Pflegekammer

Warum Axel Doll freiwillig Kammerbeiträge zahlt

So manche Pflegefachperson regt sich über den „Zwangsbeitrag“ in der Pflegekammer Rheinland-Pfalz auf. Es gibt aber auch freiwillige Mitglieder wie Axel Doll (Foto), die gern zahlen, obgleich sie es nicht müssten. Was treibt sie an?

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Als Krankenpfleger Axel Doll (50) Ende Februar auf dem Deutschen Krebskongress morgens um 8 Uhr über onkologische Beratung referierte, kam er zum Schluss auf ein ganz anderes Thema zu sprechen: die Pflegekammer. Er ist, so war zu erfahren, freiwilliges Mitglied in der bisher einzig etablierten Pflegekammer, der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz. So wie 700 weitere Pflegefachkräfte außerhalb von Rheinland-Pfalz. Warum macht jemand so etwas? Beiträge zahlen, obgleich er gar nicht müsste. pflegen-online fragte Axel Doll.

pflegen-online: Herr Doll, ihr unvermitteltes Plädoyer für die Pflegeberufekammer auf dem Deutschen Krebskongress wirkte schon ein wenig wie ein Werbeblock …

Axel Doll: Ja, den Vorwurf, das sei Schleichwerbung höre ich nicht das erste Mal. Der Hinweis auf die Kammer am Ende meines Vortrags ist tatsächlich Teil einer Kampagne – wenn Sie es so nennen wollen. Denn in Nordrhein-Westfalen, wo ich lebe, wird unsere Berufsgruppe bald befragt werden, ob sie eine Pflegekammer möchte. Im DBfK, dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe, haben wir uns deshalb überlegt, wie wir es schaffen, die über 300.000 Pflegekräfte mitzunehmen und zu informieren. Denn NRW ist ja das Bundesland mit den meisten Pflegekräften.

Es gibt in NRW im Moment dazu zwei Arbeitsgruppen zur Gründung der Kammer in NRW: Das DBfK Team NRW und eine Gruppe des Landespflegerats. Aber das reicht nicht an Aktivitäten. Deshalb haben wir ein Brainstorming gemacht und kamen auf die Idee bei Fortbildungen Flyer auszulegen und im Anschluss an Vorträge immer zwei Folien zu Pflegekammer zu bringen. Ich habe auch ein Foto von mir mit dem Mitgliedsausweis der Pflegekammer Rheinland-Pfalz als Profilbild auf meiner Facebook-Seite.

Wir sind jetzt richtig gefordert, denn wir wollen nicht, dass sich Pflegekräfte in NRW an den Zwangsbeitragen – wie manche sie ja nennen – festbeißen und die Kammer als Bürokratie-Tiger abstempeln. In Berlin auf dem Krebskongress hat es übrigens richtig positive Resonanz gegeben auf meinen Aufruf.

Wie versuchen Sie, skeptische Pflegekräfte von der Pflegekammer zu überzeugen?

Man muss sich doch nur mal das Auftreten der Ärzte anschauen: Das ist eine Profession mit Stolz – die argumentieren und sagen: Ohne uns geht hier gar nichts. Dieses Selbstbewusstsein, diese Eloquenz fehlen uns Pflegenden. Unsere Stimme muss stärker werden. Wir haben fachkompetente und empathische Pflegefachpersonen, die engagiert Patientinnen, Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner in allen Settings versorgen. Wir haben Pflegewissenschaftler, die gute Forschung über Effekte von Pflege durchführen, Pflegepädagoginnen und -pädagogen, die den Pflegenachwuchs kompetent qualifizieren und Pflegemanager, die im Krankenhausvorstand beziehungsweise in der Heimleitung vertreten sind. Wir haben mit dem DBfK einen starken Berufsverband was uns fehlt, ist ein Organ der Selbstverwaltung um auf Augenhöhe im Gesundheitswesen mitentscheiden zu können.

Wir brauchen auf Landes- und Bundesebene ein Sprachrohr das zu allen Fragen der Ausbildung und Qualitätssicherung im Zusammenhang mit pflegerischen Handeln. An einer Kammer kann keine Politik vorbei gemacht werden. Man hat ein einheitliches Sprachrohr, das mit Fachreferenten ausgestattet ist. Ein großer Vorteil, wie ich bei meiner Arbeit für den Nationalen Krebsplan immer wieder feststelle: Ich arbeite in diesem Gremium, in dem die Versorgungsstrategien für Krebspatienten festgelegt werden, ehrenamtlich als Vertreter des Deutschen Pflegerates. Alle anderen im Nationalen Krebsplan dagegen sind hauptamtliche Referenten. Und das merke ich: Die sind ständig auf den gleichen politischen Plattformen unterwegs und in allen wichtigen Gesundheitsgremien vertreten. Die Pflege findet sich dort nicht oder taucht nur unter ferner Liefen auf – das ist katastrophal, da muss sich etwas bewegen. Auch brauchen wir Fachreferenten, die sich auf Augenhöhe etwa mit den Krankenkassen befinden. Hauptamtliche Fachreferenten sind aber mit einer Pflegekammer möglich, die offiziell autorisiert ist, politisch Einfluss zu nehmen und Beiträge einzuziehen.

Glauben Sie, dass Ihre Argumente vehemente Gegner der Pflegekammer überzeugen können? Sind die Vorbehalte nicht allzu festgefahren?

Ein Stück weit kann ich den Frust verstehen, es ist ja in den vergangenen 10 bis 20 Jahren so wenig passiert. Wir wurden geradezu ausgeblutet. Aber das hat auch damit zu tun, dass wir uns bisher kaum gerührt haben. Bei neuen Regelungen – etwa zu den DRG – wird an denen gespart, die sich nicht zu Wort melden, an denen, die kein Gremium haben, das für sie spricht.

Teilweise ist der Frust aber auch selbst produziert. Wir müssen endlich aufhören mit dem Jammern. Wir dürfen nicht Spielball bleiben, wir müssen mit ins Spielfeld. Solange wir niemanden auf dem Spielfeld haben, werden wir immer wieder verlieren.

Viele sehen Nordrhein-Westfalen als Schlüssel für die Zukunft der Pflegekammern insgesamt: Überwiegt in den Umfragen das Ja, wird auch in den übrigen Bundesländern die Pflegekammer kommen, überwiegt das Nein, endet der Traum. Würden Sie eine Prognose zur Umfrage wagen?

In diesen Umfragen können sich echte Abgründe auftun. In Hamburg etwa endete sie in einer Katastrophe, weil vorher nicht vernünftig informiert wurde. Ich habe aber die große Hoffnung, dass Sozialminister Laumann sich eng mit den Verbänden abstimmen wird, so dass die Information der Pflegekräfte gut laufen könnte. Wir werden viele Kanäle nutzen müssen, der DBfK hat beispielsweise auch schon ein You-Tube-Video gemacht. Und jeder von uns tut sein Übriges – wie Sie ja selbst schon mitbekommen haben auf dem Deutschen Krebskongress.

Laumann ist ein Sympathieträger, gelernter Maschinenschlosser, ein Typ, der authentisch wirkt. In vielen Interviews der vergangenen Monate hat er sich für Pflegekammern ausgesprochen. Könnte da nicht doch der Funke überspringen in NRW?

Sicherlich, er weckt Sympathien – er war Handwerker, hat sich ohne Abitur nach oben gearbeitet. Das gefällt auch einer Pflegekraft, die nicht unbedingt politisch ist: dass sich da ein Politiker für die Pflege einsetzt, der eine verständliche Sprache spricht und frei von Allüren ist.

Welchen Beitrag zahlen Sie eigentlich als freiwilliges Mitglied?

5 Euro im Monat, das sind gerade einmal 60 Euro im Jahr.

Über Axel Doll

Der Krankenpfleger ist Lehrkoordinator an der Uniklinik Köln und unterrichtet als Pflegepädagoge Medizinstudierende in Palliativmedizin. Außerdem promoviert er über Beratung von Patienten/innen und Angehörigen der ambulanten Palliativversorgung und gibt Seminare für Pflegende über Palliativpflege, Schmerz und Beratung. Der 50-Jährige ist im DBfK aktiv und vertritt den Deutschen Pflegerat im Nationalen Krebsplan.

Interview: Kirsten Gaede

Foto: privat

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