Pflege und Praxis

Warum Crocs nicht in die Pflege gehören

Knallbunte Crocs sind der Renner bei Pflegekräften. Doch gerade bei heißem Wetter sind sie ungeeignet: Sie fördern Schweißfüße. Für Orthopäden ist das aber eigentlich das geringere Problem ...

Inhaltsverzeichnis

Die klassischen Berufsschuhe haben Konkurrenz bekommen: Crocs und die noch immer etwas ungewohnt aussehenden MBT-Abrollschuhe mit gebogener Sohle. Aber halten diese beiden Schuhkonzepte der Checkliste der Berufsgenossenschaft stand? Dort heißt es unter anderem, Berufsschuhe sollten geschlossen sein. Crocs oder Clogs jedoch sind hinten offen, was der Hamburger Orthopäde Jürgen Walpert kritisiert.

Umknicken leicht möglich

Hinten hätten Crocs und Clogs meistens nur ein Riemchen und gäben dem Fuß keinen seitlichen Halt. Ein Umknicken sei damit programmiert. Auch besäßen sie „keinen vernünftigen Sohlenaufbau“. Manche Modelle hätten zwar eine zusätzliche Innensohle, die einen festen Tritt dämpfen könne, andere aber nicht. Ob eine Pflegekraft mit den bunten Gummibooten am Fuß klar kommt, hängt natürlich auch vom individuellen Empfinden ab: Manche Pflegekräfte schwören auf Crocs und Clogs, andere tragen sie nur wenige Stunden und klagen schon über Fußschmerzen.

Vorsicht Schweißfuß!

Der vordere Fußteil ist bei der klassischen Crocs-Variante zwar geschlossen, aber nicht dem Fuß anpassbar, weil ein Klettverschluss oder Schnürsenkel fehlt. Ein Pluspunkt ist ihre vollkommene Flachheit: zu einer Fehlstellung der Wirbelsäule kommt es daher nicht. Problematisch ist aber das Material: der knallbunte Kunststoff. Zwar bietet er Verschmutzungen jeglicher Art die Stirn, ist aber kein bisschen atmungsaktiv und schafft daher kein gutes Fußklima.

Gefahren: Allergien, Hautreizungen und Ekzeme

Außerdem warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor gesundheitlich bedenklichen Stoffen wie Acetophon und 2-Phenyl-2-Propanol, die einige Fabrikate in hohen Konzentrationen enthalten und zu Allergien, Hautreizungen und Ekzemen führen können.

Crocs aus Wiener Kliniken verbannt

Die Berufsgenossenschaft rät insgesamt von den farbigen Plastik-Tretern ab: Sie gäben den Pflegekräften zu wenig Halt beim Bettenschieben. In Wiener Krankenhäusern hat man die bunten Gummilatschen gleich ganz aus kritischen Zonen wie OP-Sälen verbannt - allerdings deshalb, weil sie sich elektrostatisch aufladen und damit hochsensible Apparate stören können. Ein empfehlenswerter Renner sind Crocs und Clogs auf Klinik- und Pflegeheimfluren also nicht.

MBT-Schuhe: Laufen wie auf dem Reisfeld?

Etwas milder fällt das Experten-Urteil über MBT-Schuhen aus. Der Name steht für „Massai Barfuß Technologie“ und geht auf ein Schweizer Unternehmen zurück, das mit dem Patent der runden Sohle und einer Art Stoßdämpfer im Fersenbereich gegen Rückenschmerzen, Nackenverspannungen, Hüft- und Kniebeschwerden anzugehen verspricht. Die Schuhe sollen das Barfußgehen auf weichem Boden nachahmen, weil das Barfußlaufen auf indischen Reisfeldern offenbar die Rückenbeschwerden des Schuh-Erfinders gelindert hat. Inzwischen gibt es etliche Nachahmerprodukte, die alle mit demselben Prinzip arbeiten: Der Träger soll den Fuß mit jedem Schritt ordentlich abrollen und damit etliche Leiden im Geh-Apparat in den Griff bekommen.

Ambivalente Studienlage zu MBT-Schuhen

Die Expertenmeinungen dazu gehen jedoch auseinander. Orthopäde Walpert hält MBTs zwar für interessant, aber nicht als Dauerlösung im Pflegebereich. „Als Wechselschuh ist er okay. Das Prinzip der Abrollsohle eignet sich hervorragend bei Verschleißerkrankungen im Fuß. Eindeutige wissenschaftliche Beweise stehen allerdings noch aus.“ Seine Bochumer Kollegin Tanja Kostuj hält die MBTs dagegen für „Geldschneiderei“ und spricht vom „Placeboeffekt“.

Sportschuh schneidet besser ab als MBT

Tatsächlich ist die Studienlage zu den Abrollschuhen bislang sehr dürftig. Eine Untersuchung der Universität Calgary (2009) an 40 Golfern mit gelegentlichen Schmerzen im unteren Rückenbereich attestierte den Funktionsschuhen einen Linderungseffekt um 44 Prozent. 2013 dämpfte eine britische Studie dann diese von der Firma schon beworbenen Erwartungen. Man testete 93 Rückenschmerz-Patienten zwischen 18 und 65 Jahren, verordnete der einen Probanden-Hälfte normale Sportschuhe, der anderen Abrollschuhe und stellte nach sechs Wochen fest: Die Rückenprobleme hatten bei allen Teilnehmern abgenommen, aber bei den Sportschuhträgern deutlich stärker.

Beansprucht der MBT Haltemuskulatur zu stark?

Den Unterschied erklärten sich die Forscher um Catherine Sian MacRae vom Chelsea and Westminster Hospital in London mit einer Überforderung des Körpers: Der geringe Halt in den Funktionsschuhen könne die in der entsprechenden Patientengruppe besonders schwache Halte- und Rumpfmuskulatur zu stark beansprucht haben. Der Hersteller MBT wehrte sich gegen die Vorwürfe: Die Schuhe seien nur zwei Stunden pro Tag getragen worden und damit viel zu kurz. Dies habe den Nutzen der MBTs verhindert.

BGW: Geringe Auftrittfläche

Unabhängig von den umstrittenen Gesundheitseffekten rät die Berufsgenossenschaft vom Tragen solcher Schuhe klar ab: Sie seien „wegen der geringen Auftrittfläche als Arbeitsschuhe ungeeignet“.

Autorin: Birgitta vom Lehn

Erstveröffentlichung am 9. August 2017

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