Corona-Krise

Warum eine Altenpflegerin 168-Stunden-Schichten arbeitete

Quarantäne-Dienste sind ideal, um Bewohner vor Corona zu schützen - doch für Pflegekräfte extrem anstrengend. Zu den wenigen Heimen, die sich trauten, zählt das Haus St. Benedikt in Recke

Josefa Berkemeyer (Foto unten) ist ein Bauchmensch. Und der Bauch hat eindeutig entschieden, als das Pflegeheim Haus St. Benedikt im nordrhein-westfälischen Recke am 3. April unter Quarantäne gestellt wurde. Elf der rund 90 Bewohner und eine Mitarbeiterin waren damals mit dem Coronavirus infiziert, und der Krisenstab um Einrichtungsleiter Andreas Plietker entschied sich für eine ungewöhnliche Maßnahme: Um die in vier Bereichen streng isolierten Bewohner zu versorgen, schickte Plietker 28 gesunde Pflegekräfte in festen Teams in freiwillige außerhäusliche Quarantäne.

Abends ins Hotel, statt nach Hause zur Familie

Josefa Berkemeyer war eine von ihnen. Statt nach Feierabend zu ihrem Mann nach Hause zu radeln, ließ sie sich wie die anderen von einem Fahrdienst in ein Hotel und am nächsten Morgen wieder zum Dienst bringen. Sieben Tage am Stück absolvierte sie Zwölf-Stunden-Schichten, lebte fast ausschließlich für das Heim und die Bewohner. Darauf folgten sieben freie Tage – „die braucht man dann aber auch“, sagt sie. Insgesamt drei Wochen lang haben die 28 Kollegen in Tag- und Nachtdienst gemacht, wofür Andreas Plietker normalerweise 70 einsetzt. Die Belastung war hoch – doch Josefa Berkemeyers Bauch hatte nun mal so entschieden.

Josefa Berkemeyer hat die infizierten Bewohner gepflegt

„Ich habe nicht gezögert“, sagt die 57-Jährige. „Und ich bin froh, dass ich mithelfen durfte, dass wir das durchstehen konnten. Dass wir nicht den Kopf in den Sand gesteckt haben.“ Berkemeyer ist seit 41 Jahren Altenpflegerin, seit 1994 arbeitet sie im Haus St. Benedikt, normalerweise in Teilzeit, 30 Stunden. Doch normal ist schon seit einiger Zeit nichts mehr. Berkemeyer war im infizierten Bereich eingesetzt, wo am Anfang elf erkrankte Bewohner in Einzelzimmern lebten.

Schweißgebadet nach der Grundpflege

Gepflegt wird unter strengen Schutzmaßnahmen samt Maske, Brille und Kittel. „Nach einer Grundpflege ist man schweißgebadet“, sagt Berkemeyer, die sich bei jedem Zimmerwechsel neu einkleiden musste. Kontakte zu den anderen isolierten Stationen und deren ebenfalls strikt getrennten Teams gab es nur per Telefon, Material stellten die Kollegen vor der Tür ab.

14 Kilometer laufen in der 12-Stunden-Schicht

Die Folgen des Notsystems spürte das Team abends im Hotel mit jedem Tag stärker. „In zwölf Stunden laufen sie schon mal 13 bis 14 Kilometer“, sagt Berkemeyer. Da blieb gerade noch genug Energie, um über die Social-Media-Kanäle den Kontakt zu ihren neun Geschwistern und den Freunden zu halten – und täglich mit ihrem Mann zu telefonieren. Seine Nähe und die ausgiebigen Radtouren an den Kanälen in der Umgebung und ins Moor, die sie so mag, hat sie in der Quarantänezeit am meisten vermisst.

Quarantäne ist gut fürs Teambuilding

Dafür stimmte der Zusammenhalt im Team. „Das ist ja auch eine Chance“, sagt Berkemeyer, die perfekt Platt spricht: „Wir haben uns sehr genau kennengelernt.“ Ab sieben Uhr morgens waren sie zwölf Stunden lang zu sechst – vier Pflegekräfte, eine Betreuungsassistentin und eine Hauswirtschaftskraft. Sie haben sich ergänzt, junge und ältere, alle auf Augenhöhe. Und abends beim Essen haben sie den Tag Revue passieren lassen – im Sitzbereich auf dem Rasen hinter dem Hotel, das ausschließlich die Kollegen aus dem infizierten Bereich beherbergte, immer versetzt und auf Abstand – „das muss ziemlich komisch ausgeschaut haben“.

Auch in der freien Woche hieß es: ganz wenig Kontakt

Am vorletzten Tag jedes Wocheneinsatzes wurde jeder getestet. Schließlich schwang auch immer die Sorge mit, nach dem Dienst Familienangehörige zu gefährden. Genauso galten während der freien Tage rigorose Verhaltensanweisungen. Oberste Regel: So wenige Kontakte wie möglich. Trotzdem hat sich Berkemeyer am Ende ihrer ersten Quarantäne-Woche sofort entschieden, nach den sieben freien Tagen wieder anzutreten.

„Die Quarantäne war sinnvoll und angemessen – und hat gewirkt“

Drei Bewohner sind in den vergangenen Wochen an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. „Dass wir sie an das Virus verloren haben, hat mich zum Nachdenken gebracht“, sagt Berkemeyer. All die Anstrengung hat zumindest ihnen nicht geholfen. Das war die größte Angst, die alle in Recke umtrieb – „diese Art des Sterbens“, sagt Einrichtungsleiter Plietker. Die Bilder aus Italien und Spanien waren allen nur zu präsent. Zwischenzeitlich waren auch in Recke 17 Bewohner und fünf Mitarbeiter erkrankt. Mittlerweile (Stand: 30. April) ist das Haus nach vier Wochen wieder virusfrei, und seit dem 27. April wird wieder im Regelbetrieb gearbeitet.

Die Quarantäne hat den Corona-Ausbruch in Zaum gehalten

Andreas Plietker hat oft den Vorwurf gehört, das alles sei „ja wohl ein wenig too much“ gewesen. Doch er ist sicher, „wenn wir nicht so gehandelt hätten, wäre es ein Flächenbrand geworden“. Wenn nicht alles komplett umorganisiert worden wäre, von der Wäscherei bis hin zur Küche, die auf Ein-Menü-System und Tablettversorgung umstellte und ebenfalls strikt getrennte Teams bildete. Alle Maßnahmen seien „sinnvoll, richtig und angemessen gewesen – und vor allem hat es gewirkt“, betont Plietker.

Bewohner mit Covid-19 haben Einzelisolation akzeptiert

Josefa Berkemeyer sieht das ähnlich. „Es ging nicht anders“, sagt sie, „da mussten wir durch.“ Die vielen Bewohner, die wieder gesund sind, und „die unglaublichen Rückmeldungen“ bestätigen sie. Die Bewohner hätten „das durchweg positiv aufgenommen, selbst das lästige Vitalzeichen-Prüfen, und sich immer wieder bedankt“. Gerade in der Zeit der Einzelisolation war das Team auch besonders stark gefordert. Da haben sie sich aufgeteilt, um jedem wenigstens eine Zeit lang persönliche Zuwendung zu geben – um zu reden, Fotos anzuschauen, Eis zu löffeln oder zu singen. „Das alles war eine gute Schule für mein Leben“, betont Berkemeyer: „Ich gehe positiv aus dieser Sache raus.“

Alles richtig gemacht: Eine 91-Jährige feierte mit Wein

Worüber sie sich zuletzt am meisten gefreut hat? Über den sonnigen Nachmittag am Ende der drei Quarantäne-Wochen. Da haben sie die Bewohner des Bereichs in ihren Rollstühlen zu dem Feuerlöschteich hinter dem Haus gefahren, an dem morgens immer ein Fischreiher Station macht. Alle waren mit Mundschutz, Jacken und Decken ausgestattet, weit voneinander entfernt platziert – und haben die Sonne und ein Eis genossen. Und spätestens, als eine 91-jährige Bewohnerin an dem Abend ihren gewonnenen Kampf gegen Corona mit einem Glas Wein feierte, wusste Josefa Berkemeyer, „dass ich alles richtig gemacht habe“.

So wenige Pflegekräfte wie möglich einsetzen - diese Devise bleibt

Trotz Rückkehr zum Regelbetrieb – der Ausnahmezustand in Recke wird anhalten. Derzeit gilt wieder die erste Eskalationsstufe im Pandemieplan des Landes Nordrhein-Westfalen. Auch künftig kommt das Pflegepersonal nur durch eine Schleuse ins Haus, ein Fieberthermometer liegt bereit. Die Wohnbereiche sind weiter strikt getrennt, genau wie die Mitarbeiter der einzelnen Schichten. Andreas Plietker bleibt bei der Linie, so wenige Pflegekräfte wie möglich einzusetzen, um die Zahl der Kontakte gering zu halten.

Heimleiter Plietker ging selbst in Quarantäne

Der Einrichtungsleiter, der wie seine Teams selbst drei Wochen in Quarantäne gegangen ist und in der Zeit im Heim übernachtete, hat „nie gezweifelt, dass wir genug Pflegekräfte für die Hotelunterbringung finden würden“ – immer freiwillig, geregelt über Dienstvereinbarungen. Die Bereitschaft, hinter der er weniger das viel zitierte Helfersyndrom der Pflegekräfte sieht als „vielmehr hohe Professionalität“, mache ihn stolz „und sie rührt mich“, sagt er: „Wir stehen in der Schuld unserer Mitarbeiter.“

Jetzt ist die große Frage: Wie wird die Quarantäne vergütet?

Jetzt wird über Vergütungen, Zulagen und Ausgleich über die Arbeitszeitkonten nachgedacht. „Zudem bleibt die Frage, wie wir damit umgehen, dass die Mitarbeiter in ihrer Freizeit nicht zu ihren Familien konnten“, sagt Plietker. Einmalige Hilfen, Erschwerniszulagen oder Bereitschaftspauschalen – es gibt zahlreiche denkbare Ansätze. Die Mitarbeiter brauchen allerdings noch etwas Geduld, „denn wir erleben eine lernende Krise“.

Sich ständig ändernde Corona-Verordnungen erschweren die Planung

Dazu gehört auch, dass ihn und die Katholische Kirchengemeine St. Dionysius Recke als Heimträger mittlerweile die zusätzlichen Kosten für die Quarantäne-Zeit beschäftigen. War die Hotelunterbringung bis zum 3. April noch Teil der nordrhein-westfälischen Pandemiepläne, auf deren Grundlage Plietker alles organisierte, „gab es den Passus zum Start unserer Maßnahmen einen Tag später nicht mehr“, erklärt der Einrichtungsleiter. Damit fehlt formal die rechtliche Grundlage, eine Verordnung, welche den Einsatz verfügte – das könnte bei der Nachweispflicht der Aufwendungen zum Problem werden. Bislang trägt die Gemeinde Recke diese Kosten, doch es bleiben viele Fragen. Bei aller Absurdität der Lage sei er nach der Quarantäne-Zeit zumindest etwas beruhigter, sagt Andreas Plietker: „Wir sind vorbereitet, und wir wissen jetzt, dass wir es können.“

Autor: Jens Kohrs

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