Foto: Maren Schlenker

Pflege als Beruf

Vergesst Bielefeld, hier kommt die echte 4-Tage-Woche!

Die ersten Kliniken und Heime führen für Pflegekräfte die 4-Tage-Woche ein. Meistens handelt es sich um  Mogelpackungen. Nur ein Träger geht tatsächlich mit der Stundenzahl runter

Die Studienlage ist eindeutig: Die deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wünschen sich die 4-Tage-Woche. Zuletzt war es die Hans-Böckler-Stiftung, die eine Studie veröffentlichte, in der sich knapp 80 Prozent der Befragten für kürzere Arbeitszeiten, sprich, für eine 4-Tage-Woche, aussprachen – allerdings nur bei vollem Lohnausgleich.

Auch Pflegekräfte träumen von einer  4-Tage-Woche, wie eine aktuelle Umfrage der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz zur Zukunft der Pflege belegt. Ganz oben auf der Wunschliste der Pflegekräfte steht die 4-Tage-Woche. „Diese zentrale Forderung unterstützen wir“, sagt Kammer-Präsident Dr. Markus Mai. Auch die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen und die Gewerkschaft Verdi bezeichnen die ersten Pilotprojekte als „positive Ansätze“, der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hält die 4-Tage-Woche ebenfalls für „sinnvoll“.

In Moers, Leipzig und Bielefeld ist die 4-Tage-Woche Thema  

Das bekannteste 4-Tage-Woche-Pilotprojekt für Pflegekräfte  hat das kommunale Klinikum Bielefeld auf die Beine gestellt. Das Ziel:  neues Personal gewinnen und Stamm-Pflegekräfte halten. Auch das Krankenhaus Bethanien in Moers führt ab Juli die 4-Tage-Woche für Pflegekräfte ein. „Mit der 4-Tage-Woche möchten wir ihnen die Möglichkeit geben, den beruflichen und privaten Alltag unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch flexibler zu gestalten“, so Angelika Linkner, Pflegedirektorin im Krankenhaus Bethanien. Auch am Universitätsklinikum Leipzig gibt es „Überlegungen in diese Richtung“, sagt Tankred Lasch, der Pflegerische Departmentleiter der Klinik.

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Doch in Moers und Bielefeld wird durch die 4-Tage-Woche die Arbeitszeit nicht weniger. Die fünf Tage Arbeit sind nur auf vier Tage verdichtet. Weniger Arbeitsstunden bei vollem Lohnausgleich? Fehlanzeige. Und: Die Regelung gilt nur für Pflegekräfte, zum Teil auch nur auf bestimmten Stationen.

36-Stunden-Woche im DRK-Kreisverband Sangerhausen

Ganz anders, was die DRK in Sachsen-Anhalt nun vorhat. Am 1. Januar 2024 startet hier ein für den deutschen Pflegebereich bisher einmaliges 4-Tage-Modell für die 400 Beschäftigten im DRK-Kreisverband Sangerhausen. Dann wird nicht nur auf vier Tage umgestellt, sondern auch die Wochenarbeitszeit von 40 auf 36 Stunden reduziert – bei vollem Lohnausgleich.

Voller Lohnausgleich für 4-Tage-Woche mit 36 Stunden   

Dadurch allein steigen für die Beschäftigten die Tarifentgelte im Jahr 2024 – verrechnet mit der neuen Arbeitszeit – um mehr als elf Prozent. Das Entgelt selbst wird im Jahr 2025 um weitere 5,5 Prozent angehoben. Des Weiteren erhöht sich die Jahressonderzahlung von 70 auf 90 Prozent sowie die Schichtzulage von 105 auf 150 Euro im Monat. Und: Von der Tarifeinigung profitieren alle Mitarbeiter in den Pflegeheimen, ob in der Pflege, Haustechnik, Wirtschaftsbereich, Küche oder Verwaltung.

Dabei stand dieses für die Pflegebranche revolutionäre Konzept anfangs gar nicht auf der Agenda von Andreas Claus, dem Vorstandsvorsitzenden des DRK-Kreisverbands: „Die 4-Tage-Woche war nicht geplant, sie ist eher ein zufälliges Ergebnis der Gestaltung der Prozesse, die wir in den letzten Jahren vorangetrieben haben.“

Studie: Weniger Krankmeldungen bei 4-Tage-Woche  

Vor allem die Digitalisierung stand ganz oben auf der Agenda des Wirtschaftsjuristen, als er vor sechs Jahren den Vorstandsvorsitz des Kreisverbands übernommen hatte. „Unsere gesamten Prozessstrukturen haben wir seitdem neu geordnet und digitalisiert. Und schon ziemlich schnell erste Erfolge erzielt. Seit drei Jahren müssen wir nicht mehr auf Leiharbeit zurückgreifen und wir haben keine offenen Stellen.“ Mit der 4-Tage-Woche erhofft er sich eine Steigerung der Resilienz, einen Rückgang der Krankmeldungen (oder fachlicher ausgedrückt: der AU-Quote – der Arbeitsunfähigkeits-Quote), außerdem mehr Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Andreas Claus verweist auf britische Studien, die zum Beispiel einen Rückgang der AU-Quote um zwei Drittel belegen.

Digitales Ausfallmanagement spart enorm Zeit  

Um das zu erreichen, wurde an „Hunderten“ von Schrauben gedreht. Nicht nur an großen sondern auch an kleinen. Beispiel Ausfallmanagement: „Wir sind inzwischen bei der Entwicklung unserer Applikationen soweit, dass wir das Ausfallmanagement ab 2024 über PushUp-Mitteilungen in automatisierten Dienstplänen abbilden können. Wenn sich eine Kollegin AU meldet, dann findet die Software automatisiert eine Kollegin, die einspringen kann. Da muss niemand mehr 15 Mitarbeiterinnen anrufen, um jemanden zu finden. Das läuft alles im Hintergrund ab.“

Dieser Gewinn an Wirtschaftlichkeit und Effizienz soll auch an die Mitarbeiterinnen zurückfließen. „Als DRK sind wir der Gemeinnützigkeit verpflichtet. Das heißt für uns: Diese Erfolge sollen den Beschäftigten zu Gute kommen.“ Und sollen natürlich auch dem DRK zu Arbeitgeberattraktivität verhelfen.

Warum gibt es beim DRK in Sangerhausen die 4-Tage-Woche?  

Drei Ziele verfolgt Andreas Claus mit dem „Modell 36/4“:

  • „Wir wollen damit zuallererst Pflegekräfte, die hier mal tätig waren und dann in andere Berufe gewechselt sind, wieder zurückgewinnen. Wir haben in Deutschland 300.000 Pflegekräfte, die nicht mehr in diesem Beruf arbeiten. Diese stille Reserve wollen wir wieder aktivieren.“
  • „Zweitens wollen wir das Berufsbild stärken und attraktiver machen.“
  • Drittens wollen wir uns damit auch besser im Ausland positionieren, um dort Pflegekräfte zu gewinnen. Denn auch da stehen wir in Konkurrenz zu vielen anderen Ländern, die einen Mangel an Pflegekräften haben.“

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Der Modellversuch ist erst einmal auf zwei Jahre angelegt. Was, wenn er scheitert? „Wir machen das mit der Maßgabe, dass es funktioniert. Wir haben im Vorfeld extrem viel an Dienstplan-Modellen durchgespielt, alle Eventualitäten gecheckt. Es wird funktionieren“, ist sich Andreas Claus sicher.

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Nächstes Ziel von Andreas Claus: die 32-Stunden-Woche

Um mit evaluierten Daten das Arbeitszeit-Projekt abzusichern, spricht Andreas Claus gerade mit verschiedenen Forschungseinrichtungen über eine wissenschaftliche Begleitung. Denn „unser Modell soll Vorzeigecharakter haben, nicht nur für die DRK, sondern auch für andere Trägergesellschaften. Und ich kann mir vorstellen, dass sich hier auch neue Ansätze für den Klinikbereich herauskristallisieren.“

Der DRK-Vorstandsvorsitzende denkt aber schon weiter. Die 36 Stunden Arbeitszeit pro Woche ist für ihn nur ein Zwischenziel. Er peilt schon die nächste Revolution an – die 32-Stunden-Woche.

Autor: Hans-Georg Sausse

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Foto: privat
Andreas Claus, Vorstandsvorsitzender des DRK Kreisverbands Sangerhausen (Sachsen-Anhalt): Die 4-Tage-Woche ist Folge gestraffter, digitalisierter Arbeitsprozesse.     

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