Warum der Altenpflege die FSJler davonlaufen

Mancherorts gibt es sogar keinen einzigen FSJ-Bewerber mehr. Die Einrichtungen müssen sich etwas einfallen lassen, um Freiwillige anzulocken.

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In den Krankenhäusern läuft es eigentlich ganz gut. Doch in der Altenpflege sehe es „richtig mau“ aus, an ihr hätten Teilnehmer für ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ (FSJ) kaum Interesse. So jedenfalls beschreibt Christiane Ernst, Leiterin des Altenpflegeheims St. Paulus in Hildesheim, die Lage. „Bei uns bewirbt sich kaum noch jemand für ein FSJ in der Pflege. Dieses Jahr hatten wir zwar eine FSJlerin, sie musste aber aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.“

Krankenhäuser haben bessere Karten

Frank Mühle, Pflegedienstleiter für die Katholische Sozialstation Haus St. Monika in Stuttgart-Neugereut, hat ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass es „immer schwieriger“ werde, „zuverlässige und vertrauenswürdige“ Bewerber für ein FSJ zu finden. „Im letzten Jahr hatten wir immerhin zwei Bewerbungen, dieses Jahr aber keine einzige.“ Noch krasser sieht es im SenVital Senioren- und Betreuungszentrum Ruhpoldig (Bayern) aus: In den letzten vier Jahren habe es dort keine einzige FSJ-Bewerbung mehr gegeben, erzählt Residenzleiter Ugur Cetinkaya. Und von den zwölf Auszubildenden kämen inzwischen elf vom Balkan. In Gegenden mit boomender Wirtschaftskraft sei es besonders schwierig, Freiwillige für die Altenpflege zu gewinnen, glaubt er.

Der Pflegemanager sieht das FSJ aber ohnehin kritisch: „Es ist eine Scheinmaßnahme, die überwiegend Kindern aus besser gestellten Familien zugutekommt. Man muss es sich leisten können, ein Jahr in die persönliche Orientierung zu stecken.“ Kinder aus einfachen Verhältnissen hätten diese Wahlmöglichkeit oft gar nicht, weil die Eltern auf einen zügigen Ausbildungsbeginn drängen.

„FSJ-Gelder lieber in Pflege stecken!“

Gerade Altenpflegekräfte stammten aber häufig aus einfachen Verhältnissen, kämen von Hauptschulen und könnten das FSJ somit gar nicht nutzen. „Das FSJ ist eine schöne Marketingmaßnahme für den Staat, sie suggeriert Durchlässigkeit.“ Doch nur wenige FSJler würden sich anschließend auch beruflich für die Altenpflege entscheiden, die Krankenpflege genieße da noch „ein anderes Image“. Deshalb solle der Staat die FSJ-Fördergelder lieber ganz einsparen und direkt in die Verbesserung der Pflege stecken, rät Cetinkaya.

„Viele machen den Mund nicht auf“

Der Düsseldorfer Altenpfleger und Blogger Denis Zöphel hat aber auch beobachtet: Viele FSJler und Pflegeschüler sind im Alltag überfordert, haben aber Angst, darüber zu reden. „Der Großteil macht den Mund nicht auf. Die meisten sind auch nicht ehrlich zu sich selbst, sie geben die Überforderung nicht zu. Oder sie sind abgestumpft, weil sich keiner für ihr Befinden interessiert. Das kann für Bewohner und Patienten gefährlich werden, aber auch für die Schüler.“

Zu wenig Zeit für Freiwillige

Wichtig sei daher das Anlernen durch eine geschulte Kraft, betont Zöphel. Allerdings ständen viele Ausbilder mittlerweile selbst permanent unter Druck und seien arg in Zeitnot, so dass für Schüler und FSJler zu wenig Zeit bleibe. Ein einmaliges Anlernen reiche nicht aus, in zwei bis drei Tagen könne man nicht professionelles Patientenlagern lernen, sagt Zöphel.

Kreativität der Heime ist gefragt

Wichtig sei aber auch eine Art Attrraktivitätsoffensive. Die Sprecherin der FSJler vermittelnden Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd) sieht die Pflegeheime in der Verantwortung. Sie müssten für die ie Bewerber „attraktiv und interessant“ sein. Denn der Bedarf an Unterstützung übersteige in der Altenpflege häufig die Nachfrage der Freiwilligen, so Klara Bitzer.

Neue „Kombi-FSJ-Stellen“ sehr beliebt

Bei St.Paulus in Hildesheim hat man sich daher in diesem Sommer etwas Besonderes überlegt: Seit kurzem werden dort „Kombi-Stellen“ für FSJler angeboten. Sie erfreuten sich großer Beliebtheit, berichtet Ernst, denn es sei „von allem etwas“: Man mache „ein bisschen Altenpflege, etwas Beschäftigung, Spaziergänge und Gespräche mit den Bewohnern, Aushilfe im Speisesaal, jahreszeitliche Dekorationsarbeiten“. Die „Kombi-FSJler“ haben geregelte Arbeitszeiten von Montag bis Freitag, alle 14 Tage gibt es eine Feedback-Sitzung, auf den Personalschlüssel werden sie nicht angerechnet. „Das ist unser Bonbon“, betont Ernst. „Das leisten wir uns, als kirchlicher Einrichtung ist uns das wichtig. Wir wollen auf die jungen Leute nicht verzichten.“

Autorin: Birgitta vom Lehn

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