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Interview

Tipps einer Frau, die sexuelle Belästigung erlebt hat

Gabriela Koslowski war Schwesternschülerin, niemand hatte sie auf solch eine Situation vorbereitet. Heute ist sie psychologische Beraterin und hat gerade einen Handlungsleitfaden geschrieben, um Pflegekräfte wehrhaft zu machen

 Laut einer Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) wurde 2020/21 mehr als jede zweite Pflegekraft sexuell belästigt. Oft werden Betroffene mit der Situation allein gelassen – was ein Grund mehr war für Gabriela Koslowski, das Buch Sexuelle Übergriffe und Gewalt im Pflegealltag. So setzen Sie sich erfolgreich zur Wehr – ein Handlungsleitfaden für Pflegekräfte (Schlütersche) zu schreiben. Ihr Ziel sei es, so die psychologische Beraterin, Pflegekräften zunächst einmal den Mut zu geben, Grenzüberschreitungen nicht hinzunehmen – und ihnen darüber hinaus zahlreiche alltagsnahe Strategien zu vermitteln, wie sie reagieren und deutlich machen können: Jetzt reicht’s! Nicht mit mir!

Pflegen-online: Frau Koslowski, Sie haben selbst einen sexuellen Übergriff erlebt, als Sie in der Ausbildung waren. Was ist Ihnen passiert?

Gabriela Koslowski: Ich war damals Schwesternschülerin auf einer chirurgischen Station. Zu der Zeit, Mitte der 80er-Jahre, trugen wir noch Kittel und noch nicht Kasack und Hose. Einem jungen Mann, der Arm und Bein gebrochen hatte und der zusammen mit drei anderen Patienten in einem Vierbettzimmer lag, wollte ich bei der Grundpflege den Waschhandschuh anreichen. Dabei habe ich ihm kurz den Rücken zugewandt. In dem Moment spürte ich, wie er mit seiner gesunden Hand unter meinen Kittel griff und zwischen meinen Beinen nach oben strich. Ich war vollkommen entsetzt – und drehte mich reflexartig um, schlug ihm mit meinem Handrücken mitten ins Gesicht.

Was dachten Sie in diesem Moment?

Mein erster Gedanke war tatsächlich nicht: Hilfe, dieser Mann hat mich gerade im Intimbereich berührt, hat mich sexuell belästigt. Das war gar nicht da in meinem Kopf. Sondern nur: Oh, mein Gott – ich habe einen Patienten, einen hilfsbedürftigen Menschen geschlagen.

Für Unbeteiligte hätte es ja auch schon so aussehen können, als wären Sie aus dem Nichts heraus gewalttätig geworden. Was ist dann geschehen?

Ich bin aus dem Zimmer gerannt und – zum Glück – unserer Stationsschwester geradewegs in die Arme gelaufen. Sie hat sich in Ruhe angehört, was passiert war, und vor allem: Sie hat mir geglaubt. Nach dem Gespräch ist sie sofort aktiv geworden. Sie hat dafür gesorgt, dass der Mann mich um Entschuldigung bitten musste, es wurde ein Protokoll geschrieben, ich brauchte nicht mehr in das Zimmer zu gehen.

Wie entscheidend ist eine solche Unterstützung für Pflegekräfte, um einen Übergriff verarbeiten können? Sie schreiben, dass es durchaus gern mal heißt: „Stell dich nicht so an!“, „Das hast du dir eingebildet“ oder: „Komisch, den anderen passiert so etwas nicht!“

Rückendeckung von Kollegen und Vorgesetzten zu bekommen, ist enorm wichtig – und gehört im Übrigen auch zur Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Denn ganz oft suchen Betroffene nach einem Übergriff die Schuld bei sich. Auch ich habe mich damals immer wieder gefragt: Habe ich etwas falsch gemacht, habe ich missverständliche Signale gesendet, war mein Kittel nicht ordentlich? Habe ich mich falsch ausgedrückt oder die Distanz nicht eingehalten?

Das war dann schon fast eine Beruhigung, dass mir andere Schülerinnen gesagt haben: Nein, das hast du nicht – und uns ist das auch schon passiert. Wir wurden damals in der Ausbildung ja gar nicht darauf vorbereitet, dass solche Situationen vorkommen. Heute steht das Thema immerhin Ende des ersten Ausbildungsjahrs auf dem Lehrplan, aber im Grunde ist auch das noch zu spät.

Wie können sich Pflegekräfte denn im Vorfeld gegen solche Situationen wappnen?

Im ersten Schritt sollte jeder für sich selbst klar haben: Wo fängt übergriffiges Verhalten denn eigentlich für mich an? Und das ist in dem Moment der Fall, wenn das eigene Bauchgefühl quietscht – dann stimmt ganz sicher etwas nicht. Das hat etwas mit der eigenen, ganz individuellen Grenze zu tun: Es geht um mein Gefühl in einer Situation, und darum, dieses Gefühl wirklich ernst zu nehmen. Wenn ich in diesem Punkt klar bin, dann kann ich mich auch klar positionieren.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Wer in der Pflege arbeitet, kennt sicher diese Situation: Sie bitten einen Patienten, sich auf die Seite zu drehen, weil Sie das Laken in seinem Bett richten möchten. Dabei bieten Sie ihm an, sich an Ihrer Hüfte festzuhalten, damit er sicher liegt. Nun rutscht seine Hand aber tiefer. Und was passiert? Bei dem einen Patienten empfinden Sie nichts, es ist für Sie in Ordnung, eine harmlose Alltagssituation. Bei einem anderen Patienten geht der Alarm an, Sie sind sofort voll innerer Abwehr.

Und was raten Sie Pflegekräften, wie sie reagieren sollten?

Mein wichtigster Tipp lautet: Vertrauen Sie sich und vertrauen Sie Ihrer Wahrnehmung! Spielen Sie Ihre Empfindung nicht herunter, sondern reagieren Sie aktiv. Das gilt für verbale und für nonverbale Übergriffe gleichermaßen, für anzügliche Bemerkungen genauso wie für körperliche Grenzüberschreitungen. In einer konkreten Situation kann das bedeuten: Spannen Sie die Muskeln an, machen Sie sich groß, sehen Sie Ihrem Gegenüber in die Augen und sagen Sie klar, was Sie nicht wollen. Ein bis zwei kurze, prägnante Sätze sollten die Situation zunächst auflösen. Ein „Aufhören!“, „Lassen Sie das!“ oder „Ich verbitte mir, dass Sie so mit mir reden!“ kann bereits ausreichen.

Gerade denjenigen, die ohnehin schüchtern oder unsicher sind, fällt eine solche offensive Reaktion vermutlich nicht ganz leicht. Welchen Tipp geben Sie ihnen?

Körperspannung ist ein höchst wirksames Mittel, um Selbstbewusstsein auszustrahlen. Wir kennen das von Ärzten, die voller Körperspannung über die Station gehen und es damit vermeiden, überhaupt angesprochen zu werden. Diese Haltung, diese Körperspannung bis in jede Zelle hinein lässt sich gut zu Hause, etwa vor dem Spiegel, üben. Dadurch ändert sich auch die Stimme, das ganze Auftreten wird stärker.

Dass auch männliche Pflegekräfte belästigt werden, erscheint dagegen vielen erst einmal eher abwegig. Brauchen auch sie mehr Unterstützung?

In den Schritt fassen, in die Dusche ziehen, die Hand festhalten bei der Intimpflege – das passiert auch Männern. Die Angst ist bei ihnen mindestens genauso groß wie bei ihren Kolleginnen, dass ihnen nicht geglaubt wird – und dass sie vielleicht sogar ausgelacht werden. Oftmals fürchten sie auch, dass der Vorfall gegen sie verwendet werden könnte, wenn sie ihn melden. Dass es dann plötzlich heißt: Der Pfleger hat die Patientin oder Bewohnerin belästigt. All das kann leicht dazu führen, dass männliche Pflegekräfte schweigen und die Situation irgendwie auszuhalten versuchen, sich zurückziehen. Stattdessen sollten aber auch sie im Team offen über einen Übergriff sprechen – und sagen, dass sie ernst genommen werden wollen, dass sie überfordert sind und Unterstützung brauchen.

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5 Tipps, die Ihnen helfen, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren

  1. Sagen Sie klar „Nein“ oder „Lassen Sie das!“ oder „Stopp!“, während Sie bewusst Ihre Muskeln anspannen und Ihre Körpersprache so wehrhaft machen.
  2. Verlassen Sie das Zimmer, um sich zu sammeln und dem Patienten oder der Patientin anschließend klar zu sagen, was Sie nicht wollen: „Ich möchte nicht, dass Sie meinen Po berühren oder meine Brust, das verbitte ich mir!“
  3. Besprechen Sie diese Situation in Ihrem Team oder mit der Praxisanleitung und klären Sie ab, ob Sie weiterhin in das bewusste Zimmer gehen müssen oder ob es die Möglichkeit gibt, mit einer anderen Pflegekraft zu tauschen.
  4. Holen Sie sich Rückendeckung vom Team und von den Vorgesetzten. Ein offener Austausch in ruhiger Atmosphäre hilft, wertschätzend und mit etwas Abstand über den Vorfall zu sprechen. Hier ist der Zusammenhalt von Teams wichtig.
  5. Informieren Sie bei Auszubildenden die Schulleitung über den Vorfall und legen Sie ein Gesprächsprotokoll an.

Interview: lin

Über Gabriela Koslowski

Zwölf Jahre arbeitete die examinierte Krankenschwester auf einer internistischen Station, 18 Jahre als Lehrerin an Pflegeschulen, dann studierte sie praktische Psychologie. Heute arbeitet die 57-Jährige als selbstständige psychologische Beraterin und zertifizierte Mediatorin. Bei der Schlüterschen ist von ihr neben Sexuelle Übergriffe und Gewalt im Pflegealltag. So setzen Sie sich erfolgreich zur Wehr – ein Handlungsleitfaden für Pflegekräfte das Buch Resilienz in der Pflege erschienen.  

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Foto: privat
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Foto: jens schuenemann jps-berlin.de

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