einfach, den Bewohnern den Alltag zu verschönern. Auch für mich sind das Erfolgserlebnisse, die mich jeden Tag mit einem guten Gefühl nach Hause gehen lassen. Meine Mutter ist gelernte Altenpflegerin. Sie sagte mir, dass auch Körperhygiene mit zu meinen Aufgaben als Pflegehelfer gehört. Meine spontane Reaktion war: Das bringe ich nicht fertig! Als ich dann das erste Mal mit einem Bewohner zur Toilette ging, kostete mich das komischerweise gar keine Überwindung. ich habe nur gesagt. "Komm, ich mache dich sauber" – und dann war es schon vorbei. Klar ist der Job auch stressig. Oft werden es auch mehr als 40 Stunden die Woche – dann wenn kurz vor Feierabend ein Bewohner noch etwas braucht oder zur Toilette muss. Langfristig könnte ich mir vorstellen, meine Erfahrungen mit sozialer Arbeit mit meinem Beruf als Grafiker und Illustrator zu verbinden. Menschen mit oder ohne Behinderung das Zeichnen beibringen, ist eine schöne Perspektive.

Wolfgang Eisenhauer (54), einst KfZ-Mechaniker: „Die Intensivstation ist ideal für mich“

Ich war schon immer technikbegeistert. Für mich war nach der Schule klar: Ich werde Automechaniker. Zwei Jahre war ich als KFZ-Mechaniker in einer Autowerksatt angestellt, dann musste ich meinen Zivildienst antreten. Ich entschied mich, als Rettungsdienstfahrer zu arbeiten. Doch der Fahrdienst hatte zu dieser Zeit nur wenig zu tun. Daher wurden die Zivis für Arbeiten auf den Krankenstationen eingeteilt. Meine ersten eindrucksvollen Erfahrungen mit Patienten am Krankenbett brachten den beruflichen Wendepunkt. Da wusste ich, dass ich nach meinem Zivildienst nicht mehr in die Autowerkstatt zurückkehren werde. Mir fehlte einfach der Umgang mit Menschen. Ich machte die Ausbildung zum Anästhesie -und Intensivpfleger. Seit 25 Jahren bin ich nun Intensivpfleger im Kreiskrankenhaus Heppenheim. Menschen bei der Heilung aber auch beim Sterbeprozess zu begleiten ist für mich ein großes Privileg. Mein Interesse für Technik und die Pflege der Patienten ergänzen sich, schließlich trägt der Einsatz von Monitoren und Perfusoren entscheidend zum Erfolg der Therapie bei.

Kathrin Gasparic (31), ehemals Köchin: „In der Altenpflege wird man fast zu einer Familie“

Als Köchin Vollzeit zu arbeiten war schon sehr anstrengend. Ich hatte lange Arbeitstage und musste auch noch an den Wochenenden ran. Mit einem Kind ist das nur schwer zu vereinbaren. Zu meinem Arbeitsalltag kam noch hinzu, dass ich Angehörige zuhause pflegen musste. Diese Aufgabe wiederum machte mich neugierig auf den Pflegeberuf. Wenn es meine Zeit irgendwie erlaubte, machte ich Praktika in Altenheimen oder nahm an Schnuppertagen teil. Ich überlegte zwei, drei Jahre und entschloss mich dann, den Beruf der Köchin an den Nagel zu hängen und Altenpflegerin zu werden. Ich habe mich bewusst nicht für die Ausbildung zur Krankenpflegerin entschieden. In Kliniken versorgt man die Patienten bestmöglich, aber höchstens ein paar Wochen. In einem Altenpflegeheim dagegen verbringen wir Pflegerinnen und Pfleger oft einige Jahre zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, man wird fast zu einer Familie. Erst durch diese gemeinsame Zeit sieht man, was diesen kranken oder älteren Menschen eigentlich ausmacht. Was war sein Beruf? Hat er Kinder? Als ich meine Angehörigen pflegte, wurden mir diese zwei Seiten eines Menschen erstmals richtig bewusst. Durch das Wissen über das frühere Leben eines Bewohners kann die Pflege gut anknüpfen und so den Alltag der Bewohner besser gestalten. Meine Kochkenntnisse kann ich dabei sehr gut einbringen. Wir haben bei uns eine Kochgruppe. Ich frage die Bewohner nach Gerichten, die sie früher gerne zubereitet haben und koche sie dann nach deren Rezept. Und wenn sich ein Bewohner nur mit den Augen bedanken kann, ist das für mich mehr wert als ein „gut war’s“ zu hören.

Protokolle: Karoline Amon

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Foto: Alliance - stock.adobe.com

Aktuelle Zahlen

Weniger Pflegekräfte infizieren sich mit Corona

Allmählich zeigen die Corona-Impfungen Wirkung – zumal die Impfskepsis in der Altenpflege abgenommen hat                

Foto: Copyright: Hans Geel

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Tipps und Tricks rund um die Ausbildung in der Pflege

Ob eine Ausbildung zum Altenpfleger oder ein Studium im Gesundheit- und Pflegemanagement - informieren Sie sich über die vielfältigen Berufsperspektiven. Wir haben eine Serviceliste für Sie.

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Burnout in der Pflege

Aromatherapie hilft Pflegekräften bei Stress  

Eine kleine australische Studie untersuchte die Wirkung von Aromatherapie auf Pflegekräfte in der Klinik. Ergebnis: Die Therapie wirkt sich positiv auf die Stimmung aus

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Krankenpflege: pflegen-online-Gehaltscheck 2021 

Bei welchen Krankenhaus-Trägern verdienen Pflegekräfte vergleichsweise gut? Wie hoch ist dort das  monatliche Gehalt von PDL, Bereichsleitung, examinierter Pflegekraft (5 und 10 Jahre Berufserfahrung) und Pflegehilfskraft? 

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