Die perfekte Erholung

Urlaub: Was Psychologen Pflegekräften raten

Sonnenbaden, wandern, Städte besichtigen? Wie sieht der ideale Urlaub für Pflegekräfte aus? Die Meinungen gehen auseinander. Doch fest steht: Es muss nicht die teure Fernreise sein und auch nicht der wochenlange Urlaub.

Inhaltsverzeichnis

Zwei- bis dreimal im Jahr fliegt die 48-jährige Stationsleiterin einer Hamburger Klinik für jeweils acht bis neun Tage „ans Meer, in die südliche Sonne“. Die gebürtige Türkin lebt zwar schon seit 38 Jahren in Deutschland, aber im Urlaub zieht es sie nach wie vor ins Klima ihrer Heimatregion. Das müsse nicht zwangsläufig die Türkei sein, betont sie, auch an Spaniens, Italiens oder Griechenlands Stränden fühle sie sich sehr wohl. „Gerade im Winter zieht es mich dorthin. Das Wetter hier in Deutschland macht uns doch ganz krank! Wir leiden hier alle unter Vitamin-D-Mangel“, glaubt die verheiratete Mutter zweier Söhne.

Sie findet es zudem sehr wichtig, sich immer wieder klar zu machen, „dass der Alltag einen doch sehr vereinnahmt“. In ihrer Freizeit schaltet sie gern beim Sport ab und genießt es, sich so oft es geht zwischen den einzelnen Urlaubsetappen verwöhnen zu lassen, etwa bei Sauna und Massagen. Räumliche Distanz zum Alltag findet sie hilfreich. Und: „Selbstfürsorge ist ganz wichtig. Dann klappt man im Urlaub nicht zusammen, wie das ja oft der Fall ist.“ Ansonsten hat sie ein weiteres Rezept parat, das ihr persönlich den Alltag erheitere und von dem, so glaubt sie, auch ihre Psychiatrie-Patienten profitieren: „Viel Lachen, Sinn für Humor zeigen!“

Das ist freilich für viele leichter gesagt als getan. Genauso wie der Tipp, doch einfach mal nur „seine Seele baumeln zu lassen“ im Urlaub, nicht jedermanns Sache ist. Viele wollen oder können gar nicht so schnell abschalten vom stressigen Berufsalltag. Grundsätzlich sollten alle Menschen, die in der Pflege arbeiten, ein paar Dinge bei der Urlaubsplanung beherzigen, rät Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbands deutscher Betriebs- und Werkärzte.

  • Ganz wichtig ist, genau in sich hinein zu horchen und zu fragen: Was tut mir gut?

  • Mütter laufen Gefahr, den Helferblick auch innerhalb der Familie aufzusetzen - gerade auch deshalb, weil sie es gewohnt sind, in ihrer beruflichen Rolle als Pflegerin dadurch Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Durchbrechen sie diese Rolle nicht wenigstens im Urlaub und setzen so ein Gegengewicht, brennen sie irgendwann zwangsläufig aus.

  • Es müssen nicht mehr zwingend dreiwöchige Urlaube sein, um sich gut zu erholen. Günstig sind zwei Wochen, aber auch Kurzurlaube können schon positiv wirken. Allerdings sollte man nicht für zwei Tage auf die Kanarischen Inseln fliegen, das bedeutet für den Körper zu viel Stress.

  • Fernreisen sollten sehr erschöpfte Personen meiden. Sie sind anstrengender, der Leukozyten-Pegel im Blut geht nachweislich runter. Da die weißen Blutkörperchen gut fürs Immunsystem sind, kann ein zu geringer Anteil im Blut die Abwehrkräfte schwächen. Mit der Folge, dass man nach der Reise erschöpfter an den Arbeitsplatz zurückkehrt als man ihn vor dem Urlaub verlassen hat. Reisen mit Jet-Lag dienen also nicht der Erholung. Besser ist es, „um die Ecke“ zu verreisen, das heißt einen Ort zu wählen, der sich stressfrei erreichen lässt.

  • Vorher- und Nachher-Tage einzuplanen kann sehr sinnvoll sein! So kann man sich auf den Urlaub beziehungsweise nachher auf die Arbeit mental und physisch wieder besser einstellen.

  • Wellnessurlaube werden überschätzt. Wer Sauna mag, dem tut sie sicher gut. Ansonsten sind Spaziergänge billiger und mindestens genauso erholsam. Massagen werden besonders gern von Alleinstehenden gebucht. Das ist legitim, denn körperliche Zuwendung ist wichtig und erholsam.

  • Den Urlaub zuhause zu verbringen ist schwierig. Man räumt dann zu viel auf und macht Routinearbeit. Ein Erholungsprozess kann dann nicht stattfinden – es sei denn, das Aufräumen macht einem sehr viel Spaß und ist nicht nur lästige Pflicht.

Erholung heißt Abschalten

Carmen Binnewies ist Professorin für Arbeitspsychologie an der Universität Münster. Ihre Erholungs-Tipps decken sich nicht in allen Punkten mit denen der Werksärztin. Für sie besteht „die wichtigste Erholungserfahrung darin, von der Arbeit abzuschalten“. Letztlich sei es „egal, ob man wegfährt oder zuhause bleibt“: Das Reisen sei „schließlich immer auch mit neuem Stress verbunden“, und zuhause gebe es sehr gute Möglichkeiten des Abschaltens. „Das ist eine ganz individuelle Entscheidung, die sich am subjektiven Empfinden orientieren sollte.“

Urlaubslänge nicht entscheidend

Unbestritten sei inzwischen aber, und damit schließt sie sich der Expertin Wahl-Wachendorf an, dass ein wochenlanger Urlaub nicht besser ist als eine einwöchige Auszeit. Binnewies verweist in diesem Zusammenhang auf die umfassende Untersuchung ihrer Kollegin Jessica de Bloom, die sämtliche Studien zu diesem Thema in ihrer Dissertation zusammengetragen habe und zu dem klaren Ergebnis gekommen sei.

Schlechte Laune durch Facebook

Wichtig findet die Münsteraner Psychologin auch, sich nicht immer mit anderen zu vergleichen. So habe man in Studien festgestellt, dass die Benutzung von Facebook genau deshalb schlechte Laune mache. „Wer dort postet, stellt sich stets in einem interessanten Licht dar. Wer das liest, denkt dann, nur die anderen erleben so tolle Sachen.“ Auch wer im Urlaub viel via Smartphone mit Freunden, Angehörigen oder Arbeitskollegen kommuniziere, erhole sich weniger gut, warnt Binnewies.

Schädlicher Schichtdienst

Mindestens genauso wichtig wie die richtige Urlaubsplanung findet die Expertin, auf einen gesunden Arbeitsalltag zu achten. „Schichtdienst ist nie gut für die Gesundheit, sondern sehr belastend. Der Körper gewöhnt sich auch nicht daran, selbst wenn er es über Jahre macht. Der Gegensatz zum normalen Tagesrhythmus ist eben einfach da und verschwindet nicht.“ Strukturell könne man das natürlich nicht ändern, weil Pflegebedürftige auch nachts und am Wochenende versorgt werden müssen.

Kürzere Schichtwechsel sind besser

Aber statt auf längeren Schichtwechseln zu bestehen, wie viele Pflegekräfte es tun, weil man sich dann angeblich besser daran gewöhne und es sich zudem auf dem Gehaltskonto bemerkbar mache, sollte man lieber schnellere Wechsel akzeptieren, rät Binnewies. Es sei ein Irrglaube zu meinen, an die Nachtschicht würde sich der Körper irgendwann gewöhnen. „Das ist so nicht. Im Gegenteil: Wer lange Nachtschichten macht, tut das immer auf Kosten seiner Gesundheit. Denn auch die gebotene Ausgleichsfreizeit dafür wird nicht als qualitativ gleich hochwertig empfunden wie die normale Freizeit.“ Die Studienlage hierzu sei sehr eindeutig. Hinzu kämen oft sehr lange Anfahrtszeiten, die die Schichtarbeitenden zusätzlich belasten.

Bewegung ist Erholung

Ein wichtiger Erholungsbaustein im Alltag sei „Bewegung“, sagt Binnewies. Allerdings sei es für Pflegende oft besonders schwierig, sich nach einem auch körperlich anstrengenden Arbeitsalltag noch einmal aufzuraffen und Sport zu treiben. „Gegen den inneren Schweinehund hilft nur die Verabredung in der Gruppe. Man sollte sich feste Termine setzen, damit Bewegung nach Feierabend zur Routine wird.“ So können sich bei der Aquagymnastik im warmen Hallenbadwasser vielleicht sogar Urlaubsgefühle entwickeln.

Autorin: Birgitta vom Lehn

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