Foto: Jens Schünemann

Pflege und Politik

Wann gibt‘s endlich verbindlichen Hitzeschutz für Alte? 

Viel zu viele Pflegeheime und Krankenhäuser ohne Klimaanlage, viel zu wenige Hausärzte mit Kenntnissen der  Heidelberger Hitze-Tabelle. Wie geht es weiter, wenn spätestens im Sommer 2024 die nächste Hitzewelle kommt?

Am 12. August 2003 meldet die Geschäftsführerin eines Karlsruher Pflegeheims dem örtlichen Gesundheitsamt eine Häufung rätselhafter Todesfälle. Fast ein Fünftel der 160 Bewohnerinnen und Bewohner sind betroffen. Gemeinsames Merkmal aller Fälle: Plötzliches Fieber bis zu 42 Grad, Austrocknung des Körpers. Folge einer bisher unbekannten Infektionskrankheit?

Nein, so findet das RKI heraus. Der Grund der Todesfälle war eine Hitzewelle, die am 10. August seinen Höhepunkt mit 40,2 Grad erreichte. Die heißen Tage im August 2003 kosteten 7.600 Menschen in Deutschland und 70.000 europaweit das Leben.

2022 gab es in Deutschland 8.173 Hitzetote   

Und seitdem starben jedes Jahr in Europa zehntausende, vor allem ältere und erkrankte Menschen an den Folgen der Hitzewellen. Zuletzt waren es im Sommer 2022 europaweit 61.672 hitzebedingte Todesfälle, 8.173 von ihnen starben in Deutschland – so eine Studie des Barcelona Institute for Global Health, die Anfang Juli veröffentlicht wurde. Nur dieses Jahr fällt die Bilanz für Deutschland offenbar etwas weniger drastisch aus: Bisher sind beträgt die geschätzte Zahl der hitzebedingten Sterbefälle in Deutschland laut Robert Koch-Institut 1.600, fast alle Gestorbenen (bis auf rund 70) waren über 65 Jahre alt.

Jobportal pflegen-online.de empfiehlt:

Doch jedes Jahr erneut (und oft vergeblich) auf einen moderaten Sommer zu hoffen, ist keine Lösung. Länder wie Belgien und Frankreich reagierten bereits auf die erste in Europa dokumentierte Hitzetodeswelle 2003 und entwickelten Hitzeaktionspläne, um vor allem ältere und pflegebedürftige Menschen zu schützen.

Frankreich: Urlaubssperren für Pflegekräfte in Extremfällen  

Beispiel Frankreich: Hier gibt es schon seit 2004 den nationalen Hitzeaktionsplan, der seit 2018 automatisch vom 1. Juni bis 15. September aktiviert wird. Der „Plan National Canicule“ fußt auf einem vierstufigen Hitzewarnsystem, gekennzeichnet durch die Farben grün, gelb, orange und rot:

  • In der „grünen“ Stufe 1 werden alle im Hitze-Netzwerk zusammengeschlossenen Institutionen und Einrichtungen erst einmal auf „saisonale Wachsamkeit“ verpflichtet.
  • Abgestuft in den darauffolgenden Stufen treten Notfallpläne für Alten-/Pflegeheime sowie für die Betreuung isolierter und gefährdeter Personen in den Kommunen in Kraft, werden Verhaltenstipps über die Medien verbreitet und eine Echtzeit-Kontrolle der Gesundheitsdaten durch die hitzebedingte Krankheitslast durchgeführt. Auch müssen die Gemeinden verpflichtend Listen von älteren Menschen führen, die im Hitze-Notfall kontaktiert und oft besucht werden.
  • In der „roten“ Stufe 4 löst der Premierminister die „maximale Mobilisierung“ aus, wo beispielsweise Urlaubssperren für Pflegekräfte, in den Notaufnahmen und den Rettungsdienst ausgesprochen werden können. 

Außerdem wurden in den vergangenen 20 Jahren Krankenhäusern und Pflegeheimen gesetzlich vorgeschrieben, klimatisierte Bereiche einzurichten. Mit Erfolg: Schon während der 18-tägigen Hitzewelle 2006 war in Frankreich die beobachtete Übersterblichkeit mit plus 9 Prozent geringer im Vergleich zum prognostizierten Anstieg von plus 27 Prozent.

2020 nur vier Kommunen mit Hitzeaktionsplan

In Deutschland dagegen ist bis heute trotz der hohen Sterberaten wenig passiert. Eine Befragung im Frühjahr 2020 im Auftrag des Umweltbundesamtes kam zu erschreckenden Ergebnissen. Danach hatten zu diesem Zeitpunkt noch kein Bundesland und nur vier Kommunen einen Hitzeaktionsplan umgesetzt. Immerhin: Die Hälfte der befragten Länder und Kommunen waren zu dem Zeitpunkt in der Planung eines Aktionsplans.

Und die Bundesregierung? Sie reagierte noch im letzten Jahr auf die Forderung nach einem nationalen Hitzeschutzplan der Bundesärztekammer ablehnend und verwies auf die Länder und Kommunen, die sich darum zu kümmern hätten.

Karl Lauterbach will dem französischen Modell folgen 

Nun allerdings heißt es „Kommando zurück“. Gesundheitsminister Karl Lauterbach kündigte im Juni einen nationalen Hitzeschutzplan vor allem für ältere und kranke Menschen an. „Wir müssen feststellen, dass wir in Deutschland gegen den Hitzetod nicht gut aufgestellt sind", so der SPD-Politiker. Es sei nicht akzeptabel, dass jedes Jahr zwischen 5.000 und 20.000 hitzebedingte Todesfälle beklagt werden müssten. Orientieren soll sich das deutsche Hitze-Konzept am französischen Modell.

Einen nationalen Hitzeaktionsplan nach dem Vorbild in Frankreich hält Dea Niebuhr nur begrenzt für eine gute Idee. „Frankreich wird zentralistisch regiert, da kann die Regierung von Paris aus einen Hitzeaktionsplan bis in die Gemeinden durchsetzen. Deutschland ist föderalistisch organisiert, hier ist die Gesundheitspolitik vor allem in den Bundesländern verankert“, so die Professorin für „Health Technology Assessment und Gesundheitssystemdesign“ am Fachbereich Gesundheitswissenschaften der Hochschule Fulda.

Hitzeschutz-Expertin: Deutschland ist zehn Jahre zurück  

Die Gesundheitswissenschaftlerin setzt auf kommunale Netzwerke. „Wir müssen Strukturen schaffen, in denen die Gesundheitsämter, die Hausärzte, die ambulanten und stationären Einrichtungen und die Kliniken vernetzt sind. Netzwerke, in denen jeder genau weiß, was er zu tun hat.“

Die aktuelle Situation im Pflegebereich beschreibt die Professorin als „eher katastrophal“: „Wir sind gegenüber vielen anderen Ländern in Europa zehn Jahre zurück. Bei uns wurde das Problem immer wieder verdrängt. Weil es zwischendurch Jahre gab, wo es nicht zu diesen extremen Hitzephasen kam. Erst nach dem heißen Sommer 2018 wurden die ersten Maßnahmen ergriffen.“

Wer zahlt die Klimaanlage im Pflegeheim?  

Deshalb sind allerdings die meisten stationären Pflegeeinrichtungen nur behelfsmäßig auf Hitzewellen vorbereitet, so Niebuhr. Es fehlen zum Beispiel klimatisierte Räume um „die Bewohnerinnen aber auch die Pflegekräfte vor der Hitze zu schützen.“ Ein Grund sind die nicht unerheblichen Baukosten, die von den Pflege- oder Sozialkassen nicht mitgetragen werden und somit auf die Bewohnerinnen umgelegt werden müssen.

Ähnliches gilt für die Kostenübernahme bei der ambulanten Pflege. „Die ambulanten Pflegekräfte müssten eigentlich bei den zwei Hitzewarnstufen des Deutschen Wetterdienstes nicht nur ein oder zweimal bei den Pflegenden am Tag vorbeikommen, sondern vielleicht auch noch ein drittes Mal. Nur: Wie soll das bei dem Pflegekräftemangel gehen? Und: Wer bezahlt das?“, fragt die Gesundheitswissenschaftlerin. In den Pflegepauschalen ist dafür kein Geld vorgesehen.

Hitzewelle: Wachsende Verantwortung für ambulante Dienste

Im kritischen Fall „stehen die Pflegekräfte in der Wohnung und rufen dann verzweifelt den Hausarzt an. Aber die Ärzte können ja auch nicht von jetzt auf gleich zu dem Patienten fahren und die notwendige Therapie einzuleiten.“ Denn die „Pflegekräfte müssen weiter, sie haben ja einen Tagesplan abzuarbeiten, die können nicht bei jedem ihrer Kunden auf den Arzt warten.“ Oft bleibt ihnen dann nur übrig, die 112 anzurufen und den Pflegebedürftigen in die nächste Klinik zu bringen.

Auch viele Hausärztinnen sind bisher nur zum Teil für die Herausforderungen durch die Hitzewellen sensibilisiert. Denn bei hohen Temperaturen müssen die zu Pflegenden oft medikamentös neu eingestellt werden. Und das schnell.

Bei großer Hitze müssen Medikamente angepasst werden

In seinem gerade erschienenen Buch „Tödliche Hitze“ beschreibt Prof. Dr. Hanns-Christian Gunga die Gefahren einer falsch eingestellten Medikation: „Bei der Dehydratation wird der Verteilungsraum, zum Beispiel das Blutvolumen, vermindert. Dies erhöht die wirksame Dosis für ein Medikament, Überdosierungen können die Folge sein. Verschärft sich die Dehydratation und geht in eine Exsikkose über, kommt es unter Umständen zu einer Funktionseinschränkung der Ausscheidungsorgane wie der Nieren, oder die Metabolisierung von Medikamenten, etwa in der Leber, ist verzögert.“ Besonders Präparate wie Anticholinergika, Amphetamine, Antidepressiva, Antipsychotika, Antihistaminika, Schmerzmittel und Schilddrüsenpräparate müssen heruntergefahren werden, so der Stellvertretende Direktor Institut für Physiologie an der Charité.

Viele Hausärzte, so Dea Niebuhr, kennen aber nicht einmal die Heidelberger Hitze-Tabelle, in der Arzneistoffe mit potenziellem Einfluss auf die Temperaturregulation gelistet sind: „Bei vielen Ärztinnen sind die Hitzewellen noch nicht angekommen.“

[Sie legen Wert auf Exklusiv-Interviews und fundierte Recherche aus der Pflegebranche? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter, damit Sie keinen neuen Beitrag auf pflegen-online mehr verpassen!]

Hitze-Expertin Dea Niebuhr: Rechtssicherheit statt Empfehlungen! 

Eine „Pyramide der Verantwortlichkeiten“ müsse endlich aufgebaut werden, angesiedelt im öffentlichen Gesundheitsschutz als Initiator. Netzwerke, wo alle im Gesundheitssystem eingebunden sind – von den Hausärzten über den Pflegeeinrichtungen bis zu den Notaufnahmen der Kliniken. Wo jede und jeder weiß, was im Hitze-Katastrophenfall seine Aufgabe ist. Land und Staat sollen den Rahmen vorgeben. „Rechtssicherheit muss geschaffen werden. Nur mit Empfehlungen passiert zu wenig. Das ist das Problem.“

Denn eins ist ihr klar: „Wir werden mit regelmäßigen und immer länger anhaltenden Hitzewellen leben lernen müssen. In zwanzig Jahren haben wir hier Temperaturen wie heute in Frankreich oder Spanien. Das wird unsere neue Normalität werden.“

Autor: Hans-Georg Sausse

Wir haben noch mehr für Sie!

Antworten und Impulse für die Pflegeprofession gibt es auch direkt ins Postfach: praxisnah, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für den pflegebrief an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.

Corona-Pandemie

Pflegeverbände kontern Bund mit eigenem Expertenrat  

In der Corona-Sachverständigenausschuss ist der Pflegeberuf nicht vertreten. Mit zehn Empfehlungen wollen sich jetzt 19 Pflegewissenschaftler in die Diskussion einmischen

    • Corona, Pflege als Beruf, Pflege und Politik

Corona

Sollten alle Pflegekräfte mit FFP2-Masken arbeiten?

Eine Expertengruppe, zu der auch die frühere Pflegedirektorin der Charité zählt, fordert genau dies. Einige Pflegeheime haben bereits eine FFP2-Maskenpflicht eingeführt

    • Corona, Hygiene

Hilfsmittel

Hilfsmittel verschreiben: Nicht mehr am Gängelband!

Examinierte Pflegekräfte dürfen in der ambulanten Pflege jetzt Hilfsmittel verschreiben – genauer gesagt: empfehlen. Doch wie funktioniert das im Detail? Was müssen sie beachten? Antworten auf 13 häufige Fragen   

    • Pflegedienst, Pflegefachleute, Pflege als Beruf, Pflegefachpersonen, Pflegefachkraft, Pflege und Politik, Patient, Betreutes Wohnen, Ambulante Pflege, Altenpflege

Corona-Pandemie

Denkt an die Pflegekräfte: Besuchsverbot jetzt!

Klinikchefs, die jetzt, da sich die Corona-Infektionen potenzieren, noch immer mit Empfehlungen hantieren, ignorieren die Risiken für ihre Mitarbeiter - ein Kommentar