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Interview

Von der Intensivstation aufs Rettungsschiff Sea-Eye 4 

Die Berliner Gesundheits- und Krankenpflegerin Marlene Fießinger erzählt, wie ihr Team in drei Tagen 408 Menschen auf dem Mittelmeer rettete und warum die Arbeit auf Intensivstation eine gute Vorbereitung ist

pflegen-online: Welche Stationen Ihres Weges waren für Ihren Einsatz mit dem zivilen Seenotrettungsschiff Sea-Eye 4 besonders hilfreich?

Marlene Fießinger: Seit mehr als drei Jahren arbeite ich in einer Intensivstation und habe dort täglich Umgang mit Menschen in existenziellen Nöten und an der Schwelle zwischen Leben und Sterben. Diese Erfahrungen haben mir im Einsatz mit der Sea-Eye 4 sehr geholfen und mir die Ängste vor einer eventuellen emotionalen Überforderung an Bord genommen.

Auch die enormen Herausforderungen bei der Behandlung von Covid-19-Patientinnen und -Patienten und das ständige Arbeiten an der Belastungsgrenze haben meine Stresstoleranz definitiv erhöht und mich darin gestärkt, dass ich in unvorhersehbaren Situationen handlungsfähig bleibe. Dass ich es aus meinem Arbeitsalltag gewohnt bin, lange Zeiten ohne Pause zu arbeiten, kam mir während des Einsatzes definitiv zugute.

Auch mein interkulturelles Interesse, das durch vielfältige Auslandserfahrungen und engen Kontakt mit Menschen mit Fluchtgeschichte stetig gewachsen ist, war mir in der Seenotrettung von Vorteil. Die Fähigkeit, mit Körpersprache zu kommunizieren und bei minimaler Sprachkompetenz in der entsprechenden Landessprache auch andere Kommunikationsformen zu finden, hat mir Vieles erleichtert.

Hatten Sie zuvor schon Erfahrungen in humanitären Auslandseinsätzen sammeln können?

Nach dem Abitur habe ich ein soziales Jahr in Kenia gemacht. 2018 war ich auf einer Mission mit der „Seefuchs“, dem zweiten Schiff von Sea-Eye e.V. Im letzten Jahr war ich mit Medical Volunteers International e.V. für drei Monate im Lager für Geflüchtete in Moria auf der griechischen Insel Lesbos.

Welche Kompetenzen waren in der Seenotrettung von Ihnen besonders gefordert?    Unmittelbar bei Ankommen der geretteten Personen an Deck war ich für eine erste klinische Einschätzung des Gesundheitszustandes zuständig, um akute Fälle sofort behandeln zu können. Dies erfordert definitiv ein erfahrenes Auge ebenso wie eine schnelle und adäquate Reaktion auf Notfälle. Auch zu jedem weiteren Zeitpunkt musste oft schnell, aber überlegt gehandelt werden. Bei über 400 geretteten Menschen an Bord war der Andrang auf medizinische Behandlung groß. Ich versuchte mich auf besonders vulnerable Personen zu fokussieren, die nicht immer eigenständig ihre Beschwerden äußern können. Darunter fielen vor allem Frauen – auch Schwangere –, Kinder – wir hatten 19 Kinder unter zwölf Jahren an Bord –, Minderjährige – der Großteil der circa 150 Minderjährigen war unbegleitet – und Opfer von Folter und Misshandlung. Gerade in der Begegnung und Behandlung dieser vulnerablen Personen war ein äußerst empathisches Verhalten notwendig, um eine Vertrauensbasis zu schaffen.

Wie viele medizinische Teamkollegen hatten Sie im Bordhospital?

Unser Team bestand aus einem Arzt mit internistischem Hintergrund und Intensiverfahrung, einem Notfallsanitäter, und mir als Gesundheits- und Krankenpflegerin. Es hat sich herausgestellt, dass dieser interdisziplinäre Mix sehr sinnvoll ist und wir uns fachlich wunderbar ergänzen konnten. Wichtig war zudem, dass wir ein geschlechtergemischtes Team waren.

 Die Crew der Sea-Eye 4 hat an drei Tagen Mitte Mai 408 Menschen aus Seenot gerettet. Wie haben Sie es geschafft, diesen Dauereinsatz im Bordhospital durchzuhalten?

Im Nachhinein kann ich mir auch nur noch schwer vorstellen, was wir da geleistet haben. Von Sonntag [16. Mai] circa 11.30 Uhr – und da war ich wegen einer Deckwache schon seit 4 Uhr auf den Beinen – bis Montag um etwa 21 Uhr hat unser gesamtes Team durchgearbeitet. Ich selbst konnte etwa eine Stunde Schlaf vor unserer 5. Rettung am Montag genießen. Das erstaunliche war ja, dass wir fünf Rettungen – und das bedeutet die Rettung von 406 Menschen – innerhalb von weniger als 24 Stunden – leisten mussten; am 15. Mai wurden bereits zwei Personen aus Seenot gerettet. Für alle war das eine enorme Kraftanstrengung und ich kann sagen, dass ich so etwas vorher noch nie erlebt habe. Durchhalten war nur möglich, da wir uns als Team gefunden hatten.

Es war allen klar, wir müssen und können durchhalten, da wir aktuell das einzige Schiff sind, das Menschen aus den Booten aufnehmen und retten kann. Wir haben uns ständig gegenseitig ermutigt, gelobt, versucht aufeinander Acht zu geben. Dabei hat auch jede Rettung neue Kräfte mobilisiert. In die Gesichter der geretteten Menschen zu schauen und zu wissen, ohne unseren Einsatz wären sie entweder in die schrecklichen libyschen Detention Centers zurückgebracht worden oder sie wären ertrunken. Dies zu wissen war enorm motivierend. Auch die Geretteten selbst haben uns gestärkt, indem sie nach jeder weiteren erfolgreichen Rettung applaudierten und einzelne immer wieder sagten, dass wir das gut machen, was wir machen. Auch die Behandlungserfolge im Hospital, wie zum Beispiel die Stabilisierung eines apathischen und dehydrierten achtjährigen Jungen, haben mir persönlich unglaublich viel Kraft gegeben.

Wie viele Menschen mit welchen Symptomen haben Sie vorwiegend medizinisch behandelt?

Nach den Rettungen mussten wir gleich viele Menschen notfallmäßig im Hospital behandeln. Vor allem die jugendlichen Geretteten sind aufgrund von Dehydrierung, Erschöpfung und psychischer Instabilität reihenweise kollabiert. Außerdem hatten wir einige kritische Fälle, zum Beispiel den achtjährigen Jungen aus Mali, der nach etlichen Stunden schutzlos auf dem Wasser massiv dehydriert, hypotherm und somnolent war. Als wir ihn am Monitor hatten, war er kritisch bradykard. Glücklicherweise gelang uns relativ schnell eine Stabilisierung. Einen intensivpflichtigen Mann mussten wir umgehend aufs Festland evakuieren. Besonders die Kinder waren nach der Rettung alle unterkühlt und teilweise stark dehydriert, viele waren sichtlich unter- und mangelernährt, hatten kleinere Infekte und Hautauschläge.

Viele der Geretteten zeigten Zeichen psychischer Traumatisierung; ebenso sahen wir Narben körperlicher Gewaltanwendung. Vor allem die Frauen berichteten über systematische Vergewaltigungen in den libyschen Detention Centers, Sklaverei und Menschenhandel. Mir wurde einmal mehr bewusst, dass die Menschen keine andere Möglichkeit haben, als über die oft tödliche Mittelmeerroute Schutz und Sicherheit zu suchen. Bei einer der ersten Rettungen erlebten wir, wie bei Anwesenheit der sogenannten libyschen Küstenwache die Menschen aus Angst vor Rückführung ins Wasser sprangen, obwohl sie nicht schwimmen konnten. Sie sagen sehr deutlich, dass sie lieber sterben, als nach Libyen zurück zu müssen. Unser RHIB-Team [Rigid-Hulled Inflatable Boat, Festrumpfschlauchboot, Anm. d. Red.] konnte zum Glück alle sicher aus dem Wasser bergen.

Warum bedeutet es ihnen viel, sich in der Seenotrettung einzusetzen?

Eigentlich ist es ganz einfach, warum ich mich in der zivilen Seenotrettung engagiere: Ich kann nicht dabei zuschauen, wie Menschen ertrinken müssen und Recht gebrochen wird, obwohl Hilfe selbstverständlich sein müsste und ich helfen könnte. Ich kann und möchte nicht akzeptieren, dass Recht aktiv gebrochen wird, zum Beispiel im Rahmen europäisch unterstützter oder durchgeführter Push Backs, durch das Nicht-Eingreifen zuständiger Seenotleitstellen in Malta oder Italien oder das Verweigern von Seenotrettung überhaupt.

Schaue ich mir den ICN-Ethikkodex an, wird mir auch bewusst, dass mein Beruf mir Verpflichtung ist und ich alle Menschen gleich behandeln muss. Wie kann ich also das in meinem geschützten Krankenhausalltag verfolgen, aber gleichzeitig wissen, dass nicht weit entfernt dieser Kodex mit Füßen getreten wird?

Was wir als zivile Seenotrettungsorganisation tun, ist eigentlich eine staatliche Aufgabe, die ganz bewusst nicht wahrgenommen wird, und sie ist nicht mehr und nicht weniger als Erste Hilfe zu leisten in einer Region, die als tödlichste Fluchtroute der Welt gilt.

Wie geht es Ihnen jetzt nach dem Einsatz?

Aktuell befinde ich mich mitten in der verordneten 14-tägigen Quarantäne auf der Sea-Eye 4, eine halbe Seemeile vor Palermo auf dem Meer – trotz mehrfacher Negativtestung auf das Coronavirus und anders lautender Einreisebestimmungen. Es handelt sich ganz klar um eine bewusste Schikane der italienischen Behörden, die uns so lange wie möglich von unserer eigentlichen Arbeit, der Seenotrettung, abhalten wollen.

In den ersten Tagen habe ich vor allem Schlaf nachgeholt und mich ausgeruht. Gleichzeitig kamen aber auch schnell viele Nachbereitungsaufgaben auf die gesamte Crew zu. Ich habe gemeinsam mit meinen medizinischen Kollegen das Hospital für einen neuen Einsatz vorbereitet. Außerdem haben wir uns viel Zeit für ein ausführliches Debriefing des Einsatzes, sowohl in unserem Medical Team als auch mit der gesamten Crew, genommen.

Ich bin sehr glücklich über das, was wir leisten konnten und froh über jede einzelne Person, die wir retten konnten. Es ist ein gutes Gefühl in diesem Kontext aktiv zu sein. Gleichzeitig bin ich wütend und traurig über die Konfrontation mit der Realität an den europäischen Außengrenzen. Ich bin traurig, wenn ich die Geschichten der Geretteten mir wieder vergegenwärtige, und empfinde ein Gefühl tiefer Ungerechtigkeit, wenn ich mir vorstelle, was in den folgenden Monaten und Jahren im Rahmen des Asylprozesses oder möglicher Abschiebungen noch auf die Menschen warten wird.

Über Marlene Fießinger

Die 31-jährige Berlinerin ist Gesundheits- und Krankenpflegerin (B.Sc.) und arbeitet auf einer Intensivstation am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, einem Anthroposophischen Krankenhaus der Akutmedizin im Süden von Berlin. Im Mai 2021 ist sie Teil des Medical Teams an Bord der Sea-Eye 4 gewesen. Sie hat an Ausbau und Ausstattung des Bordhospitals mitgewirkt.

Über die Seenotrettung auf dem Mittelmeer

Auf den europäischen Mittelmeerouten sind in diesem Jahr bereits (Stand 20. Mai 2021) 734 Menschen bei ihrem Fluchtversuch ertrunken (IOM/GMCAC 2021). Die Route über das zentrale Mittelmeer gilt als die gefährlichste der Welt. Jeder Zwanzigste überlebt diese Flucht nicht. Die Sea-Eye 4 war Mitte Mai als einziges Seenotrettungsschiff im zentralen Mittelmeer im Einsatz. Andere Schiffe waren festgesetzt, die Schiffsbesatzung in Quarantäne oder die zivilen Seenotrettungsorganisationen konnten willkürliche, behördliche Auflagen nicht erfüllen. Was eigentliche Aufgabe der Europäischen Union wäre, Menschen aus Seenot zu retten, übernehmen seit Jahren privat finanzierte Seenotrettungsorganisationen. Laut Pressemeldung von Sea-Eye e.V. vom 21. Mai 2021 rettete die zivile Seenotrettungsorganisation seit ihrem Bestehen 2015 inzwischen 15.597 Menschen das Leben. Während der Einsätze der Sea-Eye 4 zwischen dem 15. und 17. Mai 2021 und der Rettung von 408 Personen berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR für den gleichen Zeitraum von 650 Pull Backs der libyschen Küstenwache LYCG.

Interview und Information: Melanie M. Klimmer

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