Foto: Klinik Wartenberg
Sie arbeiten seit Jahrzehnten in der geriatrischen Reha-Klinik Wartenberg: Vladimira Foglar, Vesna Batljan und Antje Schreck (v.l.)

Pflegefachleute

Von wegen langweilige Geriatrie!

Drei Pflegekräfte aus der geriatrischen Reha-Klinik Wartenberg erzählen, warum sie sich nichts Besseres vorstellen können, als in der Geriatrie zu arbeiten

Wir sprachen mit den Krankenpflegefachkräften Vladimira Foglar (70), Vesna Batljan (52) und Antje Schreck (52). Alle drei arbeiten seit Jahrzehnten in der geriatrischen Reha-Klinik Wartenberg bei München – Vladimira Foglar seit sie 2019 das Rentenalter erreicht hat, auf 550-Euro-Basis. Sie sind sich einig: Die Geriatrie ist eine sehr anspruchsvolle und körperlich oft anstrengende Tätigkeit.

Vladimira Foglar: „Einen breiter gefächerten Bereich als die Geriatrie gibt es nirgends“

Ich komme ursprünglich aus Tschechien und habe dort meine Krankenpflege-Examen gemacht. 19 Jahre später erhielt ich das Angebot, in der Klinik Wartenberg anzufangen. Zu dieser Zeit, Anfang der 90er Jahre, war die Geriatrie ein relativ neues Fachgebiet, niemand kannte sich in dieser Disziplin wirklich gut aus. Doch ich fühlte mich gut vorbereitet, denn ich hatte in Tschechien eine postgraduale Ausbildung für Anästhesie, Reanimation und Intensiv-Pflege absolviert und inzwischen viel Erfahrung auf den Stationen Innere und Intensiv gesammelt.

Aber die Geriatrie war dann doch sehr neu für mich: Mir wurde mit der Zeit immer klarer, dass die Geriatrie ein Zusammenspiel aus unterschiedlichen medizinischen Disziplinen ist, die parallel zu bewältigen sind. Das war sehr spannend, höchst interessant, aber oft auch schwer. Denn es geht wahrlich nicht nur, wie viele denken, ums Waschen, Essen anreichen oder Betten machen. Als Krankenschwester ist es jeden Tag immens wichtig, alles auf dem Schirm haben. Wenn beispielsweise eine frisch operierte Patientin oder ein Schlaganfall-Patient kommen, muss zunächst immer die Hauptdiagnose beachtet werden. Aber meist haben diese Menschen ja noch verschiedene Nebendiagnosen. Herausfordernd und komplett ungewohnt war für mich anfangs auch, Patienten mit Parkinson oder Demenz zu betreuen.

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„Ich höre so viele interessante, berührende Lebensgeschichten“

Dass ich vor allem mit älteren oder auch alten Menschen zu tun habe, stört mich nicht – ganz im Gegenteil: Ich finde, es ist ein Privileg alt zu werden. Es ist schade, dass heutzutage viele junge Pflegefachkräfte nicht in der Geriatrie arbeiten möchten mit der Begründung, sie wollten sich doch weiterentwickeln. Das kann ich nicht machvollziehen: Wenn sie in der Geriatrie keine Möglichkeit sehen, sich weiterzuentwickeln – wo denn dann? Denn einen breiter gefächerten Bereich als die Geriatrie gibt es nirgends. Man schaut dabei wirklich über seinen pflegerisch-medizinischen Tellerrand hinaus: Ich höre von den alten Menschen so viele interessante, teilweise berührende Lebensgeschichten. Sie sind oft so weise und erzählen gern von sich. All das trägt dazu bei, dass ich mich immer weiterentwickelt und die Arbeit als Bereicherung empfunden habe.

Vesna Batljan: „Meine Arbeit spiegelt die Realität des Lebens“

Ich komme aus Kroatien und habe als 21-Jährige während des Jugoslawienkriegs in einem Militärkrankenhaus gearbeitet. Dort gab es viel Blut, es herrschte großes Leid, sodass sie glücklich war, das Job-Angebot in Wartenberg zu bekommen. Ich habe die Geriatrie von Anfang an voll und ganz geliebt. Ich treffe täglich Menschen mit so viel Erfahrung – Menschen, von denen man so viel lernen kann und die jeden Tag dazu beitragen, dass ich morgens auch nach fast 30 Jahren immer noch gern zur Arbeit gehe. Meine Arbeit spiegelt die Realität des Lebens. Es ist ein Privileg für uns alle, alt zu werden, das zu tragen und nicht verstecken zu müssen.

Viele halten die Geriatrie für einen unattraktiven Bereich: Altersmedizin – das klingt für sie wenig reizvoll. Aber mit diesem Vorurteil möchte ich aufräumen. Klar, junge Leute haben verständlicherweise keine Erfahrung mit der Altersmedizin und glauben dann das, was sie darüber hören. Aber wenn sie dann in Wartenberg anfangen, sind sie völlig überrascht, dass die Geriatrie ein so breites Spektrum bietet, das man bis ins kleinste Detail beherrschen muss. Es ist wie eine Speisekarte: Auch wenn oft die gleichen Gerichte bestellt werden, müssen auch die eher seltenen Speisen genauso professionell zubereitet werden, wie alle anderen auch. Auch wenn es vielleicht fünf Jahre her ist.

Natürlich gibt es auch hier kleine Routinen, aber in der Geriatrie geht es immer um die komplette Medizin, deswegen wird es nie langweilig. Viel mehr noch: Deswegen ist dieses Fach immer abwechslungsreich und wertvoll – für uns und die Menschen, die bei uns sind.

Antje Schreck: „Ich gehe nach Hause und habe das gute Gefühl, etwas für die Menschen getan zu haben“

Ich arbeite seit 25 Jahren in Wartenberg und bin heute wie am ersten Tag berührt, dass die Patienten mir so große Dankbarkeit entgegen bringen. Sie sind dankbar, dass wir tagtäglich versuchen, ihnen ein Stück Selbständigkeit zurückzugeben und ihnen Mut zu machen. Das gehört zu unseren Kernaufgaben, denn viele unserer Patienten wissen anfangs nicht, ob sie es schaffen, nochmal in ihr altes Leben beziehungsweise gewohntes Umfeld zurückzukehren. Damit dies gelingen kann, arbeiten in der Reha alle Berufsgruppen zusammen: Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Therapeutinnen.

Das ist es, was die Arbeit so lohnenswert macht. Für jeden Patienten erstellen wir einen speziellen Reha-Plan und können ihn deshalb individuell betreuen. Mein Arbeitsplatz ist so gesehen eine kleine Oase, wo ein Mensch Mensch sein darf. Dieser Leitgedanke wird in Bezug auf alte und kranke Menschen in unserer Gesellschaft allzu oft vergessen. Ich würde deshalb gern auch für die Geriatrie werben, denn leider gibt es nicht so viele Ausbildungsabsolventen, die in diesem Fachgebiet starten möchten. Den meisten fehlt die Action, die sie sich beispielsweise von den Notaufnahmen in den Krankenhäusern versprechen. Doch in Wartenberg gibt es immer genug Action.

„Die Pflege ist eine Kunst“, sagte Florence Nightingale – und die Geriatrie? 

Die drei Geriatrie-Expertinnen möchten sich noch mit einem besonderen Anliegen an die Leser von pflegen-online wenden und an Florence Nightingale erinnern: die englische Pflege-Pionierin sagte, die Pflege sei eine Kunst. Das berühmte Zitat müsste ergänzt werden, sind Vladimira Foglar, Vesna Batljan und Antje Schreck überzeugt – und zwar um den Satz: „Und die Geriatrie ist das Sahnehäubchen oben drauf."

Autorin: Nina Sickinger/kig

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