Brexit-Votum

... und plötzlich bin ich Ausländerin

Brexit verschoben? Das ist Sabine Torgler aus England eigentlich egal. Das Lebensgefühl der deutschen Krankenschwester ist schon seit dem Brexit-Votum 2016 in Schieflage. Ein Erfahrungsbericht.

Inhaltsverzeichnis

Ich liebe Großbritannien. Seit 15 Jahren lebe und arbeite ich jetzt hier als Registered Nurse. Doch meine große Liebe hat einen tiefen Riss bekommen. Seit die Mehrheit der Briten in ihrem Referendum am 23. Juni 2016 entschieden hat, die Europäische Union zu verlassen, hat sich hier auch für uns Ausländer viel verändert.

Stimmung im Krankenhaus wird schlechter

Wegen des drohenden Ausstiegs ohne Deal, also ohne ein Abkommen mit der EU, ist die Situation nicht nur für mich mittlerweile eine Katastrophe. Die Stimmung im Land und auch im Krankenhaus hat sich spürbar verschlechtert. Viele Kollegen und Freunde sind verunsichert, und einige haben sich schon entschieden, das Land zu verlassen. Ich selbst bin hin und her gerissen und weiß noch gar nicht, wie es weitergehen soll.

Ich muss jetzt Visum oder Arbeitserlaubnis beantragen

Die Brexit-Folgen treffen uns ausländische Pflegekräfte alle. Ende November 2018 hat uns die Pflegekammer in London informiert, dass wir ein Visum und eine Arbeitserlaubnis beantragen müssen. Das gilt knallhart. Die EU-Freizügigkeit, nach der sich Unionsbürger innerhalb der EU ohne Visum frei bewegen und in den Mitgliedstaaten auch arbeiten dürfen, ist mit dem Brexit passé.

Wir sollten 76 Euro für Verfahren zahlen

Ende Januar hat das britische Innenministerium für die Visa-Anträge eine spezielle Website freigeschaltet. Das Verfahren ist relativ einfach. Es dauert etwa eine halbe Stunde, und auch die anfangs erhobene Gebühr von 65 Pfund, was fast 76 Euro entspricht, wurde zurückerstattet. Aber jeder muss sich jetzt eben kümmern, damit er in diesem Land bleiben darf. Manche wollen das aussitzen und es einfach darauf ankommen lassen – aber es kann gut sein, dass diese Kollegen dann kein Aufenthaltsrecht mehr haben, so dass sie nicht mehr in der Pflege in Großbritannien tätig sein können.

Fast nur Ausländer in der Altenpflege

Unser Vorteil ist, dass Berufe im Gesundheitsbereich bei den Visa-Anträgen Vorrang genießen. Auch die Geschäftsführung des Krankenhauses hat uns versichert, dass sie hinter uns steht – ‚Ihr gehört zur Familie‘, hieß es in einem Newsletter. Klar, wir sind ja begehrt. Nur wenige weiße britische Schwestern sind heute noch in der „Care of the Elderly“, der Altenpflege, tätig. Das übernehmen zum ganz überwiegenden Teil Ausländer. Deshalb wird mit dem Visum auch gleichzeitig eine Arbeitserlaubnis erteilt – allerdings ist sie bis zum 31. Dezember 2020 befristet. Auch das ist ein echter Hammer – so wird die eigene Lebensplanung immer wieder infrage gestellt.

Will ich in einem EU-feindlichen Land leben?

Mir geht es aber gar nicht so sehr um den Antrag an sich und den bürokratischen Aufwand. Ich hadere damit, dass ich das machen muss. Außerdem geht es um die persönlichen Werte, für die ich stehe. Ich arbeite jetzt in einem Land, das sich mehrheitlich klar gegen die EU entschieden hat, und ich frage mich ernsthaft, ob ich das noch will.

Jetzt gibt es sie wieder: Ausländerfeindlichkeit

Seit der Brexit-Entscheidung zeigen viele Briten offen ihre Ausländerfeindlichkeit. Diese Ansichten wurden lange unter dem Deckmantel gehalten, doch das Referendum hat ihnen dafür eine Plattform gegeben. Jetzt wird die Meinung rausgelassen. Auch auf Station ist das immer wieder Thema, und es zeigt sich dabei ein Klassendenken, das ich auch von meinem professionellen Denken und Handeln her nicht akzeptieren kann.

„Gute Ausländer“

Ich hatte gleich nach dem Referendum auf Station von der Angehörigen eines Patienten erfahren, dass ich eine ‚gute Ausländerin’ sei, denn ich käme ja aus Deutschland. Eine solche Situation hatte ich in all den Jahren noch nie erlebt. Ganz im Gegenteil, ich wurde immer sehr willkommen geheißen. Auch deshalb musste ich diese Aussage auf Station für mich damals nochmals überprüfen.

„Schlechte Ausländer“

Ich habe die Angehörige gefragt, wer denn die ‚bad foreigners’ seien. Und sie antwortete, die Kollegen aus Osteuropa seien es. Es war ein großer Schock für mich, dies nun wirklich zu hören. Viele Kollegen fühlen sich verständlicherweise ungewollt und gehen zurück in ihre alte Heimat – oder sie werden abgeworben. Die skandinavischen Länder und auch Deutschland bemühen sich da gerade ganz stark.

Patienten gegenüber, die sich auf Station abschätzig äußern, nehme ich deshalb kein Blatt mehr vor den Mund und fordere sie heraus: ‚Sieh her, ich bin eine, die Du in Deinem Land nicht mehr willst.‘ Viele sagen dann, ‚Aber ich meine doch nicht Dich‘ und wundern sich: ‚Wie, Du musst dann auch nach Hause?‘.

Nach Brexit-Votum kaum Bewerber aus der EU

Welche großen Nachteile die Brexit-Entscheidung für ihre zukünftige Pflege bedeutet, ist vielen Briten nicht klar. Wir haben rund 30.000 Overseas Nurses aus der EU im Land, jedes Jahr kamen 3.000 bis 4.000 neu hinzu. Doch seit dem Referendum ist die Zahl der Anmeldungen um 97 Prozent gesunken, weil die Situation vielen zu ungewiss ist. Das hat fatale Folgen für den Arbeitsmarkt und die Rekrutierung neuer Pflegekräfte. Die Kliniken müssen einen viel größeren Aufwand betreiben, die Budgets wachsen, die Einarbeitungszeit wird länger – vielen Briten ist der Fachkräftemangel gar nicht bewusst.

Ich leide wie in einer kriselnden Beziehung

Meine Liebe zu England wird durch all das auf eine harte Probe gestellt. England ist meine Wahlheimat und mein Zuhause, und ich möchte auch in Zukunft unbedingt so weiterpflegen, wie es hier möglich ist. Deshalb leide ich jetzt wie in einer kriselnden Beziehung. Ehrlich gesagt hätte ich niemals gedacht, dass ich mein Leben mit 45 Jahren wohl noch einmal komplett reorganisieren muss.

Ich liebe „Pflege made in England“

Wie in Großbritannien gepflegt wird, habe ich erfahren, als ich Ende der 90er-Jahre in Bremen Pflegemanagement studierte. Dazu gehörte auch ein Auslandssemester, für das ich nach Australien gegangen bin. Dort wird wegen der Zugehörigkeit zum Staatenbündnis Commonwealth sehr ähnlich gepflegt wie in Großbritannien – und das hat mich regelrecht geflasht.

Weil ich in Sydney zudem noch meine Freundin Tamara kennengelernt habe, die Britin ist, haben wir uns entschieden, nach dem Studium gemeinsam in Bristol im Südwesten Englands zu leben. Tamara arbeitet hier als Oralchirurgin, und ich habe als Registered Nurse im Universitätsklinikum angefangen.

In England dürfen Pflegekräfte verschreiben

Pflege läuft hier vollkommen anders als in Deutschland. Wir haben die absolute Autonomie unseres beruflichen Handelns und einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Der Personalschlüssel ist viel besser. Außerdem haben wir die Vollakademisierung. Pflege darf verschreiben und muss auch selbstständig handeln.

Pflegkräfte verdienen in Großbritannien besser

Die Bezahlung ist auch etwas besser als in Deutschland, doch vor allem hat mich das System überzeugt. Wir kommen unserem Versorgungsauftrag noch nach, und jeder wird gleichbehandelt, denn Privatstationen gibt es im National Health Service, dem staatlichen Gesundheitssystem in Großbritannien, nicht. Wer privat behandelt werden will, der muss sich auch privat versichern lassen. Und das ist sehr teuer.

Seit über 100 Jahren gibt es hier eine Pflegekammer

Außerdem sind Pflegekräfte und Hebammen in Großbritannien seit gut 100 Jahren zusammen in der Pflegekammer organisiert, die ihre Interessen professionell vertritt. Und sie haben eine eigene Gewerkschaft – wie Ärzte und Rechtsanwälte. Alle sind auf Augenhöhe. Das gibt der Pflege hier auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Alles, was jetzt in Deutschland diskutiert wird, habe ich hier schon seit 15 Jahren.

Weniger Ausländerfeindlichkeit in Bristol

Umso schwerer fällt es mir, jetzt ernsthaft über eine Veränderung nachzudenken. Irland wäre ja eine Option, und wir könnten auch nach Deutschland gehen, aber ich würde gerne auch weiterhin auf Station arbeiten. Außerdem habe ich die Sprache und das Leben hier verinnerlicht. Ich lache und weine mit den Briten und sehe mich trotz allem als Teil dieser Gesellschaft.

Harter Brexit? Wir warten erst mal ab

Glücklicherweise hat Bristol mehrheitlich für die EU gestimmt. Das feindliche Klima ist hier im Alltag nicht so extrem spürbar wie in anderen Regionen. Deshalb haben Tamara und ich jetzt entschieden, dass wir auch bei einem No-Deal-Brexit nicht gleich unsere Koffer packen werden. Zwei Jahre geben wir diesem Wandel, der da kommen wird. Wir schauen uns an, was passiert, und dann entscheiden wir, ob wir bleiben oder gehen. Vielleicht muss ich ja auch einfach akzeptieren, dass meine große Liebe jetzt einen dunklen Fleck hat…“

Protokoll: Jens Kohrs

Foto: Michael Rüffer

Zur Person

Sabine Torgler arbeitet als Overseas Nurse an der Uniklinik Bristol im Südwesten Englands, einem Haus mit 1.400 Betten. Die 45-Jährige hat derzeit eine 25-Prozent-Stelle auf einer kolorektalen Station, wo sie als Pool-Schwester tätig ist. Außerdem hat sie sich vor sechs Jahren mit dem Netzwerk www.englishfornurses.org selbstständig gemacht. Unter anderem konzipiert und leitet sie Fachsprachkurse für Pflegekräfte, Ärzte und anderes Gesundheitspersonal. Dafür ist sie regelmäßig in sechs europäischen Ländern unterwegs.

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