Ärztekammer Schleswig-Holstein

Warum Ärztepräsident Herrmann Pflegekammern gut findet

Während manch Pflegekraft gegen ihre Zwangsmitgliedschaft rebelliert, halten Ärztepräsidenten, wie Henrik Herrmann (Schleswig-Holstein) und Günther Jonitz (Berlin) Pflegekammern für einen Segen

Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, ist unter den Ärzten möglicherweise der prominentesten Verfechter einer Pflegekammer: Auf dem Hauptstadtkongress im Mai etwa hat er sich in einer Podiumsdiskussion mit dem Präsidenten der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz Markus Mai klar für eine selbstverwaltete Pflege ausgesprochen. Auch die Ärztekammer Schleswig-Holstein zeigt sich offen. Wir fragten Ärztekammer-Präsident Dr. Henrik Herrmann (Foto unten) nach den Beweggründen.

pflegen-online: Warum plädieren Sie für Pflegekammern? Es gibt ja durchaus Ärzteorganisation, die die Pflege lieber am Katzentisch sähen ...

Henrik Herrmann: Mit der Pflegeberufekammer haben wir hier in Schleswig-Holstein in der Pflege endlich einen mandatierten - sprich einen offiziellen, politisch legitimierten - Ansprechpartner. Vorher gab es natürlich schon unterschiedliche Pflegeverbände, aber es war immer problematisch einzelne anzusprechen, weil sie kein Mandat haben, für die gesamte Berufsgruppe zu sprechen. Das ist bei einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, so wie es jetzt die Pflegeberufekammer ist und wie wir es schon seit 75 Jahren sind, etwas anderes. Die Pflegeberufekammer ist ja das Ergebnis eines politischen Beschlusses im Landesparlament, also eine Entscheidung auf höchster politischer Ebene.

Warum ist es Ihnen so wichtig, einen offiziellen Ansprechpartner in der Pflege zu haben?

Wir brauchen die Pflegefachkräfte! Nur gemeinsam können wir die Versorgung im Flächenland Schleswig-Holstein zukunftsfähig machen. Wir müssen die Probleme und möglichen Lösungen gemeinsam besprechen. Es wird in unserem Bundesland, mehr und mehr ein teamorientiertes Arbeiten stattfinden. Dabei wird die Pflege im ambulanten Bereich einen ganz wichtigen Part spielen.

Gibt es schon eine Zusammenarbeit zwischen Ihrer Kammer und der Pflegeberufekammer?

Ja, wir treffen uns regelmäßig mit dem Vorstand der Pflegeberufekammer. Das ist uns wichtig. Denn die Pflegekräfte sind die Berufsgruppe, mit der wir die größte Schnittmenge haben, mit keiner anderen arbeiten wir so eng zusammen. Die Pflegeberufekammer ist ähnlich aufgebaut wie eine Ärztekammer und uns beschäftigen ähnliche Themen, wie Weiterbildung, Fortbildung und Qualitätssicherung. Wir planen auch gemeinsame Fortbildungen.

Außerdem unterstützen wir die Pflegeberufekammer beim Aufbau ihrer Mitgliederverwaltung - bei IT-Fragen und wenn es um spezielle Software-Programme geht. Das muss man sich nur einmal vorstellen: Auf Anhieb, innerhalb kürzester Zeit muss die Kammer rund 25.000 Mitglieder verwalten! Wir haben 18.000 und haben dafür 75 Jahre Zeit gehabt ...

Am Oberverwaltungsgericht in Lüneburg haben zwei Pflegekräfte aus Niedersachsen gegen die Zwangsmitgliedschaft geklagt - erleben Sie so etwas auch mit Ärzten?

Gelegentlich spüren wir gewissen Unmut und Frust, aber kaum jemand lehnt sich gegen die Mitgliedschaft auf. Wenn Mitglieder klagen, dann aus der Vorstellung heraus, nicht mehr ärztlich tätig zu sein, sondern inzwischen einen ganz anderen Beruf auszuüben, etwa als Unternehmer oder als Forscher. Aber alle Verfahren dieser Art sind für die Kammer entschieden worden. Eine Aufkündigung der Mitgliedschaft ist tatsächlich nur möglich, wenn man nicht mehr in Deutschland lebt oder seine Approbation aufgibt oder sie einem entzogen wird. Das ist bei der Pflegeberufekammer anders: Da zählt man solange als Mitglied, wie man berufstätig ist.

Das Gericht hat das Vorgehen der Pflegekammer Niedersachsen als rechtmäßig bestätigt. Was sagen Sie zu dem Urteil?

Es wundert mich in keinster Weise. Es wäre merkwürdig, hätte das Gericht anderes entschieden. Die Pflegeberufekammer erfüllt ja einen staatlichen Auftrag, da kann sich keiner ausnehmen, weil er aus diesem oder jenem Grund Kritik anzubringen hat. Es ist aber gut, dass die Klage jetzt durchgestanden ist, das gibt den Pflegeberufekammern Sicherheit.

Glauben Sie, dass die vielen Proteste vorübergehen werden?

Ja, sie werden sich legen, wenn die Mitglieder sehen, welche politischen Vorteile die Kammer für ihren Berufsstand hat. Die Politik hat mit der Pflegeberufekammer einen mandatierten Ansprechpartner bekommen, das bedeutet unter anderem, Vertreter der Pflege werden in politische Gremien eingeladen und haben dort auch ein Stimmrecht. Sie werden zu gesundheits- und pflegepolitischen Gesetzesentwürfen angehört und erhalten somit einen gewissen Einfluss. So werden die Vorteile der Pflegekammer nach und nach für die Mitglieder sichtbar.

Was mir noch ganz wichtig ist: Der Begriff Kammer klingt verstaubt, doch sie ist eine hoch demokratische Einrichtung: Es gibt die Kammerversammlung, die von allen Mitgliedern gewählt wird. Und aus dieser heraus wird dann der Vorstand gewählt. Ich würde mir wünschen, dass so viele Mitglieder wie möglich von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und Einfluss nehmen.

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